Homeschooling © Gregor Baron
Audio: Inforadio | 02.05.2020 | Christoph Reinhardt | Bild: gb

Digitalisierung an Berliner Schulen - "Tablets für alle, und zwar sofort"

Die Corona-Krise hat die zähe Berliner Bildungspolitik in Bewegung gesetzt. Nachdem die Schulverwaltung das Thema Digitalisierung über Jahrzehnte mit spitzen Fingern angefasst hat, greift sie jetzt ins Volle. Der Nachholbedarf ist gewaltig. Von Christoph Reinhardt

Der ehrwürdige Bildungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus überträgt seine Sitzung per Stream live ins Internet. Abgeordnete sind aus dem Homeoffice zugeschaltet, als wäre es das Normalste der Welt. Dass Digitalisierung möglich ist, haben die Abgeordneten in den letzten beiden Monaten erfahren. Jetzt müssen die Parlamentarier die Frage lösen, wie nach dem Ende des Homeschooling auch die Schulen digital arbeitsfähig werden.

Von den traditionellen, ideologisch aufgeladenen Schuldebatten ist nichts mehr zu spüren. Stattdessen tun sich pragmatische Allianzen auf. Die Linke Schulexpertin Regine Kittler lobt ausdrücklich den Christdemokraten Dirk Stettner. Dass er Tablets zum Ausleihen "für jeden Schüler und jeden Schüler und jede Lehrkraft fordert, finde ich großartig". Das sei ja eine typische Forderung der Linken.

43.000 Tablets für bedürftige Schüler

Stettner muss seinerseits anerkennen, dass er die SPD-geführte Bildungsverwaltung unterschätzt hat. Seiner plakativen Forderung nach "100.000 Tablets sofort" am letzten Dienstag kommt der Senat zwar nicht vollumfänglich nach. Aber zwei Tage später verkündet Schulstaatssekretärin Beate Stoffers, "dass wir hier eine Beschaffung auslösen von insgesamt 43.000 Geräten". Vor den Ferien werden sie nicht mehr geliefert, aber noch im Sommer sollen die Geräte verteilt werden.

Fast 10.000 iPads mit Tastatur und zentraler Softwareverwaltung wurden bereits an sozial bedürftige Schüler verteilt. Weil der Bedarf noch deutlich größer sei, bestelle man jetzt nach. Die genauen Kosten stehen noch nicht fest. Aber weil der Bund im Rahmen des Digitalpakts den Berliner Schulen 257 Millionen Euro zur Verfügung stellt, macht das Geld die geringsten Probleme.

Allerdings: Sollten die neuen Tablets im neuen Schuljahr tatsächlich in großem Stil eingesetzt werden, gebe es dort ein Folgeproblem, warnt Dirk Stettner. Nur ein Bruchteil der Schulen hat einen Breitbandanschluss. "Die vorhandenen Anschlüsse reichten in der Regel gerade mal für das Schulsekretariat", aber nicht für systematischen digitalen Unterricht oder Videokonferenzen, sagt Stettner. "Optimal nach dem Ende der Schulschließungen wäre integriertes Lernen – sowohl mit Präsenzunterricht als auch mit virtuellem Unterricht zuhause. Dafür brauchen wir als erstes vernünftige Breitbandanschlüsse."

Kaum Breitbandanschlüsse

Aber wie viele genau, kann auch die Schulverwaltung nicht sagen. Einen Überblick darüber gibt es genauso wenigen wie über die Zahl oder Qualität von LAN-Verkabelungen und WLAN-Installationen in den Berliner Schulen. Denn für die Ausstattung der Schulgebäude sind die Bezirke zuständig, und auch denen fehlt der Überblick. Jetzt hat das Parlament Geld zur Verfügung gestellt, mit dem Profis damit beauftragt werden sollen, den Bestand zu dokumentieren und Angebote für den Ausbau einzuholen.

Der FDP-Bildungsexperte Paul Fresdorf räumt ein, dass er in den Monaten der Schulschließungen viele neue Erkenntnisse gewonnen habe. Erfreuliche wie unerfreuliche: "Da sind viele Schulen, die bereits sehr, sehr gute Arbeit beim digitalen Lernen machen – mit Tablets, Videokonferenzen und eigener E-Mailadresse für alle Schüler." Auf der anderen Seite gebe es Schulen, bei denen während des Lockdowns digital praktisch nichts stattgefunden habe. "Das sollte uns eine Mahnung sein, das darf kein Dauerzustand sein", fordert der Liberale. Noch in diesem Jahr müsse jede Schule in der Lage sein, Unterricht über eine digitale Plattform anzubieten.

Ungehobener Schatz "Lernraum Berlin"

Dass Berlin seit 15 Jahren so eine Plattform selbst entwickelt und längst in Betrieb hat, war bis zur Krise vielen Bildungspolitikern und Schulen nicht wirklich bewusst. Ein Team aus abgeordneten Lehrkräften betreibt auf Basis der freien Software Moodle die Plattform "Lernraum Berlin". Bis Mitte März nutzte aber nur ein kleiner Kreis technikaffiner Lehrkräfte mit ihren Klassen das landeseigene System. Nur einige hundert der 360.000 Berliner Schülerinnen und Schüler waren täglich online. Inzwischen hat sich die Nutzung bei rund 30.000 eingependelt.

Nach zwei chaotischen Wochen im März habe man das System in den Griff bekommen, sagt Projektleiter Karsten Bergmann. Inzwischen laufe es stabil auf über 50 Servern und biete technisch gesehen schon jetzt Platz für alle Berliner Schulen. "Wir sind mittlerweile in der Lage, beliebig zu skalieren. Aber bitte mit einem praktikablen Konzept." Dies solle beantworten, wann mit wie vielen Schülern zu rechnen ist, und welche Art von digitalem Unterricht geplant sei. "Vor allem brauchen wir genügend Ressourcen, um die Lehrkräfte darauf vorzubereiten". Denn die Bedienoberfläche des "Lernraums" ist wie seine Grundlage Moodle eher für technische Anforderungen optimiert, nicht jeder Lehrer wird damit warm.

Dass es in der jetzigen Form akzeptiert wird, bezweifelt CDU-Digitalexperte Stettner: "Ich habe noch keinen einzigen Lehrer gehört, der sagt, dass dies ein intuitives, gut funktionierendes Schulcloud-Projekt ist – keinen einzigen". Und auch Projektleiter Bergmann wünscht sich, dass der Senat jetzt die Mittel bereitstellt, um das seit Jahren bekannte Problem mit der Oberfläche jetzt zügig zu lösen. Günstiger dafür waren die Voraussetzungen dafür noch nie. Von den 257 Millionen Euro aus dem Digitalpakt hatten die Bezirke bis April nur einen Bruchteil beantragt.

Beitrag von Christoph Reinhardt

17 Kommentare

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  1. 17.

    Hier zeigt sich wieder, wie wenig digitale Experitise bei den Entscheidungsträgern herrscht. Die Investition in digitale Endgeräte ist verbranntes Geld. Aktuell lassen sich Smartphones mit einem Adapter(23€) an jeden Bildschirm mit HDMI-Ausgang koppeln. Zudem kann es über Bluetooth mit zahlreichen Eingabegeräten wie Tastatur, Touchpad ergänzt werden, die keine 30€ kosten und langlebig sind. Millionen für Endgeräte, deren Lebenerwartung keine 4 Jahre beträgt, auszugeben obwohl die Mehrheit ein Smartphone besitzt, ist gerade im Angesicht einer Corona-Rezession einfach nur fahrlässig. Stattdessen sollte man in nachhaltige und zukunftsgewandte BYOD-Projekte investieren. In Deutschland wird "Digitalisierung" quasi direkt mit dem Konsum von Elektronik verbunden. Davon profitieren Firmen, die über 7 Mrd. € Umsatz machen und dafür knapp 25 Mio€ Steuern Zahlen! Deshalb sind und bleiben wir auf Dauer nur unteres Mittelmaß bzw. Technik-Konsumenten anstatt digitale Gestalter!

  2. 16.

    Ca 1400 Euro für ein Gerät. Für das Geld würden 4-5 Kids ein vernünftiges Tablet bekommen. Top Leistung! Die Entscheidungsträger sollten das aus eigener Tasche bezahlen müssen! Hinzu kommt noch das die Elternteile die tablets versichern lassen müssen! Nu mal überlegen warum die Kids keine tablets etc haben, villt nicht so viel Geld! Aber Versicherung... Zum.... Was bei den in Kopf los ist

  3. 15.

    Da wird mächtig, sinnlos Geld verschwendet, iPads fuer die Schule, Manometer, Samsung Tablets machens auch und sind nur halb so teuer. So wird mit Steuergelder umgegangen

  4. 14.

    Ach so, habe ich was überlesen ? Ich lese immer nur von Tablets, da stand keine Marke ?

  5. 13.

    Geht das nicht ein bisschen weit, wenn eine Person seine Erfahrungen, Beobachtungen und Meinung teilt, diese anzugreifen ? Waren Sie dabei, können Sie etwas anderes berichten ?

    Zurück zum Thema. Wir hatten letztens das Thema, dass in Deutschland der Förderalismus in diesem Fall bremst.
    Warum bekommen nicht alle Kinder in allen Bundesländern gleiche Geräte zum Ausleihen (von Eigentum will ich mal gar nicht reden). Die gleiche Software, die gleichen Bildungsanbieter, der gleiche Lerninhalt. So kann der Support zentral bearbeitet werden, Lehrer und Schüler können die Bundesländer z.B. bei Umzug wechseln ohne ein neues, anderes, veraltetes oder sonstiges System vor die Nase gesetzt zu bekommen. Die Lehrer können zentrale Fortbildung zum Umgang mit der Technik besuchen / Webseminare etc.
    Warum nur dieses Durcheinander, welche Postenschieber u. Lobbyisten hängen da wieder drin?

  6. 12.

    Tabletts für alle?
    Wo kann ich mich anmelden?

  7. 11.

    Achso. Migration scheint bei Ihnen genauso wie ADHS eine Diagnose zu sein. Dann überlegen wir mal gemeinsam, ob Sie als (ehem.) Lehrkraft dafür ausgebildet wurden, Diagnosen zu stellen oder ob Sie womöglich Ihre Kompetenzen überschreiten bzw. überschritten. Ich hoffe, Sie haben Ihren Unterricht demzufolge nicht auch noch als Therapie betrachtet. Aber es spricht Bände, wenn Sie, als vermeintlich Oberschullehrkraft, teils rassistische Pauschalisierungen heranziehen, um Qualifikationsmängel einerseits und Ihre offensichtlichen Diskriminierungen und Delegitimationen zu rationalisieren. Als ob Sie Migrationsbiografien ansehen können. Bei solchen Gymnasialproblemlehrer*innen kann man nur den Kopf schütteln.

  8. 10.

    Theoretisch klingen die Unternehmungen positiv: Der Senat investiert groß in den Bildungssektor und zur Abwechslung wird auch an sozio-ökonomisch Benachteiligte gedacht. Theoretisch...

    Es wird jedoch aktionistisch und unreflektiert den Herstellern von IT Geld in den Rachen geworfen, statt unabhängige Möglichkeiten zu nutzen. Auch kann es nicht darum gehen, Schüler*innen zu Zwangskonsument*innen zu formen, sondern Medienkompetenz muss allen(!) gelehrt werden. Die zentrale Verwaltung von Schulsoftware birgt zudem große Datenschutzrisiken, s. HPI-Skandal. Grundrechte sind nicht zu verhandeln.

    Die jungen Menschen sollen selbstständiger und kritischer denkende und handelnde Menschen werden - das wird aber mit Großeinkäufen nicht klappen, selbst mit Ausbaue der digitalen (Netz)Infrastruktur. Es ist blanker Krisenmodus und kein zukunftsgewandter Blick. Es braucht mehr Lehrer*innen, bessere Lern- und Lehrbedingungen und sozio-ökonomische Unterschiede dürfen keine Rolle spielen.

  9. 9.

    Tablets sind von der Handhabung ungünstig. Etwas nachaltig denkend, wäre man auf preiswerte 2nd Hand Thinkpads (oder andere robuste) gekommen, die sehr leicht mit einem freien Betriebsystem ausgetattet werden können.

    So schließt man die Kinder in proprietären US-dominierten Softwareshops ein.

  10. 6.

    Wenn aber die Lehrer das Problem sind? Das Austeilen von schlechten Kopien, zuletzt aktualisiert in der Zeit der Euro-Umstellung, eingescannt und durch den Klassenlehrer per Email weitergeleitet, ist NICHT Digitalisierung. Die meisten Lehrer haben nicht mal einen Schul-Mail-account!
    Und warum muss die Hardware von Apple sein???????? (weitere Fragezeichen spare ich mir...)

    Muss es ausgerechnet "chique" sein, reicht nicht auch funktional? Die absolute Mehrheit der Kids verwendet Android Handys. Vor allem die sog. "Bedürftigen". Was genau sollen die mit Reich-und-Schön-Hardware? Angeben? Kaputtmachen?

    Das ist dann nicht mal mit Homeschooling-Muttis Samsung-Gerät kompatibel!

    Helft mir, ich versteh´s nicht...

  11. 5.

    Wenn schon, denn schon.
    In Berlin geht grundsätzlich nichts eine Nummer kleiner, selbst bei der Steuerverschwendung.

  12. 4.

    Vor allen Dingen sollte man verhindern, dass die Kinder auf die Programme von Monopolisten konditioniert werden, wie es offensichtlich bei Ihnen geschehen ist. Wenn die Schüler den Umgang mit Tabellenkalkulation und Textverarbeitung lernen, reicht das vollkommen aus.

  13. 3.

    Es wurden IPads angeschafft?

    Es ist unglaublich wie das Geld der Steuerzahler verschleudert wird. Wäre es nicht auch eine Nummer kleiner gegangen, Huawei Tablets kosten deutlich weniger und sind ebenfalls top ausgestattet.

  14. 2.

    Ich war über 30 Jahre Lehrer am Gymnasium und finde Digitalisieren prinzipiell gut. Das darf aber nur Unterrichtsbegleitend sein.
    Vor allem an Grundschulen kommt es darauf an, dass die Kinder erstmal richtig lesen und schreiben lernen. Da sieht es bei einigen Schülern sehr traurig aus. Geld für kleinere Lerngruppen, Sozialarbeiter und mehr Lehrer wäre sinnvoller. Lehrer sind nämlich oft überfordert mit 28 Schülern. Davon noch 60% Migration, 20% ADHS und noch einige Lernverweigerer. Da ist vernünftige Bildung sehr schwierig, ob mit oder ohne PC.

  15. 1.

    Wenn die Schulen jetzt stärker auf digitales Lernen setzen und entsprechend ausgestattet werden, sollte nicht vergessen werden, die Schüler im Unterricht im Arbeiten mit diesen Medien wirklich zu schulen. Die meisten Kinder können mit ihren Smartphones Whats APP Nachrichten verschicken, haben aber keine Ahnung, wie man mit Excel oder Word umgeht oder wie man eine Internetrecherche strukturiert.

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