Archivbild: BVG-Fahrgäste warten am U-Bahnhof Mohrenstraße auf den nächsten Zug. (Quelle: imago images)
Audio: Inforadio | 07.07.2020 | Jan Menzel | Bild: imago images

U-Bahnhof Mohrenstraße - Umbenennung in Glinkastraße laut BVG noch nicht fix

Der Berliner U-Bahnhof Mohrenstraße soll künftig Glinkastraße heißen - diese Ankündigung hat der BVG harsche Kritik eingebracht: Denn der russische Komponist Glinka soll Antisemit gewesen sein. Nun erklärt sich die BVG.

Nach der Kritik an der Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße in Glinkastraße haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) am Dienstag auf die Vorwürfe reagiert: Es sei noch keine Entscheidung gefallen, erklärte Pressesprecherin Petra Nelken auf Nachfrage von rbb|24. "Wir haben uns bislang lediglich gegen den Namen Mohrenstraße entschieden."

Nelken erklärte, dass Namen von U-Bahn-Stationen auch immer eine Orientierung bieten müssten. Der Vorschlag Glinkastraße sei gefallen, weil sich eben diese Straße in der unmittelbaren Umgebung der U-Bahn-Station befinde. Und "für Straßennamen sind wir nicht zuständig", so Nelken. Außerdem habe über den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka (1804–1857), nach dem die Station benannt werden soll, "bei Wikipedia bis vor Kurzem noch nicht gestanden, dass er Antisemit gewesen sein soll", so die Sprecherin.

Umbenennung erst im Dezember

"Der Name Glinkastraße ist auch nur eine mögliche Alternative", so die BVG-Sprecherin im Gespräch mit dem rbb. "Wir sind offen für Diskussionen."

Eine Umbenennung werde ohnehin erst im Dezember stattfinden. Denn dann würden viele Veränderungen im BVG-Netz anstehen, unter anderen werde dann die Verlängerung der U5 eröffnet. "Der Name Mohrenstraße hat uns schon lange unter den Nägeln gebrannt und die Diskussion über diesen Namen gibt es auch schon lange. Nun bietet sich die Gelegenheit, die Station umzubenennen." Denn Umbenennungen und Neueröffnungen von Stationen seien immer mit einem großen organisatorischen und technischen Aufwand verbunden, betonte Nelken.

Die BVG hatte am vergangenen Freitag in einer Pressemitteilung wortwörtlich erklärt: "Die BVG plant, die Station der Linie U2 in 'U-Bahnhof Glinkastraße' umzubenennen." Im Nachgang hatte das für viel Kritik gesorgt: So teilte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop am Dienstag diesbezüglich mit: "Schnellschüsse sind in solchen Angelegenheiten wirklich nicht angebracht." Pop forderte ein "offenes Verfahren" unter Beteiligung von Verbänden, Initiativen und Anrainern.

Kritik von vielen Seiten

Zuvor hatte die "Jüdische Allgemeine" am Montag in einem Bericht geschrieben, dass der Namensgeber, der russische Komponist Glinka, mit Antisemitismus in Verbindung gebracht werde. So sei "Fürst Cholmskij", ein Werk Glinkas, ein "reichlich antisemitisches Heldenepos". Zu seinem Verständnis russischer Musik habe auch das Verdammen "jüdischer Elemente" gehört.

Der WDR-Journalist Arnd Henze ("Weltspiegel") nannte Glinka auf Twitter einen "üblen Antisemiten" und schlug vor, die Straße bzw. den Bahnhof nach dem Auschwitz-Ankläger Fritz Bauer zu benennen.

Auch Jeff Klein, Lobbyist für Antirassismus und Projektleiter von "Each One Teach One", sagte im Interview mit dem rbb: "Ein rassistisches Wort wurde gestrichen und stattdessen ein nachweislicher Antisemit geehrt." Das sei genau das Gegenteil von Symbolpolitik, die nachhaltig sei und zu einer Veränderung des Bewusstseins führe. "Stattdessen haben wir jetzt einen weißen Wohlfühl-Aktionismus und weißen Wohlfühl-Antirassismus", so Klein.

Station hatte schon viele Namen

Die Umbenennung der Station Mohrenstraße wird seit den 1990er-Jahren gefordert; der Begriff "Mohr" sei rassistisch, so die Kritik. Zuletzt hatte Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek sich für eine Umbenennung von Straße und U-Bahnhof ausgesprochen.

Der U-Bahnhof wurde 1908 eröffnet und trug laut BVG in seiner Geschichte bereits die Namen Kaiserhof (1908-1950), Thälmannplatz (1950-1986) und Otto-Grotewohl-Straße (1986-1991). Seit 1991 heißt sie Mohrenstraße.

Sendung: Inforadio, 07.07.2020, 09.20 Uhr

 

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73 Kommentare

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  1. 73.

    Oder Pipi-Langstrumpf-Straße.
    Die macht sich ihre Welt, wie sie ihr gefällt.
    Coronastraße würde auch gehen.

  2. 71.

    Ihr Vorschlag "Thomas Mustermann" ist gut, aber vielleicht haben dann Frauenbewegungen was dagegen wegen Geschlechtsdiskriminierung!?
    Als ob es in dieser Stadt echt keine Probleme gäbe. Lasst den Namen doch einfach so, wie er ist!

  3. 70.

    Was ist sooo schwer daran, eine der umliegenden Straßen zu nehmen, Mauerstraße beispielsweise. Ansonsten Alt-Berlin, Altstadt, oder Merkel-Steg *ironieoff*, also echt ey, bitte, das kann nicht so schwer sein... Dieses Rumgeeiere nervt jedenfalls.

  4. 69.

    Als 2014 in der Bauphase der U2 die Pankower Züge an dieser Station endeten, wurde in den Bahnen monatelang fehlerhaft "Mohren-straße-straße" angesagt. Vielleicht einfach auf "Straße-straße" abkürzen, die Ansage ist ja schon fertig.

  5. 68.

    Wie oft die Namen auch geändert werden,
    es wird immer eine Gruppe geben, denen
    Das nicht passt. Nach der naechsten Wahl
    wird dann alles wieder verändert. Was für
    ein Nonsens. Mit Änderung der Strassen
    Namen ist die Geschichte nicht getilgt

  6. 67.

    Ich empfehle "Gänseblümch*Innenstraße", damit kann man zumindest in den nächsten zwei Jahren nichts falsch machen.

  7. 66.

    Tja, da jetzt das Problem Klimaschutz aus Geldsorgen nicht mehr so aktuell erscheinen mag, werden neue Themen gesucht über die man sich aufregen kann. Das fängt bei Straßennamen an und hört bei Verbrauchsartikeln auf. Die Marke Uncle Bens z.b. war und ist für mich mit Qualität verbunden. Warum darf ein dunkelhäutiger Mensch nicht mehr für Qualität stehen und sein Gesicht zeigen? Dann dürfte auch die Kinobranche keine Werbung mehr mit Afroamerikanischen Mitbürgern ausstrahlen obwohl sie die Superstars sind, sei es nun im Sport oder in der Filmindustrie.

  8. 65.

    "Außerdem habe über den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka (1804–1857), nach dem die Station benannt werden soll, "bei Wikipedia bis vor Kurzem noch nicht gestanden, dass er Antisemit gewesen sein soll", "

    Genau, wenn's nicht in Wikipedia steht ist es auch nicht wahr. Das kommt dabei heraus, wenn man zu faul zum recherchieren oder lesen ist. Kann man auch von Experten erledigen lassen, wenn's zu viel Mühe macht.

  9. 64.

    Die Namensgebung der NVA war zielführend.Daran sollten sich die Politiker der BRD orientieren. Anständige Antifaschistische Soldaten und Offiziere aus dem Komitee Freies Deutschland . Die Mohrenstrasse wurde nach dem Bischoff Mauritius benannt. Hat mit Rassismus nix zu tun. Der Komponist Glinka war ein ausgewiesener Antisemit, wie der Kirchengründer Martin Luther auch.

  10. 63.

    Ach übrigens... wenn dieser Bahnhof erst seit 1991 Mohrenstraße heißt, bliebe die Frage: Warum? Waren es die Bürgerbewegten, die Otto Grotewohl nicht mehr leiden konnten? War es ein Sachbearbeiter der BVG einfach so aus Daffke? (Daffke: altberlinerisch nur so aus Spaß)
    Werte rbb Redaktion: Bitte mal recherchieren, wie es 1991 zu diesem kolonialen Namen kam.

  11. 62.

    Dass sich die Jüdische Gemeinde kritisch zu dem von der BVG in die Diskussion geworfenen Namen Glinka äußerte, habe ich erst hier in rbb24 erfahren inkl. der weiterführenden Links. Dieser Hintergrund hat mich überrascht. Da lobe ich doch mal die rbb Redaktion.
    Um das Feuer aus dieser Diskussion um einen evtl. neuen Namen zu nehmen, schlage ich mal den Namen Thomas Mustermann vor. Der ist ein unverfänglicher 08/15-"Platzhalter"-Name. Damit schadet man niemandem!
    Übrigens: Otto Grotewohl wie Jahre vormals schon empfiehlt sich auch für die gesamtdeutsche Geschichte. Auch wenn er zu DDR Zeiten schon mal so hieß, muss dieser Name ja kein schlechtes Omen sein.
    Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Grotewohl

  12. 61.

    Ist genau das der Preis der Diätenerhöhung um 60% unserer Stadtpolitiker, die der Dienstherr der BVG sind, weil man keine anderen Probleme in dieser Stadt zu lösen hat.
    Kümmert euch um Schulen, Kitas, Obdachlose, Jugendliche und andere Problemfälle.
    Mit der angeblichen Erhöhung der Arbeitszeit ist viel Langeweile in diesen Senat gekommenen. Leider ist er geführt von Leuten, die keinen Bezug zur Realität haben.

  13. 60.

    Die BVG scheint keine anderen Sorgen, aber zuviel Geld zu haben. Es gibt wichtigere Dinge in der Stadt, die endlich verbessert werden sollten. Alles ist ein Teil unserer Geschichte, im negativen wie im positiven Sinn. Die Geschichte - sowohl die deutsche als auch die europäische - ist voll von unschönen Gestalten, Ereignissen und Zyklen. Statt jedoch Statuen etc. abzureißen, Straßen, Bahnhöfe u.ä. umzubenennen und aus dem Alltag zu tilgen, sollte alles ein Teil der Bildung und der Auseinandersetzung damit sein. Man kann Geschichte nicht ändern, indem man alles negative entfernt. Dieser Wahn, dessen Kosten die Allgemeinheit zu tragen hat, muss aufhören.

  14. 59.

    Grins ... ja, Luther soll ja kein ausgesprochener Philosemit gewesen sein. Da kommt noch sehr viel Arbeit (nicht nur) auf die BVG zu.

  15. 58.

    Warum eigentlich nicht Glinkerstraße? Guter Kompromiss und war ein guter Torwart.

  16. 57.

    Wir sollten zu unserer Vergangenheit auch ein Stück weit stehen. Wer sich erwas mit unserer Geschichte befasst, muss nicht alles auslöschen, was negativ war. Die BVG und diejenigen, die die Straßenschilder verfassen, könnten ja auf den Schildern einen kurzen Hinweis zur Person geben, wie es auch bei"guten" berühmten Persönlichkeiten getan wird.

  17. 56.

    Frau Nelken würde Ihnen ähnlich ausweichend antworten: Für die Namen von Kasernen sei die BVG ebenfalls nicht zuständig.

  18. 55.

    Genau letztes Jahr wurde genau dieses Thema tot geredet und demonstriert, und man entschied sich weiterhin für die Mohrenstraße. Wenn die Kultur- und Geschichtsgelehrten der Stadt zurück aus dem Urlaub sind, ist das Thema schnell vom Tisch.
    2021 geht es wieder von vorne los. Die Mäuse tanzen wieder auf dem Tisch.
    Ebenso gehört der Bahnhof nicht der BVG, sondern sie ist nur Betreiber. Entscheiden tut sie das nicht alleine.

  19. 54.

    Und umgekehrt... ist es wirklich von Nöten?
    NEIN
    Hat es der Allgemeinheit geschadet?
    JA, unnötige Kosten sind der Allgemeinheit entstanden.

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