02.03.2020, Berlin: Dilek Kalayci (l-r, SPD), Senatorin für Gesundheit, Lukas Murajda, Amtsarzt, und Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: Abendschau | 17.06.2020 | D. Knieling | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Hunderte Stellen nicht geschaffen und besetzt - Kalayci kritisiert Personalnotstand in Gesundheitsämtern

Die Coronakrise legt die Schwächen und Mängel in der Berliner Verwaltung offen, besonders in den Gesundheitsämtern: Hier fehlen seit Jahren Fachkräfte, in fast allen Bereichen. Die Bezirke reagieren allerdings sehr unterschiedlich, wie rbb-Recherchen zeigen. Von Sebastian Schöbel

Weil in den Berliner Gesundheitsämtern zum Beginn der Corona-Pandemie hunderte Stellen nicht besetzt waren, übt Gesundheitssenatorin Dilek Kalaci (SPD)nun scharfe Kritik an der Personalpolitik in den Bezirken. "Wir sehen ganz klar, dass die Zahl der unbesetzten Stellen gestiegen ist. Das macht mir schon Sorgen", sagte Kalayci dem rbb.

Insgesamt waren im März von rund 1.855 vorhandenen Stellen im Öffentlichen Gesundheitsdienst 275 Stellen unbesetzt. Das geht aus Zahlen des Senats hervor, die dem rbb vorliegen.

Kaum ein Bezirk erreicht Ziel des Mustergesundheitsamtes

Noch größer klafft die Lücke, wenn man den Stellenplan des beschlossenen Mustergesundheitsamtes MGA zugrunde legt: Danach waren sogar rund 465 der Stellen nicht besetzt.

Viele dieser Stellen wurden bislang aber noch gar nicht geschaffen, kritisierte Kalayci. Laut Plan müsste es im Öffentlichen Gesundheitsdienst Berlins nämlich rund 2.033 Stellen geben. Tatsächlich geschaffen wurden in den Bezirken aber bislang nur knapp 1.840. "Wenn sie nicht eingerichtet sind, können sie nicht besetzt werden", sagte Kalayci dem rbb. "Deswegen wäre meine Bitte an die Verantwortlichen in den Bezirken, diese Stellen einzurichten."

Bezirke schreiben Dutzende Stellen aus

Völlig untätig waren die Bezirke in diesem Jahr bei der Neubesetzung von Stellen für ihre Gesundheitsämter nicht: Eine Abfrage des rbb in allen Bezirken ergab, dass Lichtenberg seit Januar besonders aktiv auf dem Arbeitsmarkt war: 16 Stellen wurden ausgeschrieben und 6 neu besetzt. Allerdings fanden sich auch für 5 Stellen keine geeigneten Bewerberinnen oder Bewerber - ein Dauerproblem für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, der mit einem starken Privatsektor konkurrieren muss.

Ebenfalls sehr aktiv waren Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg mit 11 beziehungsweise 12 Ausschreibungen seit Januar. Darunter waren mehrere Facharztstellen, Jobs im psychatrischen Dienst und in der Verwaltung. Besetzt wurden in beiden Bezirken insgesamt 11 Stellen. 

Allerdings konnten auch insgesamt fünf Stellen nicht besetzt werden - und es steht zu befürchten, dass sie länger vakant bleiben. So mussten beide Bezirke den Posten des Gesundheitsaufsehers ausschreiben - in Friedrichshain-Kreuzberg erfolglos. "Stellen im Bereich Hygiene- und Umweltmedizin sind aufgrund mangelnder Bewerbungen grundsätzlich schwer zu besetzten", teilte das Geusndheitsamt des Bezirks mit. "Im derzeitigen Pandemiegeschehen macht sich dieses Defizit besonders bemerkbar." Auch die fachärztliche Leitung der Hygiene und Umweltmedizin konnte ebenfalls bisher nicht besetzt werden. Treptow-Köpenick braucht derweil einen Facharzt oder eine Fachärztin im Sozialpsychiatrischen Dienst. Die Stelle ist seit Juni 2018 in der Dauerausschreibung.

So aktiv sind die Bezirke auf dem Arbeitsmarkt

  ausgeschriebene Stellen seit 1.1.2020 Besetzte Stellen seit 1.1.2020 Stellen, die seit 1.1.2020 ausgeschrieben wurden aber nicht besetzt werden konnten
Lichtenberg 16 6 5
Steglitz-Zehlendorf 6 2 0
Spandau 6 12 1
Neukölln 8 2 2
Charlottenburg-Wilmersdorf 7 3 4
Treptow-Köpenick 11 7
3
Friedrichshain-Kreuzberg 12 4 2
Reinickendorf 5
8 0
Pankow 3 8 3

 

Die Bezirke Mitte und Marzahn-Hellersdorf lieferten auf rbb-Nachfrage keine Daten.

Einige Stellen, die 2020 besetzt wurden, waren bereits 2019 ausgeschrieben.

Bis zu 1.500 Euro Lohn zusätzlich pro Monat

Dabei nutzen beide Bezirke intensiv die Möglichkeit, Stellen finanziell attraktiver zu machen: Insgesamt achtmal wurde zu außertariflicher Bezahlung oder einer höheren Einstufung nach TV-L gegriffen. "Die Instrumente der außertariflichen Regelung, wie Vorweggewährung von Stufen, Fachbereichsleitungszulage, Zulagen zur Bindung von qualifizierten Fachpersonal und die Fachkräftezulage kommen regelmäßig zum Einsatz", teilt das Büro von Treptow-Köpenicks Gesundheitsstadtrat Bernd Geschanowski mit. Allein 2019 sei das bereits sechsmal geschehen, "um insbesondere Ärzte und Ärztinnen einzustellen". Der Senat hatte nach langem Ringen mit den Personalvertretern außertarifliche Boni von bis zu 1.500 Euro pro Monat durchgesetzt, zudem wurde die Möglichkeit geschaffen, neu eingestelltes Personal in höheren Tarifgruppen des TV-L einzugruppieren. Dadurch soll die Attraktivität des Öffentlichen Gesundheitsdienstes verbessert werden.

Viele Bezirken nutzen Bonuszahlungen für Fachkräfte nicht

Recherchen des rbb zeigen jedoch, dass nicht alle Bezirke die für die Anwerbung von Personal zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nutzen.

Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Steglitz-Zehlendorf haben jeweils zweimal Gebrauch gemacht. Alle anderen Bezirke tun es dagegen gar nicht oder konnten keine Daten liefern. "Das kann ich absolut nicht nachvollziehen", sagte Gesundheitssenatorin Kalayci. "Weil uns seit Jahren gesagt worden ist, dass vor allem die ungleiche Bezahlung der Ärzte der Grund dafür ist, warum die Stellen immer unbesetzt waren. Jetzt haben wir eine außertarifliche Bezahlung ermöglicht. Ich habe kein Verständnis dafür, dass das nicht genutzt wird."

Mehrere Bezirke sagten auf rbb-Nachfrage, die Nutzung etwa der außertariflichen Bezahlung sei noch in der internen Klärung. "Eigentlich sollte eine berlineinheitliche Regelung bei der Anwendung für dieses Ausschreibeverfahren gefunden werden", sagte der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Detlef Wagner, dem rbb. Zudem gebe es die Gefahr, dass sich die Bezirke damit auf dem Arbeitsmarkt  "gegenseitig kannibalisieren". Er selbst habe bislang keine Probleme, Ärztinnen und Ärzte zu gewinnen. Allerdings könne er nachvollziehen, dass das in anderen Bezirken schwerer sei, so Wagner, dafür habe er Verständnis. "Auch ich kann mir vorstellen, dass ich dieses Instrument zur Herstellung gleicher Voraussetzungen bei der Bezahlung zum Wohle meiner Mitarbeiter einsetzen werde."

Dass Charlottenburg-Wilmersdorf die Zielvorgaben des Mustergesundheitsamtes nicht erfüllt, räumt Wagner ein. Dem Bezirk fehlen hier 38 Stellen. Er habe bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr festgestellt, so Wagner, "dass das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf bei Stellenanmeldungen keine Brennpunkte erkannt hatte und von einer Stellenanmeldung für diesen Bereich abgesehen hatte". Das sei auch in vielen anderen Bezirken passiert. "Da das Gesundheitsamt allen seinen Verpflichtungen zum damaligen Zeitpunkt zwar mit kleinen Problemen aber immer zeitgerecht nachkommen konnte, ist diese Entscheidung ohne unser heutiges Wissen nicht schön aber nachvollziehbar gewesen."

Schlusslicht Reinickendorf

Marzahn-Hellersdorf und Mitte waren nicht in der Lage, trotz mehrfacher Nachfrage des rbb zu erklären, welche Stellen sie für den Öffentlichen Dienst ausgeschrieben oder besetzt haben. Laut den Zahlen des Senats haben aber auch diese beiden Bezirke große Lücken um Stellenplan: Ende 2019 waren in Marzahn-Hellersdorf 26 Stellen im Gesundheitsdienst nicht besetzt, Ende März waren es sogar rund 38. Zudem waren 30 weitere Stellen, die laut MGA existieren müssten, noch gar nicht geschaffen. In Mitte waren im März 8 Stellen nicht besetzt, dafür hatte der Bezirk allerdings die Vorgaben des MGA sogar leicht übererfüllt. Nur Lichtenberg war da noch besser: Statt geplanten 182 Stellen gibt es hier sogar 194.

Anders sieht es zum Beispiel in Reinickendorf aus. Hier hatte vor allem Amtsarzt Patrick Larscheid wiederholt Kritik an Kalaycis Krisenmanagement geübt. In seinem Bezirk fehle unter anderem Personal für gründliche Reihenuntersuchungen in den Kitas und verstärkte Hygiene-Kontrollen. Auf Nachfrage des rbb erklärte der Bezirk nun, "es bestehen zurzeit keine großen Lücken bei der Besetzung der Stellen im Gesundheitsamt". Man habe in der vergangenen Zeit "immer erfolgreich die ausgeschriebenen Stellen besetzen beziehungsweise nachbesetzen" können. In diesem Jahr waren es demnach acht Stellen.

Allerdings waren laut Zahlen des Senats im März gut 16 Stellen im Reinickendorfer Gesundheitsamt nicht besetzt, vor allem im Bereich Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitshilfe für Kinder und Jugendliche. Zudem müssten laut Mustergesundheitsamt insgesamt 162 Stellen im Gesundheitsdienst des Bezirks existieren, geschaffen wurden aber nur 114. Es fehlen also über 64 Stellen, so viele wie in keinem anderen Berliner Bezirk. "Wenn ein Bezirk die Stellen nicht einmal einrichtet und dann viele unbesetzte Stellen hat, ist das besonders dramatisch", kritisierte Gesundheitssenatorin Kalayci.

Kommentar

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15 Kommentare

  1. 15.

    Der Bewerbungsprozess dauert Monate, keinerlei Anrechnung von Berufserfahrungen. 34 Jahre Berufstätigkeit und Einstufung in Stufe 1, Gehaltsunterschied zur freien Wirtschaft 800 Euro!!!!!!
    Habe den Vertrag nicht unterschrieben!!

  2. 14.

    Die Verantwortliche für diesen Missstand übt also Selbstkritik? Wie sonst ist es zu verstehen, wenn die oberste Behördenchefin den Mangel in ihrer Behörde kritisiert.

  3. 13.

    An den Berliner Senat, sich die Diäten erhöhen und am Personal sparen.... Sie sollten sich alle mal selber an die Nase fassen und nicht immer Jammern. Glaubt jeso keiner....

  4. 12.

    Na prima, dann kann sie sich ja selbst kritisieren.
    Und am besten ihren Platz räumen.

  5. 11.

    Die Umsetzung ist halt oft Bezirkssache, da können die Verantwortlichen auf Landesebene dann auch nicht so viel machen. Das gleiche sieht man doch beim Mobilitätsgesetz. Der Berliner Senat beschließt es zwar, aber die Bezirke müssen bauen. In Reinickendorf zum Beispiel regiert noch immer das Auto, da wird das beschlossene Gesetz einfach ignoriert.

  6. 10.

    Typisch Berlin.
    Politiker starten "Schwarze-Peter-Spiele"um eigene Fehler zu kaschieren.

  7. 9.

    Da kritisiert die richtige Person!!!

  8. 7.

    Die Löhne laut TV-L finden Sie hier: https://oeffentlicher-dienst.info/tv-l/berlin/

    Die Entlohnungen variieren je nach Stelle. Zudem gibt es ja, wie berichtet, Unterschiede, je nach individueller Verhandlung.

    Was die Zahl der Qualifizierten angeht, kann Ihnen das niemand genau ausrechnen. Nur, dass es zu wenige Fachkräfte sind, das wissen wir.

  9. 6.

    Die Coronapandemie hat ja nicht nur nochmal gezeigt, dass die Gesundheitsämter schon lange unterbesetzt sind, sondern auch die Jugendämter.
    Der Personalnotstand zieht sich schon durch die gesamte Berliner Verwaltung. Eine Verwaltung,die man nicht nur in Krisenzeiten braucht sondern auch, wenn man will, dass die Stadt weiter wächst. Obwohl sie eigentlich voll genug ist. Der Senat wurde ja auch völlig überrascht,wieviele Angestellte die 63ziger Regelung nutzten und in Rente gingen. In absehbarer Zeit gehen noch sehr viel mehr in Rente,auch viele von denen,die seit Jahren die Arbeit für die unbesetzten Stellen mitzogen. Das im Gegensatz zu ihnen,die neu zu besetzenden Stellen höher bewertet werden oder die Bewerber einen Boni bekommen,damit sie die Stelle annehmen, hat für Alteingessene einen bitteren Beigeschmack.

  10. 5.

    Warum erfahren wir nicht, um wieviel Geld es geht? Ich finde diese Berichte - allgemein - müßig, wenn es keine Zahlen gibt. Wieviele Menschen haben in Berlin diese gesuchten Qualifikationen? Wer bietet ihnen mehr und wieviel? Immerhin hat die Stadt die höchste Arbeitslosenrate aller großen Städte Deutschlands. Warum werden überhaupt fast nie die Gehälter genannt? Stets lesen wir, daß alle zu wenig bekommen.

  11. 4.

    Unter solch einer unwissenden und unfähigen Gesundheitssenatorin würde ich auch nicht arbeiten wollen, sie redet nur und lässt keine Taten folgen, die Ausstattung in den Gesundheitsämter stammt noch aus DDR Zeiten und die Bezahlung ist auch nicht höher als damals. Aber zum Glück sind bald Wahlen und Frau Kalayi ist wieder von der Bühne verschwunden und kann sich um den Abbau ihres Reserve Krankenhauses kümmern.

  12. 3.

    Die Gesundheitssenatorin kritisiert Probleme im Gesundheitswesen. Es ist immer interessant wenn Verantwortliche das kritisieren für das sie direkt oder indirekt verantwortlich sind.
    Nein, nicht Sie können kritisieren, sondern die Mitarbeiter, die Bürger.. können Ihre Arbeit kritisieren, Frau Gesundheitssenatorin.

  13. 2.

    Wenn an diesem Personalmangel nicht mal die schlechte Besoldung und teilweise miserable Ausstattung schuld sind. Wowereit hat damals die Besoldung gekippt als er sich von der bundeseinheitlichen Besoldung verabschiedet hat. Seit dem fehlt das Personal und der Senat schiebt die Anpassung auf die lange Bank. Da braucht sich keiner wundern.

  14. 1.

    Für Personal ist das Abgeordnetenhaus von Berlin zuständig. Die entscheiden wofür Geld ausgegeben wird. Ein Bundesland das Ärzte einstellen und nach Tarif bezahlen möchte, kann seine Universitäten auch anweisen entsprechend auszubilden, sonst gibts halt kein Geld. Wie wäre es, die zu "freiwilligen Corona-Diensten " eingesetzten Studierenden und Doktoranden nach abgeschlossener Ausbildung bevorzugt im Staatsdienst zu beschäftigen ? Natürlich mit er Aussicht auf Sinnvolle Bezahlung !

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