Anwohnerversammlung im Blankenburger Süden (Quelle: rbb/Sebastian Schöbel)
Audio: Inforadio | 14.02.2020 | Sebastian Schöbel | Bild: rbb/Sebastian Schöbel

Bauprojekt Blankenburger Süden - Vier Entwürfe für ein Hallelujah

Verdrängung und Verkehrskollaps: 6.000 neue Wohnungen sollen im Blankenburger Süden entstehen, die Anwohner rechnen mit dem Schlimmsten. Mit vier möglichen Konzepten geht der Bezirk in die Offensive, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Von Sebastian Schöbel

Ortskundig studieren mehrere Hundert Blankenburgerinnen und Blankenburger die großen Karten und Skizzen, die auf großen Stellwänden aufgehängt sind: Die Räume einer hippen Veranstaltungshalle unweit der S-Bahnstation Greifswalder Straße sind am Freitagabend rappelvoll. Vier Teams aus internationalen Architekten und Stadtplanern haben insgesamt vier Entwürfe für den Blankenburger Süden entwickelt: aufwändige Grafiken, bunte Zeichnungen, komplexe Diagramme.

Nichts davon sei final, alles nur Denkanstöße und Inspiration für die laufende Bürgerbeteiligung, beteuert Staatssekretär Sebastian Scheel (Linke). "Wir versuchen zu überzeugen, indem wir Bilder produzieren. Um zu zeigen, was das bedeutet, wenn hier 5.000 bis 6.000 neue Wohnungen entstehen."

Schon heute herrscht Verkehrschaos

Dieser Infoabend für Blankenburger Anwohner soll das Desaster von 2018 vergessen machen. "Wir haben verstanden", so Scheel. Damals wurden die Blankenburger mit Plänen für 10.000 neue Wohnungen regelrecht übertölpelt. Der Aufschrei war groß, die Verwaltung sei "zu weit gegangen", sagt Scheel.

Nun sind es nur noch 5.000 bis 6.000 neue Wohnungen. Das hätten viele Anwohner inzwischen auch akzeptiert, sagt Benjamin Stein von der Bürgerinitiative "Wir sind Blankenburger und Berliner". "Baut Wohnungen, wenn ihr das müsst", so Stein. "Aber bitte löst die Verkehrsprobleme, die wir jetzt haben. Und denkt weiter: Karow und Buch mit anbinden!" Denn auch dort werden etliche Wohnungen gebaut oder geplant.

S-Bahnen, Busse und Straßen seien schon jetzt völlig überlastet, berichtet ein älterer Anwohner. "Katastrophal, sie haben den ganzen Tag Stau." Volle Züge der S2 fahren am Morgen schon rappelvoll ein, berichtet eine Frau, die Busse ließen regelmäßig Fahrgäste an der Haltestelle zurück, wegen Überfüllung.

Anwohner träumen von U-Bahnanbindung

Auch Michael Opitz wohnt mittendrin in der Gartensiedlung, die zwischen S-Bahn-Trasse und dem Baugebiet liegt. Er befürchtet, dass die neue Siedlung endgültig den Verkehrskollaps bringen werde. Deswegen helfe nur eins: eine U-Bahn. "Wenn eine Stadt wachsen will, haben wir dafür Verständnis. Aber dann sollte man auch soweit planen, dass man dieses günstige Verkehrsmittel, das viele Menschen bewegen kann, mit einplant und rechtzeitig baut."

Das aber ist teuer und dauert lange, gibt die Verkehrsverwaltung zu bedenken. Sie setzt deswegen ganz auf eine neue Straßenbahnverbindung mitten durch das Neubaugebiet. Die soll aber zum Teil auch durch die bestehende Erholungsanlage mit ihren 1.400 Gartenparzellen rattern. Hier droht einigen Anwohnern die Verdrängung.

Zum Beispiel Karin Lutze: Sie wohnt mit Mann und Kind in einem der kleinen Häuschen. Platz hat sie nur wenig, gerade einmal 50 Quadratmeter. Während nebenan großzügige neue Townhouses entstehen sollen, darf sie an ihrem Haus nicht mal anbauen. "Wir haben einen Antrag gestellt, der wurde abgelehnt." Nun aber steht ihr Haus auch noch der Straßenbahn im Weg. Lutze befürchtet, bald enteignet zu werden. "Wir wissen nicht, was passiert. Und wir befürchten, dass das Land Berlin uns nur 'n Appel und 'n Ei geben wird, und dass wir uns davon keine Wohnung in Berlin leisten können. Wir wissen es nicht."

Der mögliche Verlauf der Tram im Blankenburger Süden

"Ich will nicht weg"

Das befürchtet auch Dirk Kachel. Seine Familie wohne schon seit 92 Jahren in der Blankenburger Siedlung, er selbst sei dort aufgewachsen. "Wir haben viele Leute in der Anlage, die krank geworden sind, weil sie mit der Ungewissheit nicht umgehen können." Das Haus, in dem er wohnt, habe er selber gebaut und inzwischen auch modernisiert. "Mir geht es nicht ums Geld", sagt er, "ich will nicht wegziehen".

Doch Klarheit wird es wohl noch sehr lange nicht geben im Blankenburger Süden: Das aktuelle Werkstattverfahren mit den bunten Planungsentwürfen läuft noch bis Ende April. Dann wird ein Sieger gekürt - auch wenn der Plan selbst nur Grundlage für viele weitere Pläne sein wird.

Über den möglichen Verlauf der Straßenbahn - und damit die betroffenen Gartengrundstücke - wird hingegen frühestens Ende des Jahres entschieden. Ob überhaupt gebaut wird und wenn ja ab wann, steht frühestens 2021 fest.

Beitrag von Sebastian Schöbel

21 Kommentare

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  1. 21.

    Ich begreife das alles nicht. Um neue Wohnungen zu bauen für MENSCHEN, müssen andere MENSCHEN aus ihren Häusern gworfen werden???? Was ist denn das für eine Logik.
    Natürlich auch ganz abgesehen von der Grünen Lunge und dem Wohlfühlfaktor dieser, demnächst rausgeworfenden Leute.

  2. 20.

    Die Planung für den Blankenburger Süden ist seitens der Politik ein festgefahrener Zug. Die ganze Diskussion um den Wohnungsbau in Berlin allgemein ist unerträglich geworden. Dort, wo schon gebaut wurde, sind nur Eigentums- oder Wohnungen im höheren Preissegment entstanden. Und so wird es auch in Blankenburg sein. So wird es nie ausreichend Wohnraum für normal verdienende Bürger geben. In Jahren ist alles zubetoniert und wir und unsere Kinder ersticken ohne Flora und Fauna. Macht weiter so...

  3. 19.

    Es verschlägt einem glatt die Sprache. Je mehr man im Internet nach Berichten und Fotos von der Zwischenpräsentation sucht, umso gruseliger wird das alles. Da ist die Rede vom Schwamm-, Garten- und jetzt kommts, PONYLAND. Dann gibt es so tolle Bilder mit Menschen auf Pferden und so tollen Sprüchen, wie: Reiten wir heute mal wieder nach Malchow? Oder Mutter, Vater und Kind und in einer Sprechblase " Guck mal, Mama! Von unserem Fenster kann ich die Traktoren sehen." Sagt mal liebe Planer, was denkt ihr eigentlich, wen ihr vor euch sitzen hattet? Kleiner Tipp: es war nicht die Kindergartengruppe aus der Kita um die Ecke. Ich bin echt völlig schockiert, wie mit erwachsenden Menschen die Angst um ihre Zukunft haben, umgegangen wird.

  4. 18.

    Die Straßenbahn fährt in zwei Richtungen. Nur eine davon ist an die S-Bahn angebunden.

  5. 17.

    Ich verfolge die ganze Thematik nun schon eine ganze Weile und bin entsetzt wie hier von Seiten der Politik mit den Menschen umgegangen wird. Auch die Veranstaltung am Freitag hat wiedermal bewiesen, dass die Politiker nicht begreifen um was es den Blankenburgern geht. So wie ich das in den letzten Monaten mitbekommen habe, sind sehr viele sogar für eine Bebauung des Feldes allerdings nicht in der geplanten Größenordung. Das Wichtigste ist selbstverständlich die Verkehrssituation, die immer wieder für Diskussionen sorgt. Es ist mir unbegreiflich, dass nach all der Zeit und der weiteren Planung immer noch die Straßenbahn zur Debatte steht. Immer wieder wird aufgezeigt, dass die Straßenbahn über den Blankenburger-Süden zum S-Bahnhof Blankenburg fahren soll. Das beweist, dass auch hier wieder sehr engstirnig gedacht wird und die Sorgen und Ängste der Leute überhaupt nicht für voll genommen werden. Jeder hat ein Recht sein Eigentum zu schützen. KÄMPFT WEITER ! Lasst euch nicht alles gefall

  6. 16.

    Sorry, aber ich glaube Sie wissen nicht, wie es hier jeden Tag aussieht. Straßenbahnen und auch die S-Bahn ist jeden Morgen rappel voll. Man muss jetzt teilweise schon mehrere S-Bahnen fahren lassen, weil man nicht mal mehr rein kommt. Eine Straßenbahn, die noch mehr Fahrgäste zur S-Bahn bringt, löst das Problem leider über haupt nicht.

  7. 15.

    Wie schön und achtenswert die Natur sein kann, aber auch die Bedenken oder Ängste der Bevölkerung.
    Wenn der Mensch so nach und nach das Klima vernichtet, mit übertriebenen Planungen, ob Wohnungsbau oder Verkehrsanbindungen den Boden versiegelt und somit die den Gegenstand verschlimmert, werden wir unseren Kindern und der Umwelt nicht viel hinterlassen
    Ich bin dafür, wenn die Planungen der Quatiere für "MENSCHEN" mit Rücksicht auf auf die Natur und den Klimaschutz begrenzt überbaut werden.
    Begebenheiten der Örtlichkeiten und Verkehrsanbindungen müssen unbedingt berücksichtigt werden und man sollte nicht wahllos die Vorgaben des Senats stillschweigend hinnehmen, nur um die Rahmenplanungen (14.02.2020) vorzustellen, obwohl der Verkehr im gesamten Nordostraum schon vorab hinkt und kaum Beachtung für die zukünftige Planung aufzeigt.
    21.000 geplante Wohneinheiten in Karow, Buch, Buchholz und Blankenburg, sind für den gesamten Nordosten der zukünftige Untergan

  8. 14.

    Werter Herr "Rainerharald“,
    es scheint, Sie gehören mit zu denen, die die Werte von vielen hier lebenden Menschen weder achtet noch schätzt!
    Bevor Sie sich also auf die gleiche Stufe mit den Politikern stellen, die im Blankenburger Süden mit wenig Sachverstand und Empathie denken, planen und agieren, sollten Sie sich erst einmal besser informieren und nicht nur von Kleingärten schreiben.
    Wenn die Senatspläne so umgesetzt werden, wie derzeit geplant, werden hier auch hunderte Alt- Berliner, also Generationen von Frauen, Männern und Kindern entwurzelt. Sie verlieren nicht nur ihren eigenen Grund und Boden, sondern sie verlieren auch ihre eigenen Häuser, ihre Altersvorsorge, ihr soziales Umfeld und ihre Heimat... Jeder dieser Menschen wäre somit von Armut betroffen. Ein Senat, der diesen Menschen erst die Landflächen für Goldtaler verkauft und jetzt für Blechtaler zurückerobern möchte, handelt respektlos, unmoralisch und unsozial. Mehr bezahlbaren Wohnraum ja, aber nicht so!!!
    MfG

  9. 13.

    Viele Garten Besitzer würde neben den bestehenden Eigentümern gerne das kleine Stück ihres Gartens kaufen, Wohnrecht fordern und gerne dafür ihre Wohnung für den freien Markt zur Verfügung stellen. Mann hätte so ganz schnell weiteren Wohnraum für über ca. 2500 wohnungssuchende auf die Schnelle. Und keiner ist gegen eine sinnvolle Bebauung des Feldes wenn die Verkehrslösung vorab geklärt ist aber so ist der Kollaps vorprogrammiert.

  10. 11.

    Ich kann hier nur sagen es ist in den Köpfen noch nicht richtig angekommen. Es gibt in der Anlage nicht nur Pächter sondern auch Eigentümer. Die Eintragung ins Grundbuch und Grunderwerbssteuer mussten dafür entrichtet werden. Also es wurde dafür ordentlich Geld bezahlt, was man mit eigenen Händen erarbeitet hat und es sollte einer Alterssicherung entsprechen. Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihr Eigentum wegnehmen würde.

  11. 10.

    Viele vergessen aber auch, dass hier Eigentümer und Erbbaurechtler ihr zu Hause haben und nicht nur Kleingärtner!

  12. 9.

    Leider haben Sie nicht recht..Die Erholungsanlage Blankenburg ist in Ihrer Struktur einmalig.Sie besteht aus ca 1400 Grundstücken davon gibt es 400 Eihentümer die dieses Grundstück nach dem Sachenrechtsbereinigungsgesetz kaufen konnten, dann haben wir Erbpächtler und Pächter..Somit haben wir als Eigentümer ein Dauerwohnrecht uns gehört der Grund und Boden und das Haus..wir sind in der Nutzung somit nicht eingeschränkt, werden aber vom Land Berlin eingeschränkt da ein Bauverbot verhängt wird da wir ein sogenannter Außerbereich nach $35 Baugesetzbuch sind..das ist hier eigentlich auch fraglich da wir an zusammenhängende Wohngebiete anschließen und bis auf feste Wege eine Erschließung vorhanden ist.Und somit werden wir als Eigentümer in unserer Lebenssituatiin sehr eingeschränkt..MfG

  13. 8.

    Baut endlich Wohnungen, aber bitte nicht bei mir. Und so wird nichts gebaut, wie bei allen Projekten. Viele Gartenbesitzer vergessen, dass die Gärten durch Pacht in der Nutzung eingeschränkt sind, da kein Eigentum.

  14. 7.

    Wir sind seit 1992 Pächter dieser Anlage.
    Wir wollen hier nicht weg.
    Unsere Garten ist unser Leben.
    Dieses ewige hin und her macht uns krank.
    Sollen wir vielleicht noch was bezahlen wenn man uns hier kündigt?!
    Lasst uns doch alle hier wohnen.
    Damit würde Wohnraum freigesetzt.
    Die Menschen hier werden absichtlich verunsichert.
    Welches Spiel treibt man mit uns.
    Es ist eine Schande!!

  15. 6.

    Es handelt sich um eine Referenz auf die Italowestern-Komödie „Vier Fäuste für ein Halleluja“ und ist damit 1. völlig frei von religiösen Bezügen und 2. offen für Interpretationen bezüglich der vorgestellten Entwürfe. Zudem kommen im Artikel mehrere kritische Stimmen von Anwohnern zu Wort. Der Vorwurf, hier sei jemand „über das Ziel hinausgeschossen“, ist damit unbegründet.

  16. 5.

    Stimmt alles. Es geht doch aber auch nicht so weiter-Immer mehr Wohnungen in Berlin; d.h. Zementproduktion ist großer CO2-Erzeuger ! Warum regelt man den Berlinzuzug nicht ? Woanders stehen die Häuser leer. Wir brauchen eine Neubewertung ! Maßnahmen für s Land !

  17. 4.

    Mit dem Blankenburger Süden wird ja nur über ein Teilprojekt gesprochen! Geplant sind ja auch noch Wohnquartiere in Buch und Karow. Wir sprechen jetzt von 40.000 und mehr Wohneinheiten auf engem Raum. Die Infrastruktur ist in den letzten Jahren ständig schlechter geworden, durch Zuzug und Ausbau des Speckgürtels. Letztes Jahr habe ich es mal mit den Öffentlichen versucht, auf Arbeit zu kommen, es war eine Katastrophe. Die neue Straßenbahn wird spätestens ab der Prenzlauer keine Fahrgäste mehr im Berufsverkehr aufnehmen können.

  18. 3.

    Die S-Bahn verläuft nicht sehr weit weg vom Baugebiet. Die Straßenbahn dorthin zu führen, ist deshalb eine schlüssige Idee. Mit der U-Bahn-Idee wird nur auf Zeit gespielt.

  19. 2.

    Da scheint noch manches in Bewegung. Wichtig wäre auch, über Tram und Parkplätze hinaus an eine Bibliothek, eine Jugendfreizeitstätte und z.B. die Musikschule zu denken. Meist reicht die Phantasie der Planer leider nur bis zur Kita.

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