Archivbild: Ein Bild von Hatun Sürücü wird am 07.02.2013 am Gedenkstein für die junge Frau an einer Bushaltestelle in der Oberlandstraße in Berlin gehalten (Bild: dpa/Rainer Jensen)
Video: Abendschau | 07.02.2020 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Rainer Jensen

Wenig Hilfsangebote - An wen sich Hatun Sürücü heute wenden könnte

Als Hatun Sürücü vor 15 Jahren von ihrem Bruder erschossen wurde, war das Entsetzen  groß. Was hat sich seitdem getan? Es gibt Hilfsangebote für bedrohte junge Frauen, doch Expertinnen klagen, dass sie längst nicht ausreichen. Von Josefine Janert

Eva Kaiser leitet eine in Berlin einzigartige Beratungsstelle: Die anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund Papatya. Die Adresse muss aus Sicherheitsgründen geheim bleiben, wie auch Eva Kaisers richtiger Name. An Papatya wenden sich Mädchen und junge Frauen, denen die Zwangsheirat droht.

Jedes Jahr gibt es in ganz Deutschland ungefähr zehn sogenannte Ehrenmorde. 570 Fälle von drohender oder erfolgter Zwangsverheiratung soll es 2017 allein in der Hauptstadt gegeben haben. Diese Zahl ermittelte der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung aus Fragebögen, die an Schulen, Jugendeinrichtungen und Beratungsstellen verschickt worden waren.

Manche Frauen geben auf - und fügen sich ihrem Schicksal

Ihre Kollegin berate eine junge Frau, die zwangsverheiratet wurde und mit 15 Jahren ihr erstes Kind bekam, erzählt Eva Kaiser. "Damals sagte das junge Mädchen sich: Vielleicht schaffe ich es doch wegzugehen. Inzwischen hat die junge Frau ihr fünftes Kind und sagt: Inzwischen schlägt er mich nicht mehr. Ich halt es vielleicht doch noch aus", so Eva Kaiser. "Das ist nicht unser Ziel", betont sie, "aber wir unterstützen den Weg, den die Betroffene gehen will, und stehen ihr da zur Seite."

Die Mitarbeiterinnen von Papatya beraten die jungen Frauen, helfen beim Kontakt mit Behörden und bringen sie im Notfall in einer geheimen Zufluchtswohnung unter. Wenn Frauen in das Herkunftsland ihrer Eltern verschleppt wurden, um dort verheiratet zu werden, versuchen Papatya-Mitarbeiterinnen in Kooperation mit der deutschen Botschaft, sie nach Berlin zurückzuholen.

Online-Beratung ermöglicht einfachen Zugang

Junge Frauen können sich auch online an die Beratungsstelle wenden. "In der Online-Beratung geht es häufig darum: Ich hab einen Freund, aber wenn das meine Eltern mitkriegen, dann weiß ich nicht, was passiert. Womöglich bringen sie mich sogar um. Was kann ich machen?", erzählt Kaiser.

Es sind Frauen mit Wurzeln in streng patriarchalen Kulturen, die sich an Papatya wenden – Wurzeln in der Türkei, Tschetschenien, Afghanistan, Syrien, Pakistan. Zunehmend melden sich auch Frauen, die 2015 als Geflüchtete nach Berlin gelangt sind.

Der Mord an Hatun Sürücü - eine Chronologie

Polizei kann das Problem inzwischen besser einschätzen

Die Mitarbeiterinnen von Papatya klären sie darüber auf, dass Frauen von den Behörden Unterstützung erwarten dürfen, denn die meisten Mädchen wüssten das gar nicht. "Sie kriegen immer gesagt: Die Deutschen helfen dir gar nicht. Es gibt nur die Familie, und wenn du die Familie nicht mehr hast, dann bist du gar nichts", so Eva Kaiser. Damit wüchsen sie auf.

Als Hatun Sürücü 2005 auf offener Straße von einem ihrer Brüder erschossen wurde, war deutschlandweit das Entsetzen groß, und es entbrannte eine politische Debatte um die sogenannten Ehrenmorde. Seitdem sei die Berliner Polizei kundiger und sensibler geworden im Umgang mit Frauen, denen die Zwangsheirat droht, sagt Eva Kaiser.

"Wir arbeiten zum Teil mit der Polizei besser zusammen als mit Jugendämtern. Die erkennen die Brisanz besser." In diesen Fällen ginge es nicht darum, dass ein böser Ehemann seine Ehefrau bedroht, sondern dass ein ganzes Familiensystem bedrohlich ist. "Die Gesetze bei uns sind immer gegen Einzeltäter gerichtet, und das greift nicht in Fällen von diesen Großfamilien."

Unsichere Finanzierung

Nicht nur die Eltern setzen die Frauen unter Druck, sondern der ganze Familienclan. Das bestätigt Monika Michell von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Und genau vor diesem Hintergrund reiche das bestehende Angebot bei weitem nicht aus. Papatya ist ein Angebot für Jugendliche. Wenn eine Frau älter ist oder ein Kind hat, kann sie nicht in die Zufluchtswohnung. Sie müsste in ein Berliner Frauenhaus – doch dort sind die Plätze knapp. Wenn Frauen sich einmal von ihrer gewalttätigen Familie gelöst haben, finden sie in Berlin kaum noch eine bezahlbare Bleibe.

Eva Kaiser von Papatya klagt zudem über eine unsichere Finanzierung. Ihre Beratungsstelle müsse jedes Jahr aufs Neue um die Finanzierung bangen. Auf rbb-Nachfrage erklärt Barbara König, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung: "Insgesamt gibt der Senat jährlich eine halbe Million Euro aus für Beratungen rund um und zur Vermeidung von Zwangsehe, Zwangsverheiratung." Diese Summe fließt in fünf  Beratungsstellen und zum Beispiel auch in Workshops, mit denen Schülerinnen und Schüler über Zwangsheirat und überkommene Männerbilder aufgeklärt werden.

Begleitung oft über Jahre notwendig

Strittig war zuletzt, wie die Online-Beratung von Papatya finanziert werden soll. Da sie auch von Frauen aus anderen Bundesländern genutzt wird, sollten diese auch mit dafür zahlen. Doch diese zogen sich zurück. Die Senatsverwaltung erklärt, dass sie deren Anteil übernommen habe.

Das verschafft Eva Kaiser von Papatya eine Atempause. Doch die Beraterinnen brauchen eigentlich einen langen Atem, sagt Monika Michell von Terre des Femmes. Es gehe darum, diese Frauen zu stärken, dass sie an ihrem selbstbestimmten Leben festhalten. "Das sind oft langjährige Begleitungen!"

Beitrag von Josefine Janert

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11 Kommentare

  1. 11.

    Das kann auch technische Gründe haben:
    Ich habe schon oft miterlebt, dass veröffentlichte Kommentare vorübergehend einfach nicht angezeigt werden.
    Als hätte der Browser Probleme, diese darzustellen, und würde sie ab und an einfach weglassen.
    Der Grund dafür ist mir schleierhaft, da ich solche Probleme von anderen Foren nicht kenne.

  2. 10.

    Ich kann mich erinnern, dass noch einen oder zwei Tage später Blutspritzer auf dem Bürgersteig zu sehen waren, die wegen der Luftfeuchtigkeit allem Anschein nach noch nicht ganz getrocknet waren.
    Die unmittelbar neben dem Tatort befindliche Haltestelle benutze ich aber kaum.
    Denn die Buslinie fährt in dieser Richtung nach Neukölln, bis zur Hermannstraße.
    Und wer will da noch hin.

  3. 9.

    Wer die eigene Schwester ermordet, besitzt keine Ehre.
    Ich wohne ganz in der Nähe des Tatortes, habe Hatun Sürücü aber nicht gekannt.
    Und ich gebe zu, dass mich vieles an solchen Taten wütend macht... dass das Alter des angeblichen Täters eine so große Rolle spielt, dass einem Zweifel daran kommen müssen, ob er die Tat wirklich begangen hat, oder nur den Kopf hinhält, weil er die geringste Strafe zu erwarten hätte... dass es als unschicklich gilt, kulturelle Hintergründe auch mit NEGATIVEN Verhaltensweisen in Verbindung zu bringen... dass solche Verbrecher meinen, zivilisierten Menschen überlegen zu sein...
    F. f.

  4. 8.

    Guten Tag, Hatun Sürücü wurde am 7. Februar 2005 ermordet, wie unter anderem in unserer Bildergalerie zu sehen ist, die den Fall dokumentiert.
    Kommentare bedürfen auf unserer Website einer manuellen Freischaltung und Moderation durch die Redaktion. Diese nimmt viel Zeit in Anspruch. Wir bitten daher um Verständnis, wenn Kommentare nicht sofort erscheinen oder möglicherweise durch den zuständige/n Redakteur/in fälschlicherweise gelöscht werden.

  5. 7.

    Das soll jetzt kein Kommentar sein.
    Irgend etwas stimmt mit der App nicht. Mal werden nur die ersten drei Kommentare angezeigt und dann wieder alle Kommentare., der von mir und ihre Antwort.
    Aber im Text weiter unten steht immer noch 2015. Es fand keine Korrektur statt.

  6. 6.

    @rbb|24: Wann würde die junge Frau ermordet? Als Bildunterschrift 2005 und im Text 2015. Ich bat bereits gestern um Korrektur. Aber scheinbar fliegen, mangels Desinteresse, Kommentare einfach in den Müll. MfG

  7. 4.

    @rbb|24 - ich bitte um Korrektur. Wann war dieser Ehrenmord? Unter dem Bild steht 2005 und im Text 2015. MfG

  8. 3.

    Die Hilfsangebote werden (leider) nie ausreichen, denn es handelt sich um ein strukturelles Problem aufgrund tiefsitzender Tradition in diesem Kulturkreises.

  9. 2.

    Es war nicht so lange her, da war zwischen Rhein und Oder auch keine Selbstverständlichkeit, dass "Ehe" wie sie hier heute verstanden wird (und z.B. in USA werden immer noch Minderjährige "verheiratet" - wobei dort manche behaupten, dass sowas Teil von religiöser Freiheit). Bei uns gab es eine gewisse Umstellung insbesondere zu Zeiten von Otto von Bismarck, im Rahmen von sogenanntem "Kulturkampf".

    Ich habe über diese Thematik z.B. gerade vor paar Tagen etwas ausführlicher geschrieben (auf anderem Server, wo nicht mit Limit von 1000 Zeichen). Knapp zusammengefasst, außenpolitisch, bzw. in Gesprächen über Menschenrechte u.ä., da wäre ich auch weiterhin nicht scheu über unser Verständnis von Sekulärismus zu reden, mit welchem eine inklusive Zivilgesellschaft, "accountability" u.a. von Standesbeamten, und auch freie religiöse Organisationen, wo nicht alle sauer, dass sich mit etwas anderen Themen beschäftigen können als damit welche Art von Windeln denn nun mit päpstlichem Segen.

  10. 1.

    Keine Form der "Ehre" ist ein Menschenleben wert, absolut KEINE..

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