Kita-Initiative Hoppipolla (Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel)
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Video: rbb|24 | 27.06.2020 | Material: Maike Gomm | Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel

Elterninitiative Hoppipolla - Wenn Eltern Kita-Plätze schaffen und sich dabei ruinieren

Eltern wollen in Neukölln eine Kita gründen, vor allem für Familien, die Erfahrung mit Diskriminierung gemacht haben. Die Verwaltung gibt grünes Licht - bis sich plötzlich herausstellt, dass die Fördertöpfe des Landes leer sind. Nun droht das Projekt zu scheitern. Von Sebastian Schöbel

Seit Februar sucht Iman Congo aus Lichtenberg einen Kita-Platz für ihren vierjährigen Sohn. Bisher ohne Erfolg. Im Gegenteil. "Wir hatten eine Situation, wo wir bei einem Kinderladen hospitiert haben und dort beleidigt wurden. Als ich gefragt habe, warum die Kinder so etwas zu uns sagen, haben die mir eiskalt ins Gesicht gesagt: Weil ihr schwarz seid."

Eine Erfahrung, die auch der Sohn von Claire Lerner machen musste. In seiner früheren Kita sei der schwarze Junge ebenfalls wegen seiner Herkunft diskriminiert worden, sagt seine Mutter. "Es gab Schimpfworte und ging so weit, dass er gar nicht mehr gehen wollte", sagt sie. Irgendwann habe der Junge gesagt: "Ich will meine Haut abwaschen."

Kita-Initiative Hoppipolla (Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel)
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Mit dem Wunsch, eine bessere Kita zu schaffen, gründete Claire Lerner zusammen mit anderen Eltern Ende 2018 den Verein Hoppipolla. Das ist Isländisch für: "Die Freude, in Pfützen zu springen". Heute umfasst die Gruppe 17 Erwachsene und zehn Kinder, darunter auch Iman Congo und ihr Sohn. Das Ziel: die "Schaffung eines vorurteilsbewussten, anti-rassistischen Ortes ohne klischeehafte Geschlechterrollen".

Die Eltern besuchten Seminare, darunter den Pflichtkurs der Kita-Aufsicht, fanden einen Architekten und pädagogische Fachkräfte, erstellten etliche Konzepte und Kalkulationen. Nach 40 Fehlschläge und zum Teil haarsträubenden Erfahrungen mit Vermietern hatten sie schließlich auch die passenden Räumlichkeiten unweit des Neuköllner Rathauses gesichert. Ein paar kostspielige Gutachten und juristische Beratungen später schien alles klar zu sein. "Wir wollten im August diesen Jahres loslegen, und am Anfang März war das Signal von der Senatsverwaltung, von der Fördermittelstelle noch, dass das ein realistischer Zeitplan ist."

Nach einer Woche kam die Absage

Am 19. März bewarb sich die Elterninitiative für Mittel aus dem Landesprogramm "Auf die Plätze, Kitas, los!". Eine Woche später kam die Absage: Es sei kein Geld mehr da, es bleibe nur die Warteliste.

Die Elterninitiative Hoppipolla traf das völlig unvorbereitet: Niemand in der Bildungsverwaltung habe das vorher erwähnt, sagt Claire Lerner. "Bis zum heutigen Zeitpunkt haben wir von der Senatsverwaltung kein Signal, dass das Geld fehlt."

Marianne Burkert-Eulitz, familienpolitische Sprecherin der Grünen, kann nicht nachvollziehen, "dass wir als Parlamentarier von der Verwaltung nicht frühzeitig darüber informiert ​wurden, dass die Voranmeldungen für das Landesprogramm schon im März 'überbucht' waren". Babette Sperle vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS) spricht von einer "absoluten Sondersituation". "Ich glaube, selbst die Verwaltung ist überrascht gewesen." Offenbar habe man damit gerechnet, dass mehr Geld über den Nachtragshaushalt in das Programm kommt - doch das ist nicht geschehen.

Grünen-Politikerin Burkert-Eulitz sagt, die Aufstockung der Landesmittel werde nun in der Koalition vorangetrieben. "Leider sind das keine kurzfristigen Lösungen, sondern werden Anstrengung und auch Zeit kosten", räumt sie ein.

Zeit, die die betroffenen Initiativen nicht haben, warnt Babette Sperle: Sie stünden nun vor "unüberwindlichen Problemen".

Kita-Initiative Hoppipolla (Bild: rbb|24/Sebastian Schöbel)
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67 Millionen waren im März schon aufgebraucht

Auf rbb-Nachfrage bestätigt die Bildungsverwaltung: Von den 67 Millionen Euro, die in diesem Jahr für das Förderprogramm zur Verfügung standen, sei bereits alles verplant. Erst 2021 soll es weitere 23 Millionen Euro geben.

Für Hoppipolla kommt das zu spät, sagt Claire Lerner: Die Eltern hätten bereits über 22.000 Euro Schulden angehäuft, weil alle Ausgaben aus eigener Tasche vorfinanziert wurden. Nun drohe die Insolvenz. Denn mit den laufenden Mietkosten von rund 2.000 Euro pro Monat wachse der Schuldenberg. Der Umbau der Kita-Räume steht noch aus, Veträge mit Pädagoginnen und Pädagogen können nicht gemacht werden und die Kitaplätze würden dringend gebraucht.

Hoppipolla-Mitbegründerin Anna-Maria Müller ist sauer. "Es ist schwierig, Menschen zum Durchhalten zu bewegen, wenn gar nichts kommt", sagt sie. "Vor allen Dingen, wenn auf der einen Seite der Schuldenberg einfach immer weiter wächst. Und ich finde es auch einen sehr, sehr schlechtes Signal an die sich ehrenamtlich auf den Weg machen, um das zu tun, was das Land Berlin eigentlich tun sollte: Kita-Plätze zu schaffen."

80 Interessenten auf der Warteliste

Babette Sperle vom DaKS rät allen betroffenen Elterninitiativen, umgehend Beratung zu suchen und vor allem keine weiteren Verpflichtungen einzugehen. "Keine Mietverträge abschließen, keine Aufträge an Architekten, Gutachter auslösen", sagt Sperle - in dem Wissen, dass man all das "normalerweise machen muss, um überhaupt Zugang zu diesen Fördermitteln zu bekommen".

Die Senatsverwaltung für Bildungs teilt derweil auf Nachfrage des rbb mit: Insgesamt gebe es derzeit "weitere rund 80 Interessenten für das Landesprogramm". Darunter seien kleine und große Projekte. "Diese Projekte sind noch nicht geprüft, man kann also nicht sagen, dass sie auf alle Fälle eine Förderung erhalten würden." Das hänge von der Gesamtbewertung des Projekts ab, so eine Sprecherin der Verwaltung.

Gut möglich, dass diese Bewertung für die Hoppipolla-Kita bald nicht mehr nötig sein wird.

Sendung: Inforadio, 27.02.2020, 7:00 Uhr

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17 Kommentare

  1. 17.

    Taktisch unklug war es vielleicht auch gewesen, gerade wenn noch so viele Interessenten auf der Warteliste stehen, das Projekt mit Sprüchen der Art "ohne klischeehafte Geschlechterrollen" ideologisch aufzupeppen, denn eigentlich wollte man nur eine Kita gründen, wo dunkelhäutige Kinder nicht gehänselt werden. Ganz davon abgesehen, dass ich nicht sehe, dass in den bestehenden Kitas per se "klischeehafte Geschlechterrollen" eingeübt werden.

  2. 16.

    Echt putzig, was sie dem Staat so zu trauen, es müsste sich schon um höhere Beträge handeln,Druck muss mittels Demos, Mahnwachen usw. aufgebaut werden, als sachkundige Berater sollten umgehend die Aktivisten von "Ende Gelände"ins Boot geholt werden, sonst wird das nichts.

  3. 15.

    In die vollen ist da wohl keiner freiwillig gegangen. Das gründen einer Kita ist mit viel Risiko verbunden, denn der Senat stellt erstmal nichts zur Verfügung bis der Laden läuft, also mit Personal und Kindern belegt ist.
    Alles was davor ist, trägt der Kita Gründer oder Träger. Aus diesem Grund wird oftmals ein Verein gegründet und man beantragt bei der Bank für Sozialwirtschaft pro Person einen höheren Betrag als Kredit, der dem Verein gemeinsam beigeführt wird. Der Verein zahlt dann den Kredit wieder zurück. Da die Kita nun aber nicht öffnen konnte, fehlen Einnahmen für die jeder eben privat vom Verein haftet. Der Senat zieht sich komplett aus der Versntwortung, nicht nur bei Neugründungen sondern auch bei bestehenden Kitas und die einzigen die das Nachsehen haben sind die Menschen die mit Herz die Kinder betreuen wollen so wie die Kinder selbst.
    Und ich schau mal in meine Glaskugel... Die sagt, das es in neun Monaten einen Babybooom geben wird und dann sind wieder alle überrascht woher all die Kinder kommen und wo sie nur alle hin sollen. Dann kommen wieder Sprüche wie „Finanzierung“ und „Fördermitteln in Höhe von“ oder „Schnellbaukitas“ usw.

  4. 14.

    Sicher wird das Vorhaben der Eltern realisiert werden, aber zuerst kommen wichtigere Projekte an die Reihe.Ich denke da nur an die von Allen sehnlichst erwartete Affenschaukel -- pardon Einheitswippe oder wie auch immer man das Ding nennen mag .

  5. 13.

    Das ist nicht ganz richtig. Wie Frau Sperle unten im Text erklärt, sind Vorleistungen nötig, um überhaupt an die Fördergelder kommen zu können. BWL-Kenntnisse sind hier auch nicht das Problem: die Eltern haben, wie beschrieben, zahlreiche Seminare zum Thema Kita-Gründung besucht und nie vorgehabt, daraus ein florierendes Geschäft zu machen.
    Und politischen Druck zu machen war sicherlich auch nicht der Plan: Bis Ende März dachten alle Beteiligten, die Sache gehe seinen Gang, auch weil die Verwaltung nie klar kommuniziert hat, dass kein Geld mehr da ist.

  6. 10.

    Danke für den nüchternen Kommentar.

    Für alle die Verständnisprobleme mit dem Text haben : Nach Antragstellung hat es nur 1 Woche bis zur Entscheidung für dieses Jahr gebraucht.

    Betriebswirtschaftlich ist das doch Wahnsinn fast alles mit kurzfristigen Haushaltskrediten vorzufinanzieren. Und bei allem Respekt, aber die Grünen haben doch, noch dazu als beteiligte in der Koalition, die Möglichkeit Zahlen und Prognosen anzufordern.

  7. 9.

    Schade, dass es überhaupt privater Initiativen bedarf. Es muss doch dem Staat gelingen, Raum für folgende Generationen zu schaffen.

  8. 8.

    Die Überschrift paßt nicht zum Inhalt. Dass die Verwaltung "grünes Licht" gegeben hat, konnte ich dem Text nicht entnehmen. War wohl mehr Licht von den Grünen als von der Verwaltung.

  9. 7.

    Meines Erachtens, etwas einseitig geschildert, der ganze Vorgang.
    Und betriebswirtschaftliche Kenntnisse wären bei den Betreibern der Aktion auch nicht schlecht gewesen. Ich habe nirgends gelesen, daß eine halbwegs tragfähige Inaussichtstellung der Öffentlichen Hand stattgefunden hat. Dann schon in die Vollen zu gehen, Räume anzumieten, wo noch nichts feststeht, ist halt das Risiko der Vorauseilenden.

    Oder, der Aspekt ist natürlich auch da, man wollte mit politischem Druck nachhelfen. Was ja auch desöfteren insbesondere in Berlin funktioniert.

    "Marianne Burkert-Eulitz, familienpolitische Sprecherin der Grünen, kann nicht nachvollziehen". Ich auch nicht. Burkert-Eulitz, sie ist Rechtsanwältin und sitzt als Grüne Berufspolitikerin im Abgeordnetenhaus in einschlägigen Ausschüssen und müßte eigentlich wissen, dass der Senat klamm ist und nicht jedem der 80 weiteren Interessenten das Geld für seine Ideen überweisen kann.

  10. 6.

    Also dass die Umsetzung der Pläne für eine kleine Kita derzeit am Berliner Förderprogramm scheitert ist für die beteiligten Eltern ärgerlich und frustrierend.
    Dass Eltern aufgrund des Mangels an Kitaplätzen selbst tätig werden,finde ich super.
    Dass Eltern aber eine eigene Kita gründen wollen/ müssen,weil sie und ihre Kinder in den bisherigen Kinderbetreuungseinrichtungen rassistisch beleidigt werden,finde ich schockierend. Gerade im Kitaalter kann man den Kleinen doch erklären und vorleben,wie wir alle friedlich und respektvoll miteinander umgehen wollen/sollen. Was sind denn das für Erzieher/innen, die die dortigen Vorkommnisse nicht zum Anlass genommen haben ,um mit den Kindern das genau in diesen Situationen zu besprechen? Wir sind nicht alle gleich,wäre ja auch langweilig. Aber wir haben alle die gleichen Rechte und Pflichten, völlig egal welche Hautfarbe oder Herkunft wir haben. Gerade weil wir nicht alle gleich sind,können wir doch viel über- und voneinander lernen.

  11. 5.

    Mein vollsten Respekt und Anerkennung für diese Leistung. Und wie unfassbar, dass sich heute in Berlin Kinder und Menschen ihrer Hautfarbe schämen müssen.

  12. 4.

    Der Begriff "Hoppipolla" ist nicht finnisch, sondern isländisch, vgl. den gleichnamigen Song der isländischen Band Sigur Rós.

  13. 3.

    Guter Beitrag. Unfassbare Zustände

  14. 2.

    Ich wünsche dem achso-fortschrittlichen Deutschland und somit Initiativen wie Hoppipolla, dass Gelder für Bildung und Nachwuchs verfügbar sein werden.
    Wie viel Geld durch Lobbyismus fehlgeleitet wird und "im Sumpf versickert", ist ja ein offenes Geheimnis.
    Alles Gute für den Verein und Hut ab vor dem Vorhaben.

  15. 1.

    Ein wahnsinnig anstrengendes und frustrierendes Unterfangen, ich habe höchsten Respekt für Einsatz und Durchhaltevermögen!
    Ich drücke die Daumen, dass sich die Mühen am Ende in Erfolg bezahlt machen.

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