Archivbild: Beim Bundeskongress der Türkischen Gemeinde in Deutschland sitzt inmitten einer Gruppe eine Frau mit Kopftuch (Bild: dpa/Maurizio Gambarini)
Audio: Inforadio |26.08.2020 | Birgit Raddatz | Bild: dpa/Maurizio Gambarini

Streit über Neutralitätsgesetz - Kopftuch-Verbot spielt an katholischer Schule keine Rolle

An öffentlichen Berliner Schulen gilt für Lehrerinnen das Verbot, Kopftuch zu tragen. Zu dieser umstrittenen Regelung muss nun das Bundearbeitsgericht ein weiteres Urteil fällen. Am privaten Canisius-Kolleg wird indes schon mit Kopftuch unterrichtet. Von Kira Pieper

Während das Bundesarbeitsgericht am Donnerstag ein weiteres Urteil über das Kopftuch-Tragen von Lehrerinnen im Unterricht an Berliner Schulen fällen muss, schafft das Canisius-Kolleg in Tiergarten Fakten: An dem vom Jesuitenorden getragenen, privaten und katholischen Gymnasium arbeiten mittlerweile zwei Muslima, die im Unterricht Kopftuch tragen.

Der Rektor der Schule, Jesuitenpater Marco Mohr, teilte dazu auf Anfrage von rbb|24 mit, religiöse Überzeugungen und Symbole dürften auch in der Schule ihren Platz haben; dies sei ein wichtiger Beitrag zur Pluralität einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Anders als öffentliche Schulen in Berlin ist das private Kolleg allerdings auch nicht an das Neutralitätsgesetz gebunden.

Land Berlin musste mehrfach Entschädigungen zahlen

Eben jenes Gesetz sorgt in Berlin seit Jahren für Streit. Es schreibt vor, dass religiöse Symbole wie das Kopftuch an öffentlichen Berliner Schulen verboten sind. Immer wieder hatten kopftuchtragende Lehrerinnen oder Lehramtsanwärterinnen geklagt, weil sie nicht eingestellt wurden und sich benachteiligt fühlten. Oft bekamen sie Recht. Das Land wurde mehrfach wegen Diskriminierung zu Entschädigungszahlungen verurteilt. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2015 sogar die erhebliche Bedeutung der Glaubensfreiheit herausgestellt und entschieden, dass ein generelles Kopftuchverbot ohne konkrete Gefährdung des Schulfriedens unzulässig sei.

Der aktuelle Fall, über den nun das Bundesarbeitsgericht ein Urteil fällt, war zuvor durch mehrere Instanzen gegangen. Die Bildungsverwaltung soll die Bewerbung einer studierten Informatikerin abgelehnt haben, die als Quereinsteigerin in den Schuldienst wechseln wollte. Die Frau hatte zuvor deutlich gemacht, ihr Kopftuch im Unterricht nicht ablegen zu wollen.

Zunächst entschied das Berliner Arbeitsgericht zugunsten der Verwaltung. In einem Berufungsverfahren bekam dann die Muslima recht. Ihr wurde eine Entschädigung von eineinhalb Monatsgehältern zugesprochen, da sie aufgrund ihrer Religion benachteiligt worden sei, heißt es in der Urteilsbegründung. Das Land Berlin entschied sich daraufhin in Revision zu gehen, weswegen der Fall nun beim Bundesarbeitsgericht liegt.

Kopftuch als Selbstverständlichkeit

Auch im Berliner Senat sorgt das Kopftuch-Verbot für Auseinandersetzungen. Die Meinungen darüber, ob das Verbot zulässig ist oder nicht, sind geteilt: Die SPD-geführte Bildungsverwaltung hält das Neutralitätsgesetz für verfassungsgemäß. Grüne und Linke im Berliner Senat wollen das Neutralitätsgesetz indes schon länger reformieren.

Am Canisius-Kolleg spielte es indes nie eine Rolle, ob Bewerberinnen ein Kopftuch tragen oder nicht. Die beiden Kopftuch-tragenden Frauen einzustellen, sei aufgrund ihrer "außerordentlichen fachlichen Kompetenz und exzellenten pädagogische Begabung" gefallen, so Rektor Mohr zu rbb|24. Allerdings stellte er auch klar, dass das Tragen eines Kopftuchs nur "bei einer streng abstinenten Zurückhaltung der Lehrerin statthaft und zielführend" sei. Es dürfe nicht darum gehen, die Schülerinnen und Schüler von der eigenen Meinung zu überzeugen.

An der Schule werde das Tragen eines Kopftuchs nicht nur von Seiten der Schulleitung, sondern auch von Seiten der Schüler und Eltern akzeptiert, so Mohr. Spätestens seit Einrichtung der Willkommensklassen gehöre das Kopftuch auf dem Schulhof und im Unterricht wie jedes andere Kleidungsstück für alle selbstverständlich zum Gesamtbild dazu.

Beitrag von Kira Pieper

20 Kommentare

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  1. 19.

    Hui,
    dann müssen Sie aber auch T-Shirts mit z.B. einem roten Stern oder mit dem Konterfei von Che Guevara verbieten - sonst werden die Kinder Kommunisten !

  2. 18.

    Oje, jetzt hatte ich in 13. den unkorrigierten Text eingepastet! Ich bitte um Entschuldigung für die vorhergehenden Tippfehler, also hier nochmal den Text von vorhin:

    Es geht hier nicht um "Integration". Im Gegenteil. Lehrer sind Autoritätspersonen, also Personen, die salopp ausgedrückt, vorallem kleinen Kindern erklären, wie die Dinge funktionieren und wie es, wo, weshalb lang geht. Mit einem ständig sichtbaren politisch-religösen Symbol wird das "wo es lang geht" auch ohne "Meinungsaustausch" deutlich vorgegeben. Wir leben aber in einer quasi-laizistischen Geselllschaft in der Kinder möglichst frei und ohne Manipulation entsscheiden können sollen, welche Religion oder Nicht-Religion sie wählen wollen.

  3. 17.

    Sehr geehrter rbb24-nutzer,

    ihr Kommentar ist völlig daneben. Zum einen musste unbedingt der Fingerzeig auf die intoleranten rechte Ecke in die Diskussion gedrückt werden, andererseits werten Sie das Canisius Kolleg ab. Aber so ist das eben : die einen hetzen gegen Ausländer, andere gegen die Kirchen und dritte gegen alles.
    Ich bin Christ und trotzdem oder gerade deshalb gegen ein Kopftuchverbot. Zu einer vielfältigen Gesellschaft gehören religiöse Menschen dazu - auch wenn Sie nicht verstehen können, weshalb diese ihren Glauben ausüben. Ich verstehe daher den ganzen Bohei um Kopftuch, Kruzifix-Ketten etc. nicht (interessanterweise wagt keiner, sich über die Kippa zu erregen).
    Was mir persönlich nicht gefällt, sind diese Vollverhüllungen mit nur noch Sehschlitz. Das könnte man regeln, wie andere Länder wie z.B. Großbritannien zeigen.

  4. 16.

    Religiöse Zeichen sind Privatsache und haben nichts in öffentlichen Räumlichkeit zu suchen.

  5. 15.

    Sorry der Font war zu klein eingestellt:, hier das ganze nochmal ohne eklatante Tippfehler:
    Es geht hier nicht um "Integration". Im Gegenteill. Lehrer sind Autoritätspersonen, also Persoen die salopp ausgedrückt vorallem kleinen Kindern erklären wie die Dinge funktionieren und wie es wo weshalb lang geht. Mit einem ständig sichtbaren politisch.religösen Symbol wird das "wo es lang geht" auch ohne "Meinungsaustausch" deutlich vorgegeben. Wie leben aber in einer quasi-laizistischen Geselllschaft in der Kinder möglichst frei und ohne Manipulation entsscheiden können sollen welche Religion oder Nicht-Religion sie wählen wollen.

  6. 14.

    Sie können seit Jahren in der Türkei verfolgen was passiert wenn man die Trennung von Staat und Religion aufhebt. Das hat nichts mit völkischen Nationalismus zu tun. Ständig wird man von Leuten von ihnen in die Rechte Ecke gedrängt. Ist etwas arm dieser Vergleich

  7. 13.

    Es geht hier nicht um "Integration". Im Gegenteill. Lehrer sind Autoritätspersonen, also Persoen die salopp ausgedrückt vorallem kleinen Kindern erklären wie die Dinge funktionieren und wie es wo weshalb lang geht. Mit einem ständig sichtbaren politisch.religösen Symbol wird das "wo es lang geht" auch ohne "Meinungsaustausch" deutlich vorgegeben. Wie leben aber in einer quasi-laizistischen Geselllschaft in der Kinder möglichst frei und ohne Manipulation entsscheiden können sollen welche Religion oder Nicht-Religion sie wählen wollen.

  8. 12.

    Ich bin positiv überrascht von der Haltung des Elite-Jesuitengymnasiums. Halte eigentlich gar nichts von Privatschulen, aber dafür meine Hochachtung.

  9. 11.

    Schon ironisch. Da lebt ausgerechnet eine katholische BIldungseinrichtung, die über Gesetze und durch politisch tradierte Netzwerke unberechtigte und ungerechte Privilegien genießt, dem Land vor, wie es geht.

    Das Neutralitätsgesetz wird de facto als Kopftuchverbot ausgelegt. Das ist struktureller und institutioneller Rassismus. Es ist per se verfassungswidrig.

    Die Kommentare bemühen sich bisher, alle Stereotype und Vorwürfe zu wiederholen, die es bzgl. Kopftuch tragender Lehrer*innen gibt. Wer entscheidet noch gleich darüber, ob wer anderes "integriert" genug sei? Wer, oh, Frauenrechtler*innen, möchte noch gleich Anderen Geschlechterrollenbilder zuschreiben und ihnen eigene aufzwängen? Wer macht das Kopftuch als religiöses Symbol öffentlich verächtlich? Wer erwähnt nicht, dass es in diesem Land eben keinen Laizismus gibt? Genau, immer dieselben "Anständigen". Rassismus und völkischer Nationalismus sind eine Gefahr für die Gesellschaft, Kopftücher nicht.

  10. 10.

    Im 2. Teil geht es aber um das neutralitätsgesetz und deren Streitigkeiten und Diskussionen

  11. 9.

    Sie haben den Artikel aber schon gelesen oder? Es geht um das private Canisius, das vom Jesuitenorden getragen wird, ergo eine katholische Schule ist.

  12. 8.

    Religion und Staat gehört getrennt. Aus diesem Grund dürfen Kopftücher bei Lehrern an Schulen nicht akzeptiert werden. Ich mag auch keine Kruzifixe in Klassenräumen.

  13. 7.

    Das würde ich generell so nicht vermuten, vielleicht wäre für die Lehrerin die Aziz-Nesin-Schule eine Alternative. Dort stört sich niemand an ihrer religiösen Kleidung.

  14. 6.

    Da würde ich mein Kinde sofort von der Schule nehmen.

  15. 5.

    Das Beispiel zeigt sehr deutlich den Willen zur Nichtintegration.

  16. 4.

    Sind am Canisius-Kolleg auch Lehrer erwünscht, die die atheistische Weltanschauung praktizieren oder hören auch dort - wie in vielen anderen KITAs/Schulen mit religiösem Träger - Nächstenliebe, gelebte Toleranz und "Pluralität in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft" bei unbekehrbaren "Ungläubigen" auf??

  17. 3.

    In einem Strandbad sagte ein Junge zu meinen Töchtern, dass sie nicht auf das Klettergerüst dürfen, weil sie Mädchen sind.
    Wenn der Junge jetzt noch eine Lehrerin mit Kopftuch hätte, wäre sein Weltbild zwar komplettiert, aber Toleranz lernt er so nicht.

  18. 2.

    "gehöre das Kopftuch auf dem Schulhof und im Unterricht wie jedes andere Kleidungsstück für alle selbstverständlich zum Gesamtbild dazu"
    Es geht hier nicht um das Tragen eines Kopftuchs als Kleidungsstück, denn dann würde das ja z.B. im Klassenraum wo es ja in der Regel warm genug ist auch eher abgelegt werden, sondern um das Tragen des Kopftuchs als deutlich sichtbares (Macht-) Symbol für eine bestimmte politisch-religöse Gruppe zu der die Jesuiten im erweiterten Sinne dazugehören.

  19. 1.

    Regnet es durch in der Schule? Ist es so zugig, weil man sich keine Fenster leisten kann?

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