Auf Instagram haben Nutzer am Dienstag unter dem Hashtag #blackouttuesday schwarze Kacheln gepostet. Quelle: imago images
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Debatte über Rassimus nach Floyds Tod - "Macht auf Gewalt aufmerksam, auch wenn es keine Hashtags gibt!"

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA haben Tausende Menschen in sozialen Netzwerken Solidarität mit der Protestbewegung "Black Lives Matter" bekundet. Viele Betroffene wünschen sich solche Zeichen auch jenseits des Bildschirms.

Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis haben viele Menschen in Deutschland ihre Solidarität mit der Protestbewegung "Black Lives Matter" zum Ausdruck gebracht. Auf Instagram posteten am Dienstag Tausende Menschen schwarze Kacheln unter den Hashtags #blackouttuesday und #theshowmustbepaused (auf Deutsch etwa: Die Show muss eine Pause einlegen).

Solidarität und Kritik an schwarzen Kacheln

Außer schwarzen Bildern wurden oftmals keine anderen Texte und Bilder geteilt, um die Aufmerksamkeit im Netz auf den alltäglichen Rassismus zu lenken. Unter vielen Tausend Nutzern, die sich an der Aktion beteiligt haben, waren beispielsweise auch der Berliner Fußballspieler Jerome Boateng, aber auch deutsche und internationale Künstler wie Clueso, Nico Santos, Katy Perry oder Dua Lipa.

Einige Nutzer kritisierten, die vielen schwarzen Kacheln unter dem Hashtag der Protestbewegung würden es erschweren, Informationen über die Polizeieinsätze in den USA zu teilen: Relevante Bilder und Videos würden in einer Flut von schwarzen Fotos kaum mehr auffindbar sein, hieß es.

Das Interesse an den Protesten und das Engagement sind auch in der Hauptstadt zu spüren. In Berlin hatten bereits am vergangenen Sonntag rund 1.500 Menschen in Kreuzberg und Neukölln an einer Demonstration der Initiative "Black Lives Matter Berlin" gegen Rassismus  und gegen rassistische Polizeigewalt protestiert, zu den Anfragen "black lives matter demo berlin" und "george floyd demo berlin" verzeichnete Google in den vergangenen sieben Tagen einen Anstieg um jeweils mehr als 5.000 Prozent. 

Rassismus gegen People-of-Color auch in Deutschland ein Thema

Natasha Kelly, Gründungsmitglied des "Black European Academic Network", betonte am Mittwoch im rbb, Rassismus gegen People-of-Color - also Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe - sei in Deutschland "ein ganz großes Thema". Die Situation sei zwar nicht dieselbe wie in den USA, allerdings bestünden zwischen den beiden Ländern durchaus Gemeinsamkeiten. "Rassismus in Deutschland ist nicht weniger strukturell und nicht weniger institutionell als in den USA. Und natürlich schreibt sich Rassismus auch in jedem einzelnen weißen Menschen in Deutschland ein", sagt die Berliner Kommunikationswissenschaftlerin.

Nach Auffassung Kellys wird der Rassismus gegen People-of-Color in der öffentlichen Debatte in Deutschland zu oft unter den Teppich gekehrt, "als würde es das Problem nicht geben", sagt sie. "Ich glaube, dass wir einen ganz falschen Umgang mit Rassismus in Deutschland haben und dass es wichtig ist, die Machtverhältnisse zu verstehen, die darin wirken." 

Eine Mischung aus Wut und Trauer

Die Berliner Journalistin und Filmemacherin Poliana Baumgarten sagte am Mittwoch im rbb, sie empfinde angesichts einiger abwertender Reaktionen auf die Proteste eine Mischung aus "Wut und Trauer". "Überall wo schwarze Menschen leben, gibt es Polizeigewalt gegen schwarze Menschen, das ist einfach ein strukturelles Problem."

Wichtiger als Solidaritätsbekundungen mit der Protestbewegung im Internet zu verbreiten, sei aus ihrer Sicht, diese Solidarität auch im Alltag zu leben. "Dieses Zirkulieren von Videos in denen zu sehen ist, wie schwarze Körper regelrecht gelyncht werden, finde ich ehrlich gesagt problematisch. Und diesen Hype, sich auf Social Media dazu äußern zu müssen, ohne sich im Privaten und im Alltag auch wirklich damit auseinander zu setzen, finde ich nicht ausreichend", sagt Baumgarten. Weiße Menschen würden zwar das Privileg haben, nicht selbst Opfer von Rassismus zu sein, doch gerade daraus ergebe sich eine Verantwortung. "Es ist nicht damit getan, auf Instagram kurz etwas zu posten, sondern man muss wirklich versuchen, an der eigenen Denkstruktur was zu ändern."

Zuhören und gegen Rassismus im Alltag handeln

Auch auf Twitter diskutierten Nutzer, wie Menschen durch ein anderes Verhalten im Alltag besser mit Rassismus umgehen können. Die Journalistin Anna Dushime rief auf Twitter [twitter.com] dazu auf, Menschen mit Rassismuserfahrungen zuzuhören. "Glaubt euren schwarzen und POC Freunden, Kollegen & Nachbarn, wenn sie ihre Rassismuserfahrungen mit euch teilen", schrieb Dushime. "Macht auf Polizeigewalt in Deutschland aufmerksam auch wenn es keine Aufmerksamkeit, keine Hashtags und kein Schulterklopfen und Ally-Preise dafür gibt."

Menschen sollten im Alltag außerdem konsequent auf Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze aufmerksam machen. Die Wut der Protestierenden in den USA und auch der betroffenen Menschen in Deutschland sei verständlich, so die Berlinerin. "Ihr könnt nicht glauben, wie viele weiße Menschen darauf pochen, dass wir doch besonnen über diese Dinge sprechen sollen. Wie soll man besonnen mit Menschen sprechen, die dein Recht zu Leben verhandeln wollen?" 

Sendung: rbbKultur, 03.06.2020, 7:10 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Rassismus ist fast immer sehr subtil und unendlich schmerzhaft...https://trespesos.jimdofree.com/2020/03/31/prolog-you-are-welcome/

  2. 4.

    Ich sehe mich nicht als Opfer, vielmehr scheinen Sie nicht in der Lage sein, verschiedene Perspektiven durchdenken zu können.

    Ich lebe ein sicheres und friedliches Leben und bin dafür sehr dankbar. Und ich weiß wohl, dass Rassismus existiert, in jedem Land. Und das dies immer ein brandaktuelles Thema sein muss, nicht erst, wenn wieder jemand getötet wurde.

    Ich finde es einfach nur wichtig, dass Verallgemeinerung nicht stattfinden sollte - auf keiner „Seite“ der Betrachtung.

  3. 3.

    Die Reaktion #2 war absolut vorhersagbar. Es bringt nichts, sich auf die identitätspolitischen Sprachspiele der POC-Aktivisten einzulassen. Das Sprachspiel basiert darauf, dass wir "Weißen" uns nicht einfühlen können und nur unsere schuldhafte Verstrickung in die Geschichte zugeben dürfen. Es gehört zu den Fallstricken der Identitätspolitik, dass damit strenggenommen Solidarität unmöglich gemacht wird.

    Meine persönliche Lösung: (diesen Leuten) Solidarität gar nicht erst anbieten, die Rolle des "Bösen" annehmen, (vermeintliche) Privilegien verteidigen.

  4. 2.

    DU BIST HIER NICHT DAS OPFER. Fang bloß nicht so an. Du bist Teil des Problems, wenn du nicht ein mal ein bischen Unangenehmes Gefühl aushalten kannst, damit die, die seit 400 Jahren unterdrückt werden endlich Platz bekommen. Dein Haus brennt nicht, das von farbigen Menschen aber schon. Fang an dich damit auseinanderzusetzen und nicht in den Fokus zu stellen an welchen Stellen dein rosiges Leben dadurch benachteiligt wird.

    Wenn du gegen Rassismus bist, musst du gegen das aktuelle System sein und einsehen, dass du in einem rassistischen System lebst, groß geworden bist und dementsprechend nicht von heute auf morgen nichts davon in dir trägst.

  5. 1.

    Ich finde viele Argument und richtig und das Thema sehr sehr wichtig, dennoch stört es mich, wenn bei dieser Debatte vom „Privilegierten weißen Mann“ oder ähnlichen Aussagen und ich habe beim Lesen das Gefühl, dass Frau Dushime selber Grenzrn zieht zwischen „Weißen” und POC - die Proteste machen denke ich aber mehr als deutlich, dass es diese Grenze nicht gibt und viele “Weiße” sich Rassimus klar entgegen stellen (so wie es sein sollte).

    Diejenigen die dies nicht tun und stattdessen Hass sähen, sollten nicht bei der Hautfarbe, sondern beim Namen genannt werden.

    Ich möchte mich nicht für meine „weiße“ (eigentlich eher blassrosa farbene) Haut rechtfertigen müssen.

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