Audio: Inforadio | 09.06.2020 | Interview mit Heinz Glässgen | Bild: WDR Kommunikation/Redaktion Bild

Interview | 70 Jahre ARD - "Die Regionalität ist eine wichtige Basis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk"

Zehn Fernsehsender, mehr als 50 Hörfunkprogramme und 16 eigene Orchester: Das ist die ARD, die am 9. Juni 1950 gegründet wurde. Warum das alles so viel und so groß ist, beantwortet Heinz Glässgen, Chef der Historischen Kommision der ARD.

rbb: Herr Glässgen, am 9. Juni 1950 wurde in Deutschland die ARD gegründet - die Arbeitsgemeinschaft Rundfunkanstalt Deutschland. Man baute also viele regionale Funkhäuser auf, statt ein zentrales großes - wie die BBC in Großbritannien. Jeder einzelne Sender innerhalb der ARD blieb unabhängig. Warum?

Heinz Glässgen: Um geschichtlich genau zu sein: Vor 70 Jahren hat sich die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rundfunk gegründet. Erst gab es die sechs Rundfunkanstalten, die selbstständig arbeiteten. Dann entstand 1954 die Bezeichnung ARD - aus einem Dilemma heraus. Einerseits musste der Rundfunk dezentral organisiert sein, weil das die Alliierten so diktierten. Andererseits mussten sie zusammenarbeiten, zum Beispiel aus urheberrechtlichen, technischen oder programmlichen Gründen. Insofern konnte man sich gerade noch auf eine Arbeitsgemeinschaft verständigen.

In den Rundfunkräten sitzen gesellschaftlich relevante Gruppen. Warum?

Das war eine Verordnung, auch teilweise ein Diktat der Alliierten. Der Rundfunk sollte von den gesellschaftlich relevanten Gruppen und Kräften kontrolliert werden. Insbesondere die Briten und Amerikaner taten alles, um den Rundfunk nicht in die einseitige Abhängigkeit der Politik zu bringen.

Ursprünglich waren es sechs Gründungsanstalten - später neun. Wäre es nicht einfacher, nur vier zu haben? Einen im Norden, Süden, Osten und im Westen?

Es sind neun Rundfunkanstalten, weil sie ihrer Regionalität verpflichtet sind. Außerdem sind sie föderale Institutionen: Rundfunk als Sache der Kultur, Kultur als Sache der Länder. Deshalb ist auch der Rundfunk Sache der Länder. Aber die Länder können sich auch zusammenschließen und Staatsverträge gründen, wie es zum Beispiel der NDR oder MDR gemacht haben. Das kann nicht der Rundfunk beschließen, das dürfen nur die Länderparlamente.

Wird uns die Debatte, wir geben zu viel Geld aus, beispielsweise für Rundfunkchöre, noch weiter erhalten bleiben?

Das muss man ein bisschen anders sehen. Die Regionalität ist eine wichtige Basis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, weil die Menschen in Deutschland in Bundesländern leben. Selbst wenn man nur vier Anstalten hätte, müsste die Regionalität gewährleistet sein. Das kostet Geld. Ein anderes interessantes Spannungsfeld ist: Die mächtigen Bundesländer dürfen den schwächeren nicht alles diktieren, sondern jeder hat seine eigene Stimme und diese wird auch gehört.

Es gibt massive Kritik an der Gestaltung des Rundfunks. Von rechts kommt der Vorwurf des "Systemfunks". Interessanterweise kam er Ende der 1980er Jahren eher aus dem linksliberalen Spektrum. Als "Reichssender der Parteien" wurde die ARD da gescholten. Muss die ARD sich seit 70 Jahren gegen ungerechtfertigte Kritik von allen Seiten wehren oder waren die ARD-Intendanten doch auch zu opportunisitsch gegenüber den Regierenden?

Insbesondere die Briten und die Amerikaner sagten bei der Gründung: Die Gesellschaft ist mehr als der Staat. Folglich müssen die gesellschaftlich relevanten Gruppen diesen Rundfunk bestimmen - durch die Wahl der Intendanten oder die Genehmigung von Programmstruktur. Deutsche Politiker hingegen haben eine andere Linie vertreten: Die Parlamente als gewählte Volksvertreter sollen den Rundfunk kontrollieren. Das Bundesverfassungsgericht hat dem 1961 deutlich ein Ende gesetzt: Die Politik darf den Rundfunk nicht kontrollieren und nicht bestimmen.

Es ist der Eindruck entstanden, die politischen Parteien würden den Rundfunk kontrollieren. Ich würde mir wünschen, dass die gesellschaftlichen Gruppen stärker ihre Verantwortung für den Rundfunk begreifen und die Kontrolle deutlicher wahrnehmen. Dazu zählen Gruppen wie Gewerkschaften, Kirchen oder Arbeitgeber, die sogenannten Grauen. Man kann also nicht von einem Staatsrundfunk sprechen, wie es manche gern tun. Wahrscheinlich haben die nicht begriffen, dass dieser Rundfunk allen gehört.

In Zeiten von Fake News und Filterblasen ist man nicht mehr angewiesen auf die öffentlich-rechtlichen Medien, um sich eine Meinung zu bilden. Wie wichtig ist das Versprechen der ARD, unvoreingenommen und unabhängig zu berichten?

Die Antwort ergibt sich im Grunde aus Ihrer Frage. Durch ihren eigenen Auftrag ist die ARD zu Unabhängigkeit und zur Wahrheit verpflichtet. Das ist im Zeitalter von Fake News wichtiger denn je. Allerdings müssen alle, die in den Rundfunkanstalten arbeiten, diesen Auftrag kennen. Sie müssen wissen, woher sie kommen und wozu sie da sind und wem sie verpflichtet sind. Daran muss man alle Verantwortlichen erinnern. Daran muss man alle Kontrollorgane, alle Mitglieder in Rundfunk- und Verwaltungsräten erinnern. Dafür muss man aber auch immer wieder die Gesellschaft erinnern

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Heinz Glässgen führte Matthias Schirmer, Inforadio.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 09.06.2020, 10:45 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Liebe(r) franzke,
    Sie haben das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht verstanden.

    Der ör Rundfunk ist Grundversorgung und nicht eine Leistung gegen Geld. Im Internet findet man diese Informationen nicht bzw. nicht so leicht, denn 95% dessen, was im Internet zu finden ist, ist Unsinn. Viele von denen, die sich nur im Internet informieren, landen in irgendwelchen sektenähnlichen verschörungswahnsinnigen Internetblasen und finden da kaum wieder raus in die Realität.

    Die gesamte Gesellschaft profitirt von der ör Grundversorgung - auch die, die diese nicht nutzen -, denn eine gut informierte Gesellschaft ist wichtig für die Demokratie. Das sieht man gut an anderen Ländern, die solche eine qualitative Grundversorgung nicht haben. Da werden dann Menschen wie Trump, Putin, Erdogan, Orban etc. gewählt und damit die Demokratie gefährdet.

  2. 1.

    Was heißt hier "Regionales kostet Geld". Nein, die Devise heißt, sich nach der Decke strecken, Bekanntlich befinden sich alle Medien in einem strukturellen Umbruch. Davon ist der Gebührenfunk nicht ausgeschlossen.
    So wie die Holzpresse schwindet, schwindet auch die Nachfrage nach öffentlich rechtlichem Gebührenfunk. Wer sich auf irgendeinem Sektor im Detail informieren möchte,kann dieses ggfs. gegen Bezahlung im Internet tun. 'Zig Sparten- und Regikonalsender über verordnete Gebühren zu finanzieren, entspricht den Regeln der Marktwirtschaft, da muss man auch nicht für eine Dienstleistung bezahlen, die man nicht bestellt hat.

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