Das Berliner Nikolaiviertel im Frühsommer 1945, sämtliche Häuser sind zerstört, bei Stadtschloss und Dom sind nur noch die Skelette der Kuppeln übrig (Quelle: DPA/Berliner Verlag)
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Video: Abendschau | 21.04.2020 | Georg Berger | Bild: DPA/Berliner Verlag

75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg - "Mutti, wir haben überlebt"

Menschen, die von einem Panzerwagen zermalmt werden. Das ist das erste, was Ruth Winkelmann sieht, als die Rote Armee Berlin erreicht. Doch die Ankunft der Sowjets ist gleichzeitig ihre Befreiung. Jahrelang hatte sich die Jüdin in Wittenau versteckt. Von Oliver Noffke

Am späten Nachmittag des 2. Mai war plötzlich Ruhe. Irgendwann war kein Gewehrknallen mehr zu hören. Das Dauerpfeifen der sowjetischen Raketenwerfer, "Stalinorgeln" wie sie im Volksmund hießen, war schon Stunden vorher verstummt. Berlin hatte kapituliert. Die stolze Hauptstadt des Nazireichs, das 1.000 Jahre halten sollte, war nach einer knapp zweiwöchigen Schlacht nichts weiter als eine rauchende Ruinenlandschaft. Ausgebombt, zusammengeschossen, besiegt.

Ruth Winkelmann weiß nicht mehr ganz genau, wann ihr auffiel, dass die Stadt verstummte. Sie befand sich in Wittenau als der Krieg an ihr vorbeizog. Am 21. April erreichte die Rote Armee den Ort und zog weiter in die Berliner Innenstadt. "Die Stalinorgeln sausten die ganze Zeit. Das war furchtbar", sagt sie, "aber das hat sich immer weiter entfernt." Wegen ein paar Rüben hätte sie den Tag fast nicht überlebt, erinnert sie sich.

Die 91-Jährige sitzt im Wohnzimmer ihres kleinen Reihenhauses in Waidmannslust. Ein Fenster, groß wie eine Ladenauslage, holt den Garten in das Zimmer. Um ein akurat geschnittenes Fleckchen Rasen herum blühen Tulpen. Meisen hüpfen auf den Außenmöbeln. Drinnen schrillen die Eurythmics aus dem Radio. "Das ist sicher eh nicht Ihre Musik? Viel zu alt", sagt sie und stellt das Radio ab. Auf dem Tisch liegt bereits ihr Schatz bereit. Eine schwarze Mappe, einem dünnen Fotoalbum gleich. Kopien von Bildern sind darin, Ausweise, Essenkarten. Erinnerungen an die Familie. An den protestantischen Teil, der größtenteils den Krieg überlebt hat.

Die Berlinerin Ruth Winkelmann in ihrem Wohnzimmer (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
| Bild: rbb/Oliver Noffke

Die Schicksale der Familie Jacks: Zwangsscheidungen, Deportationen, Auschwitz

Und an "Vatis Familie". Den jüdischen Teil, der nahezu komplett ausgelöscht wurde. Ein Foto der Familie Jacks liegt neben der Mappe, zwei Dutzend Personen sind zu sehen. Ruth, das Mischlingsmädchen ersten Grades, wie sie vom Naziregime herabgewürdigt wurde, sitzt auf dem Schoß ihres Großvaters. Frau Winkelmann klopft mit dem Zeigefinger auf das Bild. "Davon sind 15 in Auschwitz geblieben." Nur ein Cousin hat das Todeslager überlebt. Dessen Bruder wurde hingegen als Erster aus der Familie deportiert.

Egon Jacks wurde abgefangen, als er in einem Laden einkaufen wollte - eine Viertelstunde bevor es im erlaubt war. In vielen Geschäften durften Juden während des Kriegs nur eine Stunde am Nachmittag einkaufen, so blieb der arische Teil der Bevölkerung den Rest des Tages ungestört. 15 Minuten. Das war Egon Jacks' Verbrechen. Im Herbst 1941 wurde er ins Ghetto von Riga verschleppt. Im Sommer des nächsten Jahres folgte die Deportation, drei Tage später starb der 18-Jährige im Gas und wurde schließlich verbrannt. "Diese Brennöfen wurden da ausprobiert und kamen dann nach Auschwitz", sagt sie.

Es gibt mehrere Momente, in denen Ruth Winkelmann während des Zweiten Weltkriegs das Leben gerettet wurde. Vom Zufall oder weil das Mädchen von damals schnell kapierte, wie gefährlich eine Situation werden könnte. Im Sommer '42 war es ihr Vater Hermann Jacks, der ihr Leben bewahren wollte.

In Hohen Neuendorf erzählt ihm ein Nachbar, man könne die Kinder für arisch erklären lassen, wenn die Eltern dem zuständigen Amt nur sagten, sie lebten in Trennung. Eine Scheidung würde ewig dauern, in der Zwischenzeit würde sich das mit den Kindern längst geklärt haben, so der Nachbar. Ruth war 1928 geboren, die kleine Schwester Esther 1937. Nach der Anfrage beim Amt erhalten die Eltern schnell einen Brief: Die Ehe wurde ohne Anhörung zwangsgeschieden, stand darin - die Kinder blieben jedoch "Mischlinge ersten Grades". Der Nachbar hatte gelogen. Nun musste Mutter Elly mit den Kindern ausziehen. In der Pappelallee in Prenzlauer Berg fand sie eine kleine Wohnung. Der Vater war als alleinstehender Jude nun Freiwild.

Ruth Winkelmann blättert in einem Album, in dem sie Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg gesammelt hat (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Bild: rbb/Oliver Noffke

Flucht nach Wittenau

Immer wieder versuchte die Gestapo, die Kinder abzuholen. Aber Elly Jacks gelang es mit den Töchtern unterzutauchen. Ab 1943 lebten sie hauptsächlich in einer Laube in Wittenau, die ihr ein Bekannter zur Verfügung stellte. "Sowas von primitiv", erinnert sich Frau Winkelmann. "Wenn draußen 10 Grad minus waren, waren drinnen 10 Grad minus." Nicht mehr als ein Bretterverschlag, eine Wasserpumpe im Garten, keine Elektrik.

In die Schule durfte die kleine Ruth damals schon lange nicht mehr. Sie musste in einer Näherei in Friedrichshain ungewaschene Soldatenuniformen flicken, bis sie davon eine Hautkrankheit bekam. Auf dem Weg zu dieser Zwangsarbeit verdrückte sie sich jeden Morgen am Bahnhof Alexanderplatz auf eine Toilette und zog eine Weste über, auf die ihr Judenstern genäht war. Nach der Arbeit schlich sie sich wieder auf die Bahnhofstoilette. So kam das Judenmädchen, das den ganzen Tag lang Lumpen von der Front repariert hatte, als Christin in der Laube an.

Von den Nachbarn dort wusste niemand etwas über die Jacks. "Für die anderen Laubenbewohner waren wir ja Ausgebombte aus Berlin", sagt Ruth Winkelmann. "Da wurden keine Fragen gestellt." Nur wenn es zu kalt war, trauten sich die drei zurück in die Pappelallee. Bevor die Rote Armee nach Berlin kam, verbrachte Ruth mit Mutter und Schwester viele Nächte in einem Bunker in Wittenau. "Wir hatten bis zu viermal täglich Fliegeralarm." Sie saßen immer auf denselben Plätzen.

So auch am Morgen des 21. Aprils 1945.

Vorbei an Leichen

Die ganze Nacht gab es Dauerbeschuss, erinnert sie sich. In einer Feuerpause beschloss Ruth etwas gegen den Hunger zu unternehmen. "Das Einzige, was wir hatten, waren rote Rüben. Die konnte man kochen und dann mit Haferkörnern anrühren. Die mussten erst durch die Kaffeemühle gejagt werden, damit wir ein bisschen Mehl hatten." Die 91-Jährige verzieht die Miene beim Gedanken daran. "Das war unser einziges Essen, was wir in den letzten vier Wochen hatten." Der Rübenbrei und das Essgeschirr lagen in der Laube. "Beeil dich", habe die Mutter zu ihr gesagt. "Nicht, dass die Russen kommen und wir sind getrennt."

Die 16-Jährige schafft es, unbehelligt dorthin zu rennen. Doch auf dem Rückweg rollen russische Panzerwagen durch die Straßen. Sie sieht die offene Stahltür zum Bunker. Menschen winken ihr panisch zu. Vor ihr rennt eine Frau mit einem Jungen. "Ich hab's noch gesehen, wie die da zu einem Soldaten in so ein Panzerloch reinjehumbst sind." Dann rollt das schwere Fahrzeug auf das Erdloch zu. Der Soldat geht in der Grube in Deckung, die Frau und der Junge ziehen die Köpfe ein. Über dem Loch beginnt der schwere Panzerwagen sich im Kreis zu drehen. Er zermalmt alles.

Ruth fällt selbst in ein Erdloch. Ein Wehrmachtssoldat hat das Mädchen hineingerissen, schreit sie an, in Deckung zu gehen. Sie bleiben unerkannt. Als der Panzerwagen weiterfährt, rennt Ruth an den Toten vorbei in den Bunker. "Du Mutti, die Russen sind schon da." Beide fallen sich in die Arme. "Und ich sage zu ihr: 'Mutti wir haben überlebt. Wir haben's geschafft, wir sind frei.'"

Skatrunden mit den russischem Offizier

"Wir sind doch jetzt nicht frei? Wir sind doch jetzt besetzt", raunen ihnen die Verwunderten im Bunker entgegen. "Die wussten ja nicht, dass ich Halbjüdin bin. Ich habe ja keinen Stern drangehabt", erinnert sich Ruth Winkelmann. "Die wussten nicht, was sie damit anfangen sollten. 'Wir sind doch nicht frei', sagten die immer wieder. 'Aber wir sind frei. Wir sind Verfolgte des Naziregimes gewesen', sagte ich. 'Na das wussten wir ja alle gar nicht.' Obwohl wir zwei Jahre fast jede Nacht mit denen zusammengesessen haben."

Gegenüber der Laubenkolonie, in der sich die Jacks versteckt hielte, befand sich damals ein Arbeitslager. Vor allem Osteuropäer und Italiener schufften dort. Ruth bittet eine polnische Gefangene auf einen Zettel in russischer Sprache zu schreiben, dass sich Juden in der Laube versteckt halten. Sie reißt den Judenstern von der Weste und hängt ihn mit dem Papier an die Tür. Als zwei russische Soldaten vorbeilaufen und lesen, was da steht, schütteln sie fassungslos mit dem Kopf und ziehen weiter.

Den Stern sehen auch zwei Nachbarn; ein kinderloses, älteres Ehepaar, das ihnen aus einem kleinen Häuschen zuwinkt. "Da rief der Mann: 'Frau Jacks, Sie kommen zu uns. Wir teilen uns das Schlafzimmer hier. Ich möchte, dass Sie heile bleiben.'" Von da an verbringen sie keine weitere Nacht mehr in der Bretterbude. Der Frau war es gelungen, Lebensmittel zu horten. "Die hatte Mehl gehabt und alles. Wir haben da nicht mehr gehungert von dem Moment an." Mit dem Einzug der roten Armee stellen Amerikaner und Briten die Bombardierung ein.

Zwei oder drei Nächte später klopfen drei russische Soldaten an die Tür des Häuschens. Sie kämpfen in der Stadt. "Einer konnte Deutsch, das war ein Offizier mit hervorragenden Manieren", sagt Frau Winkelmann. "Die wollten sich waschen und schlafen." Während zwei der Soldaten in Schichten schlafen, spielt der Dritte mit dem Mann und Ruths Mutter Skat in der Küche. So ging das ein paar Tage. "Die waren immer sechs Stunden da." Ruth schläft währenddessen unter der Bank. Mit jedem Tag entfernt sich der Krawall der Schlachten. Irgendwann ist Stille.

Das letzte Bild auf dem Ruth Winkelmann mit ihren Eltern und ihrer Schwester beisammen steht (Quelle: rbb/Oliver Noffke)

Bereits kurz nach Mitternacht am 2. Mai hatte eine russische Division einen Funkspruch erhalten, mit dem ein deutsches Panzerkorps um die Einstellung des Feuers bat. 13 Uhr kapitulierte, was von der Wehrmacht übrig war. Gegen 17 Uhr sollen die letzten Scharmützel eingestellt worden sein. Der Führer war da längst tot. Bereits am 30. April hatte er sich in seinem Bunker erschossen. Eva Braun, am Tag davor noch seine Braut, schluckte Zyankali.

Die Bevölkerung ließ Adolf Hitler allein in der ausgebombten Stadt zurück. Noch am 22. April hatte er die Waffen-SS durch die Berliner Straßen gehetzt, um Zivilisten und Soldaten erschießen zu lassen, die im Verdacht standen, den deutschen Widerstand zu gefährden. Unzählige waren so ermordet worden, geht aus Dokumenten des Deutschen Historischen Museums hervor. Erst am 8. Mai gibt die Wehrmacht im ganzen Land auf und kapituliert endgültig.

Das letzte gemeinsame Bild

Ein weiteres Bild in der schwarzen Mappe. Fünf adrett gekleidete Personen stehen eng beieinander vor einem Gartenzaun. Hermann Jacks, der Vater von Ruth Winkelmann, befindet sich in der Mitte. Er trägt eine schicke Weste über dem weißen Hemd. An seiner linken Seite steht Ruths Mutter Elly in einem hellen Kleid mit breitem Kragen. Eine Tante hat ihre Hände auf Ruths Schulter gelegt. Auch sie beide tragen Sommerkleider. Daneben Esther, die kleine Schwester, fünf Jahre alt. Sie grinst breit, genau wie Hermann. Das Lächeln der Mutter wirkt etwas gezwungener. Ebenso Ruths Lächeln, die ihre Arme verschränkt hält. "Das ist das letzte gemeinsame Bild von uns." Sommer 1942 in Hohen Neuendorf. Kurz darauf wird Hermann Jacks von den Nazis in ein Arbeitslager entführt. Er stirbt später in Auschwitz. Esther wird im Winter 1945 plötzlich krank und verstirbt kurz vor Kriegsende am 8. März im Alter von acht Jahren.

Ruth Winkelmann legt die Mappe zur Seite und holt ein kleines blaues Büchlein hervor. Vor einigen Jahren hat das Heimatmuseum Reinickendorf ihre Geschichte aufschreiben lassen und verlegt. "Mittlerweile habe ich bestimmt hundertmal daraus vorgelesen." Bei Gemeindeabenden und vor allem in Schulen hat sie immer wieder erzählt, wie sie als jüdisches Mädchen den Krieg überlebt hat. In Berlin. Im Untergrund.

"Für mich gibt es eigentlich gar keine andere Stadt als Berlin", sagt sie. "Und auch Brandenburg. Ich liebe Brandenburg, diese schönen Wälder, diese herrlichen Seen." Die 91-Jährige hofft, dass es nicht zu lange dauern wird, bis sie wieder eine Schulklasse besuchen kann.

Als der Krieg in Berlin plötzlich zu Ende war

Sendung: Abendschau, 02.05.2020, 19.30 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 4.

    Euryphmics, Schoss (des Vaters), Brennöffen: Wenn mich die Rechtschreibfehler mal wieder vom Weiterlesen abhalten, bin ich sehr froh, das Buch gelesen zu haben und die Geschichte von Frau Winkelmann bereits zu kennen.

  2. 3.

    Wie gerne würde ich mich mal mit der alten Dame unterhalten. Irgendwann sind diese Zeitzeugen alle weg.

  3. 2.

    Ich finde nicht gut, wie aus einer langen und komplizierten Geschichte ausgerechnet der Satz mit den Menschen zermalmenden Panzerwagen als Untertitel ausgewählt wurde.

  4. 1.

    Furchtbar, was diese Frau erleiden musste. Wunderbar, dass sie davon erzählt. Halten wir die Erinnerung wach. Die weit verbreitete Hässlichkeit Berlins wird die deutsche Schuld noch lange Zeit bezeugen.

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