Sylvia-Fee Wadehn schildert Seniorinnen die Situation (Foto: rbb/Vanessa Klüber
Video: rbb|24 | 30.01.2020 | Vanessa Klüber | Bild: rbb/Vanessa Klüber

Probleme mit Mindestlohn - Betreuung von 1.000 Berliner Senioren in Gefahr

In der eigenen Wohnung alt werden, Mittagessen mit den Nachbarn und im Notfall schnelle Hilfe bekommen. Der Verein MoRo betreut etwa 1.000 Senioren in Berlin. Doch der Leiterin fehlen Mitarbeiter. Jetzt geht es um die Existenz. Von Vanessa Klüber

Sylvia-Fee Wadehn ist eine Kämpferin. Ihr Verein MoRo-Seniorenwohnanlagen war schon mehrmals in Gefahr. Doch diesmal ist es existenziell, sagt sie. Denn für die vier Häuser, die der Verein in Berlin betreut, fehlen 50 Mitarbeiter – fast zwei Drittel des gesamten Personalbedarfs.

Betroffen sind die Projekte im Rollbergkiez, im Reuterkiez und in der High-Deck-Siedlung in Neukölln, sowie am Sterndamm in Treptow-Köpenick. Dort leben ausschließlich Senioren mit Wohnberechtigungsschein in ihren eigenen Mietwohnungen, vermietet durch die Stadt und Land GmbH. Der Verein MoRo unterstützt sie im Alltag, durch Mitarbeiter, die ihr vom Jobcenter zugeteilt werden und vom Land Berlin finanziell gefördert werden. Sie organisieren Spiele, Sport und wenn nötig auch Pflegedienste. Die Bewohner müssen diese Hilfe in der Zentrale des Vereins bestellen.

MoRo-Mitarbeiter nicht nur Alltagsbegleiter

Bewohner Günter Hoffmann sagt, er müsse "ganz klar ins Pflegeheim", wenn es das Angebot nicht gäbe. Nach einem Schlaganfall kann er seinen linken Arm nicht mehr bewegen. Die Helfer geben ihm ein Gefühl von Sicherheit. "Hier weiß ich immer: Da ist jemand, da kümmert sich jemand um mich. Das ist beruhigend für mich." Eine andere Bewohnerin, die 92-jährige Renate Kollande, will nur in Begleitung auf die Straße in Neukölln zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße. "Was würde ich machen, wenn ich keine Begleitung mehr zum Arzt hätte, zum Einkaufen, oder zur Bank? Das traue ich mich alleine nicht." Die Senioren zählen auf "ihre Sylvia", die sie in den Arm nimmt oder die Wange tätschelt.

Der Regierende Bürgermeister soll helfen

In drei Schichten arbeiten die Helfer von MoRo. Wadehn bekräftigt: "50 Leute fehlen." Nur noch 25 Leute oder weniger werde sie bis April haben, wenn die Unterstützung durch das Jobcenter wegfällt. Von ihren 30 neu zugeteilten Mitarbeitern sind fünf abgesprungen, und sie darf nicht nachbesetzen. Für sie ist deshalb der logische Schluss, den Verein zu schließen, wenn sich keine Lösung findet. Sie wolle keine schlechte Arbeit leisten, "dann lieber überhaupt keine Arbeit leisten".

Nun ist Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Zug. Wadehn hat einen Termin an diesem Donnerstagnachmittag ergattert und will die Existenzprobleme des Vereins mit ihm besprechen. Er soll dafür sorgen, dass sie ausreichend Personal bekommt – immerhin geht es um rund 1.000 Senioren in über 700 Wohnungen. Folgt die Politik ihrem Willen nicht, sagt sie, müsse sie die Betreuung wegen Personalmangels eben einstellen.

Problem Teilhabechancengesetz

Grund für die wenigen Stellen ist ein neues Gesetz auf Bundesebene, das Teilhabechancengesetz. Es gilt seit 1. Januar 2019 und fördert Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose einstellen, mit Zuschüssen zu den Lohnkosten. Gemeinnützige Organisationen können auf diesem Weg Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen finden, die sie sich sonst nicht leisten könnten.

Doch in Berlin liegt der Mindestlohn höher als auf Bundesebene. Deshalb zahlt das Land die Differenz – und dafür gibt es in der ganzen Stadt nur eine begrenzte Zahl an Stellen. Die so vermittelten Arbeitskräfte können durch die neuen Regelungen jetzt zwar mehr Geld verdienen und länger für ihre Arbeit gefördert werden, doch das kostet das Land Berlin eben auch mehr - was bedeutet, dass viele gemeinnützige Organisationen in Berlin weniger Stellen bewilligt bekommen.

Bezirk kann diesmal nicht helfen

Auch wenn der Verein MoRo laut Wadehn schon mehrfach vor dem Aus stand, sei die Lage diesmal "dramatisch". Denn vom Bezirk bekommt sie diesmal, anders als in einigen Krisen zuvor, auch keine zusätzliche Unterstützung. Jochen Biedermann (Grüne), Stadtrat für Senioren und Soziales in Neukölln, sieht in der Arbeit von MoRo einen "großen Mehrwert für die Senioren", sagt aber auch: "Ich kann keine Stellen aus dem Hut zaubern."

Neukölln habe 1.900 über das Teilhabechancengesetz geförderte Stellen beantragt, die vom Land Berlin ko-finanziert werden sollen. Der Bezirk habe aber nur rund 400 genehmigt bekommen. "Insofern mussten wir eine Auswahl treffen." Mit 30 Stellen bekomme MoRo den größten Brocken. "Es ist nicht die Größenordnung, wie sie sich vorgestellt haben", gibt Biedermann zu. "Viele andere Träger haben sich auch enttäuscht, wütend und traurig an mich oder die Kollegen im Bezirksamt gewandt."

Das akzeptiert Sylvia-Fee Wadehn nicht. "Einer muss handeln", sagt sie und hofft, Personal über das Solidarischen Grundeinkommen zu bekommen. Auch dabei soll Michael Müller nun helfen.

Infobox zum Teilhabechancengesetz

Das "Teilhabechancengesetz" gilt seit 1. Januar 2019. Es fördert Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose einstellen, mit Zuschüssen zu den Lohnkosten. Gemeinnützige Organisationen können auf diesem Weg Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen finden, die sie sich sonst nicht leisten könnten.

Finanziert wird für einen begrenzten Zeitraum entweder Tariflohn oder Mindestlohn. Auch Weiterbildungsmaßnahmen werden bezahlt. Die Bedingungen dafür stehen in den Paragraphen 16e und 16i des Teilhabechancengesetzes.

Berlin ko-finanziert diese Stellen, auch, weil der Mindestlohn im Land höher ist als auf Bundesebene. Das Land Berlin entscheidet also, wie viele sogenannte 16e oder 16i-Stellen es ko-finanzieren kann oder will. Dafür weist es den Bezirken bestimmte Summen zu, die diese dann auf die Antragsteller verteilen können.

In Neukölln gibt es beispielsweise Geld für rund 400 16e- oder 16i-Stellen.
Wenn die Förderung ausläuft, müssen die Organisationen die Stellen wieder neu beim Bezirk beantragen und auf Bewilligung hoffen.

Sendung: Abendschau, 30.01.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Vanessa Klüber

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9 Kommentare

  1. 9.

    Möge Gott sie rechtzeitig erlösen , bevor sie in die Situation dieser Senioren kommen. Besser etwas auf die Füße stellen was keinen Gewinn abwirft , als garnicht tun. Ja und warum nicht den Staat in die Pflicht nehmen , ein Großteil dieser Senioren hat bestimmt lange gearbeitet ( aber nicht jeder bekommt eine mega Rente ). Alleine das ist schon traurig genug ,
    Fangen sie morgen an ein Konzept zu verwirklichen , wo die Senioren auf nichts verzichten müssen und auch die Langzeitarbeitslosen sehen das es sich lohnt morgens aufzustehen. Wenn sie es unter diesen Bedingungen schaffen innerhalb eines Jahres was auf die Füße zu stellen, dann haben sie meinen höchsten Respekt.

  2. 8.

    Hallo nixversteha einfach den reichen Steuerzahler befreien und viele Senioren die lange in Ihrem Leben gearbeitet, Steuern gezahlt, Kinder großgezogen haben. im Regen stehen zu lassen kann es ja nicht sein. Mindestens 40 unserer Senioren müssten ins Pflegeheim gehen , wenn es unsere Konstruktion nicht mehr geben würde. Dies würde dem Steuerzahler genauso viel kosten wie wir für die Gesamte geforderten Mitarbeiter benötigen. Nur hier könnte der erpresste Steuerzahler nicht nur 40 Menschen unglücklich machen sondern 1000 Menschen helfen.
    Gerne können Sie ja Ihr Vermögen als Sponsor zur Verfügung stellen eventuell reicht es ja für einige Monate und einen Mitarbeiter. Hirn einschalten, sachkundig machen dann reden. mit watever lösen wir keine Probleme. Unsere Hoffnung ist, dass sie mal über Ihre Äußerung nachdenken bevor sie der Hilfe bdürfen und der erpresste Steuerzahler njet sagt.

  3. 7.

    Immer nur rumjammern und Geld vom steuerzahler erpressen finde ich auch nicht gut man sollte halt vielleicht darüber andere Modelle mal nachdenken oder vielleicht mit diversen Sponsoren arbeiten whatever aber mal Ideen entwickeln und nicht immer nur den Armen steuerzahler erpressen.

  4. 6.

    Die Äußerungen von Stadtrat Biedermann sind zynisch. Zitat: Wenn ich eine Konstruktion wähle die nur........ Lieber Herr Biedermann ich frage mich langsam wo Sie immer bei unseren Gesprächen sind. Natürlich kann einen Servicepauschale von den armen Rentnern verlangen um Mitarbeiter fest anzustellen , nur sie wissen doch, wo sich diese Menschen das Geld holen !!! Bei Ihnen, beim Grundsicherungsamt dann kommt Ihre Antwort; ich habe kein Geld! Bitte ehrlich machen auch die Verwaltung, warum sind nicht Sie und Ihre Kollegen vorstellig geworden, beim Regierenden???? Meine Konstruktion die ich nehmen musste um armen Alten zu helfen, fördert Langzeitarbeitslose (die der Gesellschaft pro LA ca 600 Euro pro Kopf mehr als Hartz IV kosten, aber eine sinnvolle -wertvolle Arbeit leisten. Sozialversicherungspflichtig, Steuern bezahlen usw usw. Unterm Strich (sparen bei HartzIV Krankenkasse, Einnahme Steuern ec ec sind es eventuell 400 Euro mehr als Hartz IV. Dies sollte

  5. 5.

    Diese Dame (ich) ist glücklich, dass Sie großartige Arbeit an älteren Bürgern leisten kan, damit diese ein Leben in Würde mit viel Freude führen kann.
    Der Verein macht keinerlei Gewinne alles fließt zurück in die Seniorenarbeit. Langzeitarbeitslose erhalten die Chance eine würdige , wichtige Arbeit zu lernen und zu leisten. Diese Dame hat dafür gekämpft, dass Ihre Mitarbeiter 11,- Euro die Stunde erhalten, was die Bundesagentur für Arbeit verweigert hat. Aber sie können ja gerne Ihr Vermögen spenden, damit ältere gut betreut werden. Sie können natürlich auch sagen die Alten sind selber schuld..........

  6. 4.

    Dieses Unternehmen scheint größten Teils von staatl. Subventionen zu leben und diese Frau wagt es ernsthaft noch Ansprüche zustellen. Sie versucht indirekt den Steuerzahler zu erpressen und benutzt das Schicksal ihrer eigenen Kundschaft (Rentner) als Geisel. Darüber hinaus beweint sie ihre eigene Existenz, indem sie die Existenzgrundlage (Mindeslohn) ihrer eigenen Mitarbeiter und auch vieler Steuerzahler in Frage stellt. Da beisst sich der Hund doch selber in den Schwanz. Ich kriege Nackenschmerzen von so viel Kopfschüttelei. Diese Dame sollte sich schämen und stattdessen versuchen ein trragfähiges Unternehmen auf die Beine zu stellen.

  7. 3.

    2 Mio EUR für Betonpoller in Neukölln sind ja auch wichtiger.
    Und zu Kommentar 1) Die Vermieter zahlen bald auch nur noch Mindestlohn. Denkt mal drüber nach.

  8. 2.

    Es beschämt mich, wenn alle legalen Winkelzüge ausgenutzt werden, um für gute Arbeit keinen ausreichend rentenwirksamen Lohn zahlen zu wollen oder Andere dies übernehmen sollen. In diesem Artikel wird schön beschrieben, wie veraltete links/grüne Ideologie dann in der Praxis (nicht)funktioniert. Eine Zeitlang geht das gut, alle sind unzufrieden, bis sich das System "totläuft". Der Punkt ist noch nicht ganz erreicht: die nächste Eskalation ist: mexikanische Pflegekräfte - aber das nutzt auch nichts.

  9. 1.

    Journalistisch ein bisschen peinlich in der Kausalkette den Mindestlohn als Hauptproblem anzuführen und nicht die fehlenden Geldmittel diesen Mindestlohn zu zahlen.

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