Müll und Essensreste stapeln sich auf einem überfüllten Mülleimer im Berliner Bezirk Kreuzberg. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
Video: rbb|24 | 09.01.2020 | Material: rbb Fernsehen, imago-images | Bild: dpa/Monika Skolimowska

Neues Anti-Abfall-Konzept - So will Friedrichshain-Kreuzberg sein Müllproblem lösen

Friedrichshain-Kreuzberg ist als Ausgeh- und Wohnbezirk besonders beliebt - und auch besonders vermüllt. Der Bezirk will die Menge drastisch reduzieren. Feste Grillstationen und auffällige Aschenbecher sollen die Müll-Wende bringen.

Friedrichshain-Kreuzberg gehört zu den beliebtesten Wohn- und Ausgehbezirken Berlins, Hunderttausende Berliner und Touristen vergnügen sich jedes Jahr in den Nachtclubs, Bars und Kneipen oder in den Parks. Dabei produzieren sie enorme, nicht zu übersehende Müllberge.

Täglich werden allein in diesem Bezirk mehr als 42.000 Coffee-to-go-Becher weggeworfen. Aneinandergereiht ergibt das alle zwei Stunden die Höhe des Berliner Fernsehturms.

Der Bezirk will den Müll auf öffentlichen Plätzen und aus privaten Haushalten nun drastisch reduzieren. Dafür hat Stadtumwelträtin Clara Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen) gemeinsam mit Circular Berlin, Bund Berlin und Grüne Liga ein Konzept mit sechs konkreten Maßnahmen ausgearbeitet, das rbb|24 vorliegt und am Donnerstag öffentlich vorgestellt werden soll. Darüber hatte bereits die "Berliner Zeitung" berichtet.

Der Weg zum Zero-Waste-Bezirk

Bei der Ausarbeitung des 60.000 Euro teuren Konzepts haben sich der Bezirk, die Stadtumweltverwaltung und ihre Kooperationspartner an Beispielen aus der ganzen Welt orientiert, wo erfolgreich der Müll reduziert wurde, wie in Paris oder Capannori in Italien.

Mit dem Konzept will Herrmann Leitlinien für einen Weg zu "Zero Waste" zeigen, bei dem der Bezirk keinen oder zumindest wenig Abfall produziert oder seinen Müll recycelt.

Geplant sind folgende Projekte:

1. Feste Grillstationen im Park

Besonders viel Müll produzieren im Sommer Wegwerfgrills. Diese sollen auf öffentlichen Grünflächen verboten werden. Um eine Alternative zu schaffen, will der Bezirk nach Wiener Vorbild wetterbeständige Grillstationen installieren. Sie sollen online reserviert werden können und durch das Parkmanagement gepflegt werden. Gewerbetreibenden soll der Verleih von Geschirr, Gläsern und Grillzubehör nahegelegt werden.

2. "Zero Waste Reallabor"

An Orten mit den größten Abfallproblemen will der Bezirk sogenannte Zero Waste Reallabore entstehen lassen. Dort sollen neue Ideen zur Reduzierung von Müll entwickelt werden, wie Repaircafés oder Kleidertauschpartys. In Paris gibt es solche Labore schon.

3. Einkauf von abfallarmen Produkten

Mit lokalen Supermärkten und Discountern will Friedrichshain-Kreuzberg Ideen entwickeln, wie Kunden abfallarme Produkte kaufen können. Ein mögliches Angebot könnte sein, dass Kunden Lebensmittel in mitgebrachte Gefässe füllen lassen können. Eine kostenfreie oder subventionierte Beratung soll für Gewerbetreibende eingerichtet werden, um über Alternativen aufzuklären.

4. Leihen statt kaufen: Bibliotheken der Dinge

Die schon im Bezirk bestehenden "Bibliotheken der Dinge" sollen ausgebaut werden. So soll es neben elektronischen Geräten auch Werkzeuge auszuleihen geben. Für die Ausleihe soll eine Webseite eingerichtet werden, um Gegenstände leichter finden zu können.

5. Pfandringe und -kästen

Vor allem Partyzentren haben ein Problem mit auf den Boden geworfenen Flaschen und Dosen. Um dem vorzubeugen, sollen kostengünstige Halterungen, sogenannte Pfandringe oder Pfandkästen, für leere Flaschen an Mülleimern befestigt werden. So soll Flaschensammlern die Arbeit erleichtert und der Müll auf den Straßen reduziert werden.

6. Auffällige Aschenbecher

Dort, wo Alkohol getrunken wird, wird auch geraucht. Die achtlos weggeworfenen Zigarettenkippen produzieren Berge von giftigem Müll. Sogenannte Ballot Bins sollen Abhilfe schaffen. Diese auffällig gestalteten Hängeaschenbecher sollen Raucher dazu animieren, ihre Kippen in die Behälter hinein zu schmeißen. Die von der Berliner Stadtreinigung aufgestellten Aschenbecher sollen damit erweitert werden.

Standorte für das Pilotprojekt (Quelle: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg)Standorte für das Pilotprojekt

Die Hochburgen des Mülls

Bei der Analyse haben sich die Initiatoren vor allem auf die besonders verschmutzten Plätze in Friedrichshain-Kreuzberg konzentriert. Darunter fallen auffallend oft öffentliche Grünanlagen, so der Görlitzer Park, der Landwehrkanal oder der Volkspark Friedrichshain. 

Bei der Umsetzung des Konzepts will die Stadtumweltverwaltung mit Initiativen aus der lokalen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. So sollen Kooperationsprojekte zwischen Berlin und Vereinen sowie Gewerbetreibenden möglich sein. 

Finanziell unterstützt wurde das Konzept durch den Senat. Der verteilt an die Bezirke finanzielle Mittel unter dem Aktionsprogramm "Saubere Stadt". Friedrichshain-Kreuzberg bekam 2019 zum Beispiel 635.000 Euro, Mitte bekam 680.000 Euro. Welche Maßnahmen die Bezirke realisieren, bleibt ihnen selbst überlassen.

Sendung: Abendschau, 09.01.2020, 19.30 Uhr

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17 Kommentare

  1. 17.

    In Kreuzberg werden z.B. am eingezeichneten Müllschwerpunkt Oranienplatz und im angrenzenden Park am ehemaligen Kanal seit mindestens 2018 nicht mal die durch Neujahressprengkörper (illegale) zerstörten Edelstahlmülleimer ersetzt. Dass das ginge, sieht mensch beim Unterqueren der Brücke in den Bezirk Mitte Richtung Engelbecken, wo ratten- und krähensichere größere Mülleimer aufgestellt wurden, die nicht andauernd überfüllt sind. Dort werden die Grünanlagen erstaunlicherweise gründlich gepflegt und gereinigt - ein bemerkenswerter Kontrast! Auch die jahrelange Praxis den Kleinmüll (Kippen, Kronkorken, Glasscherben, etc.) mit Laubbläsern von den Wegen auf die Rasenflächen zu befördern und dort liegen zu lassen setzt sich in Kreuzberg vielerots fort. Am Görli zeigt die BSR (DANKE !!!), wie das anders geht und ein Park sauber bleibt. Manches Müllproblem ist also selbst verschuldet, wenn der Müll nur von A nach B geblasen oder geschoben wird statt den Müll zu beseitigen.

  2. 16.

    Wenn Herr Schmidt letztes Jahr nicht so viel Geld aus dem Fenster geworfen hätten, hätte der Bezirk das Geld selbst.

  3. 15.

    Ich empfehle von den Flaschensammler'innen zu lernen!
    Machen Sie ein Foto von dem Sperrmüll in ihrer Umgebung, laden Sie selbigen in ihr Auto, Lastenfahrrad oder Einkaufswagen. Fotografieren Sie auch dies und die vom Müll befreite Stelle, bringen Sie den Dreck zur BSR, die ihre Beweisfotos prüft und die Ihnen für ihre Mühe, je nach Umfang, dies mit Gutscheinen für Kultur oder Nahverkehr o.ähn. vergütet.
    Frohe Sammeln wünscht F.A.Knirscher

  4. 13.

    Die 60000€ könnten auch Leute anteilig bekommen, die einfach mit Müllsack los ziehen, Müll sammeln und ein Vorher-/Nachherfoto der gereinigten Stadtfläche an die Bezirksverwaltung senden-und weniger Beratung, die sich an einfachen WWW-Recherchen für Müllvermeidung eine goldene Nase verdient.

  5. 12.

    Das stimmt, dass auf die Einwegbecher nicht weiter eingegangen wurde. Allerdings bedeutet ein Pfandsystem in der Regel sehr großen logistischen und personellen Aufwand. Selbst der schnöde Glaspfand ist eher für das gute Gewissen, aber nicht im Sinne von Nachhaltigkeit oder Umweltfreundlichkeit. Sich als Lebensmittelhandel für persönliche Gefäße zu öffnen und diese zu akzeptieren beim Kauf, wäre flächendeckend eine bessere Lösung als Pfandsysteme.

    Was unschön auffällt bei den bezirklichen Vorschlägen, ist die unreflektierte Vermengung mehrerer wichtiger Themen ohne jede Diskriminierungssensibilisierung. Das Thema Nachhaltigkeit ist unstrittig wichtig, aber kann nicht gegen soziale Gerechtigkeit aufgewogen werden. Es ist nicht pragmatisch, sondern zynische Heuchelei, Pfandringe für Flaschen anzubringen. Flaschensammler*innen wären über Umstände, die ihnen das Flaschensammeln abnehmen sicher erfreuter. Da wird eher an Müllvermeidung etc. gedacht - sehr sozial.

  6. 11.

    Und welche der oben genannten Maßnahmen hilft dabei, die "mehr als 42.000 Coffee-to-go-Becher" die täglich weggeworfen werden zu verringern? Ich frage, weil das extra im Artikel erwähnt wird aber dann ausgerechnet dafür keine Lösung gesucht wird.

    Was ist z.B. mit dem Mehrwehbechersystem(en), von dem letztes Jahr in der Presse gesprochen worden ist? Gibt es das in Friedrichshain-Kreuzberg?

  7. 8.

    Theoretisch eine super Sache, aber praktisch wird es wohl weiterhin genügen Vollpfosten geben die alles irwohin fallen lassen und ihren Müll auf der Straße entsorgen entsorgen..

  8. 7.

    Einfach Lebensmitteldiscounter verpflichten das BIOgemüse nicht in Plastik einzupacken. Welch Unsinn.

  9. 6.

    Das viel größere Problem ist doch der illegal abgestellte Sperrmüll und die Pseudo-"zu verschenken"--Kisten die an jeder Ecke abgestellt werden, selbst wenn es im Regen steht... .

    Doch das Ordnungsamt das ständig durch die Straßen streift, fühlt sich ja nur für die Parkraumbewirtschaftung zuständig. Regelmäßige Reinigungstouren der BSR, härtere Strafen und bessere Kontrollen sind notwendig.

  10. 5.

    Sicherlich zu begrüßen, aber warum ist der Bezirk Neukölln nicht dabei?

  11. 4.

    @rbb Wo wird das heute "öffentlich" vorgestellt? Finde auf den Bezirksamtsseite für 2020 leider nur EINE andere Pressemitteilung vom 3.1. ;)

  12. 3.

    Hört sich erstmal gut an. Bin gespannt auf die Umsetzung. Wie wäre es mit Rauchverbotsschildern auf den öffentlichen Spielplätzen? Ich hoffe die auffälligen Aschenbecher stehen dann NICHT DIREKT an den U-Bahnzugängen z.B. am Kotti, wo jetzt schon zuviel geraucht wird und die Luft zum "belüften" der Bahnhöfe herkommt. Besser "Raucherinseln" in der Nähe von den Zugängen. Hat die DB auch schon schlecht gelöst mit Raucherpulks an den Eingängen z.B. am Alex. Die BVG könnte da mitwirken, denn soweit ich weiß wird jährlich immer noch über eine Million ausgegeben, um die Kippen aus dem Gleisbett und anderswo zu entfernen. Sanfte erzieherische Maßnahmen begrüße ich, doch es braucht auch konsequente Sanktionen. Leuten, die ihre Hunde auf Kinderspielplätze mitnehmen und dort scheissen lassen und ihre Kippen da hinschmeissen ist anders offenbar nicht zu helfen. Rund ums Kottbusser Tor mal die Grünanlagen und Spielplätze anschauen. Ich hoffe verdreckte und vermüllte Spielplätze kommen in den Fokus.

  13. 2.

    Begrüßenswerte Maßnahmen, aber was hat die Einleitung "Jeder Bewohner Friedrichshain-Kreuzbergs erzeugt pro Jahr 462 Kilogramm Abfall." damit zu tun? Es geht doch nicht um den (von den Bewohnern) produzierten Hausmüll.

    PS: Vielleicht könnte der RBB - um den "Lokal-Patriotismus" anzuheizen - die Müllquoten aller Bezirke veröffentlichen. ;)

  14. 1.

    Die Ideen sind klasse, jedoch sollte auch schnellstmöglich mit der Umsetzung begonnen werden und nicht wieder nur geredet werden....so wie meistens.

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