Schulhof in Brandenburg (Quelle: rbb)
Video: Brandenburg aktuell | 13.02.2020 | Franziska Tenner | Bild: rbb

Lehrermangel in Brandenburg - Warum es mit den Seiteneinsteigern nicht gut klappt

Der Lehrermangel in Brandenburg ist so groß, dass es ohne Seiteneinsteiger nicht mehr geht. 2.400 unterrichten zurzeit an den Schulen, Pädagogik lernen sie nebenbei. Ein viel kritisierter Zustand, der sich laut Ministerium aktuell aber nicht ändern lässt.

Der Lehrermangel stellt viele Schulen in Brandenburg nach wie vor vor große Herausforderungen. Seiteneinsteiger sollen die Lücken stopfen, während verstärkt Lehrernachwuchs  ausgebildet wird – so das Konzept des Bildungsministeriums. Doch so ganz geht das Konzept offenbar nicht auf.

Michaela Brückner ist Schulleiterin der Oberschule Beelitz. An ihrer Schule gibt es derzeit zwei Seiteneinsteigerinnen, deren Unterricht sie regelmäßig beobachtet - zusätzlich zu ihren normalen Aufgaben. "Ich hätte gern für die beiden mehr Zeit", sagt sie im rbb-Interview.

Um die Situation zu verbessern, wünsche sie sich eine Ausbildungslehrkraft, die für die Begleitung der Seiteneinsteiger sogenannte Abminderungsstunden bekommt, sagt Brückner – also eine bestimmte Anzahl von Stunden in der Woche, in denen sie nicht selbst unterrichten muss, sondern sich intensiv um die Betreuung der Seiteneinsteiger kümmern kann.

"Das reicht hinten und vorne nicht"

Eine der beiden Seiteneinsteigerinnen ist Claudia Müller*. Sie hat nach ihrem ersten Staatsexamen in der Forschung gearbeitet. Jetzt holt sie in Beelitz ihr Referendariat nach. 16 Stunden in der Woche muss sie gleich von Beginn an unterrichten – nur zwei Stunden stehen ihr nebenher für ihre Ausbildung zur Verfügung. "Das reicht hinten und vorne nicht", sagt sie. Denn in der Zeit sollte sie eigentlich die Seminare und Unterrichtsbesuche vorbereiten, die sie nebenbei absolvieren muss, und bei ausgebildeten Lehrern hospitieren, um von ihnen zu lernen.

Auch von den Eltern kommt Kritik an der momentanen Einarbeitungspraxis. Die Unterrichtsqualität dürfe mit Seiteneinsteigern nicht sinken. Es brauche klare Richtlinien, sagt Markus Kobler vom Kreiselternrat Potsdam. "Bevor ein Seiteneinsteiger auf die Schüler losgelassen wird, muss er erstmal eine pädagogische Grundausbildung zwingend haben", fordert er.

*Name von der Redaktion geändert

Bildungsministerin weist Vorwürfe zurück

Doch trotz aller Kritik: Seiteneinsteiger werden in Brandenburg ins kalte Wasser und die Schulen allein gelassen. Da liegt die Schlussfolgerung nahe, dass das Bildungsministerium seine Hausaufgaben bisher nicht gemacht hat. Doch das weist Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) im rbb klar zurück. Man habe bereits 2017 ein Konzept erarbeitet – im Zuge dessen seien die Ausbildungskapazitäten für Lehramtsstudenten an der Universität Potsdam erhöht worden, sagte sie Brandenburg aktuell. Außerdem würden alle Seiteneinsteiger seither über einen Zeitraum von 15 Monaten berufsbegleitend pädagogisch qualifiziert.

Ausbildungsoffensive wird in sieben Jahren greifen

Für jeden Seiteneinsteiger bekommen Schulen laut Ernst zudem eine Abmildungsstunde. Mehr sei derzeit nicht drin, denn das würde den Lehrermangel weiter verschärfen. Stattdessen gäbe es für engagierte Lehrer eine Zulage von 100 Euro. Optimal sei diese Situation nicht, räumt Ernst ein. "Aber wir müssen auch die Stellen besetzen, die Eltern erwarten natürlich, dass der Unterricht erteilt wird. Und wir stehen wirklich vor der Situation, dass wir nur mit gut ausgebildeten Lehrkräften die Lücke im Moment nicht decken könnten."

Eine oft geforderte pädagogische Ausbildung für Seiteneinsteiger vor dem Eintritt in den Schuldienst sei zwar wünschenswert, aber "manchmal ist die Not so groß, dass die Stelle besetzt werden muss". Dann bleibe nur die berufsbegleitende Qualifizierung, so Ernst.

Sieben bis acht Jahre wird es nach Berechnungen des Ministeriums dauern, bis die Erhöhung der Ausbildungskapazitäten Wirkung zeigt – bis dahin wird der Lehrermangel in Brandenburg Seiteneinsteiger, Schulen und Schüler wohl weiterhin fordern.

Sendung: Brandenburg aktuell, 13.02.2020, 19:30 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Die Schwarz-Weiß-Malerei in der Debatte um die Seiteneinsteiger ist destruktiv. Es geht nicht darum, dass manche Seiteneinsteiger von ihrer Persönlichkeit dazu berufen sind zu unterrichten und die anderen schlichtweg ungeeignet. Es stimmt zwar, dass man eine bestimmte pädagogische Haltung mitbringen sollte, die man nur schwer erlernen kann, aber Methodik und Didaktik ist Handwerkszeug, was jeder (angehende) Lehrer lernen kann und sich auch kontinuierlich darin weiterbilden und verbessern sollte. Dieses Lernen muss allerdings in der Praxis durch Lernen am Modell und Feedback von außen geschehen - selbst der talentierteste Junglehrer kommt
    sonst an seine Grenzen!

  2. 10.

    An der schlechten Unterstützung für SeiteneinsteigerInnen in der Praxis wird sich wohl leider nichts ändern, wenn selbst die Bildungsministerin große Wissenslücken über das aktuell etablierte System aufweist, diese aber mit dreisten Lügen versucht "wegzuargumentieren". "Frau Ernst, Sie haben Ihre Hausaufgaben definitiv nicht gemacht!"

  3. 9.

    Genauso war es, und es war richtig und gut. Aber damals wusste man auch, dass jedes Kind mit etwa 7 Jahren in die Schule kommt, das scheint ja jetzt ein unlösbares Problem zu sein. Auch wusste man, wann die Lehrer in Rente gingen, und das lange genug vorher, sodass die entsprechenden Fächer studiert werden mussten. Aber im Zeitalter der jetzigen Möglichkeiten ein unlösbares Problem. Wie hat man das damals nur ausgetüftelt, wo es nicht einmal Taschenrechner gab....und es trotzdem funktionierte.
    Dieses Affentheater, was jetzt abgeht, ist unfassbar .

  4. 8.

    Mein Vater, Schwiegermutter, Schwägerin und Tochter waren bzw. sind Lehrer. Es ist einfach unglaublich was diese Politik alles so verbricht.
    Dieses gilt aber nicht nur im Lehramt sondern betrifft alle Bereiche. Meine Frage ist warum solche Politiker ohne Ausbildung und Abschluss immer noch gewählt werden?

  5. 7.

    Es stimmt alles was Sie geschrieben haben. Selbst als ich in der 11. u. 12. Klasse war hatten wir Mathe bei einem Dipl.- Ing. Der hatte es im Blut; ebenso unser Geschichtslehrer. Das G.-Buch blieb zu; der redete frei wie heute ein Ableser am Promter; so flüssig. Der kannte Zusammenhänge, die standen in keinem Schulbuch.- Weibergeschichten u. so.- war alles so locker und dann diktierte der L. uns seine Zusammenfassung. Ich denke daran gern zurück.

  6. 6.

    Ja, das kenne ich. Ist bei mir genauso. 2 Abminderungsstunden für 8 Stunden Seminar und die anderen Tage vollgepackt mit Unterricht, kein Ausbildungslehrer, kein Interesse. Berufsbegleitender Vorbereitungsdienst zusammen mit den regulären, schon auf Probe verbeamteten Lehramtskandidaten, die das in 12 Monaten runterbrechen, während man selbst bei schlechter Eingruppierung 24 Monate an seinen smarten Zielen arbeitet, neben den ganzen "freiwilligen" Sachen, wie Fachbereichsleitung, Fortbildungen und Klassenleitung.
    Ich freue mich auf die Ferien... Ostern kommt ja bald.

  7. 5.

    Ich war 40 Jahre im Schuldienst, davon 25 Jahre Lehrer an einem Gymnasium. Mit jedem neuen Bildungsminister wurde das Schulsystem in Brandenburg verändert. Selten zum Positiven.
    Herr Fuchs von der GEW hat bereits vor ca. 15 Jahren genau auf dieses Problem hingewiesen.
    Aber leider hat man ihn und viele andere Mitwirkungsgremien nicht ernst genommen.
    Lehrer ist nicht nur ein Beruf sondern auch Berufung. Dazu gehört eine ordentliche fachliche, pädagogisch/didaktische und auch psychologische Ausbildung. Hier werden keine Werkstoffe bearbeitet. Hier geht es um unsere Kinder und letztlich um unsere Zukunft.
    Wer erwartet, dass er sich vor eine Klasse stellt und alle Kinder hören zu und respektieren ihn der irrt gewaltig. Respekt und Anerkennung bei den Kindern muss man sich erarbeiten und verdienen. Das geht nicht von heute auf morgen und nicht jeder schafft das.

  8. 4.

    Das waren die Neulehrer. Ich kannte noch einige. Nach 75 Jahren stehen wir vor einer ähnlichen Situation.
    Warum redet keiner von einer grundlegenden Reform der Lehrerausbildung. In der DDR waren die Lehrer nach 4 Jahren fertig. Es gab das große Schulpraktikum während des Studiums. Mit 23 Jahren war ich Lehrer mit Berechtigung bis zum Abitur zu unterrichten.
    Die Grundschullehrer (Unterstufenlehrer) kamen nach der 10. Klasse an die Institute für Lehrerbildung. Jährlich fanden Schulpraktika statt und mit 20 Jahren waren sie fertig. Sie haben alle die Wende mit den neuen Anforderungen gemeistert.
    Der gute Wille, als Lehrer zu arbeiten, reicht nicht aus. Und in 7 oder 8 Jahren entlassen wir Schüler mit großen Wissenslücken. Keine Digitalisierung ersetzt fehlendes Grundwissen.

  9. 3.

    Neben dem Seiteneinstieg gibt es noch den Quereinstieg, der noch prekärer verläuft:
    An "meiner" Schule in Brandenburg unterrichten die Quersteiger*innen 23 Stunden an nur vier Tagen, am fünften Tag liegen alle Seminare, die sie absolvieren müssen. Sie haben durch das hohe Kontingent keine Möglichkeit, bei erfahrenen Lehrkräften zu hospitieren (im Referendariat sonst Standard und ein wichtiger Teil der Ausbildung). Die Quereinsteiger*innen müssen zudem bereits als Klassenleitung fungieren und sind im Abitur eingesetzt. Keine der erfahrenen Lehrkräfte ist offiziell für sie zuständig oder erhält eine Abminderung für deren Betreuung - Hospitation als Rückmeldung von Kolleg*innen der eigenen Schule geschieht also aus Freundlichkeit, nicht systematisch. Lediglich von den Seminarleitungen werden die Quereinsteigenden also regelmäßig gesehen (und dann aber auch immer gleich bewertet).
    Diese Situation belastet alle Beteiligten. Wirft man einen Blick nach Berlin ist es nur ein bisschen besser. Die Tatsache, dass unerfahrene Personen nahezu ohne Unterstützung unterrichten sollen, ist m.E. unbegreiflich und zeigt, dass Politik im Bildungsbereich nicht proaktiv handelt, denn der drohende Lehrkräftemangel wurde von den Gewerkschaften bereits seit über einem Jahrzehnt angemahnt!

  10. 2.

    Welch fehlender Weitblick der Verantwortlichen dieses Landes, , denen es egal ist, welche Bildungsmöglichkeiten ihre Kinder haben.
    Wir sind ein Land, das die Bedürfnisse seiner Kinder , aber auch seiner Senioren , egal mit welchen Wurzeln, missachtet und den einzelnen Menschen eher als Störung wahrnimmt , denn als Potential, um dieses Land zu gestalten.
    Es ist nur noch unfassbar.

  11. 1.

    Seiteneinsteiger gab es nach 1945 auch; notgedrungen. Habe nun darüber gelesen. Es gibt Naturtalente, die fast keine Probleme haben als ehemaliger Ing . oder BWL-Absolvent Lehrtätigkeit aufzunehmen. Viele Politiker bilden sich doch aber ein, dass wir alles aufnehmen was die erfinden. Die könnten nie ein Lehramt ausfüllen. Verstanden ? Vorleben; Beispiel sein-so ginge das.

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