Letzte Arbeiten erledigt ein Hausmeister einer Wohncontainer-Unterkunft für Flüchtlinge. (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 03.08.2020 | Jule Käppel | Bild: dpa

Fünf Jahre "Wir schaffen das": Flüchtlinge in Unterkunft - "Das Heim ist sehr gefährlich für mich"

In Berlin gibt es für Geflüchtete kaum einen Weg raus aus den Gemeinschaftsunterkünften. Die Unterbringung in Containern sollte eine Übergangslösung sein. Sie dauert an, denn Geflüchtete werden auf dem angespannten Wohnungsmarkt oft benachteiligt. Von Jule Käppel

Jeden Tag sehen Oveis Malah und Maryam Babakhan, wie viel Platz sie zum Leben haben. Es steht außen an ihrer Zimmertür: 15,43 Quadratmeter. In dem schmalen Raum befindet sich links von der Tür ein kleiner Kühlschrank, rechts ein gelber Umkleide-Spind für sie und ihn. Geradeaus unter dem Fenster steht das Doppelbett, dazu Tisch und Stühle – mehr passt nicht rein. Der Iraner gibt lachend zu: "Ja, es ist eng, aber was können wir tun? Es ist nun mal so."

Weil sie keine Wohnung finden, sitzen die beiden seit zwei Jahren am Containerstandort Ostpreußendamm in Berlin-Lichterfelde fest. Blaue, gelbe, grüne Container sind auf drei Etagen wie Bauklötze übereinandergestapelt und bilden zwei Blöcke. In den 118 Einheiten können knapp 300 Menschen wohnen.

Oveis Malah ist 34 Jahre alt und macht eine Ausbildung zum Elektriker. Nach der Arbeit bewirbt er sich um Wohnungen - bislang vergeblich. Das unverheiratete Paar hat nicht den gleichen Aufenthaltsstatus. Unterschiedliche Ämter sind für sie zuständig. Die bürokratischen Hürden erschweren ihre Suche, sagt Oveis Malah. "Meine Mietkosten übernimmt das Sozialamt und für Maryam zahlt das Jobcenter, deshalb können wir keine gemeinsame Wohnung finden. Das ist sehr, sehr schwierig, eigentlich unmöglich".

Selfie Oveis Malah und Maryam Babakhan (Quelle: privat)
Maryam Babakhan (li.) und Oveis Malah | Bild: privat

Unklare Bleibeperspektive ist Hürde für die Vermieter

Eine eigene Wohnung gehört zu den dringendsten Wünschen der Schutzsuchenden, doch die Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration, Katarina Niewiedzial, stellt fest, dass Geflüchtete auf dem Wohnungsmarkt aus "diversen Gründen" diskriminiert werden. "Geflüchtete sind nach wie vor auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt und mit Mieterrechten nicht vertraut. Darüber hinaus fehlt vielfach passender Wohnraum – sowohl für Einpersonenhaushalte als auch für große Familien", sagt Niewiedzial. Die Vermieter scheuten bei einer ungesicherten Bleibeperspektive mitunter vor dem Abschluss eines Mietvertrags zurück.

Deshalb muss das Paar in der Sammelunterkunft bleiben und sich mit den Nachbarn auf der ersten Etage weiterhin die Dusche, Toilette und den Herd in der Gemeinschaftsküche teilen. Oft geht der Feueralarm los, weil es in der Küche mal wieder zu stark qualmt. Das hält sie nachts wach, wie auch ihre Angst vor Corona. Oveis Malah sagt: "Viele Menschen hatten hier die Infektion. Bei mir ist es egal, denn ich bin ganz gesund und habe kein Problem, aber für Maryam ist es riskant." Sie nickt und erzählt: "Mein Arzt hat mir jeden Tag gesagt, Maryam, du musst sofort eine Wohnung finden, weil das Heim sehr gefährlich ist."

Die 46-Jährige hatte sieben Operationen und ist arbeitsunfähig. Ihre Erkrankung dokumentieren zahlreiche Atteste und Ärztebriefe. Darin steht, dass die Iranerin eine chronische Darmentzündung mit Blutungen hat, dazu kommen Rücken- und Knieschmerzen. Die Krankheiten verursachen "massive Ängste und sehr starke Depressionen". In einem streng vertraulichen Schreiben plädieren zwei Oberärztinnen eines Berliner Krankenhauses für eine Veränderung der Wohnsituation, damit sich die Symptome nicht verschlimmern. Das war vor einem Jahr. "Mein Dickdarm ist weg und jetzt hat mein Dünndarm Probleme", sagt Maryam Babakhan. "Ich nehme viele Tabletten. Ich habe dem Jobcenter gesagt, dass ich eine kleine Wohnung brauche, aber das Jobcenter hat geantwortet, wir können keine Wohnung für dich finden, das musst du selbst tun."

"Wir schaffen das"

Eine neue Anlaufstelle bei der Berliner Integrationsbeauftragen soll künftig Vermieterinnen und Vermieter die Entscheidung erleichtern, ihre Wohnungen auch an Menschen mit Fluchtgeschichte zu vergeben. An Schutzsuchende in besonderer Notlage kann das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten pro Jahr 275 Wohnungen vermitteln. Maryam Babakhan und ihr Mann haben dort vergeblich vorgesprochen. Auch vom Sozialamt wurden sie abgewiesen. Sie erzählen, dass andere Geflüchtete für 4.000 Euro über dubiose Vermittler innerhalb einer Woche eine Wohnung bekommen haben. Ihnen würde schon ein anderer Heimplatz mit eigener Küche und eigenem Bad helfen. Darauf hoffen sie in ihrem Container-Doppelzimmer und sagen überzeugt: "Wir schaffen das!"

Stichwort: Flüchtlingsunterkünfte

Als zehntausende Geflüchtete im Herbst 2015 in Berlin und Brandenburg ankamen, musste alles ganz schnell gehen: Erstaufnahmeeinrichtungen wurden aus dem Boden gestampft. Über Monate mussten schutzsuchende Erwachsende und Kinder ohne Privatsphäre und zum Teil ohne Tageslicht auf engstem Raum in den Notunterkünften – in Turnhallen, im Hangar oder im stillgelegten ICC – ausharren.

Eine eigene Wohnung bleibt für die allermeisten Geflüchteten auch Jahre nach ihrem Ankommen in der Region ein unerfüllter Wunsch. In Berlin leben rund 20.000 Personen in den 74 sogenannten Gemeinschaftsunterkünften. Das sind landeseigene Immobilien wie ehemalige Kasernen, aber auch Wohncontainer-Anlagen und Neubau-Blöcke. Auf dem angespannten Wohnungsmarkt haben Geflüchtete kaum Chancen, etwas Eigenes zu finden.

Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten hat 275 Wohnungen pro Jahr, um Härtefälle aus den Sammelunterkünften zu holen. In Brandenburg haben rund 18.000 Geflüchtete keine eigene Wohnung. Gut die Hälfte davon lebt in Gemeinschaftsunterkünften; die anderen in Wohnungen, die von den Landkreisen angemietet und den Schutzsuchenden zur Verfügung gestellt werden.

Im Berliner Umland ist der Wohnraum knapp, deshalb leben dort mehr Menschen in Flüchtlingsheimen als in den ländlichen Gebieten. In Brandenburg gibt es nur einen Landkreis, der allen Geflüchteten von Anfang an den Schritt in die eigenen vier Wände ermöglicht. Die Prignitz bringt Asylsuchende grundsätzlich in Wohnungen unter.

In Berlin soll ein neues Projekt zur Wohnraumakquise für die Vermietung an Menschen mit Fluchtgeschichte werben. Bis das Wohnungsangebot steigt, bleiben die Container. Das Land hat ihre Nutzung bis in das Jahr 2025 verlängert.

 

 

Sendung: Inforadio, 03.08.2020, 07:25 Uhr

Beitrag von Jule Käppel

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8 Kommentare

  1. 8.

    Dass Flüchtlinge auf dem Wohnungsmarkt systematisch diskriminiert würden, ist aber eine ganz steile These! Natürlich sind deren Aussichten auf eine Wohnung geringer, da jeder Vermieter primär an langfristigen Mietverhältnissen mit zahlungskräftigen Mietern interessiert ist. Man teilt sich dieses Schicksal also mit allen Geringverdienern, Sozialgeldempfängern, Alleinerziehenden und Großfamilien. Denen geht es allen auch nicht anders. Im Gegenzug werden Flüchtlinge bei kommunalen Wohnungsgesellschaften sogar oft bevorzugt. Es gibt schlicht nicht genügend Wohnraum, vor allem in den Städten. Das hätte man auch schon vorher wissen können.

  2. 7.

    Wie kommen Sie auf die Idee, die Flüchtlinge wären hauptsächlich auf die Metropolen verteilt wurden? Das stimmt doch gar nicht! Die Verteilung erfolgte auf Basis der Einwohnerzahl gerecht auf alle Bundesländer gleich. Alle Bundesländer kämpfen mit den selben Herausforderungen. Und wenn Berlin Flüchtlinge, die einfach so innerdeutsch weitergereist sind, nicht in ihre Herkunfts-Landkreise zurückweist, ist man selbst schuld.

  3. 6.

    Wenn ich nur diese paar Kommentare lese, kommt mir das k....... Von wegen, schickt sie woanders hin. Weit weg von uns. Am besten dort, wo niemand die Geflüchteten wahrnimmt.

  4. 5.

    Der Senat baut ja auch nicht genug Wohnungen sondern steckt sein Geld lieber in den Aufkauf vorhandener, aber belegter Wohnungen. Wie Zugezogene noch Wohnraum finden sollen ist dem Senat offenbar egal. Okay, mit entprechender Kaufkraft kann man kaufen, aber das ist nicht im Sinne der Sache

  5. 4.

    Es ist ein bewegendes Schicksal! Die Situation ist von den Regierenden Parteien und von vielen NGO,s gewollt und gewünscht! Unter der Prämisse einer schnellen Migration, damit so viele wie möglich bleiben können, wurde beschlossen die Menschen in die überfüllten deutschen Großstädte zu stopfen! Gerade zu dem geschilderten Fall frage ich mich, was wäre an einer Unterbringung in einer kleineren Stadt so schlecht für Maryam Babakhan? Es geht um ihre Gesundheit und ihr Leben! Ich finde die Beschlüsse zur Unterbringung in Großstädten für völlig verfehlt, werden doch damit erst Probleme geschaffen!

  6. 3.

    Diesen Satz " wir schaffen das " kann ich nicht mehr hören. Wir schaffen es nicht und es ist auch gar nicht zu schaffen.

  7. 2.

    Und der REG. Bürgermeister Müller will noch mehr Flüchtlinge das ist Verantwortungslos wenn keine sicheren Wohnungen für diese Menschen gibt nur große Reden halten und nichts dahinter

  8. 1.

    "Die Vermieter scheuten bei einer ungesicherten Bleibeperspektive". Solange ist eben keine eigene Wohnung drin. Auch Studenten haben oft keinen größeren Wohnraum zur Verfügung.
    Die Anerkennungsverfahren dauern viel zu lange. Hier sind dringend gesetzliche Änderungen vorzunehmen. Es muss schon im Interesse der Migranten schnell klar sein, ob es doch zeitnah wieder nach Hause geht.

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