Auf den Stufen zum Eingang der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf steht eine Kerze mit der Aufschrift «Stoppt Mobbing»
Audio: Inforadio | 09.01.2020 | Sebastian Schöbel | Bild: dpa/Paul Zinken

Debatte im Abgeordnetenhaus - Senat sieht Fortschritte nach Todesfall an Berliner Grundschule

Vor fast einem Jahr starb eine Schülerin in Berlin, die Hintergründe sind unklar. Es folgte eine Debatte über Zustände in Schulen und vermeintliches Politik-Versagen. Im Zentrum: ein Anti-Mobbing-Trainer. Nun diskutierte erneut der Bildungsausschuss. Von Sebastian Schöbel

Seit dem Tod einer 11-jährigen Grundschülerin steht die Hausotter Grundschule in Berlin-Reinickendorf unter besonderer Beobachtung und wird intensiv betreut. Schulpsychologen, externe Berater und Betreuer unterstützen die Lehrerschaft, Seminare mit Eltern wurden durchgeführt, um die gemeinsame Kommunikation zu verbessern.

Inzwischen gebe es Fortschritte, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. "Ich kann nur sagen, dass es seit diesem Schuljahr überhaupt gar keine Beschwerden von Seiten der Elternschaft gibt."

"Die Schule hat extrem gelitten"

Doch vergessen ist natürlich nichts - auch wegen der großen öffentlichen Aufregung nach Bekanntwerden des Todesfalls. Die Politik und auch die Schule selbst gerieten im Februar 2019 massiv in die Kritik.

Der Berliner Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl organisierte eine Kampagne gegen den Senat und auch die Schule selbst, im Netz und auf der Straße. Sein Vorwurf: Die 11-Jährige habe Selbstmord begangen, weil sie gemobbt wurde. Ob es wirklich so war, ist bis heute nicht geklärt. Die Eltern schweigen - in die Öffentlichkeit wollten sie nie, wurden aber auch nicht gefragt.

Die Schule leide bis heute unter Stahls Kampagne, so Scheeres. "Das hat die Schule extrem betroffen und auch zurückgeschmissen, auch in der Lehrerschaft."

CDU unterstützt Trainer Stahl

Denn die Lehrer machte Carsten Stahl zusammen mit einigen Eltern auch persönlich für den Tod des Mädchens verantwortlich - und brachte sich in Internetvideos immer wieder selbst als Lösung ins Spiel, mit seinem Anti-Mobbing-Seminar. "Und schließt mich und andere, die es können, nicht aus, nur weil wir anders und ehrlich sind", hieß es in einem Werbevideo Stahls.

Die Berliner CDU unterstützt Stahl. Ihr stellvertretender Fraktionschef Mario Czaja wirbt auf Postern für dessen Programm. "Wenn man mit Carsten Stahl an Schulen ist – ich bin das schon gewesen – dann merkt man, dass er auch eine große Gruppe an Unterstützern hat, die ihn als letzte Chance sehen, auf Probleme und Sorgen hinzuweisen, wenn das staatliche Hilfesystem versagt."

Die Bildungsverwaltung wiederum hat Berlins Schulleiter derweil deutlich davon abgeraten, auf Stahls "konfrontative Pädagogik" zurückzugreifen, die könne Mobbing unter Umständen sogar verstärken. Zudem seien solche kurzen Seminare nicht nachhaltig, sagt SPD-Bildungsexpertin Maja Lasic. "Weil ich da nicht die langfristige, pädagogisch fokussierte Arbeit sehe, die dazu führt, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrkräfte darin bestärkt werden, selbstbewusst und reflektiert mit dem Thema Mobbing umzugehen."

Neukölln beendete Zusammenarbeit

CDU-Politiker Czaja wiederum, früher Senator für Gesundheit und Soziales, fordert, dass Senat und Schulverwaltung ihre Präventionsarbeit verstärken, Mobbingfälle dokumentieren und auch melden. Denn vor allem die mangelnde Klarheit über das Ausmaß von Mobbing sei ein ernstes Problem. "Und das immer noch häufig der Eindruck entsteht, dass es sich für die Schule um einen schweren Imageschaden handelt, wenn man etwas meldet."

In Neukölln, wo Stahl aufgewachsen ist, wurden derweil andere Konsequenzen gezogen: Der Bezirk wird mit dem umstrittenen Anti-Mobbing-Trainer nicht mehr zusammenarbeiten.

Sendung: Inforadio, 10.01.2020, 06:25 Uhr

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, oder dies bei Angehörigen vermuten, suchen Sie bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym. Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Weitere Infos und Hilfsmöglichkeiten zum Thema Mobbing finden Sie auch unter schueler-gegen-mobbing.de  

Beitrag von Sebastian Schöbel

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8 Kommentare

  1. 8.

    Tot ist tot. - Welcher Fortschritt?

  2. 7.

    Herbert Scheithauer, Professor für Psychologie an der Freien Universität und Anti-Mobbing-Experte, sollte den Aufarbeitungsprozess an der Hausotter-Schule begleiten.
    Danach hörte man nichts mehr, weder von Scheithauer, noch gab es sonst wo ein offizielles Statement zum Tod der Schülerin. "die Hintergründe sind unklar" heißt es auch nach einem Jahr im RBB Bericht von gestern .

  3. 6.

    Man merkt sofort dass sie "Erziehungsmethoden" wie unter den Nazis den Vorzug geben. Diese Erziehungsmethoden blieben leider noch bis in die 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts erhalten.

    "Meiner Meinung nach sollten Strenge (nein: nicht körperliche Züchtigung), Bloßstellung und Ausgrenzung bez. der Täter bis hin zum Schulverweis keine Tabus sein.
    "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus", ist nicht das dümmste Sprichwort.
    Gibt es eigentlich noch Sonderschulen (ich weiß: die heißen heute anders. Doch das juckt mich nicht) für Schwererziehbare (oder wie auch immer die aktuelle, politisch korrekte Umschreibung für Raudis und Intriganten derzeit lautet)?"

    Wir reden hier von Kindern, nicht selten auch Opfer und nicht von ihrer rechtsextremen AfD!

  4. 5.

    Im großen und ganzen gebe ich Ihnen Recht mit dem was Sie schreiben. Jedoch ist es, und das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, sehr schwer den oder die Schuldigen ausfindig zu machen. Die oder der Betroffene schweigen in den meistens Fällen dazu, da es schon schwer genug ist und das Umfeld der Täterin oder des Täters halten in den meisten Fällen dicht.
    Wichtig ist, sobald so etwas bemerkt wird in der Schule dagegen zu steuern, wenn die Möglichkeit besteht, jedoch noch wichtiger ist die Unterstützung und der Halt aus dem Elternhaus.
    Tragisch das es in dem oben geschilderten Fall so Enden musste.....

  5. 4.

    Mobbing/Bullying wird es an Schulen wohl leider immer geben.
    Ich halte es für albern, selbst auf die niederträchtigsten Attacken stets nur mit Gesprächen und Freundlichkeit zu reagieren.
    Meiner Meinung nach sollten Strenge (nein: nicht körperliche Züchtigung), Bloßstellung und Ausgrenzung bez. der Täter bis hin zum Schulverweis keine Tabus sein.
    "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus", ist nicht das dümmste Sprichwort.
    Gibt es eigentlich noch Sonderschulen (ich weiß: die heißen heute anders. Doch das juckt mich nicht) für Schwererziehbare (oder wie auch immer die aktuelle, politisch korrekte Umschreibung für Raudis und Intriganten derzeit lautet)?
    Falls nein: Schade.

  6. 3.

    Die traurige Erfahrung zeigt leider das nur weil Frau Scheeres sagt es sei alles ok, das bei weitem in der Praxis so nicht ist ! Herr Stahl versucht es wenigstens, auch wenn sein Ansatz unkonventionell ist. Auch wenn dieser tragische Fall nicht geklärt zu sein scheint bleibt es Fakt, das Frau Scheeres, die SPD und der RRG Senat ihren Job mal wieder nicht gemacht haben. Dramatischer Lehrermangel, Überforderte Lehrer, 60% "Lehrkräfte" ohne jede pädagogische Ausbildung, zu große Klassen, kaum Sozialarbeiter, kaum Schulpsychologen vor Ort …. das ist eine sträfliche Vernachlässigung seitens der Politik und das wir weitere Opfer kosten.

  7. 2.

    Wir haben bisher leider auch selbst mobbende Lehrer erleben müssen. Hier handelt es sich nicht um Einzelfälle!

  8. 1.

    Bei meisten Lehrer schauen bei Mobbing weg. Mein Mitleid mit denen hält sich in Grenzen. Hier trifft es kaum die Falschen.

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