Medienvertreter stehen am 22.10.2012 in Berlin an der Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
Audio: Inforadio | 04.06.2020 | Birgit Raddatz | Bild: dpa/Michael Kappeler

S-Bahn-Ausbau - Sinti und Roma bangen um Berliner Gedenkort am Reichstag

Der geplante Ausbau der S21 in Berlin sorgt für Ärger: Die S-Bahn-Linie soll unterirdisch am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma vorbeiführen, der Gedenkort könnte gesperrt werden. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ist empört. Von Carmen Gräf und Birgit Raddatz

Die S21 soll künftig den Hauptbahnhof mit dem Potsdamer Platz verbinden. Der Tunnel dafür muss erst noch gebaut werden, aber er sorgt schon jetzt für Diskussionen. Die Strecke führt nämlich unter dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma entlang. Das kreisrunde Wasserbecken, in dessen Mitte eine frische Blüte auf einem Stein liegt, befindet sich im Berliner Regierungsviertel zwischen dem Bundestag und dem Brandenburger Tor. Gestaltet hat es der israelische Künstler Dani Karavan.

Nach Informationen der "taz" wollte die Bahn das 2012 eingeweihte Mahnmal zunächst vollständig abbauen lassen. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma baten daraufhin zu einem klärenden Gespräch. Danach habe die Bahn das Denkmal nur noch teilweise sperren und die Baugrube direkt an dem Wasserbecken errichten wollen. Das Denkmal werde nicht angetastet, erklärte die Deutsche Bahn in der letzten Woche.

"Denkmal wird massiv beeinträchtigt"

Herbert Heuß, Wissenschaftlicher Leiter beim Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma widerspricht dieser Einschätzung: "Das Denkmal wird durch die Baustelle der Bahn selbstverständlich massiv beeinträchtigt." Dieses bestehe nicht nur aus dem Wasserbecken von Dani Karavan. Der Künstler habe die gesamte Fläche als Kunstwerk konzipiert, und von dieser Fläche gingen durch die Baustelle über zwei Drittel verloren. "Ein Gedenken kann an diesem Ort kaum noch stattfinden", so Heuß.

Eine solche umfassende Beeinträchtigung des Gedenkens sei für die Überlebenden und ihre Familien und für den Zentralrat unvorstellbar, so der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.

Die Deutsche Bahn verweist hingegen auf Sachzwänge, die sich aus der Position des Denkmals und dem Verlauf des neuen Tunnels ergäben. Man habe zwischen Reichstag und den vorhandenen U-Bahn- und Eisenbahntunnels nur sehr wenig Spielraum für die Trasse. "Wir wissen um die hohe Bedeutung des Denkmals und haben deshalb verschiedene Varianten erarbeitet, die auch während der Bauzeit der S-Bahn die Nutzung des Denkmals ermöglichen", sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Berlin, Alexander Kaczmarek, dem rbb. Zur geplanten Teilschließung des Mahnmals äußerte er sich nicht.

Gespräch zwischen Senat, Zentralrat und Bahn ohne Erfolg

Sinti- und Roma-Vertreter Herbert Heuß kritisiert, dass der Konzern viel zu spät mit seinem Verband Kontakt aufgenommen hätte. Mit der Deutschen Bahn gebe es erst seit letzter Woche direkte Gespräche, obwohl die Planungen seit 2016 konkreter geworden seien.

Am Mittwoch trafen sich die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, Vertreterinnen und Vertreter der zuständigen Stiftung sowie die Deutsche Bahn und der Bezirk. Die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Monika Grütters, ließ sich vertreten. Eine konkrete Lösung für den Ausbau des S-Bahn-Tunnels und den möglichen Folgen für das Denkmal gab es allerdings nicht, bestätigte Verkehrssenatorin Regine Günther. "Meines Erachtens nach waren es sehr konstruktive Gespräche von allen Beteiligten, die getragen waren von dem Bestreben, eine Lösung zu finden. Ich sag mal so: Die wurde gestern noch nicht gefunden."

Ende Juni soll es weitere Gespräche geben. Auch Berlins Kultursenator Lederer soll einbezogen werden. Die zuvor vom Land und der Bahn vorgeschlagene Streckenführung hatte der Bund bereits abgelehnt. Die Begründung: Der Tunnel läge dann zu nah am Reichstagsgebäude.

Sendung: Inforadio, 30.05.2020, 08:10 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

31 Kommentare

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  1. 31.

    Es hat viel zu lange gedauert, bis endlich 2012 ein Ort des Gedenkens geschaffen wurde - für die vielen ermordeten und extrem diskrimierten Sinti und Roma. Wenn man, wie ich bei der Einweihung anwesend war, kennt man die Bedeutung dieser Gedenkstätte für die Nachkommen - eine Baustelle darf sie keinesfalls irgendwie beeinträchtigen. Daß die Planung bei der S-Bahn vor 10 Jahren überhaupt noch nicht über diese Strecke nachgedacht hat, darf nicht zu LASTEN DER GEDENKSTÄTTE gehen!!!

  2. 30.

    Frau Grütters wirft sich sonst ja immer sehr in Szene, wenn es um kulturelle Belange geht. Warum positioniert sie sich hier nicht eindeutig und lässt sich stattdessen vertreten?

  3. 29.

    Irgendwas ist immer. Ob es bei einem Radweg auch so eine Aufregung gegeben hätte?

  4. 28.

    Sie kennnen offenbar nicht den langen und leidvollen Kampf der Sinti und Roma um ihre Anerkennung als Opfer des Faschismus - der erst mit dem Hungerstreik im ehemaligen KZ Dachau 1980 und der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in eine etwas breitere Öffentlichkeit gelangte. Vorher waren das für Regierung wie Bevölkerung eben ganz in der nazistischen Tradition "die Zigeuner", derer nicht gedacht werden mußte. Also, die Antwort auf ihre Frage lautet: Nein, es gab kein öffentliches Gedenken. Der Kampf um ein angemessenes Mahnmal ging dann noch einmal über Jahre und Jahrzehnte.
    Und auch jetzt - q. e. d. - wird das Gedenken dieser Bevölkerungsgruppe als nachrangig betrachtet. Würden Sie genauso argumentieren, wenn die S-Bahnbaustelle das Holocaust-Mahnmal beeinträchtigen und ggf. zu dessen (vollständigem oder teilweisem) Abbau führen würde?

  5. 27.

    Irrtum! Der genaue Streckenverlauf ist mitnichten schon lange bekannt, sondern wurde erst vor kurzer Zeit so festgelegt, nachdem das 'hohe Haus' drei Jahre lang blockiert hatte. Es war die irrationale Angst, das Reichstagsgebäude könne 'gekölnt' werden (also wie das Stadtarchiv einstürzen), die letztlich zu einer Verschlechterung der Trassierung (Vmax 60 statt 80 km/h) und zur Beeinträchtigung des Denkmals führt. Ohne die Intervention unserer Volksvertreter wäre die notwendige Baugrube (Startschacht) nicht im Bereich des Denkmals gewesen.

  6. 26.

    Sehr unglücklich und traurig. Leider ist die ÖPNV Planung in Berlin auch schon lange ein Trauerspiel. Siehe dazu die ursprünglich günstigere Streckenplanung. Beitrag dazu von 1995: "Zwar müssen nun die Bauplanungen am Potsdamer Platz und Lehrter Bahnhof korrigiert und Vorleistungen für die S21 erbracht werden, aber in das Planfeststellungsverfahren für die Tunnel im Zentralen Bereich wurde sie ja, um eine erneute Bürgerbeteiligung zu umgehen, nur als Trassenfreihaltung aufgenommen, so daß vor dem Bau der S21 ein neues Planfeststellungsverfahren erforderlich ist. Hinzu kommt, daß die Trasse aus dem "Tunnelbündel" herausgenommen wurde, so daß die jetzt zur Freihaltung vorgesehene Trasse verkehrstechnisch schlechter und in der Realisierung teurer ist. Nur wenn die Lage der S21-Trasse auf die alte Planung und die S-Bahn auch realisiert wird, was durch Verzicht auf das überflüssige Milliarden-Projekt der U5-Verlängerung möglich wäre ..." https://signalarchiv.de/pdf/10000890.pdf

  7. 25.

    Nein. Es gibt nur eine andere Gewichtung zwischen dem Reichstag und dem Mahnmal. Es erscheint mir typisch deutsch, Mahnmale als lediglich dazukommend und nebensächlich zu betrachten. Da war es mit den Denkmälern schon mal ganz anders gewesen. Die glücklicherweise gewandelte Einstellung hierzu ist allerdings auch auf die Mahnmale übergesprungen. So war es auch bei der Unterfahrung des Bücherverbrennungsmahnmals am Bebelplatz zugunsten einer Tiefgarage.

  8. 24.

    Dann wird leider Ebene kein Tunnel gebaut. Über das warum kann sich jeder selber eine Meinung bilden.mehr schreibe ich nicht sonst wird gleich wieder die rassismuskeule rausgeholt.

  9. 23.

    Die Pläne sind doch schon seit Jahrzehnten bekannt, der Verlauf des Tunnels auch. Es wäre meines Erachtens aber nicht richtig gewesen, so lange mit der Errichtung des Denkmals zu warten, bis der Tunnel fertig ist. Im Gegenzug bedeutet das aber nun mal, dass das Denkmal für eine gewisse Zeit etwas beeinträchtigt werden muss. Es bleibt ja trotzdem da und wird nicht mal angerührt. Es kann in dieser Zeit lediglich seinen optischen Gesamteindruck nicht entfalten. Ein Gedenkort bleibt es trotzdem!

  10. 22.

    Das ist doch Unfug! Niemand hat hier vor, das Gedenken an die Ermordeten zu schänden, diese herabzuwürdigen oder zu bagatellisieren. Das wäre Rassismus. Hier geht es um eine leider nicht vermeidbare, zeitlich begrenzte Beeinträchtigung. Es wird nichts nachhaltig zerstört, sogar das Denkmal bleibt unangetastet, dafür wurde schon gesorgt. Hinterher wird alles wieder so hergerichtet, wie es jetzt ist. Dass die optische Beeinträchtigung nicht jedem gefällt, liegt in der Natur der Sache. Hier musste, wie immer im Leben, eine Güterabwägung gegensätzlicher Interessen vorgenommen werden. Leute, es ist ein Denkmal, ein toter Gegenstand! Der ehrt die Opfer auch dann noch, wenn er zeitlich befristet neben einer Baustelle liegt! Diese völlig entglittenen Diskussionen über angeblichen Rassismus sind es, die dem eigentlichen Ziel mehr Schaden als Nutzen, weil die Mehrheit es schlicht nicht mehr versteht!

  11. 21.

    Vielleicht hätte die Bahn mit ihren Plänen rausrücken sollen, bevor das Denkmal errichtet wurde.

    Aber Geldgier ist offenbar wichtiger als Respekt gegenüber den Opfern.

    Vielleicht sollten die geldgeilen Säcke von der Bahn mal auch daran denken, dass diese und all die anderen Opfer mit der Bahn in den Tod deportiert wurden, und etwas mehr Respekt zeigen. Das fängt schon damit an, dass man die Leute, die es betrifft, in ihre Planung mit einbezieht, denn auch unteren Sinti und Roma gibt es Ingenieure, Architekten usw.

  12. 20.

    Das Denkmal ist ein wichtiger Ort des stillen Gedenkens an die Sinti und Roma Opfer des Nationalsozialismus. Herr Rose als auch andere Vorstände und Mitarbeiter sind dort regelmässig vor Ort zum Gedenken wie auch im Rahmen von Führungen am Mahnmal. Die Bahn plant nicht wie im Artikel fälschlich dargestellt eine unterirdische Untertunnelung des Mahnmals sondern einen massiven Eingriff in das Gesamtkunstwerk des Mahnmals. Denn es ist eine offener Bauabschnitt mit einer Baustelle, das macht ein stilles würdevolles Gedenken unmöglich.

  13. 19.

    Das hat nichts mit böser Energie zu tun, sondern ist vielmehr Ausdruck von mangelndem politischen Verantwortungsgefühl und ein mangelndes Interesse an den Belangen von Sinti und Roma und ihren Opfern im Nationalsozialismus.

  14. 18.

    Es ist, wie immer, nicht so einfach allen Befindlichkeiten gerecht zu werden.
    Ich verstehe die Bedenken derer, die den Ort des Gedenkens durch die Baustelle als gestört oder entweiht betrachten, aber auch die Zwänge, die zum Bau neuer Infrastrukturen notwendig sind. Vielleicht ist es aber auch so, dass für eine überschaubare Zeit eine andere Sicht in das Becken des Denkmals ein anderes Gefühl der Beklemmung aufkommen lassen wird, nämlich, wenn sich im Wasser nicht nur Tränen und Trauer im eigenen Blick spiegeln, sondern das eigene Gesicht mit dem Bauzaun ein Gefühl des eingesperrt sein erzeugt.
    Die Gefühle und Gedanken der Ermordeten und deren Angehörigen können Außenstehende im besten Fall erahnen, ein Gedenken sollte aber auch neben einer zeitlich überschaubaren (Groß-)Baustelle möglich sein.

  15. 17.

    Ich halte den Sachverhalt des Rassismus im Zusammenhang mit dem dringend erforderlichen Bau der Bahnlinie für herbeiphantasiert! Ich bestreite nicht, dass es diesen nicht grundsätzlich gibt, aber in diesem Zusammenhang muss man schon viel böse Energie haben, einen solchen zu erkennen.

  16. 16.

    Ihren Gedanken kann ich mit Mühe noch folgen, allein der Zusammenhang zum Thema erschließt sich nicht. Sie sind also der Meinung, wichtiger Ausbau von Öffentlicher Infrastruktur solle unterbleiben, weil wir alle mal einen Gang runter schalten müssten?

  17. 15.

    "Eine solche umfassende Beeinträchtigung des Gedenkens sei für die Überlebenden und ihre Familien und für den Zentralrat unvorstellbar" – Unvorstellbar ist für mich nur diese Behauptung. Was war in den 67 Jahren bis zur Errichtung des Denkmals? Kein Gedenken? Nirgendwo? Auch nicht am Sitz des Zentralrats mit Dokumentationszentrum in Heidelberg? Und die alten Überlebenden und ihre Familien kommen ständig zum Vor-Ort-Gedenken nach Berlin und können das wegen der Baustelle dann nicht mehr? Bitte mal konkret: Wie oft waren die Vorstände und die sieben politischen Referenten des Zentralrats im letzten Jahr zum Gedenken dort?

    Mit Verlaub: Mir scheint es hier eher um maximales mediales Geklapper als um die Opfer, das Gedenken oder ein echtes Problem zu gehen. Von einer Geringschätzung oder dauerhaften Beeinträchtigung des Gedenkortes ist ja gar nicht die Rede.

    Vielleicht hilft es, sich vorzustellen, was diejenigen zu der Baustelle sagen würden, derer mit dem Denkmal gedacht wird.

  18. 14.

    Mitnichten.
    Es geht einfach darum, was Zweck und was Mittel ist. Bislang herrscht darüber offenbar ein großes Missverständnis.
    Am durchdachten Zweck-Mittel-Verhältnis wird sich die Planung, einschl. all ihrer Paradigmen, dann ausrichten können.

  19. 13.

    Doch, es geht um Rassismus, um Antiziganismus genauer gesagt. Und erst, wenn man dies anerkennt, wird ein Schuh daraus. Die Mehrheitsgesellschaft hat meinen Erfahrungen nach überhaupt keine Antenne für Rassismus, weil sie keine Diskriminierungserfahrungen kennt.

  20. 12.

    Die Behauptung habe ich gelesen, folge dieser aber nicht, weil ich sie für gewagt halte. Das Denkmal ist nur das Wasserbecken selbst. Als Kunstwerk wirkt es freilich nur in seiner Umgebung. Das ist aber nicht gesetzlich auf Unabänderlichkeit geschützt. Die Wiese darum herum gehört uns allen, das Denkmal nicht. Und eine temporäre Störung des Gesamteindrucks muss nach deutschem Recht nun mal hingenommen werden. Auch moralisch ist dies vertretbar, wenn es einen sinnvollen Zweck hat. Wir reden ja hier nicht von Boshaftigkeit sondern von einer gesellschaftlichen Notwendigkeit zum Ausbau der Bahn. Wäre dem nicht so, hätte ich ja vollstes Verständnis, aber hinterher ist wieder alles wie zuvor.

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