Symbolbild: Stasi-Archiv (Quelle: dpa/Lehmann)
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Gründung des MfS vor 70 Jahren - Deckname Komet - drei Jahrzehnte Spitzel in West-Berlin

Berlin hatte die höchste Stasi-Dichte außerhalb der DDR: Alle West-Berliner Agenten wurden vom vor 70 Jahren gegründeten Ministerium für Staatssicherheit geführt. Einer der Spione war Karl Heinz Maier, Deckname Komet. Von Ansgar Hocke

 

Karl Heinz Maier - hinter diesem gewöhnlichen Namen steckt alles andere als eine gewöhnliche Lebensgeschichte. Maier war ein Top-Spion der DDR in West-Berlin, an der heißesten Front des Kalten Krieges. Über drei Jahrzehnte, von 1956 bis 1989, war er der Staatssicherheit zu Diensten, so lang wie kaum ein anderer Westspion der DDR.

Am 8. Februar 1950 beschloss die provisorische Volkskammer der DDR die Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Bis zum Fall der Mauer spionierte die Stasi nicht nur die eigenen Bürger im Osten aus.

Zuständig für die Spitzel im Ausland war die Hauptverwaltung Aufklärung, kurz HVA. Deren Chef hieß Markus Wolf, ein eleganter Generaloberst in Uniform, der sich stets im Hintergrund hielt. Wolf kommandierte Hunderte von Auslandsspionen - darunter eben auch den inoffiziellen Mitarbeiter (IM) Karl Heinz Maier - Deckname Komet.

Eine Biographie wie ein Agententhriller

Maiers Biografie ist lückenhaft, doch gleicht sie dem Drehbuch eines Agententhrillers. Maier leitete Ende der sechziger Jahre das Berliner Büro der Deutschen Welle, dem Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland. Und er war Vorsitzender der Berliner Pressekonferenz, einer  Arbeitsgemeinschaft von Chefredakteuren und Journalisten der West-Berliner Medien.

Die frühen Akten über Maier fehlen. Doch Dank der sogenannten "Rosenholz"-Dateien ließen sich siebenhundert Seiten über den IM Komet ermitteln. Die Dateien sind eine mikroverfilmte Datensammlung der DDR-Staatssicherheit, die nach der Wende auf ungeklärten Wegen in die Hände des US-Geheimdienstes CIA gelangten. Die Seiten über IM Komet liegen rbb24 Recherche vor.

"Überdurchschnittlich wertvoll"

Jedes einzelne Blatt beweist eine tiefe Stasi-Verstrickung. Viele Bulletins von Maier erhielten von seinen drei Führungsoffizieren das Gütesiegel  "überdurchschnittlich wertvoll". Die Bandbreite der Themen und Stichworte war enorm: Da ging es um US Raketenstationierungen in der Bundesrepublik, um Abrüstungsverhandlungen, um ein geplantes Treffen von US-Präsident Ronald Reagan mit dem Kremlchef Michael Gorbatschow oder um den Besuch des französischen Präsidenten Mitterrand, der 1985 einen Berlin-Besuch plante.

"Wir sehen in den Stasi-Akten einen Bericht, der an die Staats- und Parteiführung geht über den bevorstehenden Mitterrand Besuch", so Georg Herbstritt von der Stasiunterlagenbehörde. "Maier ist der einzige Stasi-Agent, der darüber im Vorfeld berichtet. Das heißt für diesen konkreten Fall ist Maier eine exklusive Quelle."

Georg Herbstritt, Stasiunterlagenbehörde (Quelle: Gabriel Schropp)Georg Herbstritt, Stasiunterlagenbehörde

Informationen für sensible Verhandlungen ausspioniert

In vielen Berichten Maiers ging es um die SPD, vor allem darauf war er von seinen Führungsoffizieren angesetzt worden. Angeblich soll Maier Mitglied dieser Partei gewesen sein, dafür aber findet sich in den Archiven der Partei kein Beleg. Über alle Dekaden spähte Komet vor allem die Spitzenpolitiker Egon Bahr, Helmut Schmidt, Jochen Vogel und Oskar Lafontaine aus. Besonders intensiv berichtete er über Willy Brandt, den er seit den sechziger Jahren sehr gut kannte. So wurde die Staats- und Parteiführung der DDR schon vor der Reise des SPD-Parteivorsitzenden nach Moskau über Konzepte und Ideen der zukünftigen  sozialdemokratischen Außenpolitik informiert.

1963 verhandelte der West-Berliner Senat mit Ost-Berlin über ein Passierscheinabkommen. Den West-Berlinern sollte ermöglicht werden, zum ersten Mal nach dem Bau der Mauer, ihre Verwandten im Ostteil der Stadt zu besuchen. Spion Maier hatte die DDR-Seite gut über die Positionen des Senats informiert, so der Historiker Georg Herbstritt: "Die Verhandlungen waren unglaublich sensibel: Wo kann man nachgeben, wo gibt man nicht nach, wo verliert man unter Umständen Positionen. Es wurde unglaublich gerungen, und in diesem Ringen zu wissen, was die andere Seite bereit ist zu geben, das ist ein klarer Vorteil für solche schwierigen Verhandlungen."

Kluger Plauderer

Der Journalist Lutz Krieger erinnert sich sehr genau an seinen damaligen Kollegen Maier, denn sein Büro lag ebenfalls im Haus des Rundfunks an der Charlottenburger Masurenallee, eine Etage über dem Büro von Karl Heinz Maier. Krieger, ebenfalls Mitglied in der Berliner Pressekonferenz, beschreibt Maier als  charmanten und klugen Plauderer, der aber seine Gespräche geschickt lenken konnte.

"Ich glaube, dass es bei ihm eine Sucht gab, etwas Bedeutendes zu sein", sagt Krieger heute. "Er war als gelernter Friseur auf einmal der große Mann in der Politik, ganz im Geheimen. Ein Mann, der die Dinge antrieb und schob. Das ist sicherlich eines der Motive gewesen, die ihn bewegten." Über die Motive des Westspions Maier kann heute nur spekuliert werden. In den Akten gibt es keine Hinweise auf Geldzahlungen durch die Stasi, aber es existieren Angaben, nach denen Maier auf “ideologischer Grundlage" angeworben wurde. Das spräche für ein Handeln aus Überzeugung.

Gleich von mehreren Geheimdiensten angeworben

Nur bruchstückhaft kann man seinen Lebenslauf nachzeichnen: Sein jüdischer Vater muss in den dreißiger Jahren in die USA fliehen. Seine  Mutter lässt sich scheiden. Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges muss Maier zur Wehrmacht und wird in ein Strafbataillon zwangsversetzt, weil er verschwieg, dass sein Vater Jude ist. Ihm gelingt die Flucht und er stellt sich der russischen Armee. Der russische Geheimdienst verpflichtet ihn, setzt ihn beim Aufbau der Berliner Polizei ein. Maier verwickelt sich in dunkle Geschäfte, in Schiebereien, muss Berlin verlassen und reist nach Israel. Dort meldet er sich bei der Armee.

Der israelische Geheimdienst erfährt, dass Maier für den russischen Geheimdienst aktiv war, wirbt ihn an und schickt ihn später nach Deutschland. Dort arbeitet er zuerst in der Bonner SPD-Parteizentrale, der sogenannten Baracke. Doch auch der russische Geheimdienst schläft nicht und übergibt alle Informationen der Auslandsspionage der DDR - und Markus Wolf nimmt den Neuberliner in seine Reihen auf.

Pressefreiheit verraten

Das Beklemmende: In seinen Ansprachen auf Empfängen nach dem Ende der deutschen Teilung, stilisiert sich der einstige DDR-Agent zum Hüter westlicher Werte, wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Versammlungsrecht - so als wäre nichts gewesen.  Zeitzeuge Krieger kommentiert dies mit den Worten: "Er hat die demokratische  Gesellschaftsordnung verraten und uns geschadet."

Ähnlich sieht das der Historiker Georg Herbstritt. "Als Vorsitzender der Berliner Pressekonferenz stand Maier auch für die Pressefreiheit ein, aber er kooperierte mit einem System, wo es definitiv keine Pressefreiheit gab."

Zur Anklage kommt es nicht

Erst  Anfang der neunziger Jahre ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen den Ex-Spion. Zur Anklage kommt es aber nicht: 1996 stirbt Maier, die Ermittlungen werden daraufhin eingestellt. Die Frage aber bleibt: Wie wichtig waren diese Informationen für die DDR, wie weit wurden dadurch Entscheidungen beeinflusst oder sogar der Gang der deutsch-deutschen Geschichte verändert? Da müsse die Forschung noch einiges leisten und liefern, so der Historiker Herbstritt. Doch die Öffnung der Stasi-Akten habe es zumindest ermöglicht, Zusammenhänge, Abhängigkeiten und mögliche Einflussnahmen zu erkennen.

Sendung: Inforadio, 08.02.2020, 7.00 Uhr

Beitrag von Ansgar Hocke

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9 Kommentare

  1. 9.

    Vollkommen falsch liegen Sie, da Westberlin nie Teil der BRD war. Berlin (DDR) war ein Teil der DDR. So hatten die Westberlin nie ein Stimmrecht im Bundestag. Die Abgeordneten der Volkskammer hatten volles Stimmrecht. Die Verkündigung von DDR-Gesetzen im Berliner Verordnungsblatt endete auch schon in den Siebzigern.

  2. 8.

    Allein den westlichen Teil von Berlin schon als "Berlin" zu bezeichnen, ist in der Tat ein starkes Stück.
    Allerdings: Auch der östliche Teil von Berlin war keineswegs Teil der DDR, auch wenn die DDR - heute würden wir sagen marketingmäßig - diesen als Hauptstadt ihrer Republik ausgerufen hat.

    Berlin in seiner Gesamtheit - gleich, ob Ost oder West, Nord oder Süd - stand immer unter Hoheit der vier Mächte. Und war damit in seiner Gesamtheit keinem Staate zugehörig. Jeder Beschluss des Bundestages musste einzeln vom Berliner Abgeordnetenhaus bestätigt werden, jeder Beschluss der Volkskammer einzeln von der Berliner Stadtverordnetenversammlung.

    Daran haben sich alle immer gehalten - auch wenn die öffentlichen Erklärungen und Broschüren teilweise recht "quer" dazu lagen ...

  3. 7.

    Zum Glück dürfen wir heute unsere Meinung sagen? Beim RBB?

    @Rbb „russischen Armee ?“ Das Land hieß Sowjetunion. Den Anteil der anderen Völker der Sowjetunion an der Befreiung Europas sollte nicht vergessen werden

  4. 6.

    "Berlin hatte die höchste Stasi-Dichte außerhalb der DDR"
    Man merkt, dass Herr Hocke WESTberliner ist. Arrogant und realitätsverweigernd bis heute?

  5. 4.

    Was soll man auch erwarten, wenn die inzwischen 4x gewendete (also 4x umbenannte)SED heute wieder das Sagen hat, sprich wählbar ist, und sich inzwischen auch wieder als Moralapostel (siehe Thüringen)aufspielen darf.
    Ich finde es auch befremdlich, was in einer einst im Auftrag der SED eingemauerten / geteilten Stadt heute für Leute wieder das Sagen haben (dürfen). -kopfschüttelnd-

  6. 3.

    Natürlich ist es keine Erwähnung wert, daß die Stasi damals in kürzester Zeit 700 KgU-Agenten und -Saboteure festnahm, die anschließend verurteilt wurden. https://www.heise.de/tp/features/Terrorist-im-Bundesverfassungsgericht-3399364.html Die KgU war keine Terrororganisation, und die CIA und BND hatten weiße Westen, damit nichts zu tun und waren freiheitlihch-demokratische Geheimdienste. Das weiß man. Man kennt das.

  7. 2.

    Sehe ich auch so. Wahlen werden heut bereits wiederholt wenn's Ergebnis beim ersten mal nicht genehm war. Gestützt durch die Bundeskanzlerin.
    Schade das die Wähler diesen Teil der Deutschen Geschichte komplett ausblenden.

  8. 1.

    Kommt bald wieder genau wie die Wahlfälscher, wir sind schon auf dem Weg dorthin....

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