Straßenszene in der Sonnenalle, Berlin-Neukölln (Quelle: imago images/Rothermel)
Audio: Inforadio | 11.03.2020 | Sebastian Schöbel | Bild: www.imago-images.de/Rothermel

Reach-Out-Bilanz für Berlin - Opferberatung zählt deutlich mehr rassistisch motivierte Angriffe

Rechtsextreme, rassistische oder antisemitische Motive führten im vergangenen Jahr in Berlin häufiger zu Straftaten. Das geht aus Zahlen der Opferberatungsstelle Reachout hervor. Besonders häufig waren demnach Muslime das Ziel.

Nach Einschätzung der Berliner Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Gewalt, Reach Out, ist die Zahl der Gewalttaten in Berlin im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Demnach wurden im gesamten Jahr 390 solcher Taten registriert, das sind 91 mehr als 2018. 509 Menschen seien verletzt oder bedroht worden. Darunter sind den Angaben zufolge 32 Kinder und 31 Jugendliche.

Wie Reach Out weiter mitteilte, waren mehr als 55 Prozent der Angriffe rassistisch motiviert. Bei 34 Taten sei ein antimuslimisches Motiv festgestellt worden, 30 hätten sich konkret gegen Schwarze Menschen gerichtet und fünf gegen Sinti und Roma.

Mehr als die Hälfte rassistisch motiviert

Deutlich zugenommen auf 105 Fälle haben der Statistik zufolge auch die Angriffe auf Lesben, Schwule und Transgender. 2018 waren es noch 63 Angriffe gewesen. Leicht gesunken ist die Zahl antisemitischer Angriffe (31) sowie solcher auf den politischen Gegner (17).  

Bei den meisten von Reach Out dokumentierten Angriffen handelt es sich um Körperverletzungen (219), gefährliche Körperverletzungen (121) und massive Bedrohungen (43). Zudem habe es zwei Tötungsversuche gegeben - in Mitte wurde einem Obdachlosen mit einer abgebrochenen Flasche in den Hals gestochen, in Treptow wurde auf eine Flüchtlingsfamilie geschossen.

Zentralstelle bei der Staatsanwaltschaft

Die Berliner Staatsanwaltschaft kündigte am Mittwoch an, eine Zentralstelle für Hass-Kriminalität einzurichten. Dies sei eine Reaktion auf die rechtsextremen Anschläge von Halle und Hanau, sagte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Die Zentralstelle soll künftig die Ermittlungen bei allen vorurteilsmotivierten Delikten koordinieren und auch das Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden stärken.

"Die Enttabuisierung der Sprache spiegelt sich auch in den Taten wieder", kommentierte Behrendt die Zahlen von Reach Out. "Dass dabei auch immer wieder Kinder und Jugendliche angegriffen werden oder zusehen müssen, wie die eigenen Eltern oder Freunde gedemütigt oder geschlagen werden, verschlägt einem die Sprache", so der Justizsenator.

Die Berliner Polizei hatte am Montag für 2019 von 153 politisch motivierten Gewaltdelikten von Rechtsextremisten gesprochen. Die Fallzahlen von Reach Out unterscheiden sich von den Angaben der Polizei, da auch Meldungen von Opfern, Initiativen oder Zeugen aufgenommen werden, die sich nicht an die Polizei wandten. Zudem würden auch solche Vorfälle als Angriff eingestuft, die im Sinne des Strafgesetzbuches nicht unbedingt als Gewalttat gewertet würden, zum Beispiel die traumatischen Folgen nach einer Sachbeschädigung.

Sendung: Inforadio, 11.03.2020, 11.00 Uhr

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