Screenshot re:publica (Quelle: Screenshot)
Bild: re:publica

re:publica 2020 - Digitalkonferenz am heimischen Schreibtisch

Wegen Corona findet die Berliner Digitalkonferenz re:publica erstmals nur online statt - und experimentiert mit neuen Kommunikationsformaten. Auch die virtuelle Konferenz aus dem "digitalen Exil" setzt damit auf Diskussion und Beteiligung. Von Florian Dietz

Mitten in der Corona-Krise erfindet sich die Digitalkonferenz re:publica neu: Statt mit Tausenden Besuchern in Berlin, findet sie in diesem Jahr zum ersten Mal ausschließlich im Internet statt - offen für alle und kostenlos. Das re:publica-Team nennt das Konzept einen "Prototypen", der erst in den vergangenen sechs Wochen entstanden ist - und bei dem die Konferenz mit unterschiedlichen Beteiligungsformaten experimentieren möchte.

Auf einer neu entwickelten Online-Plattform [re-publica.tv] kommen am Donnerstag auf vier Kanälen 89 Sprecherinnen und Sprecher zu Wort, verteilt auf 53 Sessions zu aktuellen Digitalthemen. Darunter: Verschwörungstherien im Netz, die Proteste in Hong-Kong oder Veränderungen in der Arbeitswelt durch Corona. Zu Wort kommen dabei beispielsweise Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), der Youtuber Rezo, das Team des NDR-Corona-Podcasts und Ingo Senftleben, ehemaliger Spitzenkandidat der Brandenburger CDU bei der vergangenen Landtagswahl.

rbb|24-Autor Florian Dietz berichtet von der "rpRemote".

+++ 19:00 Uhr - re:publica, das hat Spaß gemacht! +++

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich aus der digitalen re:publica ausklinke. Das Programm läuft noch ein wenig weiter - nach den Sessions und Deep Dives sind sogar noch Party-Streams mit DJs angekündigt.

Mein Kopf ist voll, meine Augen müde - und auch meine Aufmerksamkeitsspanne hat mich gegen Abend immer mehr verlassen. Wenn ich auf den Tag zurückblicke, kann ich nur sagen: Das große Experiment ist euch gelungen, re:publica! Ich habe so viele Sessions verfolgt, wie an bisher keinem Veranstaltungstag vor Ort. Das Angebot ist riesig! Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten in verschiedenen Tabs, hatte ich es raus, zwischen den Kanälen hin und her zu springen und von überall etwas mitzunehmen, selbst wenn ich einen Programmpunkt nicht vollständig verfolgen konnte.

Wie schon erwartet, haben mir die zufälligen Begegnungen auf dem re:publica-Gelände gefehlt - die lassen sich nicht ohne Weiteres digital nachstellen. Die Lösung mit dem virtuellen "Hof" war aber sehr charmant und ein schöner Rückzugsort zwischen den Sessions.

Wie sich dieser Tag heute auf die kommenden re:publicas auswirkt, bleibt abzuwarten - es hat aber Spaß gemacht, dabei zu sein. Danke - und bis nächstes Jahr! Dann auch gerne wieder mit mehr persönlichen Treffen.

Livestream der re:publica 2020 (Quelle: Screenshot)

+++ 18:30 Uhr - "Das lässt sich nicht zurück in die Tube drücken" +++

Als letzten persönlichen Programmpunkt wähle ich einen Vortrag von Ansgar Oberholz, Geschäftsführer der Berliner St. Oberholz GmbH. Er philosophiert darüber, wohin die Reise in Sachen Home Office in Deutschland gehen könnte. Wie wir Orte oder Rituale der Arbeit neu denken müssen - und wie sich Unternehmen künftig dezentral strukturieren könnten. Viele Antworten finde ich hier nicht - aber umso mehr interessante Denkanstöße.

+++ 17:14 Uhr - "Feierabend" im Hof +++

Jetzt funktioniert mein eigentlicher Plan: Ich befinde mich erneut in einer zufällig zusammengestellten "Hof"-Runde im Zoom-Videochat, viele Teilnehmer/innen haben offenbar tatsächlich gerade im Home Office Feierabend gemacht und stoßen virtuell mit einem Getränk an. Für einen kurzen Moment schaltet sich auch re:publica-Geschäftsführer Andreas Gebhard zu.

Wie schon bei meinem ersten Hofbesuch entsteht schnell eine sehr entspannte Gesprächsrunde über die eigenen Erfahrungen bei der Heimarbeit: Wie kann an am besten zu Hause Arbeiten? Wie wirkt sich das Home Office auf die Familie aus? Welche Routinen helfen? Ich bleibe viel länger, als ich eigentlich geplant hatte und gerate so noch ins nächste Thema "Früher war alles besser" bei dem viele Teilnehmer sich über ihre ersten Internet-Erfahrungen austauschen. Schöne Funktion!

+++ 17:04 Uhr - Zeichen aus der Troll-Welt +++

Kurz nach 17 Uhr möchte ich mich dann im "Hof" in einen Programmpunkt einklinken, der "Feierabend" heißt. Mehrere Trolle hatten allerdings offenbar dieselbe Idee - und torpedieren die Session mit Störgeräuschen und wirren Zwischenrufen. Nach wenigen Minuten bekommen die re:publica-Hosts die Lage aber entspannt in den Griff.

Livestream der re:publica 2020 (Quelle: Screenshot)
Bild: Screenshot

+++ 16:25 Uhr - Home Office während und nach Corona +++

Von der nächsten Session bin ich selbst betroffen, es geht um Arbeiten aus dem Home Office. Vor dem Coronavirus haben rund 12% der Beschäftigten im Home Office gearbeitet - Experten schätzen, dass der Anteil inzwischen bei 25% liegt. Wie sieht das in Zukunft aus? Aus dem Gespräch zwischen Elisabeth Botsch von der Forschungsstelle "Arbeit der Zukunft" der Hans-Böckler-Stiftung, Sandra Mierich vom Institut für Mitbestimmung und Unternehmensfürhrung und Aline Zucco vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut nehme ich mit: Das ist aus heutiger Sicht nicht einfach zu beantworten...

+++ 16:17 Uhr - Schöne Idee für "Zwischendurch" +++

Durch das häufige Wechseln zwischen den Kanälen wäre mit fast eine nettes Feature entgangen: Zwischen einzelnen Programmpunkten werden Video-Zitate rund um die re:publica eingeblendet - zusammen mit Tweets aus der Community rund um das re:publica-Geschehen. Sehr schöne Idee!

Netzaktivistin und Bloggerin Katharina Nocun während einer Frage- und Antwort-Session bei der re:publica 2020
Bild: Livestream

+++ 15:05 Uhr - "Deep Dive": Verschwörungstheorien +++

Im Anschluss an den Vortrag begebe ich mich in den Deep Dive zum Thema - eine Frage- und Antwortrunde per Videochat mit Netzaktivistun und Bloggerin Katharina Nocun. Der Klärungsbedarf der Nutzer scheint groß, die Diskussion bewegt sich schnell in die Richtung: Was kann man gegen Verschwörungstheorien tun? Ein aus New York zugeschalteter Mann wünscht sich beispielsweise ein "digitales Gegengewicht" zu diveresen Verschwörungsplattformen im Netz.

Doch digital alleine wird nicht reichen, gibt Katharina Nocun zu denken: Vielmehr müsse es Aufklärung geben, zum Beispiel schon in den Schulen. Eine Nutzerin möchte wissen, was sie tun könne, wenn sie in ihrem direkten Umfeld auf Menschen trieffe, die Verschwörungstheoretikern wie Attila Hildmann folgen. Die Empfehlung ist ein Gespräch mit vorsichtigen Nachfragen - beispielsweise: "Wenn es tatsächlich eine so große und geheime Verschwörung ist - wie kann es sein, dass ein Koch sie aufdeckt und niemand sonst?".

 

+++ 14:30 Uhr - Session: Verschwörungstheorien im Netz +++

Auf diese Session habe ich mich schon im Vorfeld sehr gefreut: Netzaktivistin und Bloggerin Katharina Nocun und Psychologin Pia Lamberty haben sich in ihrem Buch "Fake Facts" Verschwörungstheorien gewidmet - für ihren Vortrag haben sie sich aktuelle Verschwörungstheorien in Bezug auf das Coronavirus angesehen.

Im Moment kursieren demnach verschiedene Verschwörungsmythen: New World Order durch Corona-Maßnahmen, Mikrochips und Impfzwang, oder Covid-19-Infektionen durch 5G-Strahlung. Die Expertinnen stellten fest, dass viele der Gruppen, die aktuell diese Erzählungen verbreiten, bereits vor dem Coronavirus ähnliche Theorien verbreitet haben - Corona werde damit zum Teil eines umfassenden Verschwörungsmythos. Aktuelle Corona-Theorien seien damit eine Art "Remix".

Doch warum kursieren solche Mythen und verbreiten sich so schnell? Psychologische Antwort ist laut Pia Lamberty eine Kompensationsstrategie durch den Kontrollverlust in der Pandemie. Viele Menschen kämen besser mit dem Gedanken an eine Verschwörung klar als mit zufälligen Entwicklungen. Diese Session könnte mein persönliches Highlight werden.

Livestream der re:publica 2020 (Quelle: Screenshot)
Bild: Screenshot

+++ 14:17 Uhr - Das Angebot wird offenbar angenommen +++

Das erste Mal scheint der Ansturm die re:publica-Server in die Knie zu zwingen - "Ihr seid so viele, Wahnsinn!" lese ich dazu auf Twitter. Während ich dabei bin, mir zur Sicherheit schon die Youtube-Links zu den Streams zurecht zu legen, geht es aber auch schon weiter. 

+++ 13:46 Uhr: Erster Besuch im Hof +++

Zum ersten Mal werfe ich einen Blick auf den virtuellen Nachbau eines Herzstücks der re:publica: den Hof. Virtuell funktioniert er aktuell so: Vier Besucher/innen werden gemeinsam mit einer Person aus dem re:pulica-Team per Zoom-Chat zusammengeschaltet. Das soll zufällige Treffen und Gespräche abseits der Vorträge simulieren.

In meiner Gesprächsrunde stoße ich auf drei Freelancer, die sich offenbar schon etwas länger über ihre aktuelle Arbeitssituation austauschen. Das große Thema: Wie regelt ihr das mit dem Home-Office - und das mit diesen lästigen Videokonferenzen? Die Stimmung ist sehr gut. Ich lerne, dass manche Büros schon wieder zu Telefonaten zurückgekehrt sind - und andere sich täglich neue Mottos für Hintergrundbilder ausdenken.

+++ 13:24 Uhr: Fear of missing out +++

Seit etwa einer halben Stunde sendet die re:publica parallel auf mehreren Kanälen. Ich muss einsehen: Ich werde mir viele spannende Panels also (leider) nicht ansehen können. Aber ich bin drin im re:publica-Modus. Das Gewusel der Veranstaltung der letzten Jahre fehlt mir noch immer ein wenig - inhaltlich fühle ich mich aber auch von der Digitalvariante bisher sehr gut abgeholt.

YouTuber Rezo spricht im Livestream der re:publica 2020 mit Markus Beckedahl
Bild: Livestream

+++ 12:56 Uhr - Zweiter Programmpunkt: Youtuber Rezo

Als zweiten Programmpunkt auf meiner Liste habe ich mir den Auftritt des Youtubers und Künstlers Rezo notiert, der letzes Jahr durch sein Video "Die Zerstörung der CDU" (mehr als 17 Miollionen Aufrufe) zu großer Bekanntheit gekommen ist. Er ist per Schalte mit Markus Beckedahl im re:publica-Studio verbunden.

Das Gespräch führt über die Ursprünge von Rezos Video-Schaffen zu der Zeit nach besagtem CDU-Video. Viel habe sich nicht verändert, erklärt der sympathische blauhaarige Videokünstler. Bewusst entziehe er sich der Erwartungshaltung, regelmäßig politische Videos dieser Art zu veröffentlichen - und betreibe seinen Kanal lieber hauptsächlich mit Spaßvideos. Nachdem ich lerne, wie der Arbeitsalltag eines Youtubers aussieht, schaue ich mich wieder in der Programmübersicht um.

+++ 12:15 Uhr - Erste Session: zur Klimakrise +++

Der erste Punkt des Vortragsprogramm beginnt einem Bild, das ich aus meinem Home-Office-Alltag kenne: Mehrere Menschen sitzen mir Kabel-Freisprecheinrichtungen im Ohr virtuell gegenüber und Blicken in ihre Computer-Kameras - moderiert wird die Session aus dem re:publica-Studio.

Es wird gleich sehr wissenschaftlich: Friederike Otto vom Environmental Change Institute der Uni Oxford, Daniela Jacob vom Climate Service Center Germany und Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für globale Veränderungen, referieren über die Auswirkungen des Temperaturanstiegs auf Wetterphänomene - und wie sich dieser Temperaturanstieg eindämmen ließe.

Inhaltlich nehme ich mit: Das angepeilte weltweite Erwärmungslimit von 1,5 Grad in diesem Jahrhundert wäre schaffbar - man müsse es nur politisch wollen, sagt Daniela Jacob. Dabei könnten wir auch vom "flatten the curve"-Prinzip aus der Corona-Zeit lernen, ergänzt Maja Göpel.

+++ 11:30 Uhr - Begrüßung +++

Pünktlich um halb zwölf startet der Live-Stream - und nach zehn Minuten "Gleich geht es los" erwische ich mich zum ersten Mal dabei, mich zu fragen, ob das heute wohl alles so reibungslos funktioniert wie geplant. Um 11:43 Uhr ist dann endlich das virtuelle re:publica-Studio zu sehen. In der Optik eines Nachrichtenstudios begüßt Moderatorin Geraldine de Bastion re:publica-Geschäftsführer Andreas Gebhard - in sicherem Abstand. Der Ton des Streams ist dabei wenige Sekunden schneller unterwegs als das Bild. 

Weitere Mitglieder des re:publica-Teams werden per aufgezeichneter Videobotschaft eingespielt, darunter beispielsweise Mitgründer Markus Beckedahl von Netzpolitik.org. Alle betonen noch einmal, wie schade es ist, dass die re:publica nicht wie gewohnt stattfinden kann - und wie sie sich auf das Experiment freuen, dass wir heute alle gemeinsam angehen. Ich fühle mit und freue mich, dass Bild und Ton inzwischen synchron bei mir ankommen.

+++ 11:15 Uhr - Es kann losgehen! +++

In 15 Minuten wird nun also die erste rein digitale re:publica eröffnet. Statt in den vollen Hallen und Räumen der Station in Berlin-Kreuzberg sitze ich heute alleine in meiner Wohnung. Die obligatorische Mate gibt's vom Späti und nicht an der Theke - statt Foodtruck ist selbst Kochen angesagt.

Meine Gefühlslage ist gemischt, liegt irgendwo zwischen Trauer und Vorfreude. Erstere, weil die re:publica für mich so viel mehr ist als nur eine Summe ihrer Programmpunkte. Das liegt vor allem an den verabredeten und zufälligen Begegnungen mit aktuellen und ehemaligen Arbeitskolleginnen und -kollegen. Die re:publica ist eine Art Klassentreffen der Digitalszene - und das wird mir heute wohl immer wieder fehlen. Auf der anderen Seite freue ich mich aber darauf, diesen experimentellen Schritt mitzugehen und mich auf die angekündigten neuen Formate und Kommunikationsformen einzulassen. Ich wäre dann soweit!

Sendung: Abendschau, 07.05.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Florian Dietz

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