Symbolbild: Berliner U-Bahn (Quelle: dpa/Spremberg)
Audio: rbb|24 | 15.02.2020 | O-Ton Sabine Seyb | Bild: dpa/Spremberg

Interview | Sabine Seyb von Reach Out - "Wo jemand beleidigt wird, kann die Situation leicht eskalieren"

Beleidigungen, Bedrohungen, Übergriffe - gibt es in Berlin jeden Tag. Wann kann oder sollte man als Opfer oder Zeuge eigentlich die Polizei rufen? Immer dann, wenn sich jemand bedroht fühlt, sagt eine Mitarbeiterin der Opferberatungsstelle Reach Out.

Rassistische Attacken und Angriffe auf Geflüchtete, Juden, Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transmenschen oder sogar auf Kinder, zudem zuletzt wieder Fußballfans, die einen schwarzen Spieler rassistisch beleidigen - in den Nachrichten ist regelmäßig von derlei Übergriffen zu lesen.

Und das sind nur die, die es bis dorthin geschafft haben. Viele Taten werden nicht angezeigt und daher weder statistisch erfasst noch strafrechtlich verfolgt. Dabei kann bei jeder Bedrohung oder Beleidigung die Polizei hinzugerufen werden. Es gebe keine Schwelle, die zu niedrig sei, sagt Sabine Seyb von der Opferberatungsstelle Reach Out aus Berlin. Es reiche, wenn sich jemand bedroht fühlt oder sorgt, eine Situation könne eskalieren.

rbb|24: Frau Seyb, ab wann sollte man diskriminierende Bemerkungen oder Attacken der Polizei melden?

Sabine Seyb: Die Frage nach dem "ab wann" ist eine ganz schwierige. Denn die Situationen unterscheiden sich so sehr, dass es keine allgemein gültigen Antworten geben kann. Es kann sein, dass es beispielsweise bei rassistischen oder antisemitischen Äußerungen bleibt, oder dass auf eine Beleidigung ein körperlicher Angriff folgt oder auch, dass Menschen von Neonazis als politische Gegner oder Aktivistinnen erkannt und verfolgt werden. Es geht im Wesentlichen immer darum, ab welchem Punkt sich einzelne Betroffene bedroht fühlen. Sobald das so ist, sollte die Polizei eingeschaltet werden. Wenn Unbeteiligte beobachten, dass jemand gedemütigt oder beleidigt wird aus einer rassistischen oder antisemitischen Haltung heraus, besteht die Gefahr, dass die Situation eskaliert. Sie können deswegen immer die Polizei rufen.

Laien wissen ja auch oft nicht, ob es sich bei einer Äußerung um einen Straftatbestand wie zum Beispiel Beleidigung oder Volksverhetzung handelt. Und das müssen Laien auch nicht wissen. Es ist die Aufgabe der Ermittlungsbehörden und der Staatsanwaltschaft, darüber zu entscheiden. Wer zur Polizei geht, muss auch nicht sagen, welchen Straftatbestand er anzeigen will. Es ist nicht einmal die Aufgabe der hinzugerufenen Polizei direkt vor Ort zu sagen, dass etwas ein Straftatbestand ist oder nicht. Ihre Aufgabe ist es zunächst einmal, das aufzunehmen, was ihnen berichtet wird. Um welchen Straftatbestand es sich handeln könnte, wird gegebenenfalls erst später entschieden.

Und wenn die Polizei vor Ort sagt, es sei keine Straftat?

Wer abgewiesen wird, weil es sich vermeintlich nicht um eine Straftat handelt, sollte sich nicht abschrecken lassen. Sondern darauf bestehen, dass der Vorfall zunächst aufgenommen wird von der Polizei und sie auch eine sogenannte Vorgangsnummer bekommen. Dann sollten sich Betroffene und Zeugen und Zeuginnen möglichst auch bei einer Beratungsstelle melden und sich unterstützen lassen. Nicht zuletzt dokumentieren wir bei Reach Out die Angriffe in anonymisierter Form und führen eine Statistik darüber, wo in Berlin welche Angriffe und Bedrohungen passieren. Aber die Frage, ob und wann man die Polizei rufen kann, muss sich niemand aus der Angst heraus stellen, etwas falsch zu machen.

Was kann man als Zeuge noch machen?

Andere Passanten und Passantinnen beziehungsweise Fahrgäste miteinbeziehen. Auch als Unbeteiligte sollten  immer versuchen, die bedrohte oder angegriffene Person aus der Situation herauszubekommen. Dafür ist es oft  gar nicht unbedingt nötig, sich direkt mit dem Angreifer oder der Angreiferin anzulegen. Es ist nicht immer einfach, weil die Situationen oft schwierig und unübersehbar sind. Man sollte immer realistisch einschätzen, welche eigenen Möglichkeiten man hat. Aber die Polizei rufen oder dem Busfahrer Bescheid sagen, können eigentlich alle.

Wenn es möglich ist, kann man den Betroffenen signalisieren, dass man das, was gesagt wurde oder wie sich jemand verhalten hat, empörend findet, dass man da bleibt und bereit ist, Zeugin zu sein. Das kann den Opfern manchmal sehr dabei helfen, solche Situationen zu verarbeiten.

Bei kritischen Situationen handelt es sich ja oft um flüchtige Szenen im öffentlichen Raum. Da besteht ja auch die Gefahr, dass sich ein Angreifer unerkannt aus dem Staub macht. Darf man so jemanden dann auch festhalten oder Fotos von ihm oder ihr machen?

Anfassen oder festhalten ist immer ganz schwierig. Da können Situationen leicht eskalieren. Fotos darf man machen, solange sie nicht veröffentlicht werden, ist das nicht verboten. Ob es allerdings hilft, ein Foto zu haben, ist die Frage.

Kann die Sache mit der Polizei auch leicht nach hinten losgehen? Man hört manchmal, dass hinzugerufene Polizisten mitunter auch rassistische Haltungen hätten - und am Ende steht das Opfer schuldig da. Passiert das in der Realität oder ist das eher ein Mythos?

Das ist kein Mythos. Das passiert immer wieder. Wenn Polizeibeamte und -beamtinnen an den Ort des Geschehens kommen, dass sie selbst rassistisch agieren. Dass für sie die schwarze Person dann automatisch der Täter oder die Täterin ist und die weiße Person das Opfer. Dass es da zunächst "Missverständnisse" gab, hören wir in Beratungssituationen sehr oft. Das muss dann erst einmal aufgelöst werden. Deshalb ist es so wichtig, dass auch unbeteiligte Zeugen möglichst bei den Betroffenen bleiben. Das kann bei etwaigen späteren Ermittlungen sehr helfen.

Man sollte also in jedem Fall die Polizei rufen?

Es kann auch sein, dass es für die Betroffenen eher alltägliche Situationen sind – wie Blicke, Beleidigungen im Vorübergehen - die ihm oder ihr jeden Tag passieren. Da sagen sich viele, dass sie viel zu tun hätten, wenn sie das alles anzeigen würden. Sie wollen das dann gar nicht. Wenn möglich, sollten sich unbeteiligte Personen im Zweifelsfall daher auch mit dem Opfer verständigen, ob die Polizei hinzugerufen werden soll oder nicht.

Hat sich in den vergangenen Jahren die Grenze dessen, was "man ja wohl noch mal sagen" darf, verschoben? Fallen Diffamierungen im Alltag leichter?

Da würde ich eindeutig ja sagen. Ich arbeite schon lange im Bereich Anti-Rassismus. Wenn ich mir die letzten 30 Jahre anschaue, kann ich sagen, dass es weniger Tabus gibt. Und auch die Gewissheit, dass einem niemand widersprechen wird, wenn man sich rassistisch äußert und zum Beispiel abfällig über Geflüchtete spricht. Viele kennen das ja sogar aus ihrem unmittelbaren Umfeld, dass da plötzlich rassistische Sprüche fallen von Leuten, bei denen sie es vorher vielleicht nie gedacht hätten. Die hätten es vorher vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen.

Ein Meilenstein dahingehend war sicher das Buch von Thilo Sarrazin. Empörend war da aber nicht nur das Buch selbst, sondern vor allem die Debatte darüber. Da wurden dann so viele Ressentiments und Rassismen geäußert. Aber die Grenze des Sagbaren hat sich auch durch die Normalisierung der AfD verschoben. Durch deren Präsenz in den Parlamenten werden rassistische Thesen ja öffentlich geäußert und verbreitet. Das wirkt sich auf das aus, was den mit den Anfeindungen gemeinten Menschen im Alltag wiederfährt. Es gibt ja ein Zusammenspiel von gesprochenem Wort und dem, was dann tatsächlich an gewalttätigen Angriffen passiert. Das sehen wir immer wieder.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

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5 Kommentare

  1. 5.

    solang die Beleidigung und Herabwürdigung von Mitmenschen nur dann gilt/strafbewehrt ist wenn sie vom Gesetz bezeichnete Gruppen betrifft und nicht für jeden anderen auch
    solang halte ich die Dame im Beitrag und auch alle anderen Eiferer für verlogen
    Diese ach so demokratische BRD hat 75 Jahre gebraucht um alle im Kz eingesperrten als als Opfer anzuerkennen.
    nicht der Mensch steht im Vordergrund sondern seine vermeintliche Herkunft
    Ausgrenzung und Selektion geht weiter

  2. 4.

    Sowas passiert in einer Stadt, wo viel zu viele Menschen mit so vielen Problemen auf engem Raum zusammen leben und die Politik immer feste auf Einzelgruppen "einschlägt" und ein vergiftetes Klima schafft.

  3. 3.

    Wenn man den Täter nicht selber festhält bis die Polizei eintritt wird das Verfahren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eingestellt. Photos oder Videos bringen nichts. Auch wenn man den Täter so selbst der Polizei übergibt stehen die Chancen schlecht, dass es zu einer Verurteilung kommt wenn es keine Verletzungen gab.

  4. 2.

    @KurtMeister: Vorsicht mit dem Ruf nach Bodycams. Nachher werden noch Dinge dokumentiert, die nicht sein können, weil sie nicht sein dürfen.

    Ich trage auf dem Weg zum und vom Training Shirts oder Jacken, auf denen das Emblem meiner Sportart aufgedruckt ist, inkusive der hebräischen Buchstaben. Als ich das mal im Bekanntenkreis erzählte, kam sofort die Frage: Und, bist du schon von Nazis angepöbelt worden?" Meine Antwort, mit der viele nichts anfangen können: "Nein, noch nie."
    Vielleicht sind Nazis zu dumm, um hebräische Buchstaben zu erkennen. Tatsache ist aber, das ich in der U-Bahn schon mehrfach als "Jehudi" sowohl verbal als auch körperlich von südländisch ausehenden Personen angegegangen wurde.

    Darf ich als Biodeutscher die Aggressoren dann auch gem. §127 StPO arretieren und die Polizei rufen oder passt das dann nicht ins Gesamtbild?

  5. 1.

    Vielen Dank für den Artikel.
    @rbb24: Gibt es auch ein aktuelles Interview mit Polizeibeamten oder eine Doku über die täglichen Einsätze?
    Man sollte schnellstmöglich flächendeckend Bodycams bei der Polizei einführen.

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