Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht das Stasi-Unterlagen-Archi und lässt sich von einem Mitarbeiter Unterlagen auf einem Mikrofilm erklären. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Video: rbb24 | 15.01.2020 | TS12/Schleif | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Stasi-Zentrale vor 30 Jahren erobert - Steinmeier würdigt Mut der DDR-Bürgerrechtler

Vor drei Jahrzehnten erstürmen Oppositionelle die Stasi-Zentrale in Berlin. Sie retten Millionen von Akten, die DDR-Gräueltaten belegen. Zum Jubiläum würdigte Bundespräsident Steinmeier die Courage der Beteiligten. Sie hätten "Demokratiegeschichte geschrieben".

30 Jahre nach der Erstürmung der Stasi-Zentrale in Berlin Lichtenberg hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Beteiligten für ihren Mut gedankt. Sie hätten "Geschichte, Demokratiegeschichte geschrieben", sagte Steinmeier am Mittwoch bei einem Besuch des Stasi-Unterlagen-Archivs. Steinmeier erinnerte auch an vorausgegangene ähnliche Aktionen in Erfurt, Rathenow, Suhl, Rostock und anderen Städten der DDR.

Dem Mut der Bürger und friedlichen Revolutionäre sei es zu verdanken, dass die Dokumente der Staatssicherheit erhalten blieben "und Teil unseres gemeinsamen Erbes wurden", hob der Bundespräsident hervor. Sie hätten auch bewirkt, "dass diese bitteren Zeugnisse des Unrechts für alle geöffnet wurden, trotz großer Widerstände". Steinmeier zeigte sich überzeugt: "Die Öffnung der Stasi-Unterlagen war ein zutiefst demokratischer Akt."

Mehr als 111 Kilometer an Stasi-Akten

Am 15. Januar 1990 waren Tausende Menschen in die Berliner Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit eingedrungen. Mit der Stürmung des MfS wurde die weitere Vernichtung von Stasi-Unterlagen verhindert. In den Stasi-Zentralen der DDR-Bezirke hatten Bürgerrechtler bereits zuvor zahlreiche Papiere gesichert. Was mit den Unterlagen geschehen sollte, war damals allerdings umstritten.

Heute gibt es in den Archiven mehr als 111 Kilometer gerettetes Schriftgut, davon 43 Kilometer Unterlagen in Berlin und 68 Kilometer in den früheren Bezirksverwaltungen der Stasi. Zudem werden zerrissene Stasi-Papiere, die noch nicht wieder zusammengesetzt sind, in mehr als 15.000 Säcken aufbewahrt. Alle Unterlagen sollen bis 2021 unter das Dach des Bundesarchivs kommen.

"Lehren aus der Vergangenheit ziehen"

Bei seinem Besuch betonte Steinmeier die Notwendigkeit, die Gräueltaten des DDR-Regimes weiter aufzuarbeiten. "Wir leben in einer Zeit, in der das Autoritäre neue Verführungskraft gewinnt und die liberale Demokratie angefochten wird", sagte Steinmeier. "Umso wichtiger ist es, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, und das können wir nur, wenn wir wissen, was geschehen ist und warum."

Kultur-Staatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte am Mittwoch: "Wir arbeiten an der dauerhaften Sicherung dieses Erbes, nicht zuletzt durch die neue Mitverantwortung des Bundesarchivs für den Aktenbestand". Die Menschen müssten "weiterhin Einsicht in ihre Akten bekommen und im Privaten auch diese sehr persönliche Aufarbeitung des SED-Unrechts leisten können".

Der Stasi-Aktenbeauftragte Roland Jahn sagte gegenüber dem rbb, die Aufarbeitung werde weitergehen. Es sei auch wichtig, nachfolgenden Generationen deutlich zu machen, wie die Stasi in das Leben der Menschen eingegriffen habe.

In Lichtenberg entsteht "Campus der Demokratie"

Unterdessen konkretisieren sich die Pläne, die ehemalige Stasi-Zentrale zum "Campus der Demokratie" umzubauen. Am Dienstag beschloss der Berliner Senat eine Vorlage der Bausenatorin, Katrin Lompscher (Linke), in der die Weiterentwicklung beschrieben wird. Das Areal befindet sich zwischen Rusche-, Normannen-, Magdalenenstraße und Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg. "Der Bundestagsbeschluss vom 26. September 2019 ist ein klares Bekenntnis zum Standort Lichtenberg", sagte Lompscher mit Bezug auf die parallel laufende Entscheidung, alle Stasi-Akten in das Bundesarchiv zu überführen.

Der Standort, der jahrzehntelang für Unterdrückung stand, solle zu einem "Lern- und Erinnerungsort" werden, hieß es. "Die ehemals abgeriegelte 'Stadt in der Stadt' soll sich öffnen." So soll es neben dem Stasimuseum, der Ausstellung "Einblick ins Geheime" und der Freiluftausstellung "Revolution und Mauerfall" weitere Angebote in den Bereichen Kultur, Bildung und Gewerbe geben, die die DDR-Vergangenheit thematisieren.

CDU: Ausgestaltung des Campus zu langsam

Die CDU-Fraktion kritisiert das Vorgehen des Senats. Für Fraktionschef Burkard Dregger geht die Weiterentwicklung des "Campus der Demokratie" nicht schnell genug. Gebäude seien in einem schlechten baulichen Zustand und viele Räume würden leer stehen.

Außerdem habe die rot-rot-grüne Regierung weder eigene Pläne zur Ausgestaltung des Areals noch eine Finanzierung und verlasse sich dabei zu sehr auf den Bund. "Die Aufarbeitung und Sichtbarmachung des Unrechts sowie der Bespitzelung verdient im 30. Jahr der Wiedervereinigung mehr Aufmerksamkeit", so Dregger.

Die CDU fordere deswegen den Senat dazu auf "umgehend ein eigenes Konzept für diesen Ort nationaler Bedeutung zu entwickeln". Dabei sollten alle Eigentümer, Nutzer und Verbände einbezogen werden. Der "Campus der Demokratie" müsse zukünftig eine der wichtigsten DDR-Aufarbeitungszentren werden.

Sendung:  Inforadio, 15.01.2020, 06:00 Uhr

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9 Kommentare

  1. 9.

    Und heute legt man sich in das Koalitionsbett mit der SED ( wurde nur umbenannt/hat sich nie aufgelöst).

  2. 8.

    Sie sind schlecht informiert. 1. Auch die alte Bundesrepublik war von Anfang an ein effektiver und flächendeckender Überwachungsstaat (Literatur: Foschepoth: "Überwachtes Deutschland").
    2. Ich z.B. habe mich offiziell gegen die SED wesentlich deutlicher positioniert, als Sie sich vorstellen können. Studiert habe ich danach trotzdem. Die Leute, die mit mir ein technisches Studium absolvierten, waren gewiß nicht "angepaßt".
    3. Auch in der Bundesrepublik gab es politische Gefangene. Tausende KPD-Mitglieder wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, während man gleichzeitig NS-Verbrecher systematisch laufen ließ. Hunderttausende Linke und Sympathisanten wurden kriminalisiert, verfolgt und teils ihrer Existenz beraubt (Doku: "Als der Staat rot sah"). Was daran besser gewesen sein soll, bleibt Ihr Geheimnis.


  3. 7.

    Was haben Sie sich denn gedacht, was da kommen mag. Hätten Sie auch mal "Kennzeichen D" gesehen - interessante Sendung. Jeder Staat will seine Bevölkerung unter Kontrolle haben - wozu gibt es den inneren Dienst. Bestimmt nicht nur zur Terrorbekämpfung. Beim NSU auf voller Linie versagt.

  4. 6.

    Die ersten, die da mitstürmten, waren andere Geheimdienste - es konnte nichts besseres passieren. Die waren wohl in heller Aufregung.

  5. 5.

    Dass es sich damals um Oppositionelle handelte, die die Stasi - Zentrale stürmten, bezweifele ich doch sehr.

    Ich denke, dass einem Großteil der damaligen Oppositionellen nur daran gelegen war, auf dem letzten Drücker eigene Spuren zu vernichten bzw. zu vernichten.

  6. 4.

    Ich möchte auch mal in die BND-Zentrale.

  7. 3.

    Im ersten Satz ist ein kleiner Vertipper: Es muss LichtenberG heißen.

  8. 2.

    "Finanzierung und verlasse sich dabei zu sehr auf den Bund" Wieso auch nicht? Die Stasi war in der ganzen DDR aktiv. Wieso sollte das heutige Berlin den CDU-Kult der Versessenheit auf die Stasi finanzieren?

  9. 1.

    Der Spitzel- und Überwachungsstaat der DDR wird gerne verdrängt. Nur wer angepasst war hatte freie Studien- und Berufswahl. Es gab politische Gefangene.
    Nun droht Deutschland und anderen Demokratien wieder die totale Überwachung.
    Banken und Finanzindustrie wollen gemeinsam mit den Notenbanken das Bargeld abschaffen. Das Ziel sei es, jeden einzelnen Kunden und Bürger besser kontrollieren und überwachen zu können – und noch mehr an ihm zu verdienen. Jeglichen Kosten- und Gebührenerhöhungen der Bank- und Kreditinstitute ist man dann ausgeliefert.
    Für Regierungen und staatliche Geheimdienste schaffe eine bargeldlose Zeit perfekte Überwachungsmöglichkeiten. Jede elektronische Zahlung hinterlasse eine Datenspur, die gesammelt und ausgewertet würde. So entsteht ein lückenloses Bewegungsprofil jedes Bürgers. Freiheitliche Bürger sollten genau beobachten welche Parteien und Politiker die Bargeldabschaffung befürworten.

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