Das unabhängige Jugendhaus Pankow - JUP. (Quelle: imago images)
Audio: Inforadio | 08.07.2020 | Birgit Raddatz | Bild: imago images

Steigende Mieten, private Investoren - Berliner Jugendzentren haben einen schweren Stand

Am Mittwoch wird das Urteil im Räumungsprozess um die "Potse" erwartet. Sehr wahrscheinlich wird das Jugendzentrum weichen müssen - ein Schicksal, das immer wieder Kinder- und Jugendeinrichtungen in Berlin droht. Von Birgit Raddatz

30 Jahre gibt es das "Unabhängige Jugendzentrum Pankow JUP e.V." schon. 30 Jahre, in denen sich auch der Anspruch an Jugendclubs geändert hat, findet Leiterin Jana Ringer. Früher seien die Zentren vor allem Räume gewesen, die frei von Erwachsenen und mitunter auch von Strukturen gewesen. Kinder- und Jugendarbeit werde aber immer mehr professionalisiert.

Das Jugendzentrum "Potse" in Berlin-Schöneberg ist für sie ein gutes Gegenbeispiel: "Bei der Potse haben wir noch den Umstand, dass das tatsächlich ein Raum ist ohne Professionalisierung. Und das ist natürlich für Politikerinnen und Politiker schwer auszuhalten." Denn dort werde umgesetzt, was die Jugendfreizeitbewegung in den 70er- und 80-er Jahren gefordert habe: dass sich junge Menschen selbst organisieren und "gucken, was sind unsere Wünsche, wie möchten wir unsere Freizeit gestalten". Dazu gehörten auch Punkkonzerte - "auch das ist Jugend".

Selbstbestimmung soll an vorderster Stelle stehen

Ihre Einrichtung, das "JUP", kann derzeit drei halbe Stellen besetzen. Vor Corona kamen bis zu 80 Jugendliche und junge Erwachsene dort hin. Jana Ringer ist es wichtig, dass die Selbstbestimmung an vorderster Stelle steht, gepaart mit einer politischen Haltung - was allerdings auch immer wieder die AfD auf den Plan rufe. Für ihre Arbeit erhielten sie viel Unterstützung vom Bezirk, sagt Ringer. Aber: "Wertschätzung funktioniert in der heutigen Gesellschaft auch darüber, wie viel Geld eine Einrichtung erhält. Da haben wir schon manchmal den Eindruck, dass geguckt wird, wie lange wir das noch so hinkriegen und durchhalten."

Mehr Gelder durch ein neues Gesetz

Das "JUP" ist eines von rund 400 öffentlich geförderten Jugendzentren in Berlin. Die Anzahl ist in den vergangenen Jahren geringfügig gesunken - die Finanzierung auch. Das Anfang des Jahres in Kraft getretene neue Jugendförder- und Beteiligungsgesetz verspricht fünf Millionen Euro zusätzlich bis 2023. Aber: Bei steigenden Mieten und dem Verkauf an private Investoren wird es für die sozialen Einrichtungen schwerer, bezahlbare Räumlichkeiten zu finden. Das "JUP" hat einen Mietvertrag mit der Stadt. Jana Ringer geht davon aus, dass der in fünf Jahren auch verlängert wird.

Angst vor der Verdrängung lässt einige politisch aktiv werden

In Neukölln waren zuletzt zwei Jugendzentren von einer Schließung bedroht: Der Mädchentreff "Schilleria" und das "Sunshine Inn", das von der mobilen Jugendarbeit Outreach betrieben wird. Für das "Sunshine Inn" sei jetzt eine Regelung mit der Kirche getroffen worden, erklärt Falko Liecke, Stadtrat für Jugend und Vize-Bürgermeister in Neukölln. "Da haben wir einen Erbbaurechtsvertrag übernommen. Und bei der 'Schilleria' haben wir in den nächsten zwei Jahren wieder erneut Vertragsverhandlungen mit dem Eigentümer." Um das aber zu umgehen, wolle man versuchen, eine langfristige gesicherte Lösung zu finden, sagt der CDU-Politiker. Auch hier sei man mit der Kirche im Gespräch.

Im neuen Gesetz ist auch festgehalten, dass die Bezirke sich rechtzeitig um geeignete Lösungen kümmern müssen. Die Kinder und Jugendlichen lernten in den Jugendzentren wichtige Regeln, so Liecke. Die Angst vor der Verdrängung lasse viele politisch aktiv werden: Bei der "Schilleria" habe das Engagement der Mädchen dazu geführt, dass der Vermieter mit sich reden ließ.

Sendung: 08.07.2020, Inforadio, 08:15 Uhr

Beitrag von Birgit Raddatz

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Antwort auf [Torsten] vom 08.07.2020 um 16:28
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6 Kommentare

  1. 6.

    Jugendhilfe leistet einen enorm wichtigen Beitrag, außerhalb von Schule oder Sorgebrechtigten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten, ihre eigene Identität zu begründen, zu behaupten. Dass die Professionaliserung fortschreitet, ist fachlich belegt, dass es im Westen mehr aufzuholen gab, auch.

    Warum soziale Berufe aber generell unterschätzt und nicht angemessen anerkannt werden, liegt im weit verrbeiteten materialistischen Verständnis von Arbeit. Arbeit ist nach konservativen Vorstellungen etwas, das sich in seiner Weise oder Ergebis beobachten bzw. messen lässt. Das ist so einfach nicht bei der Jugendhilfe. Man kann schlecht sagen, 'Wir haben so und so viele kriminelle Jugendliche weniger durch unsere Arbeit, so und so viele besser in Bildung etc. integriert.'

    Dass die Förderung von kritischen, selbstständig denkenden und handelnden jungen Menschen den Autoritären oder Rechtsextremen ein Dorn im Auge ist, liegt auf der Hand.

  2. 5.

    Aha, ein Theo aus Lodz maßt sich an, über "dieser Art von Jugendzentren" zu urteilen und meint hier deren angebl. dubiose Strukturen offenlegen zu können. Eine Veranstaltung besucht, geschweige denn mit einem Verantwortlichen gesprochen, haben Sie aber noch nie, oder? Ihr Beitrag ist einzig ideologisch motiviert und daher entbehrlich.

  3. 4.

    Und für ihre rechtspopulistischen Propagandamärchen aus der rechtsextremen Ecke der AfD haben sie auch sicherlich Beweise?

    Denen mißfällt nämlich die Aufklärungsarbeit, die solche Jugendzentren leisten.

    "Jana Ringer ist es wichtig, dass die Selbstbestimmung an vorderster Stelle steht, gepaart mit einer politischen Haltung - was allerdings auch immer wieder die AfD auf den Plan rufe."

  4. 3.

    Selbst organisierte Jugendhäuser sind meiner Meinung nach der Schlüssel für viele "Probleme".
    Wir haben doch auch davon profitiert in unserer Jugend.
    Es müsste viel mehr davon geben.
    Die Jugend braucht Vertrauen und Raum sich auszuprobieren, Raum unter sich zu sein, einen Ort wo man sie sein und werden lässt.

  5. 2.

    Es gibt aber noch ein 2. Problem.
    Viele Jugendclubs mit unpolituscher Freizeitbeschäftigung werden nicht mehr finanziert, während an anderer Stelle Unsummen in ideologische Akademikerprojekte fließen.

  6. 1.

    Das Märchen von der "Selbstbestimmung" dieser Art von Jugendzentren. Bei der dichtgemachten "Potse" war es das "Plenum", selbstverständlich ohne jede Legitimation und ohne rechtlich bindende Geschäftsordnung o.A., alles stehend freihändig organisiert, bestimmt eine Clique von wenigen "Aktivisten", was Sache ist.
    "das plenum findet mittwochs ab 19.00 statt" ist zu lesen. Wer das ist und wie es gebildet wird, alles anonym. Drei etwas ältere Jugendliche, so Mitte 30, im modifizierten Indianer-Look sind beim Link "Über Uns" zu sehen. Die "Haltung", wie im RBB Beitrag von der Dame ausgeführt, ist entscheidend.

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