Symbolbild: Radfahrer fahren auf einem Radschnellweg (Quelle: dpa/Schmidt)
Video: Abendschau | 23.06.2020 | Sylvia Wassermann | Gespräch mit Ingmar Streese | Bild: dpa/Schmidt

Netz in Berlin fertig geplant - Der erste Radschnellweg wird wohl erst in fünf Jahren eröffnet

Zehn Routen wurden schon diskutiert - am Dienstag wird in Berlin der Plan für den elften und letzten Radschnellweg vorgestellt. Bis zur Einweihung der ersten Verbindung könnte es laut Verwaltung einige Jahre dauern. Radfahrverbände sehen das erstaunlich entspannt. Von Jan Menzel

Am Brandenburger Tor ist die Verkehrswende noch nicht angekommen, in der Mitte Berlins geben nach wie vor Autos den Takt an. Dabei soll hier einmal Berlins längster Radschnellweg entlangführen: Von Spandau im Westen über die Straße des 17. Juni bis nach Marzahn im Osten könnte die knapp 38 Kilometer lange Route führen. Bislang tut sie das aber nur auf dem Papier.

"Ich würde mir wünschen, dass wir hier sehr viel weiter wären", sagt CDU-Landeschef Kai Wegner. Der Bundestagsabgeordnete hat seiner Partei gerade ein neues Verkehrskonzept verpasst, Radschnellwege inklusive. Der Senat, findet Wegner, rede viel zu viel und mache zu wenig: "Man zieht panisch ein paar gelbe Linien auf die Straße, um die Fahrradbilanz zu verbessern", sagt er. Nachhaltig sei das aber nicht.

100 Kilometer Radweg stehen im Gesetz

Die nackten Zahlen scheinen den CDU-Chef zu bestätigen. 100 Kilometer Radschnellwege hat Rot-Rot-Grün versprochen und ins Mobilitätsgesetz geschrieben. Bis heute ist davon kein einziger Kilometer gebaut. Doch ausgerechnet die härtesten Aktivisten betrachten diese Bilanz mit einer gewissen Milde.

Der Senat hätte sicherlich ein oder zwei Jahre früher mit den Radschnellwegen beginnen können, sagt Rad-Lobbyist Heinrich Strößenreuther. Man brauche aber für diese ganz neuen Radverbindungen grundsätzliche Planungen, zum Teil müssten Fundamente gelegt, teilweise auch Brücken gebaut werden. "Das braucht alles seine Zeit", nimmt Strößenreuther die Verwaltung ausdrücklich gegen den Bummel-Vorwurf in Schutz.

Planungsaufwand fast wie bei einer Autobahn

Ähnlich argumentiert Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese. Für die meist zehn bis 15 Kilometer langen Radschnellwege sei ein ordentliches Planungsverfahren erforderlich - nicht ganz wie bei einer Autobahn, aber auch nicht wie bei einem einfachen Radweg. "Da sind pro Fahrradspur drei Meter Breite vorgesehen", erklärt Streese die Dimensionen. Dafür brauche man ein Planfeststellungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung.

Ursprünglich sollte der Bau des ersten Radschnellwegs auf dem Kronprinzessinnenweg im Grunewald Anfang 2021 beginnen. Jetzt rechnet Streese mit einem Baustart "nicht vor Ende 2022, vielleicht auch 2023". Die Eröffnung der ersten Routen rückt damit noch weiter in die Ferne. Gut möglich, dass erst 2025 die erste Radschnellverbindung in voller Länge für den Verkehr freigegeben werden kann.

Priorisierte Radschnellverbindungen im Berliner Stadtgebiet (Quelle: SenUKV)

Verbände wollen Teilstrecken früher eröffnen

Diese lange Wartezeit würden Rad-Aktivisten wie Heinrich Strößenreuther und Frank Masurat vom Fahrradclub ADFC gern ein bisschen abkürzen. Masurat schlägt vor, statt der vollständigen Verbindungen bereits früher Teilstücke in Betrieb zu nehmen. Das sei etwa am Kronprinzessinnenweg im Grunewald oder an der A113 in Treptow möglich, sagt Masurat: "Dort gibt es lange Abschnitte ohne Ampeln und Kreuzungen, die man jetzt schon ertüchtigen, breiter und sicherer machen könnte."

Für den Kaiserdamm und die Bismarckstraße, über die die Ost-West-Schnellverbindung laufen soll, hat Masurat auch eine Idee: Hier könnte auf ein paar Kilometern schon jetzt eine Spur für die Radfahrer abgezwackt werden. Das wäre dann Berlins erster Radschnellweg in der Pop-up-Variante. Von Vorteil wäre, dass Planer und Verkehrsteilnehmer Erfahrungen sammeln könnten, die für den Bau des eigentlichen Radschnellwegs genutzt werden könnten, glaubt Masurat.

Reinickendorf-Route wird vorgestellt

Solche Gedankenspiele gibt es auch in der Verkehrsverwaltung. "Wir prüfen, ob man bestimmte Abschnitte vorziehen und ob man bestimmte Prozesse beschleunigen kann", sagt Staatssekretär Streese. Denkbar sei das dort, wo es wenige Einwände von Bürgern gebe und wo wenig Bauarbeiten erforderlich seien.

An die Reinickendorf-Route, die am Dienstag als letzte Radschnellverbindung in einer Bürgerveranstaltung vorgestellt wird, dürfte Streese dabei nicht gedacht haben. Der Bau der Verbindung von Heiligensee zum Flughafen Tegel und zum Kurt-Schumacher-Platz soll erst Ende 2023 beginnen. Die Fertigstellung ist für Mitte 2025 geplant.

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Beitrag von Jan Menzel

25 Kommentare

  1. 25.

    Das stimmt leider. Reinickendorf ist das absolute Schlusslicht in Berlin was die Fahrradinfrastruktur angeht. Dafür Spitzenreiter in Sachen Rückwärtsgewandheit. Dieser schwarzbraune Muff muss bald der Vergangenheit angehören.

  2. 24.

    Sie wollen offensichtlich auch nicht ernst genommen werden. Wer bremst den ÖPNV aus? Der MIV, wo meist ein Mensch alleine in seinem Auto sitzt. Wer entlastet den ÖPNV? Der Radverkehr, zumal die meisten Strecken in Berlin Kurzstrecken sind. Sie tun nicht nur der Umwelt und ihren Mitmenschen keinen Gefallen wenn sie mit dem Auto die Straßen verstopfen, sondern sie machen mit den Kurzstrecken und ständigen Stop and Go ihren Motor und Getriebe vorzeitig kaputt.
    Radfahren ist kein Hype, sondern die einzige Möglichkeit die autogerechte in eine menschengerechte Stadt zu entwickeln.
    Auto und die Verkehrspolitik von 1950 sind von vorgestern.
    "Der ÖPNV muss rollen" Ja, indem man den MIV drastisch reduziert. ÖPNV komplett kostenlos. Touristen zahlen dafür eine "Kurtaxe", der Rest wird durch eine drastische Erhöhung der KfZ-Steuer, City Maut und kostenpflichtige Parkplätze finanziert. Dann noch 30 km/h innerorts, damit der Verkehr gleichmäßiger rollt.

  3. 23.

    ... Prima Lutze, bin bei Ihnen. Diese Hype zum Thema Radfahren ist in der Landgemeinde Berlin schon mehr als grenzwertig, zu dem ohne Fahrerlaubnis. Der ÖPNV muss rollen. Mautgebühren für Radfahrer, statt Zwangsticket!

  4. 22.

    ...wohl wahr! So wie Reinickendorf noch in 10 Jahren von den Zuständen träumen wird, die heute schon in manchen Innenstadtbereichen existieren. Hier regiert dank CDU- und AfD-Klüngel noch immer das Auto, sonst nichts. Bleibt nur die Hoffnung auf die nächste Wahl zur BVV. Bis dahin wird nach Kräften blockiert und zweckentfremdet.

  5. 21.

    Kurz zur Aufhellung:
    Die Alternative Liste (AL) existierte bis 1993.
    Aktuell schreiben wir das Jahr 2020.
    Wer heute noch mit 30 Jahre alten Fakten argumentiert erscheint in einem doch recht wunderlichen Licht und wirkt krass aus der Zeit gefallen. Aber ist deswegen gleich so ein Hass auf alle Fahrradfahrer nötig?

  6. 20.

    Wer Äpfel mit Birnen vergeicht, der möchte offenbar nicht ernst genommen werden. Einwohnerzahl 632.340/3.669.491.
    Waren sie schon mal in Kopenhagen? Dort gab es bereits eine Fahrradinfrastruktur vor 25 Jahren, von der können wir in 10 Jahren noch träumen. Bis dahin ist es in Berlin noch ein sehr, sehr weiter Weg.
    "Ungefähr 60 Prozent der Kopenhagener fahren jeden Tag mit ihrem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule. Es ist das häufigste Verkehrsmittel." ... "Als ich aufwuchs, gab es noch viele Straßen, auf denen Eltern ihren Kindern nicht erlaubten, Fahrrad zu fahren. Doch irgendwann sagten sehr viele Kopenhagener: »Genug! Wir wollen unsere Stadt wiederhaben!«." ... "Das war in den 1970ern, aber bis in die 1980er-Jahre haben Menschen für mehr Fahrräder und für sicherere Straßen demonstriert."
    https://hamburg.adfc.de/verkehr/themen-a-z/radverkehrsstrategie/kopenhagen-so-geht-fahrradstadt/

  7. 19.

    Falsch. Bislang wird die Infrastruktur von allen Steuerzahlern, also auch Radfahrern bezahlt, die dann Autofahrer übermäßig benutzen und abnutzen. Radfahrer müßten Steuern ermäßigt bekommen. Sie entlasten nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Umwelt und sogar das Gesundheitssystem.
    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/studie-autofahrer-verursachen-hoehere-kosten-als-sie-abgaben-zahlen-12085783.html

  8. 18.

    Woher stammt eigentlich ihr unbändiger Hass auf Radfahrer? Der ÖPNV soll ja gerade entlastet werden.

  9. 17.

    Nur mal so zum Verständnis für mich. Bekommen die KFZ-Steuerzahler denn auch Geld von den Radfahrern zurück? Schließlich wurden die Straßen von den Steuern gebaut und erhalten?! Warum müssen Radfahrer nicht für den Ausbau aufkommen? Nichts gegen den Ausbau, aber nicht auf anderer kosten.

  10. 16.

    Wenn RRG es schaffen würde, wenigsten im Ansatz z.B. mehr Rad-Polizistern auf die Straßen bringen und die von der Verkehrssenatorin versprochenen Busspuren ausweisen würde, können die das danach gerne auch mit Radschnellwegen tun.

    Stattdessen wird auf fehlende Kapazitäten nicht nur bei der Straßenbahnplanung hingewiesen, während für externe Radwegberater Geld vorhanden ist. Grade z.B. entlang der Heerstraße wäre eine Busspur ein Segen, böte sich auch für O-Busse an wie später ggf. auch Straßenbahnen. Das Verkehrsaufkommen würde so etwas ebenso rechtfertigen wie eine Nord-Süd-Tram in Spandau. Das würde wesentlich mehr zur Verkehrswende beitragen als eine Radrennbahn mitten durch einen touristischen Hotspot, weil man den Radlern keinen Umweg zumuten darf.

    Nebenbei lässt immer noch die Begeisterung der Mehrheit der Radfahrer für's Rad bei feuchtem oder kaltem Wetter weiterhin deutlich nach. Die fahren dann meist mit Bus und Bahn.

  11. 15.

    Andere Städte wie Kopenhagen haben erkannt, dass das Rad eben nicht den MIV ersetzen kann und bauen den ÖPNV massiv aus. Vorreiter sind Städte wie Wien, denen es zusammen mit anderen Maßnahmen gelang, den MIV zurück zu drängen. Auch bei Frau Günther dämmerte bereit spätestens Anfang 2017 diese Erkenntnis und fand deshalb Eingang in den Nahverkehrsplan. Allein mit der Umsetzung hapert es, da von der Alternativen Liste doch lieber auf Populismus gesetzt wird.

  12. 14.

    Inzwischen hat sogar die stockkonservative Berliner CDU erkannt dass die Menschen den Radwegeausbau wollen und heuchelt deswegen Begeisterung für’s Fahrrad vor. Aber Ihnen gelingt es noch nicht mal denen zu folgen. Das lässt tief blicken...

  13. 13.

    Warum muss ein neuer Radschnellweg her? Jeder Gehweg ist doch schon einer...

  14. 12.

    Ist doch trotzdem gut. Ich freu mich für die Kinder und Enkelkinder und hoffe dann betagt auch sicherer durch die Stadt zu kommen. Danke an alle Mitwirkenden! @Alfred: Wer kam auf die Schnapsidee hunderttausenden, luftverpestenden Autos den Transit durch die dichbesiedelte (Innen)stadt zu erlauben? ;) Allerdings fehlt weiterhin der Masterplan für den ÖPNV Ausbau bis 2050. Wo fahren dann die Straßenbahnen? Oder wird das alles im Geheimen geplant?!
    @Verkehrsverwaltung "Backplanning" schon mal gehört und beim ÖPNV angewandt? Also vom Wunschziel z.B. für 2050 in realistischen Schritten zurückplanen. Dann wäre klar, was heute alles schon gebaut werden muss, um 2050 das gewünschte Ergebnis zu realisieren :)

  15. 11.

    Na, auch heute wieder den Endgegner ‚Fahrradfahrer‘ gewählt? Ist inzwischen sehr vorhersehbar ihr Populismus.

  16. 10.

    Wofür bitte planen wir solche Dinge, wenn die Radler nicht mal vorhandene Radwege nutzen. Ich könnte jeden Tag kotzen über solche Forderungen und Kommentare. Prüfe doch jeder Raffahrer sein eigenes Verhalten. Man muss auch nicht draufhalten, wenn's brennzlich wird. Der Autofshrer darf sich seine Vorfahrt auch nicht erzwingen, auch nicht gegenüber anderen Autofahrern. Paragraph 1- Gegenseitige Rücksichtnahme. Bitte mal lesen und verstehen!!!

  17. 9.

    Wofür bitte planen wir solche Dinge, wenn die Radler nicht mal vorhandene Radwege nutzen. Ich könnte jeden Tag kotzen über solche Forderungen und Kommentare. Prüfe doch jeder Raffahrer sein eigenes Verhalten. Man muss auch nicht draufhalten, wenn's brennzlich wird. Der Autofshrer darf sich seine Vorfahrt auch nicht erzwingen, auch nicht gegenüber anderen Autofahrern. Paragraph 1- Gegenseitige Rücksichtnahme. Bitte mal lesen und verstehen!!!

  18. 8.

    "Am Brandenburger Tor ist die Verkehrswende noch nicht angekommen" und das ist auch gut so. Wie kann man auf die Schnappsidee kommen, dort täglich 30.000 Radfahrer zwischen den Touristen fahren zu lassen?

  19. 7.

    Was will man mit einem Radschnellweg von Heiliegensee zum Flughafen Tegel. Es existieren Bahnverbindungen U-Bahn und S-Bahn die bringen einen eher schnell und trocken ans Ziel. Von den Stationen kann wer will dann mit dem Rad weiterfahren. Alles ein riesen hype um die Radfahrer ist ja alles so schick und modern. Sollen lieber in ÖPNV investieren.

  20. 6.

    Sie dürfen nicht vergessen dass die Verwaltung jahrelang auf "sparen bis es quietscht" und jahrzehntelang auf "Auto muß Vorfahrt haben" geeicht war. Da legt man nicht so einfach mal den Schalter um. Man sieht doch wie die Pläne des Senats von der Verwaltung regelrecht sabotiert werden. Anders lassen sich einige Schildbürger"streiche" wie die Baumfällungen auf der Heerstraße nicht erklären.
    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/08/ausschreibungsstopp-radweg-heerstrasse-radschnellweg-berlin.html
    https://radzeit.de/zu-viel-gespart/

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