Mutmaßlicher Täter im Polizeiauto (Quelle: Morris Pudwell)
Video: Abendschau | 19.08.2020 | Bild: Morris Pudwell

Anschlag auf der A100 - Was über den mutmaßlichen Täter bekannt ist

Die Ermittler gehen davon aus, dass der mutmaßliche Anschlag auf der A100 islamistisch motiviert war. Doch wer ist der Tatverdächtige, der inzwischen in der Psychiatrie untergebracht wurde? Was war sein Motiv? Hatte er überhaupt eines? Ein Überblick.

Er soll regelrecht "Jagd auf Motorradfahrer" gemacht und mutwillig andere Verkehrsteilnehmende verletzt haben: Ein 30-jähriger Mann wird am Dienstagabend festgenommen, weil er absichtlich mehrere Fahrzeuge auf der Berliner Stadtautobahn A100 angefahren haben soll. Sechs Menschen wurden verletzt, drei davon schwer.

"Das Autos als Waffen eingesetzt werden, ist nicht neu", sagt rbb-Reporter Jo Goll. "Aber so gab es das nocht nicht. Diese gezielte Jagd mit einem Auto ist eine neue Qualität." Am Mittwochabend teilt die Staatsanwaltschaft mit, dass der Verdächtige vorläufig in die Psychiatrie kommt.

Wer ist der mutmaßliche Täter?

Bei dem mutmaßlichen Unfallverursacher soll es sich laut Staatsanwaltschaft um einen Iraker handeln, der in Bagdad geboren wurde. Der Mann kam seinem Facebook-Account zufolge vor etwa vier Jahren über Finnland als Asylbewerber nach Deutschland, zunächst nach Hamburg. Sein Asylantrag wurde aber abgelehnt. Seitdem lebt er mit einem Duldungsrecht in Berlin, wie die Deutsche Presse-Agentur (DPA) am Mittwoch aus Senatskreisen erfuhr, weil Berlin nicht in den Irak abschiebt.

Nach Fotos von seinem - mittlerweile gesperrten - Facebook-Profil war er mindestens seit 2016 schon in Berlin. Bis Herbst 2019 sei er in einer Gemeinschaftsunterkunft im Stadtteil Altglienicke untergebracht gewesen, heißt es bei DPA. Danach habe er eine Wohnung im Bezirk Reinickendorf bezogen, in der er mit großer Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit seinem Bruder lebe.

Was ist über das Motiv bekannt?

Das Motiv des Tatverdächtigen ist unklar, der Mann schweigt bislang. Nach Einschätzungen der Behörden war der mutmaßliche Anschlag islamistisch motiviert. "Nach jetzigem Stand der Erkenntnisse gehen wir von einem islamistischen Anschlag aus", sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Mittwoch. Dies legen laut Staatsanwaltschaft und Polizei Äußerungen nahe, die der erklärten Beschuldigte nach seinen Tathandlungen äußerte: Der Mann habe nach dem Unfall "Allahu Akbar!" gerufen und in arabischer Sprache erklärt, "dass alle sterben müssten", sagte Generalstaatsanwältin Margarete Koppers im Rechtsausschuss des Abgeordnetenhauses am Mittwochnachmittag.

Hatte der Tatverdächtige Komplizen?

Ob weitere Personen in den Anschlag verwickelt gewesen seien, werde untersucht, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Anhaltspunkte für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sehen Generalstaatsanwaltschaft Berlin und Polizei bislang nicht.

Der Iraker soll aber in Kontakt gestanden haben mit einem als Gefährder bekannten Islamisten. Beide sollen im vergangenen Jahr vier Monate lang in der gleichen Flüchtlingsunterkunft gewohnt haben. Im Rechtsausschuss hieß es dazu am Mittwoch: Es sei noch unklar, ob es sich bei der Bekanntschaft um eine flüchtige Begegnung handelte oder um einen engeren Kontakt.

Die Karte zeigt die drei Kollisionen auf der A100.

Wie ist der psychische Zustand?

Inzwischen ist der Mann in "einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung des Maßregelvollzugs" untergebracht. Bei dem Tatverdächtigen gebe es "Hinweise auf eine psychische Labilität", teilten die Berliner Generalstaatsanwaltschaft und die Polizei gemeinsam mit. Der 30-Jährige war bereits im August 2018 als "Gefahrenabwehrmaßnahme" in einer psychatrischen Klinik untergebracht. Der Mann soll bei vorherigen Anklagen das Gericht stets wegen Schuldunfähigkeit ohne Strafe verlassen haben, sagte rbb-Reporter Jo Goll am Mittwochvormittag. Im aktuellen Fall geht eine Ärztin von Schuldfähigkeit aus, Ermittler sprechen von phasenweiser Schuldunfähigkeit.

Wie geht es für den mutmaßlichen Täter nun weiter?

Die Kollisionen des Autofahrers mit anderen Fahrzeugen seien als vorsätzliche Angriffe zu werten, hieß es in der Mitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei. Gegen den Iraker werde wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen ermittelt. "Es handelt sich nach dem derzeitigen Ermittlungsstand um gezielte Angriffe vor allem auf Motorradfahrer mit zum Teil schwerwiegenden Folgen", so Staatsanwaltschaft und Polizei. Warum der Mann es auf Motorradfahrer abgesehen hatte, ist noch unklar. Am Mittwochvormittag wurden Zeugen vernommen, der mutmaßliche Täter wurde dem Haftrichter vorgeführt.

Der mutmaßliche Täter soll sich schon am Vormittag auffällig verhalten haben...

Das Vorgehen des Täters wirke nicht, als habe er eine ausgefeilte Planung für die Tat gehabt, so die Einschätzung von Jo Goll. Die Tat wirke eher spontan. Der Polizei und den Sicherheitsbehörden, so Goll weiter, könne man vermutlich nicht vorwerfen, den Mann nicht besser überwacht zu haben. Solche "einsamen Wölfe" seien schwer zu kontrollieren.

Geklärt werden müsse aber sicher noch, wieso die Polizei am Tattag selbst nicht intensiver nach dem Mann gesucht habe. Sie sei am Vormittag in die Wohngegend des Irakers gerufen worden, weil dieser sich auffällig verhalten habe. Die Polizei sei zwar gekommen, habe den Mann aber nicht angetroffen. Dieser sei dann aber später nach Angabe der Nachbarn mit quietschenden Reifen losgefahren.

Der mutmaßlich islamistische Anschlag in Bildern

Sendung: Inforadio, 19.8.2020, 18 Uhr

62 Kommentare

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  1. 62.

    Ich halte das für eine spezifisch juristische Unterscheidung.

  2. 61.

    Ob Sie es glauben oder nicht, Extremisten nehmen bei der Tatausführung regelmäßig Opfer aus den eigenen Reihen in Kauf. Bei islamistischen Bombenanschlägen sterben mehr Muslime als Nichtmuslime. Die Argumentation ist daher recht dünn.

  3. 60.

    In der Tat liegen für mich da Welten dazwischen, nämlich der Unterschied zwischen bedingtem und tatsächlichem Tötungsvorsatz. Ungeachtet dessen, dass ich beides verachte, halte ich es für eine Verharmlosung von Terror, beides auf die selbe Stufe heben zu wollen, stehen doch völlig verschiedene Motive im Vordergrund. Der Ku'dammraser wollte sein Ego befriedigen und hat dabei Tote billigend in Kauf genommen (wollte dies aber nicht zwingend), ein Attentäter hat dagegen das Ziel, möglichst viele Menschen zu töten. Das ist ja wohl ein eklatanter Unterschied!

  4. 59.

    "Ein körperliches Wrack"? So also gehen Sie mit einem der Opfer um, und mit dessen Angehörigen und Freunden? Und nebenbei unabsichtlich auch mit Behinderten? Mann, kommen Sie mal zu sich!

  5. 58.

    Ihr Kommentar ist, mit Verlaub, Unsinn. Wie kommen Sie sonst darauf, dass bei Asylbewerbern immer die Schuldunfähigkeit wegen psychischer Probleme festgestellt wird? Nebenbei bemerkt: Ob jemand schuldunfähig ist oder nicht, ist immer eine Einzelfallentscheidung. Es sind ja auch verschiedene Menschen.

  6. 57.

    Ich kann Ihr Argument nachvollziehen. Möglicherweise machen Sie sich aber falsche Vorstellungen von der Psychatrie im Maßregelvollzug. Das ist ein noch unangenehmerer Ort als eine Gefängniszelle. Und man hat noch unangenehmere Nachbarn. Vor allem kann man für unbegrenzte Zeit dort eingewiesen werden. Im Knast ist nach spätestens 25 Jahren Schluss.

  7. 56.

    "Zumindest teilen sie die gleiche Gesinnung."

    Das kann schon so sein. Allerdings bin ich kein Freund von Rückschlüssen. Menschen, die ansonsten unterschiedlich sind, mögen in vielen Bereichen zum gleichen Ergebnis kommen.

    Da gebe ich Ihnen zweifellos Recht: Dass EIN TEIL von Nutzern unter verschiedenen Pseudonymen hier tätig ist, steht für mich außer Frage. Über den Punkt, wo es dann sinnlos wird zu antworten, weil das gleiche, im Prinzip widerlegte Argument in einem parallelen Strang dann wieder auftaucht, darüber muss jede/r selbst entscheiden.

    Nicht "verstricken" lassen.

  8. 55.

    Wie ich das hier verstehe, ist das die Kommentarspalte des Rundfunk Berlin-Brandenburg. Selbstverständlich könnten auch s#mtliche Fälle, wo der eine Ehepartner den anderen mit einem Küchenmesser ersticht, hier landen oder sämtliche Zusammenstöße, die es in diesem Land unter Autofahrenden gibt und zwischen ihnen und sämtlichen anderen Verkehrsteilnehmenden.

    Allerdings glaube ich, würde das diese Seiten überfrachten.

    Eine Tat ist nicht deshalb schon berichtenswert, nur weil Mensch nichtdeutscher Staatsangehörigkeit sie begangen hat.

  9. 53.

    Aus technischen Gründen - das kurzzeitige Abdriften der Antwort ins techn. Nirwana - ist die Antwort an Sie, Steffen, beim Nutzer Globke gelandet. Beitrag 49, 17:34.

  10. 52.

    Es gibt keine Relativierungen meinerseits, nur Analogien. Und dass es manchmal ein sehr schmaler Grat ist zwischen dem einen und dem anderen - der bewussten Herbeiführung von etwas und der billigenden Inkaufnahme, die an Menschenverachtung gleichfalls nicht mehr zu überbieten ist.

  11. 51.

    Flüchtende wurden und werden nicht aufgenommen, um spezifisch die demographischen Probleme zu lösen - denn das wäre in der Tat eine Instrumentalisierung des Asylrechts und der Zuwanderung -, sie wurden und werden aus humanitären Gründen aufgenommen.

    Und das hat natürlich seinen gesellschaftlichen Hintergrund, auch wenn das einige Menschen nach einem dreiviertel Jahrhundert Abstreifens dessen nicht mehr wahrhaben wollen.

    Das ist zusätzlich auch noch aus demographischen Gründen geboten ist, einen Fachkräftemangel hier oder da mit Flüchtenden und Zugewanderten aufzufüllen, wo es die Einheimischen nicht für Wert erachten, dort tätig zu sein, dieser Umstand ist also ein dazukommender.

  12. 50.

    Geehrter Steffen,

    da gibt es schon die Differenz:
    Für Sie liegen vermutlich Welten zwischen der Raserei im einen und der Amokfahrt mit Tötungsabsicht im anderen. Für mich sind das in der Tat eher graduelle Unterschiede. Selbstverständlich müssen Juristen bei der Beurteilung im Gerichtsprozess nach dem Willen gehen und ihn von der billigenden Inkaufnahme unterscheiden.

    Dennoch ist die billigende Inkaufnahme geradezu unterbelichtet und das ist keineswegs eine individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Die Taten der NS-Zeit sind von 10 % so angeordnet worden, von 90 %, die Ausführende waren, sind sie billigend in Kauf genommen worden. Das ist kein spezifisches Problem der NS-Zeit, es hat dort allerdings seine verheerende Wirkung entfaltet.

  13. 49.

    .. Wenn schon Anschläge in den Kommentarspalten landen. Wo bleibt der Anschlag Rosenmontag 2020 Volkmarsen????

  14. 48.

    Über ihren Geisteszustand möchte ich nicht spekulieren aber zumindest ihre Gesinnung wird klar.

  15. 47.

    Der Straftäter in Berlin ist verwirrt. Und was ist mit dem aus Düsseldorf, den die Polizei am Boden fixiert hat??? Seit Jahren als Straftäter bekannt!!! Und da regen sich die Leute auf wegen „Polizeigewalt“. Bekannt als Schläger. Ist der nun auch „verwirrt „????

  16. 46.

    Warum kann ein abgelehnter Asylbewerber, obendrein polizeibekannt durch Körperverletzungen, nicht in den Irak abgeschoben werden? Dort ist schon lange kein Krieg mehr. In Deutschland anerkannte Asylbewerber fahren in den Irak, um Verwandte zu besuchen. Wenn es soooo gefährlich sein würde, täten sie dies nicht.

  17. 45.

    Wenn er bereits aufgefallen ist, was hat dieser Mann noch in Deutschland zu suchen?!

  18. 44.

    - [ ] Wenn man die Glaubensrichtung eines Motorradfahrers nicht am Helm erkennen kann, ist dieses Gerede über „islamistischen Hintergrund“ völliger Unsinn. Der Mann ist psychisch krank , Punkt. Hätte ja auch nen „Glaubensbruder“ töten können und dafür später in der Hölle landen können.

  19. 43.

    Werter Herr Krüger, mir scheint, Sie verkennen hier ein wenig die Tatsachen und Zusammenhänge und verhöhnen damit unbeabsichtigt die Opfer dieses feigen Anschlags. Hier ging es mitnichten um Protzerei, Prahlerei und übersteigertes Geltungsbedürfnis, wie bei den Ku'dammrasern. Hier ging es um gezielte Versuche, Menschen zu töten. Damit ist nicht mehr nur der bedingte Tötungsvorsatz erfüllt sondern es waren reale Mordversuche mit absolutem Tötungswillen unter Zuhilfenahme der Tatwaffe Auto. Hoffen wir, dass sich dieser Wille nicht doch noch erfüllt, zumindest einer der Verletzten ist noch nicht über den Berg. Das mit illegalen Autorennen gleichsetzen zu wollen, ist eine Verniedlichung des Tatmotivs und der Gefahr, die von solchen extremistischen Tätern ausgeht. Ich glaube nicht, dass Sie das wirklich zum Ausdruck bringen wollten!

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