Vorsitzender des Islamischen Kulturzentrums der Bosniaken in Berlin Meho Travljanin (Quelle: rbb/Josefine Janert)
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Trotz der Morde in Hanau - "Ich will nicht in Panik geraten"

Nach dem Anschlag in Christchurch 2019 hat das Islamische Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Nach den Morden in Hanau will der Vorsitzende aber nicht überreagieren: Ein Anschlag sei überall möglich, sagt er. Von Josefine Janert

Im Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Berlin haben die rassistisch motivierten Morde von Hanau für Bestürzung gesorgt. "Ich habe mich in die Lage der Familien der Opfer versetzt", sagt ein junger Mann. "Es schmerzt. Was, wenn ich betroffen wäre?" Der gläubige Muslim will sich aber nicht davon abbringen lassen, weiterhin viel Zeit in den Räumen des Zentrums zu verbringen, das er als den "Mittelpunkt seines Lebens" bezeichnet.

Das Kulturzentrum residiert in einem fünfstöckigen Gebäude auf dem Hinterhof eines Wohnhauses in der Adalbertstraße in Berlin-Kreuzberg. Es hat rund 400 Mitglieder. Doch zu den Freitagsgebeten, dem Religionsunterricht für Kinder und vielen anderen Veranstaltungen kommen pro Woche rund 1.000 Personen mit familiären Wurzeln in Bosnien. An den Wänden des Zentrums hängen Bilder von Kindern. Fotos zeigen diverse Bundespolitiker bei ihrem Besuch in der Adalbertstraße: Der damalige Bundespräsident Christian Wulff (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) - sie alle haben hier Hände geschüttelt und mit den Bosniaken diskutiert.

Taschen müssen am Empfang abgegeben werden

Meho Travljanin ist der Vorsitzende des Kulturzentrums. Dass in Hanau Menschen mit Migrationshintergrund einem mutmaßlich rechtsextremistischen Anschlag zum Opfer gefallen sind und am Donnerstag auch noch in einer Londoner Moschee ein Muslim niedergestochen wurde, bringt ihn nicht aus der Ruhe. "Ich will nicht in Panik geraten", sagt er.

Schon nach den Ereignissen in Christchurch im März 2019 habe der Vorstand über Sicherheitsvorkehrungen für das Zentrum diskutiert, sagt Meho Travljanin. Man habe auch Gespräche mit Fachleuten vom Bundesinnenministerium, der Senatsverwaltung und der Polizei geführt, die Moscheegemeinden angesichts der Terrorgefahr Beratungen angeboten hätten. "Wir haben eine komplette Kameraüberwachung eingeführt", sagt Travljanin. Taschen müssen an einer Garderobe am Empfang abgegeben werden. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentrums sind instruiert worden, aufmerksamer zu sein.

Jede Woche wird eine Moschee angegriffen

Nach Recherchen der Internetseite "Brandeilig" wird im Durchschnitt jede Woche eine Moschee in Deutschland attackiert. Doch viele Gemeinden würden die Hassbotschaften, Sachbeschädigungen und das Hinterlassen von Tierkadavern nicht anzeigen, heißt es von den Betreibern der Internetseite, Aktivisten vom Antidiskriminierungsverband "Fair international".

Den Schutz der Berliner Moscheen überprüfte die Polizei erst vor ein paar Tagen - infolge einer Razzia bei mutmaßlichen Mitgliedern einer rechtsterroristischen Vereinigung. Nach dem Anschlag in Hanau diskutieren Politiker nun erneut, wie sicher die Moscheen sind. Meho Travljanin meint, dass die bereits getroffenen Vorkehrungen erst einmal ausreichen. Bisher habe es im Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken noch keinen Zwischenfall gegeben. Und ein Anschlag sei theoretisch überall möglich, auch in der U-Bahn oder auf einem öffentlichen Platz.

"Können wir uns morgen woanders treffen?"

Vor Synagogen stehen aus Sicherheitsgründen bereits rund um die Uhr Polizisten. Für sein Kulturzentrum lehnt Meho Travljanin das ab: "Die Leute kommen hierher, weil sie die familiäre Atmosphäre schätzen. Wenn ein Polizist vor dem Haus steht, ist diese Intimität gestört."

Auch der junge Mann, der seinen Namen nicht nennen will, betont, dass er sich in dem Kulturzentrum grundsätzlich sicher fühle. Doch dann erzählt er: "Ich treffe hier jeden Tag eine Frau aus der Gemeinde. Doch nachdem wir nach Hanau auch noch von dem Angriff auf den Mann in der Londoner Moschee gehört hatten, sagte sie: 'Können wir uns morgen woanders treffen?'"

Sendung:  Inforadio, 22.02.2020, 7 Uhr

Beitrag von Josefine Janert

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