Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Hans-Jochen Vogel (SPD) schaut am 08.04.1981 aus einem Fenster in einem Gebäude im Stadtteil Kreuzberg auf ein sanierungsbedürftiges Haus gegenüber. (Quelle: dpa/Elke Bruhn-Hoffmann)
Audio: Inforadio | 26.07.2020 | Jan Menzel | Bild: dpa/Elke Bruhn-Hoffmann

Nachruf auf Hans-Jochen Vogel - Ein Vollblutpolitiker mit Pflichtgefühl und Arbeitsethos

Kanzlerkandidat, Parteivorsitzender – und für knapp vier Monate Regierender Bürgermeister von West-Berlin. Das Feldbett in seinem Amtszimmer ist Legende. Der Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel ist am Sonntagmorgen im Alter von 94 Jahren gestorben. Von Jan Menzel

Hans-Jochen Vogel (Jahrgang 1926) gehörte ohne Frage zu den prägenden Köpfen der Bundesrepublik. Als einziger Politiker war er Bürgermeister in zwei Millionenstädten: Zunächst über ein Jahrzehnt Oberbürgermeister in München und 1981 Regierender Bürgermeister von West-Berlin.

Wahlplakate von SPD (Ernst Reuter, Louise Schroeder, Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel) und CDU (Richard von Weizsäcker) in Berlin im Jahr 1981. (Quelle: imago images)
Wahlplakate von SPD mit Hans-Jochen Vogel und CDU in Berlin im Jahr 1981 | Bild: imago images

Legendär ist die Geschichte mit dem Feldbett. Kaum, dass er sein Amtszimmer im Rathaus Schöneberg bezogen hat, stellt Hans-Jochen Vogel dort die provisorische Schlafgelegenheit auf. Nichts könnte Arbeitsethos und Pflichtgefühl des Vollblut-Politikers Vogel besser illustrieren: "Ich bin aus Berlin aufgefordert worden, mich für diese Stadt zur Verfügung zu stellen. Ich bin bereit, dieser Aufforderung Folge zu leisten", erklärt er 1981, als er nach Berlin kommt, um die zerstrittenen und skandalgeplagten Genossen zu retten.

Der Sozialdemokat mit der markanten Haartolle und der Hornbrille hat da bereits glänzende Wahlerfolge und eine beeindruckende Karriere, zuletzt als Bundesjustizminister hinter sich. In Berlin hängt er sich wieder rein: Die Stadt braucht Wohnungen, Entscheidungen beim Autobahnbau und vor allem eine Lösung des hochexplosiven Konflikts um Hausbesetzungen.

Archivbild: Eberhard Diepgen (l, CDU) gratuliert Hans-Jochen Vogel (M, SPD) am 23.01.1981 in Berlin zur Wahl des Regierenden Bürgermeisters. (Quelle: dpa)
Hans-Jochen Vogel mit Eberhard Diepgen, dem späteren Regierenden Bürgermeister (West-)Berlins | Bild: dpa

Wenn die SPD ihn brauchte, war er da

Der Regierende Bürgermeister Vogel erfindet die Berliner Linie: Null-Toleranz bei neuen Hausbesetzungen, doch bereits besetzte Häuser werden nur geräumt, wenn die Eigentümer dort tatsächlich Wohnraum schaffen.

Diesen Erfolg nicht aufs Spiel zu setzen, ist Vogels Appell als er nach nicht einmal einem halben Jahr im Amt Richard von Weizsäcker (CDU) bei der Abgeordnetenhauswahl unterliegt: "Eine Bitte hat dieser Senat geäußert: Die Beibehaltung der Linie in der Frage der Hausbesetzungen. Substanzielle Änderungen könnten das Verhältnis zwischen den Generationen erheblich belasten."

Der sorgsame Umgang mit der Demokratie, sein Einsatz gegen Antisemitismus und für Verständigung – das sind Vogels Anliegen, zunächst als Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus und danach als wieder die Partei, dieses Mal in Bonn, nach ihm ruft: "Als Helmut Schmidt ziemlich kurzfristig damals erklärte, dass er den Wahlkampf 1983 nicht selbst führen könne, da musste ich einspringen."

Archivbild: Die Brüder Hans-Jochen Vogel (r, SPD) und Bernhard Vogel (l, CDU) stehen am Samstagabend (23.10.2010) in Regensburg (Oberpfalz). (Quelle: dpa/Armin Weigel)
Hans-Jochen Vogel mit seinem Bruder Bernhard (li) | Bild: dpa/Armin Weigel

"Herr der Klarsichthüllen"

Vogel verliert die Bundestagswahl, Helmut Kohl bleibt Kanzler, der Sozialdemokrat als scharfzüngiger Redner sein wichtigster Gegenspieler. Der Spitzname "Herr der Klarsichthüllen" steht dabei für eine gewisse Pedanterie des "roten Vogel", wie er auch genannt wird, im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Bernhard, dem "schwarzen Vogel", der als CDU-Ministerpräsident Karriere macht.

Persönlich hätten beide sich immer ausgezeichnet verstanden, versichert der Ältere, politisch aber nie gemeinsame Sache gemacht. "Nein, das haben wir strikte vermieden. Sonst entsteht der Eindruck, aha, die Kungeln da miteinander. Nein, haben die Brüder Vogel nicht gemacht!"

"Ich weiß, wann man aufhören muss"

Lebensmittelpunkt bleibt für Hans-Jochen Vogel trotz aller Ausflüge immer München. Seinen Wahlkreis behält er aber bis zuletzt in Berlin: "Den hatte ich von 1983 bis 1994 und zwar mitten in Neukölln." Er wisse, wann man aufhören muss, hat er einmal gesagt. Hans-Jochen Vogel blieb aber auch ohne Ämter politisch aktiv, arbeitete in der Zuwanderkommission mit, war Mitglied im Ethikrat und wachsamer Beobachter im Dienste der Demokratie.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Hans-Jochen Vogel zurückgezogen in einem Seniorenheim. Seine Parkinson-Erkrankung machte ihm über die Jahre nicht nur das Lesen und Schreiben schwer. Er starb am Sonntag im Alter von 94 Jahren in München nach langer Krankheit.

Sendung: Abendschau, 26.07.2020, 19.30 Uhr

Beitrag von Jan Menzel

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2 Kommentare

  1. 2.

    Er war auch als Repräsentant der SPD immer ein Teamplayer und pflegte die Beziehungen zu seinen Bruder Bernhard Vogel von der CDU und Ministerpräsidenten. Immer pflichtbewusst und kompromissbereit.

  2. 1.

    Er hat den Jugendprotest ernstgenommen und zeigte stolz seinen Behelfsmäßigen Personalausweis als West-Berliner.

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