Archivbild: Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war. (Quelle: dpa/B. Jutrczenka)
Bild: dpa/B. Jutrczenka

Anschlag auf Berliner Breitscheidplatz 2017 - Zettel am Tacho des Attentats-Lkws übersehen

Bei der Spurensicherung nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt hat die Berliner Polizei eine Notiz übersehen, die im Führerhaus des Lastwagens lag. Wie aus einem Vermerk des Bundeskriminalamtes (BKA) vom 12. Januar 2017 hervorgeht, wurde die handschriftliche Notiz erst rund drei Wochen nach dem Anschlag bei einer erneuten Durchsuchung des Führerhauses des Tatfahrzeugs durch das BKA gefunden.

Auf einem Zettel stand, mit einem Schreibfehler, der Name der Straße, die zum Tatort führt: "HARDENBERGSTRB". Der BKA-Beamte, der den abgerissenen Papierstreifen damals fand, sagte am Donnerstag als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Bundestages zu dem Anschlag, der Zettel habe auf der Tachoanzeige gelegen.

Haben Gesinnungsgenossen Amri bei der Tat geholfen?

Wie aus einem im Mai 2017 erstellten Bericht hervorgeht, befanden sich auf dem Zettel Spuren des Attentäters Anis Amri, des von ihm getöteten polnischen Lkw-Fahrers und einer dritten Person. Ob sich Amri den Namen der Straße, die zum Breitscheidplatz führt, selbst notiert hatte, oder ob ihm das ein Komplize aufgeschrieben hatte, ist bis heute nicht bekannt. 

Amri war am 19. Dezember 2016 mit dem gekaperten Lastwagen über den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast, wo er weitere elf Menschen tötete. Der Tunesier hatte Kontakte ins Salafistenmilieu und war Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Nach dem Anschlag floh er nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. Eine Geldbörse mit einem Ausweis von Amri war im Führerhaus des Lastwagens erst am Nachmittag des Folgetages entdeckt worden. Ob ihm Gesinnungsgenossen bei der Vorbereitung der Tat halfen, ist strittig. Politisch brisant ist diese Frage auch, weil es in den Kreisen, in denen Amri verkehrt hatte, damals mehrere Informanten von Polizei und Verfassungsschutz gab.

"Ermittlungen mit Scheuklappen"

"Es scheint, als sei hier nicht mit höchster Akribie gearbeitet worden", kritisierte der FDP-Innenpolitiker Benjamin Strasser. Aus solchen Spuren hätten sich weitere Ansätze für die Ermittlungen zu Mittätern ergeben können. Ihm sei damals sofort klar gewesen, "dass dieser Zettel relevant sein könnte", sagte der BKA-Beamte. Er habe aber nicht den Eindruck gehabt, dass die Berliner Polizei bei der Spurensuche "grob fahrlässig" gehandelt habe.

Diskutiert wurde im Untersuchungsausschusses auch, dass die Ermittler damals nicht ausgeschlossen haben, dass zusammen mit Amri noch ein Mittäter mit im Fahrzeug war, der womöglich sogar den Lastwagen gesteuert haben könnte. "Das BKA hat in der Causa Amri Ermittlungen mit Scheuklappen geführt", sagte die Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic. Auch bei der Bearbeitung der Spuren sei Hinweisen, die die Einzeltäterthese der Polizei infrage gestellt hätte, nicht nachgegangen worden.

9 Kommentare

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  1. 9.

    Sie müssen uns mal verraten was Hr. Müller mit dem BfV und dem Versagen des Berliner VS und Polizei zu tun hat.

    Zuständig war 2017 Innensenator Geisel und der zeigte seine eigene Behörde an! Mir machen die Rechtspopulisten und -extreme, die aus solchen Versagen, wenn es denn überhaupt Versagen war, Kapital schlagen wollen genauso viel Angst wie dieser Staat im Staate, der meint sich außerhalb jeglicher parlamentarischer Kontrolle stellen zu müssen.

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/verdacht-der-strafvereitelung-im-fall-anis-amri-innensenator-geisel-zeigt-berliner-lka-an/19817938.html

  2. 8.

    Begreifen kann ich nix mehr. Habe gerade das Foto betrachtet; der Pfosten hinter dem Auto wirft bei mir Fragen auf. Oder täuscht das Foto so ?

  3. 7.

    Antwort auf Mark: Aus diesen und anderen Gründen braucht Herr Müller eine weitere Amtszeit als Regierender Bürgermeister zur Lösung dieser Probleme.

  4. 6.

    Sie müssen uns mal verraten was das mit Prävention zu tun hat? Man sieht das syytematische Versagen der Behörden oder sollte man bei der Ermittlung versagen, weil "befreundete" Dienste involviert waren? Das Beispiel NSU lässt grüßen.

    Der Berliner VS ist umgehend aufzulösen und durch einen VS zu ersetzen, wo demokratische Verhältnisse herrschen. Das gleiche gilt für die Berliner Polizei, wo anscheindend inzwischen ein Staat im Staate erwachsen ist, wo Ermittlungen nach Komplettversagen Jahre brauchen bis die Öffentlichtkeit keit davon erfährt.

    Das liegt eben nicht an "Beschaffung, Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen", sondern an "Inkompetenz, Befindlichkeiten und Statusdenken" innerhalb dieser Behörden. Ein Staat im Staate, eine parlamentarische Kontrolle fehlt vollkommen.

  5. 5.

    Ich korrigiere mal: Dilettantismus mit hoher Potenz. Zudem stimme ich Ihnen ausnahmsweise hier mal zu.

  6. 4.

    Dieser furchtbare Vorfall hat gezeigt wie mangelhaft in die Prävention gegangen wurde, obwohl es im Vorfeld in vielen europäischen Städten bereits Anschläge gegeben hat.

    Wieder hat sich gezeigt, das bei der Beschaffung, Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen, Inkompetenz, Befindlichkeiten und Statusdenken wichtiger waren als die originäre Aufgabe der Ermittlungsbehörden.

    Da man für die Änderung von Hierarchien und Prozesabläufen in Behörden Jahre braucht (ich bin selbst Behördenmitarbeiter) und auf massive Widerstände innerhalb der Behörde stößt, wird mir Angst und Bange bei den Berichten der letzten Tage, das Berlin mehr und mehr eine Hochburg der Salafisten wird.
    Früher oder später unterläuft den Ermittlern erneut ein solcher Fehler. Und dann geht alles wieder von vorne los. Und bei den derzeit von den Ermittlern erwarteten Szenarien, wird die Opferzahl erheblich höher sein.

  7. 3.

    Und da soll man noch Vertrauen in unsere Staatsmacht haben? Was ist das für ein Rechtsstaat in dem wir leben? Wenn die einfach einen Zettel am Tacho, im Führerhaus, übersehen? Das kann man doch nicht einfach übersehen, wenn man bei einer solchen Tat eine Spurensicherung durchführt!! Und erst recht nicht im Führerhaus! Wenn der Zettel im Radkasten gehangen hätte, ok....aber im Führerhaus, wo sich alles abspielt?! Oh man... armes Deutschland.

  8. 2.

    Dilettantismus in hoher Potenz.

  9. 1.

    Die Vertuschungstäter sitzen in den Behörden. Wie sonst kann es sein, dass bei der Pressekonferenz am nächsten Tag die Vertreter der Behörden 30 Minuten brauchen um sich erstmal gegenseitig vorzustellen.

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