Der Pop-up Radweg auf der Kantstraße wird zum Parken genutzt, Radfahrende müssen ausweichen und sich in den fließenden Autoverkehr einreihen. (Bild: imago/Gudath)
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Radverkehr in der Corona-Krise - Wie Pop-up-Radwege Auto- und Radfahrer weiter entzweien

Seit ihrer Einführung in der Corona-Krise kreisen Debatten um Berlins Pop-up-Radwege. Die meisten Radfahrer sind dafür, mehr als drei Viertel der Autofahrer dagegen. Exemplarisch steht die Kantstraße für den Streit um die neuen Spuren. Von Maike Gomm

Elf temporäre Radwege schlängeln sich in Berlin mittlerweile durch Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg. 25 weitere haben die Bezirke schon angemeldet. Doch die Meinungen über die temporären Radwege gehen auseinander. An einem Freitagnachmittag stehen immer mal wieder Radfahrer auf dem neu angelegten Radstreifen an der Kreuzung Kant- Ecke Suarezstraße.

"Die Radwege sind ein Geschenk des Himmels", sagt einer von ihnen auf Nachfrage. "Ich kann jedem nur empfehlen, jetzt die Kantstraße zu benutzen." Ein Motorradrollerfahrer steht daneben auf der Autospur: "Für die Radfahrer ist es gut, aber für den innerstädtischen Verkehr eine Katastrophe."

Fast 100 Prozent der Radfahrer für Pop-up-Radwege - 80 Prozent der Autofahrer dagegen

Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Pop-up-Radwege hat auch Sophia Becker interessiert. Sie ist Professorin für nachhaltige Mobilität an der Technischen Universität Berlin. Im Rahmen der Forschungsgruppe "Die Verkehrswende als sozial-ökologisches Real-EXPERIment" hat sie zusammen mit Katharina Götting für eine Kurzstudie über 1.600 Berliner zu den temporären Radwegen befragt. Als Vorteile nennen die Befragten vor allem eine höhere Sicherheit und mehr Platz für die Radfahrer.

Doch der eingeschränkte Raum für den Autoverkehr wird auch als Nachteil wahrgenommen. Fast 100 Prozent der Radfahrer sind für die Pop-up-Radwege, rund 80 Prozent der Autofahrer dagegen. Bei den Fußgängern und den Nutzern des öffentlichen Nahverkehrs sprechen sich drei Viertel der Befragten für die Radwege aus. "Wir sehen eine sehr einheitliche Meinung beim sogenannten Umweltverbund", sagt Becker.

ADAC: Weniger Autospuren ökologisch kontraproduktiv

Die Senatsverwaltung für Verkehr möchte möglichst alle temporären Radwege dauerhaft erhalten, wie Sprecher Jan Thomsen im Gespräch mit dem rbb bestätigte. Grundlage dafür ist das Berliner Mobilitätsgesetz. Damit hat der Senat 2018 auch den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur beschlossen. Sandra Hass, Sprecherin des ADAC, glaubt nicht, dass das Konzept, weniger Platz gleich weniger Autos in der Innenstadt, aufgeht. "Der Verkehr nimmt wieder deutlich zu", sagt Hass. "Wenn wir jetzt noch weniger Autospuren und weniger Parkplätze haben, dann ist das aus ökologischen Gründen absolut kontraproduktiv. Denn dann haben wir mehr Staus, mehr Stop-and-go und damit auch mehr Umweltbelastung."

Sophia Becker sieht das anders. Auch vor den Pop-up-Radwegen und vor Corona habe es Stau gegeben. Und auch jetzt gebe es vor allem Umstellungsschwierigkeiten, sagt die Forscherin. Mittelfristig zeige sich aber, dass der Verkehr abnimmt, weil "mehr Menschen auf das Rad oder den öffentlichen Verkehr umsteigen".

"Ein Gewinn an Sicherheit konnten wir nicht feststellen"

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Sicherheit. Im Mai starb eine Radfahrerin, die auf einem Pop-up-Radweg unterwegs war durch einen rechtsabbiegenden Lkw. In Berlin war das 2020 der vierte tödliche Unfall, in den ein rechtsabbiegender Lkw involviert war. Allerdings passieren solche Unfälle auch auf befestigten Radwegen.

Sandra Hass steht an der Kreuzung Kantstraße/Suarezstraße und deutet auf die Fahrbahn: "Wir haben einen durchgezogenen gelben Radstreifen, der den Radfahrern ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Nichtsdestotrotz haben wir viele Parkplätze am Rand, an denen Autos ein- und ausparken können. Damit rechnet man als Radfahrer möglicherweise nicht. Deswegen sehen wir hier keinen Gewinn für den Radverkehr. Viel mehr ergeben sich neue Gefahrenquellen."

Tatsächlich halten sich viele Autofahrer nicht an die gelbe durchgezogene Linie auf der Kantstraße. Sie nutzen sie zum Parken oder als Abbiegestreifen vor Kreuzungen. Doch nicht überall ist die Situation so, wie an der Kantstraße. "Also generell schaffen die Pop-up-Radwege mehr Sicherheit als vorher, zum Beispiel am Kottbusser Damm, an dem es gar keine Radspur gab. Trotzdem können natürlich auch Pop-up-Radwege nicht alle Sicherheitsprobleme lösen", sagt Becker. "Mittelfristig brauchen wir ein durchgängiges Netz von baulich getrennten Radwegen. Dann sollte auch die Sicherheit deutlich erhöht sein."

Sendung: Inforadio, 21.06.2020, 10 Uhr

Kommentar

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93 Kommentare

  1. 93.

    Es ist für Politiker heute halt „Inn“ den Radfahrern nach dem Mund zu reden.
    Objektive Betrachtung fallen da leider hinten runter.

  2. 92.

    Es geht den Platzhirschen an den Kragen und sie sind im Unrecht, das wissen die Herren (meist sind es ja Männer)und deswegen versuchen sie mit Aggressionen Radfahrer einzuschüchtern. Sei es hier oder auf der Straße. Da werden dann Kennzeichen gefordert und weiterer Blödsinn, um möglichst viele Menschen vom Radfahren abzuschrecken. Indirekte Drohungen "Radfahren ist gefährlich"! und absurde Forderungen "Gebühren" inklusive.
    Auf der Straße herrscht Krieg. Autofahrer setzen ihre Autos ungehemmt als Waffe ein. Das spiegelt sich hier wider. Da fordert ein Berufskraftfahrer (!)andere LKW Fahrer auch schon mal unverhohlen auf ihre LKWs als Waffe einzusetzen ("ganz rechts fahren").
    Und wie im Tierreich versucht Autofahrer mit Imponiergehabe sein Revier zu verteidigen. Und dieses proletenhafte Imponiergehabe hat man dann GEFÄLLIGST als "andere Meinungen"zu akzeptieren.

  3. 91.

    Wie infantil ist es eigentlich sich "Auch Radler" zu nennen, wenn man dann nur gegen Radfahrer wettert und die altbekannten Methoden nachplappert um Menschen vom Radfahren abzuhalten.
    Solche Leute kennen das Rad meist nur am Vatertag und das nur um die Fleppe nicht zu verlieren.
    Und die MPU ist bei aggressiven Verhalten, die von 90 % der Autofahrer an den Tag gelegt werden eben angebracht.
    "Fast 100 Prozent der Radfahrer für Pop-up-Radwege - 80 Prozent der Autofahrer dagegen" sprechen eine deutliche Sprache.

  4. 90.

    Falsch. Es sind die uneinsichtigen Autofahrer, die unsere Gesellschaft spalten, die auch noch dafür bezahlt dass man vergiftet, schwer verletzt oder gar getötet wird.
    Die Mehrheit in Berlin besitzt kein Auto, muß aber der Minderheit ihre Terrorwerkzeuge wie vierspurige Schneisen mitten durch Wohngebiete finanzieren.

  5. 89.

    MPU.... Uiuiui.... dünnes Eis.... Sehr dünnes Eis. Dann bitte analog auch konsequent für Radelnde, die sind auch zuhauf regelbrechend unterwegs. Ich bin auch für eine Kennzeichenpflcht für Räder.

  6. 88.

    Nicht die Radwege entzweien sondern die Politik, die so etwas anzettelt. RRG spaltet die Gesellschaft.

  7. 87.

    Und dort ist bei Unfällen Auto - Fietsen meines Wissens grundsätzlich der Autofahrer schuld.
    Habe mal erlebt, dass in der Prinsengracht ein Auto im Schritttempo längere Zeit hinter mir hergefahren ist, als ich wegen Platzmangel (Parkende, Müllkästen, etc.) auf dem Fahrweg laufen mußte. Ohne zu hupen! Hier undenkbar.

  8. 86.

    Ja, nur kommen die Autofahrer mit der KFZ-Steuer nicht für den Straßenneubau auf, sondern für die Schäden die sie an der von allen finanzierten Infrastruktur verursachen. Also netter Versuch, aber auch ich als Radfahrer habe ihre Strasse mitfinanziert und jeder in diesem Land.

  9. 85.

    @a22BerlinDienstag, 23.06.2020 | 00:24 Uhr
    Ganz ihrer Meinung,Kennzeichnungspflicht muss kommen.
    Dann allerdings sollten auch Radfahrer Parkplätze zum Abstellen benutzen dürfen.
    Natürlich nur wegen der Gleichberechtigung.

  10. 84.

    Stimmt, Anwohnende bestätigen, dass sich real an der Verkehrssituation für Autofahrende (wie am Kottbusser Damm) nichts verändert hat. Denn die 2. Spur wurde längst als Park- und Lieferzone genutzt. Falschparker sind mir nicht aufgefallen; am Ausparken hat sich nichts geändert ;) An manchen Stellen fehlen noch deutliche Fahrbahnmarkierungen bzgl. Spurwechsel und Abbiegen. Dort wo noch keine Warnbarken stehen wird der Radweg trotz anderer Abbiegespur weiterhin mit Autos zum abbiegen genutzt. Verbesserungswürdig ist auch die Beschaffenheit der Fahrbahn, insbesondere dort, wo jetzt noch Warnbarken direkt auf dem Pop-Up-Radweg stehen. Wäre eine weniger lustige Variante auf anderen Fahrbahnen, um auf große Buckel oder Schlaglöcher aufmerksam zu machen - statt diese Straßenschäden direkt zu reparieren ;) In jedem Fall eine enorme Verbesserung, um dort als Lastenradfahrer sicherer unterwegs zu sein.

  11. 82.

    Alle sind Fußgänger, die meisten sind Radfahrer, einige sind Autofahrer. Fußgänger sind langsam und verletzlich, Autofahrer schnell und gut geschützt. Innerhalb einer Gruppe sollten die Starken und Schnellen Rücksicht auf die Schwachen und Langsamen nehmen. Wer hat in der Regel den Schaden beim Zusammenstoß zwischen Fußgänger, Radfahrer, Auto? Verkehr(steilnehmer) sind alle. Vorsicht, Umsicht, Rücksicht!!!! ( der 7. Sinn, falls noch bekannt)

  12. 81.

    Anstatt "weiter entzweien" hätte man vielleicht schreiben sollen: "wie rücksichtslose Automobilisten eine neue Gelegenheit gefunden haben, Radfahrer zu behindern zu gefährden". Wo sind die Ordnungsämter? Aufschreiben, und im Wiederholungsfall zur MPU, um die geistig-charakterliche Eignung zum Führen eines Kraftfahrzeuges begutachten zu lassen. Wer sich im Straßenverkehr nicht gesetzmäßig und sozial verhalten kann, der kann in Zukunft auch den öffentlichen Naheverkehr nutzen.

  13. 80.

    Sehr guter Vorschlag! Wenn dann auch noch eine Kennzeichnungspflicht kommt, geht es endlich in Richtung Gleichberechtigung.

  14. 79.

    Die Diskussion bestätigt meine Beobachtung, dass der laute Teil von Radfahrern wie Autofahrern Kind des gleichen Geistes ist. Wenn die wüssten, wie ähnlich sie ticken!
    Wer schnell ist, hat da offenbar recht, untereinander, gegenüber dem jeweils anderen und natürlich beide gegenüber Fußgängern. Ist hier im Forum -lach- als auch täglich draußen wunderbar zu beobachten.

  15. 77.

    "Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, freue ich mich über jede Art von Radweg - Hauptsache weg von der Fahrbahn."

    Ich nicht. Erstmal nicht über jede Art von Radweg, zum anderen haben sowohl Verkehrssicherheitsfachleute, als auch Radfahr-Verbände, als auch eine große Masse von Radfahrenden festgestellt, dass ein Radfahren auf der Fahrbahn sicherer ist als auf einem getrennt verlaufenden und häufig der Sicht entzogenem Radweg.

    Die minimal größere Gefährdung bei einem auf der Fahrbahn markierten Radstreifen wird mehr als kompensiert durch die viel größere Gefährdung beim Rechtsabbiegen seitens der Autofahrenden bei getrennten Radwegen. So ist es in der Stadt mit ihren vielen Ein- und Ausbiegerströmen in dichter Reihenfolge. Bei Überlandstraßen ist es hingegen umgekehrt. Dort fahren Sie ggf. kilometerlang auf einer Straße und dann erst gelangen Sie zu einer Nebenstraße mit Ein- und Ausbiegern. Dort ist natürlich ein von der Auto-Fahrbahn vollkommen getrennter Radweg sinnvoll.

  16. 76.

    *lach* herrlich! Überschrift: "Wie Pop-up-Radwege Auto- und Radfahrer weiter entzweien". Was passiert hier? Die Kommentatoren zerfleischen sich förmlich. Jeder wirft dem jeweils anderen Regelverstöße vor. Absolut klasse.
    Da kannste noch so viele Radlwege bauen, poppen oder auch lassen, hier wird GEFÄLLIGST (Zitat Ende) dem anderen ordentlich die Meinung gegeigt.
    Unterdessen nutzen viele Radler die tollen neuen Möglichkeiten auf den Radwegen, die entstanden sind, schneller als alle gehofft haben. Und die Autofahrer merken keinen Unterschied, sie stehen an den gleichen Stellen wie vorher :-) denn entweder war die zweite Spur zugeparkt von Leuten, die "nur mal eben"... oder es war eh ein Parkstreifen...

  17. 75.

    Ich bin Rad- und Autofahrerin. Je billiger Autofahren ist und je schneller man damit ankommt, desto mehr fahre ich, einfach weil es komfortabel ist. Je sicherer Radfahrern ist und je mehr Stau es bei den Autofahrern gibt, desto mehr fahre ich Fahrrad. Als Mensch möchte man: Sicherheit, schnell ankommen und möglichst günstig. Es ist daher Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass Radfahrern Vorteile bringt und Autofahren Nachteile. Wenn man für einen Weg mit dem Rad 30 min braucht und mit dem Auto 10, nimmt man das Auto. Wenn man aber sieht, dass Radfahrer an einem vorbeiziehen, weil die Autos die Innenstadt zustopfen, steigt man auch selbst auf das Rad. Menschen handeln ganz simpel. Deswegen muss die Politik das eben regeln und Vorteile für Radfahrer schaffen. Im Übrigen: wenn die Öffis umsonst wären (bzw. durch Steuern finanziert), dann wäre das noch die Krönung des Ganzen. Meines Erachtens könnte sowas zB durch eine Steuer auf Digitalkonzerne wie Amazon finanziert werden.

  18. 74.

    "Wir haben Meinungsfreiheit in unserer Demokratie also akzeptieren sie gefälligst andere Meinungen" Was ich zu akzeptieren habe das überlassen sie GEFÄLLIGST mir! Und wo war da eine Meinung?
    "Wir müssen ja auch ihre Kommentare ertragen." Müssen sie nicht. Jedes Gerät hat einen Ausschaltknopf.

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