Archivbild: Hans-Jochen Vogel, ehemaliger Parteivorsitzender der SPD und ehemaliger Bürgermeister von München und Berlin, aufgenommen bei einem Interviewtermin am 12.11.2019. (Quelle: dpa/Sven Hoppe)
Video: Abendschau | 26.07.2020 | Ulli Zelle | Bild: dpa/Sven Hoppe

Früherer Berliner Regierender Bürgermeister - Hans-Jochen Vogel im Alter von 94 Jahren gestorben

Nach einem millionenschweren Politskandal sprang Hans-Jochen Vogel im Januar 1981 in die Bresche und wurde für vier Monate Regierender Bürgermeister. Niemand sonst regierte zwei deutsche Millionenstädte. Am Sonntag starb der SPD-Poltiker im Alter von 94 Jahren.

Der frühere SPD-Chef Hans-Jochen Vogel ist tot. Er starb am Sonntagmorgen im Alter von 94 Jahren in München, wie seine Ehefrau Liselotte Vogel Nachrichtenagentur DPA bestätigte. Vogel war nach dem skandalträchtigen Rücktritt von Dietrich Stobbe im Januar 1981 für vier Monate Regierender Bürgermeister von West-Berlin.

Hans-Jochen Vogel war der einzige Mensch, der zwei deutsche Millionenstädte regierte. Mit 34 Jahren wurde der 1926 in Göttingen geborene Professorensohn Oberbürgermeister in München - und damit jüngstes Stadtoberhaupt einer deutschen Großstadt. Die 4.444 Amtstage an der Isar prägten Vogel stärker als spätere Stationen. Er trug dazu bei, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen. Wegen heftiger Auseinandersetzungen mit der SPD-Linken warf der damalige Vertreter der Parteirechten das Handtuch und ging in die Bundespolitik.

Bei Bundestagswahl gegen Kohl erfolglos

Die Karriere von Hans-Jochen Vogel war gezeichnet von vielen Glanzpunkten, aber auch Niederlagen: Bundesbau- und Bundesjustizminister, SPD-Partei- und Fraktionschef - und Kanzlerkandidat. Doch da unterlag er Helmut Kohl. In Berlin sprang Vogel quasi ein, nachdem die Verstrickungen des Regierenden Bürgermeisters Dietrich Stobbe in die spektakuläre wie finanziell katastrophale Garski-Affäre öffentlich wurden.

In der SPD galt Vogel zeitlebens als gutes Gewissen mit unerschütterlichen moralischen Grundsätzen. Abgesehen vom großen Thema "soziale Gerechtigkeit" trieb Vogel bis ins hohe Alter aber noch ein anderes Problem um: der drohende Zerfall Europas. Schon als der Austritt Großbritanniens aus der EU sich erstmals abzeichnete, sagte Vogel, dass 70 Jahre Frieden in Europa nur durch die Überwindung des Nationalismus möglich geworden seien.

Archivbild: Eberhard Diepgen (l, CDU) gratuliert Hans-Jochen Vogel (M, SPD) am 23.01.1981 in Berlin zur Wahl des Regierenden Bürgermeisters. (Quelle: dpa)
Handschlag mit Eberhard Diepgen (li.): Hans-Jochen Vogel im Januar 1981 | Bild: dpa

Politisch interessiert bis ins hohe Alter

Seine Parkinson-Erkrankung hatte Vogel erst wenige Jahre vor seinem Tod öffentlich gemacht, bis zuletzt lebte er mit seiner Frau Liselotte in einer Seniorenresidenz in München. Hier ließ er sich - sofern es seine Gesundheit zuließ von Freunden - von Journalisten und auch Parteifreunden besuchen. Mit ihnen diskutierte er dann auch gerne über hochaktuelle Fragen wie die Flüchtlingskrise oder die Gefahren, die rechten Strömungen ausgehen.

Vogels jüngerer Bruder Bernhard gestaltete ebenfalls über Jahrezehnte deutsche Politik. Für die CDU regierte dieser von 1976 bis 1988 als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, von 1992 bis 2003 dann in gleicher Position in Thüringen.

Wer Vogel erreichen wollte, der brauchte aus heutiger Sicht viel Geduld - bis zu seinem Tod verschmähte er Handy und Computer.

Sendung: Abendschau, 26.07.2020, 19.30 Uhr

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Damit ist von den aufrichtigen SPD Mitgliedern wieder einer gegangen. Leute wie Schröder oder Gabriel haben nichts von ihm gelernt. Leider!!!

  2. 7.

    Einer der Letzten vom alten Schlag. Wie Herbert Wehner. Nicht immer mit meiner Meinung kompatibel,- aber mit Überzeugungskraft und mit heutigen Lobbyisten nichts am Hut..! Wo sind sie, die ehrlichen Politiker mit Herz und für das Volk,-...wo...? Im Gedanken bei seinen Familienangehörigen...

  3. 6.

    Vom alten Schlag. Einer der Feinen! Es gibt Menschen, denen hörte man gerne zu und es gibt welche bei denen kann man sich nicht schnell genug die Ohren zuhalten. Er gehörte zur ersten Kategorie. Danke Herr Vogel!

  4. 5.

    Mein Mitgefühl gilt der Familie....einer der letzten richtigen Großen ist von uns gegangen. Ich schließe mich den Kommentaren 1-4 gerne an.

  5. 4.

    Tja im Gegensatz zu dem heutigen Bürgermeister war das noch ein Politiker mit Format und Werten. Andere Genration...

  6. 3.

    Einer der letzten richtigen Politiker, die Deutschland mitgeprägt haben und durchaus einen Platz im Geschichtsbuch finden werden! Was man von den Jetzigen nicht annehmen könnte.

  7. 2.

    Einer der Letzten in der SPD mit Charakter ist von uns gegangen.
    Mein tiefes Mitgefühl an die Familie.

  8. 1.

    Sehr traurig. War ein guter Mann!

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