Symbolbild Kriminalitätsstatistik: Halle (Saale): Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde.
Audio: radioeins | 21.07.2020 | Max Privorozki | Bild: dpa

Interview | Prozess um Anschlag in Halle - "Ich möchte versuchen, das zu verstehen"

Zweifacher Mord und versuchter Mord - so lautet die Anklage gegen den Attentäter von Halle, der seit Dienstag vor Gericht steht. Max Privorozki tritt als Nebenkläger auf. Er befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge. Im rbb-Gespräch schildert er seine Eindrücke.

Am 9. Oktober 2019 versuchte Stephan B., mit Sprengsätzen in die Synagoge in Halle einzudringen, in der sich zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur 52 Gläubige aufhielten. Er scheiterte aber an der Tür. Anschließend erschoss er eine 40 Jahre alte Passantin und in einem Döner-Imbiss einen 20 Jahre alten Mann. Auf seiner Flucht verletzte er außerdem mehrere Menschen, bevor ihn Polizisten in der Nähe von Zeitz festnehmen konnten.

Seit Dienstag steht Stephan B. in Magdeburg vor Gericht.

rbb: Als der Angeklagte versuchte, in die Synagoge einzudringen, waren Sie dort drin. Was haben Sie in diesem Moment von der Gefahr mitbekommen, der Sie ausgesetzt waren?

Max Privorozki: An dem Tag hatten wir noch Gäste aus Berlin. Es war eine Gruppe von jungen Menschen, teilweise Amerikaner, teilweise deutsche Juden, die mit uns zusammen gefeiert haben. Die Synagoge war relativ voll, und wir haben zu der Zeit gerade die Thora gelesen.

Also, Sie haben gar nichts mitbekommen, was sich da draußen gerade abgespielt hat?

Am Anfang nicht, aber ein Sicherheitsmann hat gehört, dass es dort Schüsse und Explosionen gab. Und dann hat er mich gerufen und ich und noch andere Leute kamen zu diesem Monitor, wo man sieht, was draußen ist, und danach haben wir auch verstanden, dass es wirklich ein Terroranschlag ist, das war nicht sofort klar.

Hinterher sind wir alle immer schlauer, aber dass jüdische Einrichtungen in Deutschland leider geschützt werden müssen, das wissen wir eigentlich alle seit Jahrzehnten. Haben Sie sich denn vor dem Anschlag in Deutschland sicher gefühlt?

Ich möchte für mich selber sprechen. Ich möchte nicht im Namen der gesamten Gemeinde sprechen. Ich kann nicht sagen, dass wir uns absolut sicher fühlen. Es gibt Probleme, zum Beispiel empfiehlt man niemandem, sich als Jude auf der Straße zu zeigen. Zum Beispiel wenn bei uns ein Rabbiner nach Halle kommt, der Kippa trägt, dann trägt er meistens keine Kippa sondern einen Hut. Ich weiß nicht, ob es gefährlich ist oder nicht, aber wir möchten es nicht ausprobieren. In Berlin kennt man viele Fälle, wo das wirklich schlecht zu Ende gekommen ist.

Der Anschlag ist jetzt ein Dreivierteljahr her. Wie sehr hat sich Ihr Leben, Ihr Sicherheitsgefühl in den letzten neun Monaten verändert?

Gleich nach dem Anschlag wurde die Sicherheitslage wieder geprüft und die Sicherheitsstufe entsprechend erhöht. Jetzt ist die Polizei rund um die Uhr an der Synagoge präsent, obwohl eigentlich, wenn man nüchtern darüber denkt … ich meine, die Bewertung vor dem Anschlag war einfach falsch. Aber nach dem Anschlag hat sie sich geändert und dementsprechend handelt auch die Polizei anders.

Es gibt jetzt nicht nur Polizeipräsenz, es gibt auch andere Maßnahmen, die vom Land realisiert wurden. Wir sind erst am Anfang, es gibt viele Projekte und Änderungen, die vollzogen sein müssen.

Warum haben Sie sich entschieden, als Nebenkläger aufzutreten?

Für mich persönlich kann ich sagen, dass mir immer wichtig war zu verstehen, wie es passiert, dass jemand von bestimmten Gedanken bestimmten Weltanschauungen politischen Meinungen zum Handeln kommt.

Das war für mich immer nicht klar – egal ob bei rechtsradikalen, linksradikalen, muslimischen oder anderen Anschlägen. Ich konnte nie verstehen, dass man gewalttätig wird, nur weil man denkt, dass jemand anders tickt oder anders ist als ich. Es kann sein, dass ich jemanden nicht mag, aber das heißt nicht, dass ich ihn umbringe beziehungsweise gewalttätig gegen ihn werde. Wie dieser Prozess in Menschen funktioniert, war für mich immer Rätsel. Und in diesem Fall habe ich als Nebenkläger Zugang zu Akten. Ich möchte versuchen, das zu verstehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marko Seiffert, radioeins. Das Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den Audiobutton im Titelbild des Beitrags klicken.

Sendung: radioeins, 21.07.2020, 06:40 Uhr

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Im Grunde genommen ist das ja die Spitze eines Eisbergs. In seiner empfundenen mangelnden Souveränität, dass ihn schon das Klitzekleinste aus der Bahn werfen kann, steht er exemplarisch leider für recht Viele. - Nur eben, dass diese ihren empfundenen Selbstwertmangel nicht gleich mit Waffengewalt ausgleichen wollen.

    Die Hauptaufgabe bspw. für Bildung wäre daher nicht das Vollstopfen mit Wissen, sondern die Ausbildung möglichst souveräner Persönlichkeiten, die andere Auffassungen und Überzeugungen nicht gleich als Angriff auf die eigene Person begreifen.

  2. 5.

    In dem Video hat er sich mehrmals als Versager bezeichnet. "Einmal Loser, immer Loser.",ich denke,das sagt eine Menge aus.

  3. 4.

    Die Darstellung des Anschlags ist etwas fehlgeschlagen bzw. falsch analysiert. Es handelte sich nicht um einen Amoklauf, bei dem der mutmaßliche Täter willkürlich Menschen angriff. Es war rechtextremer Terror, begründet auf Antisemitismus, Antifeminismus und Rassismus. Zwar war zumindest die Frau Gelegenheitsopfer, aber kein Opfer von Willkür. Viele Opfer rechter Gewalt sind Gelegenheitsopfer, aber keine Zufallsopfer, da sie einem Feindbild der Täter*innen entsprechen. Der Täter spielte beim Tathergang massiv misogyne Musik ab, übertrug diese auch auf seine digitale Aufzeichnung. Frauenfeindlichkeit ist Bestandteil des Weltbilds dieses Rechtsextremisten - nicht nur dieses Extremisten, s. "NSU 2.0". Ferner legte der mutmaßlich Täter nicht nach Intuition den Weg zum Imbiss ein, es war mutmaßlich die Erwartung dort Menschen anzutreffen, die nach rechtsextremer Bewertung als "Ausländer*innen" gelesen werden könnten.

  4. 3.

    Es gibt allerdings schon einen Unterschied in der (Aus-)Wirkung eines solchen Frustes und einer solchen Langeweile. Ein Dandy, wie wir heutzutage zu sagen pflegen, hat in Wien in den Kontakomben des Stephansdoms einen Germanenschrein entdeckt, an dem er eifrige Runden abhalten ließ. Guido von List. Einer der Teilnehmen war ein gewisser Adolf Hitler. Der hat zudem die Erfahrung machen müssen, dass er an einer Kunstschule abgelehnt worden ist, weil sein Zeichentalent dafür nicht für ausreichend gehalten worden ist. Dummerweise hatte derjenige, der die Ablehnung aussprach, eine jüdische Herkunft. In einer Zeit, der in alles Ungemach anderen Religionen und "andersgearteten" Bevölkerungsgruppen zugechrieben wurde, fiel das bei einem Hitler auf fragwürdig-fruchtbaren Boden.

    Nicht jeder findet Umstände, dass Einige der ihm Zugetanen zahlenkräftig genug sind, um daraus schließlich eine Partei mit Massenanhang zu machen. Einige davon ballern zielgerichtet, ein anderer blindwütig um sich.

  5. 2.

    Der Prozess ist doch wie immer. Man fühlt sich in seiner Kindheit/Jugend nicht genügend beachtet. Will seinen Frust abbauen. Einmal im Mittelpunkt stehen und sucht sich irgendwelche perversen Motive für seine Tat.

  6. 1.

    "Wie dieser Prozess in Menschen funktioniert, war für mich immer Rätsel. Und in diesem Fall habe ich als Nebenkläger Zugang zu Akten. Ich möchte versuchen, das zu verstehen."

    Genau diese zwei Sätze haben mich ehrlicherweise erstaunt, war ich doch - offenbar etwas zu leichtfertig - bislang immer davon ausgegangen, dass ein Nebenkläger eher an stärkerer Vergeltung interessiert ist. Was kann Weiterführenderes passieren als ein wirklicher Aufschluss, um letztlich zu verstehen? Zwischen Verstehen und Verstehen liegen schließlich Welten.

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