Das Schiff der Berliner NGO Mare Liberum läuft in den Hafen von Mytilene, der Inselhauptstadt von Lesbos, ein. (Quelle: rbb/B. Kietzmann)
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Video: rbb|24 | 11.03.2020 | Material: Nico Schmolke, John Kranert | Bild: rbb/B. Kietzmann

Lage der Geflüchteten vor Lesbos - Warum ein Berliner Schiff nicht in den Hafen einlaufen konnte

Tagelang lag die Mare Liberum ohne Hafen vor Lesbos - die Polizei konnte nicht für die Sicherheit der Besatzung garantieren. Nun durfte das Berliner Schiff, das die Lage der Geflüchteten beobachtet, endlich einlaufen. Wie es weitergeht, ist unklar. Von Nico Schmolke

Ist ein Boot nicht auf See, liegt es normalerweise im Hafen. Die Crew versorgt sich, betankt das Schiff, bereitet sich auf die nächste Mission vor. Aber in Griechenland ist gerade nichts normal: Bis Mittwoch war das Berliner Schiff Mare Liberum tagelang nur mit einem Beiboot von der Insel Lesbos zu erreichen. Dort kommen immer wieder Geflüchtete an, die von der Türkei auf die griechische Insel übersetzen.

Einsatzleiterin Flo Strass holte mich für einen Besuch an Bord mit einem kleinen Boot an einem verlassenen Küstenstreifen ab. Eigentlich ist die Berlinerin Theaterpädagogin, aber jetzt koordiniert sie ehrenamtlich die Arbeit der Mare Liberum. Seit Tagen bestand die Arbeit allerdings eher darin, endlich wieder Arbeit zu haben. Denn Flo ist mit der Mare Liberum hier, um Menschenrechtsverletzungen auf dem Meer zu beobachten. Doch daran wurde sie jetzt tagelang gehindert. Das Schiff lag in einer verlassenen Bucht, fern von der türkischen Küste und fern von ihrer eigentlichen Mission. Die sechsköpfige Crew verbrachte ihre Tage damit, Pressearbeit zu machen und das Schiff in Ordnung zu halten.

Lesbos Mare 2. (Quelle: rbb)
Tagelang lag die Mare Liberum in sicherer Entfernung zum Ufer vor Lesbos | Bild: rbb

Weil der Motor des Beiboots kaputt ist, wird zur Mare Liberum gepaddelt. An Bord des Hauptschiffs führt Strass über das Deck, zeigt Ferngläser und Karten. Im Boot spielte sich, fern vom offenen Meer, eine Art WG-Leben ab. Es wurde zusammen gekocht, in engen Kajüten geschlafen, gemeinsam das weitere Vorgehen besprochen. "Ich bin gerne hier auf dem Boot", sagt Strass. "Aber ich habe die Schnauze voll von dieser politischen Situation."

Angriffe auf Lesbos

Vor einer Woche bedrohten aufgebrachte Griechen im Hafen von Mytilene die Besatzung und kippten Benzin auf das Schiff. Auf Lesbos war die Lage eskaliert, als die griechische Regierung ein weiteres Lager auf der ohnehin schon völlig überfüllten Mittelmeerinsel bauen wollte. Die Inselbewohner verhinderten die Pläne mit massiven Protesten.

Doch einige Inselbewohner wagen nun, teilweise unterstützt von zugereisten Rechtsextremen aus Frankreich und Deutschland, den nächsten Schritt: auch die Geflüchteten, Journalisten und Hilfsorganisationen von der Insel vertreiben. So geriet auch die Mare Liberum in den Fokus. Die Polizei teilte mit, dass sie die Sicherheit des Boots an einem Hafen derzeit nicht garantieren könne.

Lesbos Mare 4. (Quelle: rbb)
Flo Strass an Bord der Mare Liberum | Bild: rbb

Mission in Gefahr

Der Berliner Verein Mare Liberum entstand 2018. Sein Boot fuhr vor die Küste der griechischen Inseln, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Flüchtlinge kommen mit Booten die wenigen Kilometer vom türkischen Festland über das ägäische Meer, um Inseln wie Lesbos und damit die Europäische Union zu erreichen. Doch auf See werden sie teilweise von der Küstenwache abgedrängt oder trotz Notlage nicht gerettet – die Mare Liberum hat solche Vorfälle immer wieder dokumentiert. "Allein die Tatsache, dass wir in die Nähe sind, beeinflusst die Situation", begründet Strass ihre Mission. Wer sich beobachtet fühlt, hält sich eher ans Recht.

Doch nun ist die Mission in Gefahr: Die griechische Regierung verbietet derzeit allen Sportbooten, vor den Inseln zu fahren. Es ist kein Geheimnis, dass sie sich dadurch freie Hand auf hoher See erhofft. „Gerade in der jetzigen Situation ist es ein klares Ziel, zivile Beobachter*innen fernzuhalten“, meint Strass. Flo Strass wird am Mittwoch 33 Jahre alt. Ihr schönstes Geburtstagsgeschenk ist jetzt der sichere Hafen.

Lesbos Mare 1. (Quelle: rbb)
| Bild: rbb

Seit Mittwochnachmittag liegt die Mare Liberum jetzt in einem abgesperrten und bewachten Hafenbereich, und die Polizei garantiert erstmals seit Tagen Sicherheit. Es gibt Zeit, um die Vorräte aufzufüllen, zu tanken, die Crew auszutauschen – und den kaputten Motor des Beiboots zu reparieren. Ob Strass und ihr Team dann auch wieder aufs Meer fahren können, oder sich erneut in eine sichere Bucht zurückziehen müssen, ist weiterhin unklar.

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Beitrag von Nico Schmolke

6 Kommentare

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  1. 5.

    Stellen sie doch gleich die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen wie z.B. AI in FRage.

  2. 4.

    Es sind ja nicht die "Inselgriechen", sondern Rechtsextremisten, die die Situation, wie bei uns, ausnutzen.

  3. 3.

    Faszinierend, Sie sind mit einem zumindest nicht eindeutig zustimmenden, möglicherweise sogar kritischen Kommentar durchgedrungen.

    Mir wird das wahrscheinlich auch im zweiten Versuch nicht gelingen, da offenbar die Frage, welche Legitimation eine Berliner NGO haben könnte, die Handlungen der Ordnungskräfte eines souveränen Staats auf Rechtskonformität zu prüfen, gegen irgendeine ungeschriebene Kommentarrichtlinie verstößt.

  4. 2.

    warum die Inselgriechen so aufgebracht sind wird nicht erwähnt

  5. 1.

    "Vor einer Woche bedrohten aufgebrachte Griechen im Hafen von Mytilene die Besatzung und kippten Benzin auf das Schiff."

    Genauer gesagt gingen die gewaltätigen kriminellen Handlungen auch von auf die Insel angereisten Rechtsextremisten aus.

    https://www.tagesschau.de/ausland/lesbos-fluechtlinge-angriffe-101.html

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