in sogenanntes weißes Geisterrad steht an der Holzhauser Straße in Berlin (Quelle: DPA/Paul Zinken)
Bild: DPA/Paul Zinken

Vier Verkehrstote innerhalb einer Woche - Radvereine nennen Verkehrsentwicklung in Berlin "katastrophal"

Vier tote Fußgänger und Radfahrer innerhalb einer Woche, schon jetzt so viele Verkehrstote wie im gesamten Vorjahr: Diese Entwicklung sei "katastrophal", heißt es von ADFC und Changing Cities. Berlin müsse den Autoverkehr deutlich beschränken. Von Oliver Noffke

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und die Organisation Changing Cities fordern von Berliner Behörden umgehende Maßnahmen, mit denen für mehr Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern im Straßenverkehr gesorgt wird. Die hohe Zahl an Verkehrstoten in der Stadt in diesem Jahr sei nicht hinnehmbar, heißt in einer gemeinsamen Erklärung - insbesondere nachdem in der vergangenen Woche vier Fußgänger und Radfahrer in Berlin zu Tode gekommen waren.

"Wir erwarten jetzt vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller, dem für die Sicherheit in der Stadt verantwortlichen Senator Andreas Geisel und der Verkehrssenatorin Regine Günther eine gemeinsame konzentrierte Aktion", teilte ADFC-Vorstand Frank Masurat am Dienstag mit, "um das Töten auf den Berliner Straßen zu beenden."

Forderung: Überholspuren auf Hauptstraßen entfernen

Konkret wird unter anderem gefordert, dass eine Taskforce eingerichtet wird. Diese solle sich mit Kreuzungen befassen, an denen in den vergangenen zwei Jahren schwere oder tödliche Unfälle geschehen sind und kurzfristig deren Umgestaltung in die Wege leiten. An diesen Kreuzungen solle solange ein Rechtsabbiegeverbot eingeführt werden, bis getrennte Signalanlagen für den Fuß- und Radverkehr einerseits und motorisierte Verkehrsteilnehmer andererseits installiert wurde.

Im Moment würden in Berlin 20 bis 30 Kreuzungen pro Jahr auf ihre Verkehrssicherheit für Fußgänger und Radfahrer überprüft, sagt Ragnhild Sørensen von Changing Cities auf Anfrage von rbb|24. "Wenn wir weiter so vorgehen, werden wir nie fertig." Sie forderte, dass sich die verantwortlichen Behörden anspruchsvollere Ziele setzen, die auch quantifizierbar und damit besser überprüfbar seien.

Außerdem wird gefordert, dass auf Hauptverkehrsstraßen, die nach dem Berliner Straßennetz zur 2. oder 3. Ordnung gezählt werden, Überholspuren sofort weggenommen werden. "Einstreifigkeit führt zu regelmäßigerem Verkehrsfluss und reduziert somit das Unfallrisiko", heißt es in der Mitteilung. Von dieser Forderung wären Dutzende Straßen in der Stadt betroffen - etwa die Ringverbindung Warschauer Straße/Danziger Straße/Bernauer Straße, die Wilhelmstraße zwischen Kreuzberg und Mitte oder die Tiergartenstraße. [Mehr zur Klassifizierung der Berliner Straßen durch die Senatsverwaltung unter www.berlin.de/senuvk/.]

Unfallstellen sollten anders begutachtet werden

Des Weiteren sollte die Verkehrssicherheit in Berlin einem neuen Paradigma unterstellt werden. Sollte festgestellt werden, dass die vorhandene "Infrastruktur maßgeblich mitursächlich für einen Unfall war", fordern beide Vereine, dass die betreffenden Kreuzungen oder Straßen nicht wieder geöffnet werden, bevor die Unfallstelle sicherer gestaltet wurde.

Zu erwartende Kosten dürften in diesem Fall keine Ausrede sein, sagt Sørensen, vielmehr gehe es darum, sich das Problem wirklich bewusst zu machen. "Wenn Sie das vergleichen mit einem tödlichen Betriebsunfall, dann wird das ja auch nicht alles nach ein paar Stunden wiedereröffnet." Es sei wichtig zu fragen, ob die Gegebenheiten an bestimmten Stellen zu Unsicherheiten beitrügen. Immer passierten in Berlin schwere oder tödliche Verkehrsunfälle an Orten, an denen bereits zuvor Personen ihr Leben verloren haben, sagte sie.

Vorwurf: Ermittlung nicht konsequent genug

Beide Vereine erheben außerdem den Vorwurf, dass schwere Unfälle oftmals nicht konsequent genug aufgeklärt würden. Auf Nachfrage nannte Sørensen keinen konkreten Fall, forderte aber, dass Fuhrunternehmen stärker in den Fokus der Ermittler gerückt werden sollten, wenn einer ihrer Fahrer in einen schweren oder tödlichen Unfall verwickelt ist. "Man müsste fragen: War der Fahrer übermüdet? Wie waren die Betriebsstandards in den Firmen? Das wissen wir oftmals nicht", sagte sie. "Das muss eingehender untersucht werden."

Die zuständige Berliner Generalstaatsanwaltschaft wurde von rbb|24 mit diesem Vorwurf konfrontiert. Eine Antwort blieb zunächst aus.

Zahl der Verkehrstoten bereits auf dem Niveau von 2019

In Berlin wurden bisher 39 Menschen als Verkehrstote für 2020 registriert. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 40. In diesem Jahr umfassen die Verkehrstoten 14 Fußgänger, sieben Motorrad- oder Rollerfahrer, zwei Autofahrer, zwei weitere Personen, deren Rolle im Verkehr von den Behörden nicht näher benannt wurde, sowie 14 Radfahrer.

Der Tod eines 35-jährigen Radfahrers, der Anfang August in Adlershof ums Leben kam, als er an einer Ampel wartete, wird in dieser Statistik nicht aufgeführt. Damals hatte ein Lkw-Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Der Radfahrer wurde in der Folge so schwer verletzt, dass er noch an der Unfallstelle verstarb. Offiziell gilt dieser Fall nicht als Verkehrstod.

Beitrag von Oliver Noffke

110 Kommentare

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  1. 110.

    Ich gebe Ihnen Recht, jeden Tag, besonders am Wochenende fahren 100. von Radfahren VERKEHRSWIDRIG und keiner kontrolliert.
    Wir habe ein Wochenende für 1 Stunde die Köpenicker Landstraße beobachtet, 165 Radfahrer sind auf auf dem Fußgängerweg unterwegs, davon 23 verkehrte Richtung und gerade 57 Radfahrer habe den Radweg benutzt.
    Radfahrer sind keine GUTMENSCHEN, eher MILITANTE VERKEHRSTEILNEHME:

  2. 109.

    Meine Einschätzung der Lage sieht als langjähriger Autofahrer anders aus. Durch meinen Führerschein wurde mir beigebracht vorausschauend zu fahren, was ich aber nie mache. Da ich Fahrradfahren hasse, nutze ich nur noch mein Auto und die öffentlichen Verkehrsmittel. Dabei sehe ich täglich massenhaft Verkehrsverstöße von Autofahrern, die andere gefährden, wodurch es zu riskanten Manövern kommt, oder die sich nicht an die StVO halten und das Leben Anderer riskieren. Und es sind erschreckend viele Autofahrer, die sich rücksichtslos verhalten . Eine jährliche Überüfung der geistigen und körperlichen Fahrttüchtigung und schärfere Kontrollen wären daher sicher sehr sinnvoll.

  3. 108.

    Sie können diesen Leuten nicht mit Vernunft kommen. Das prallt an denen ab. Die leider dermaßen unter Minderwertigkeitskomplexen, die sie beim Autofahren kompensieren müssen.

    My Car ist my castle! So wie die hier aus der Anonymität schreiben, so fahren die tatsächlich. Die betrachten Radfahrer als Freiweild! Die Minderheit die so fährt ist in Großstädten leider nicht so klein wie man erst denkt. Dieses Verhalten erinnert an Rudelverhalten. Wenn einer rücksichtslos ist, meinen die anderen sie könnten das auch.

    Die Unfallstatistik spricht eine deutliche Sprache. Rotlichtverstöße und Fahren ohne Licht rangieren weit hinten bei den Unfallursachen.

    Radfahrer verursachen etwas über die Hälfte der Radunfälle (2 von 4 der Radunfälle). Einbezogen sind hier Radfahrer als Haupt- und Mitverursacher, sowie die Eigenunfälle und Alleinunfälle von Radfahrern.

    Zum Vergleich: Berufskraftfahrer im Lkw verursachen etwa 75% der Unfälle, an denen sie beteiligt sind (3 von 4 der Lkw-Unfälle).

  4. 107.

    Es ist ermüdend , aber trotzdem: Machen Sie sich doch bitte die Mühe und sehen Sie nach, wieviele Radfahrer getötet wurden, weil sie bei rot über die Ampel fuhren. Ich nehme Ihnen die Arbeit nicht ab. Schließlich ist es Ihr Kommentar.
    Es muss ein Reflex sein, wieso das Denken abgeschaltet wird und immer sofort unterstellt, verunglückte Radfahrer wären 1. bei rot gefahren und 2. sowieso irgendwie selbst schuld.

  5. 106.

    @ Pudili "Was für ein bekloppter Kommentar" häätte ich jetzt fast gesagt."
    Naja, ist nicht so schlimm, Sie haben es ja nur fast gesagt. Davon abgesehen wundere ich mich, wieso "bekloppt", weil Ihr Kommentar überhaupt keinen Bezug zu meinem hat.

  6. 105.

    Da hinken Sie hinterher:
    Nach länger als 1s rot über die Ampel fahren kostet Radfahrer ein Bußgeld von mindestens 100€, bei Verkehrsgefährdung (d.h. so gut wie immer) 160€, bei Sachbeschädigung oder Unfall 180€, sowie jeweils immer 1 Punkt und natürlich Verwaltungsgebühren, geschätzt nochmal 20€.
    Bei einfachem Verstoß sind es jeweils 60€ / 100€ / 120€, und ebenfalls immer 1 Punkt sowie Verwaltungsgebühr.
    Bei Unfall oder Sachbeschädigung kommen evt. noch Straf- und Zivilverfahren dazu.

  7. 104.

    da ist der Bußgeldkatalog schon erheblich weiter.
    Wenn ein Radfahrer bei Rot fährt das länger als 1 Sekunde gezeigt wird, kostet das
    100 Euro
    160 Euro mit Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer
    180 Euro mit Sachbeschädigung anderer Verkehrsteilnehmer.
    Leider werden solche Verstöße nicht konsequent verfolgt und dann geahndet. Dann wären vielleicht weniger Radfahrer verletzt oder tot.

  8. 103.

    Da haben Sie Recht. Ich habe sehr wenig Verständnis dafür, wenn Erwachsene auf dem Bürgersteig Rad fahren. Die tollste Antwort, die ich mal bekommen habe war:" Die Straße ist mir zu gefährlich". Fein, dann doch lieber die Fußgänger gefährden. Am besten mit eigenem Kind im Kindersitz ein fremdes Kind auf dem Bürgersteig anfahren. Manchmal bin auch ich fassungslos.

  9. 102.

    Genau so. Danke. Ich darf noch um Gehweg-Radfahrer für 100 Euro erweitern. Nur so.

  10. 101.

    Es gibt keine allgemeine Benutzungspflicht für Radwege wenn diese nicht durch blaue Schilder als benutzungspflichtig gekennzeichnet sind. Autofahrer, die das nicht wissen, sollten sich zur Nachschulung begeben.

  11. 100.

    Fahrradfahrer mit Nummernschild, wer ohne Licht fährt 50 €, wer auf der Straße fährt obwohl ein Fahrradweg vorhanden ist 50 € bei Rot über die Straße fahren 50 € nur so

  12. 99.

    Nicht ohne Grund dürfen in Deutschland nur in Ausnahmefällen neue Bahnübergänge gebaut werden. Entsprechende Infrastrukturänderungen für den Schutz von Radfahrern und Fußgängern lassen hingegen auf sich warten.

  13. 98.

    Aus dem Artikel: "In Berlin wurden bisher 39 Menschen als Verkehrstote für 2020 registriert." Dies wäre in einer Stunde "erledigt", wenn sich Autofahrer so verhalten würden, wie es ADFC & Co. ihnen unterstellt!

  14. 97.

    aus dem Beitrag: "Berlin müsse den Autoverkehr deutlich beschränken."
    falsch: Die "Radfahrenden" müssen sich einfach an die Verkehrsregeln halten und dort insbesondere an § 1 der StVO, der "ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme" gebietet!
    Das bedeutet unter anderem eben auch, nicht in selbstmörderischer Absicht von hinten in den toten Winkel eines im Abbiegevorgang befindlichen 40-Tonners hineinzuradeln und dann noch heldenhaft zu klingen. Niemand käme auf die Idee, dem Lokführer dem ein Radfahrer an einem unbeschrankten Bahnübergang in den Zug fährt, die Schuld zuzuweisen!

  15. 96.

    "PS. Ich finde jeder Autofahrer sollte sein Nummernschild auf der Stirn tragen." Der Verkehrssicherheit wäre weit mehr gedient ,wenn Fahrräder überhaupt ein Nummernschild trügen.

  16. 95.

    Zum Thema wie sicher doch die Radfahrstädte in NL für Radfahrer sind:
    https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2018/0425Fahrradtote.html

    Nicht ganz aktuell, aber heute sicher nicht viel anders.

  17. 94.

    Richtig. In den Niederlanden sind im Straßenverkehr 122 Personen 2018 und 137 Personen 2019 getötet worden, das ist sehr viel zumal es dort eine sehr gute Radinfrastruktur gibt und sich der Großteil an die StVO hält, was in Berlin nicht der Fall ist, da ist die Todesrate von Radfahrern durch verunfallen sehr gering, auch wenn jeder Tote einer zu viel ist,

  18. 93.

    Leider ein nur zu berechtigter Kommentar! Eventuell sollte man die geifernde Meute daran erinnern, daß auch für Kfz-Fahrer die StVO gilt, die besagt: "(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.(2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird." " Da steht nirgends: Wer sich totfahren läßt, ist selber schuld, hätte er mal zurückgesteckt.
    Übrigens kann sich jeder gern mal am Strausberger Platz an die Ampel stellen und die Rotlichtverstöße von Auto- und Lkw-Fahrern zählen. Ich sehe dort (und anderswo) jeden Tag mehrere davon. Teils wird noch "schnell rübergewutscht", während Fußgänger bereits grün haben ... Aber klar, was bilden sich diese Fußgänger auch ein, bei grün einfach über die Fahrbahn gehen zu wollen. Selber schuld!

  19. 92.

    da kann ich dir nur zustimmen, aber darüber berichten die Medien nicht. Ist wohl auch nicht erwünscht denn dass ginge ja gegen die R.R.G. Politik

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