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LeineOderBleibt/Lea Hermann
Video: rbb|24 | 24.03.2020 | Grit Lieder | Bild: LeineOderBleibt/Lea Hermann

Anwohnerprotest in Corona-Zeiten - Neuköllner klappern auf Balkonen für die eigene Wohnung

In acht Wochen einen Käufer für einen ganzen Wohnblock finden - und das mitten in der Corona-Krise: Anwohner im Schillerkiez in Neukölln wollen das trotzdem versuchen. Und das, obwohl Ämter und Behörden reihenweise schließen. Von Grit Lieder

Mehr als 100 Mieter und Mieterinnen trommeln auf alles, was die Küche hergibt. Sie stehen mit Eimern, Töpfen und Kochlöffeln auf ihren Balkonen. Das Scheppern aus dem Wohnblock in der Leine-/Ecke Oderstraße in Berlin-Neukölln hallt über das Tempelhofer Feld. Die riesige Freifläche ist auch an diesem Wochenende gut besucht, viele Spaziergänger filmen die Aktion.

Das Geschepper ist jedoch kein Dank an Ärzte oder Verkäufer, es ist Protest in Zeiten der Corona-Krise. Die Anwohner wollen auf ihre verzwickte Lage aufmerksam machen, denn ihr Haus wurde verkauft. Was sich jetzt für die insgesamt 164 Wohnungen ändert, wissen die Mieter nicht. Ihr neuer Vermieter hat sich bisher nicht vorgestellt und ist auch nicht im Grundbuch eingetragen. Hinweise aus dem Umfeld der Mieter ergaben, dass es sich möglicherweise um einen ausländischen Investor handelt.

Vom Vermieterwechsel erfahren die Bewohner per Post

"Das ist dramatisch", sagt Bewohnerin Margit. Die blonde, zierliche Frau ist seit drei Jahren in Rente, doch an Ruhestand ist gerade nicht zu denken. "Ich bin jetzt 66. Vielleicht meldet der neue Eigentümer Eigenbedarf an, wenn ich 78 bin." Weitaus ältere Mieter würden es nicht anders sehen, sagt sie. "Irgendwie haben sie das Gefühl, sie können gleich ins Grab wandern, oder ins nächste Altenheim."

In dem Wohnblock leben rund 320 Menschen, manche seit 46 Jahren. Dass sie einen neuen Vermieter haben, erfuhren die Bewohner Anfang Februar - beim Öffnen des Briefkastens. Meike erinnert sich noch gut: "Da kam ein Umschlag, nicht verschlossen, nicht personalisiert, gerichtet an alle Mieter. Und da stand drin, dass das Haus verkauft ist. Das war einfach scheiße." Jetzt steht die 34-Jährige auf ihrem Balkon und schlägt auf einen weißen Eimer aus Emaille.

Absender des Umschlags war das Bezirksamt Neukölln, im Schreiben enthalten war eine Einladung zu einer Informationsveranstaltung. Hier erfuhren die Mieter, dass es Möglichkeiten gibt, wie es in ihrem Sinne weitergehen könnte. Denn ihr Wohnblock liegt in einem der 58 Berliner Milieuschutzgebiete.

LeineOderBleibt steht auf einem Transparent. (Quelle: rbb|24/Grit Hartung)

Acht Wochen Zeit, um die Nachbarn kennenzulernen

Hier gilt seit Inkrafttreten des Milieuschutzgesetzes 2015 eine spezielle "Hausordnung". Sogenannte "soziale Erhaltungssatzungen" regeln, was Hausbesitzer mit ihrer Immobilie unter anderem nicht dürfen: zum Beispiel ohne Genehmigung das Badezimmer luxussanieren oder einen zweiten Balkon anbauen.

Doch das beruhigt die Anwohner nicht. Ihr Ziel: Der Bezirk Berlin-Neukölln soll von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, einem weiteren Bestandteil des Milieuschutzgesetzes. Dabei kann der Kaufvertrag zum genannten Kaufpreis durch einen gemeinwohl-orientierten Dritten übernommen werden, bespielweise durch städtische Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften. Das Problem: Es gilt eine Frist von acht Wochen. Für die Bewohner der Leinestraße endet sie am 14. April 2020.

"Schon wieder scheiße", bringt es Meike für viele Hausbewohner auf den Punkt. Denn die Bewohner haben schon 35 Gesellschaften sowie Genossenschaften angeschrieben, mehr als die Hälfte hat bereits abgesagt. "Was mich besonders verwundert hat: Es waren die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, die wegen des Mietendeckels abgesagt haben. In dieser Situation würden sie keine weiteren Häuser aufkaufen", informiert Rentnerin Margit die Nachbarn und zeigt auf ihre Notizen.

Mieter fordern vom Bezirk, Vorkaufsrecht geltend zu machen

Was die Bewohner jetzt wollen? Auf ihre Lage aufmerksam machen. Doch das geplante Hoffest und der Protestmarsch durch den Kiez mussten wegen des Coronavirus abgesagt werden. "Und dazu kommt die Sorge, dass die Ämter zumachen und dieser gesamte Vorkaufsprozess nicht abgeschlossen werden kann, auch wenn sich ein dritter Käufer findet", sagt Bewohnerin Sabrina in gebührendem Abstand zu fünf Nachbarn, die stumm nicken.

Diese Sorge kann der Neuköllner Bezirksstadtrat Jochen Biedermann (Grüne) aktuell nicht teilen. Obwohl vieles, was er vor einer Woche noch für unmöglich gehalten hätte, nun einträfe. Damit meine er die Entwicklungen im Zuge der Corona-Krise, sagt Biedermann im Gespräch mit rbb|24. Für den Wohnblock im Schillerkiez sieht er jedoch genügend Zeit: "Solange noch Kuriere fahren, die einen etwaigen Kaufvertrag zustellen können und die Wohnungsgenossenschaften ihre Versammlungen abhalten, ist das in der Frist zu schaffen."

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2 Kommentare

  1. 2.

    Peter, das ist mal wieder typisch verständnislos! Die Entwicklungen auf dem Berliner Immobilienmarkt waren wirklich nicht dazu angetan Mietern Mut zu machen, wenn Investoren im Spiel waren. Wach mal auf! Wenn die Leute sich jetzt schon Gedanken machen, sehe ich das nur als vorausschauend an, bevor sie den Arschtritt kriegen. Also halt dich mit oberflächlicher Kritik als nicht Betroffener zurück. Die Rendite deines Vermögens wird dadurch schon nicht sinken!

  2. 1.

    Mich stört, dass Wohneigentum ins Ausland verkauft werden kann. Diese sind doch nur am schnellen Geld interessiert. Altmieter werden vertrieben, um teuer zu sanieren und noch teurer dann zu verkaufen. "Investor" ist für mich ein ziemlich irreführender Begriff.

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