Archivbild: Der Präsident des brandenburgischen Landesumweltamtes Matthias Freude geht über den Deich am «Bösen Ort» der Elbe bei Lenzen. (Quelle: dpa/B. Settnik)
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Audio: Inforadio | 10.09.2020 | Thomas Prinzler im Gespräch mit Matthias Freude | Bild: dpa/B. Settnik

Interview | 30 Jahre Nationalparkprogramm der DDR - "Wir haben es uns getraut, weil es nicht anders ging"

Matthias Freude war maßgeblich für das riesige Nationalparkprogramm der DDR mitverantwortlich. 30 Jahre später erzählt er, mit welcher Kraftanstrengung das Programm damals in kürzester Zeit bis zur Wiedervereinigung entstanden war.

rbb: Herr Freude, genau 30 Jahre ist es her, dass Sie gemeinsam mit Michael Succow und weiteren Mitstreitern Geschichte geschrieben haben. Sie sind die Väter des Nationalparkprogramms der DDR, das die Wiedervereinigung überlebt hat. Sind stolz darauf?

Matthias Freude: Stolz gehört nicht zu meinem Wortschatz. Aber wenn ich draußen bin - und jetzt habe ich ein bisschen mehr Zeit, draußen zu sein - freue ich mich einfach drüber. Belassen wir es dabei.

Archivbild: Blick von einem Aussichtspunkt oberhalb des kleinen Ortes Stützkow im Landkreis Uckermark auf eine Brücke über die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Im Hintergrund ist der deutsch-polnische Grenzfluss Oder zu erkennen. Der Nationalpark Unteres Odertal wurde nach fünfjähriger Vorbereitung 1995 gegründet und umfasst eine Fläche von 10.500 Hektar. Das Odertal ist eine der letzten naturnahen Flussauenlandschaften des westlichen Mitteleuropas mit einer Vielzahl von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten. (Quelle: dpa/P. Pleul)
| Bild: dpa/P. Pleul

Quasi in allerletzter Minute, gut zwei Wochen vor dem 3. Oktober 1990, wurden per Volkskammerbeschluss 4,5 Prozent des Territoriums der DDR unter Schutz gestellt. Es wurden fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate sowie drei Naturparks zwischen Ostsee und Thüringen gegründet und als Tafelsilber der deutschen Einheit bezeichnet. Wie kam es dazu?

Das zu erzählen, wäre ein abendfüllendes Programm. Kurz gesagt: Ideen schlummerten schon länger. Es herrschte Unzufriedenheit bei den Biologen und Naturschützern über die wenigen kleinflächigen, unzusammenhängenden Naturschutzgebiete und Naturwaldzellen. Man müsste doch mal was tun! Vor allen Dingen, weil es in den USA schon seit über hundert Jahren Nationalparks gab. Man sah ja, dass es ging. Aber gerade, weil es so etwas in den USA gab, durfte das in der DDR nicht sein. Nun gab es plötzlich eine Chance. Michael Succow wurde da mit vielen Umwegen zum stellvertretenden Umweltminister gemacht. Der holte sich ein paar Leute, die er kannte, und sagte: Los, wir haben eine Chance – wollen wir? Hätte ich übrigens gewusst, dass es nur neun Monate würden bis zur Wende, hätte ich nicht mitgemacht.

Das war eine Riesenaufgabe. Hatten Sie da überhaupt Zeit zum Schlafen?

Das ist eine gute Frage. Man traut sich heute kaum noch zu sagen: Ich habe damals auf einer Matratze im Ministerium geschlafen unterm Schreibtisch, was natürlich genau wie heute damals auch schon verboten war. Schlaf hatte ich fast keinen. 17- bis 18-Stunden-Tage - das sagt sich so locker, aber wenn man das mal neun Monate durchgestanden hat, ohne Ausnahme, ohne Wochenende, dann weiß man: Es war schon ein ganz schöner Aufwand, das zu machen. Wir haben zwar nicht von null gestartet, aber es war praktisch gar nichts niedergeschrieben. Das hatte man im Kopf oder man hatte es nicht. Und man hatte Bekannte, die was im Kopf hatten. Große Schutzgebiete auszuweisen, war ein völlig neuer Gedanke für den Osten. Ich staune immer noch, dass das in so wenigen Wochen und Monaten aus den Köpfen rausgesprudelt ist. Für mich kann ich sagen, ich habe es wirklich nur im Gefühl gehabt. Später hat mal einer meiner Westkollegen gesagt: "Ihr mit eurem goldenen Blick, ihr habt es euch getraut!" Ja, stimmt. Wir haben es uns getraut, weil es anders gar nicht ging.

Woher haben Sie für all das die Chuzpe genommen?

Das war damals so. Da hat jeder gemacht, was er für richtig hielt in den wenigen Monaten der Wende. Wir haben es einfach für richtig gehalten. Wir hatten alle ganz ähnliche Gefühle: Hier steckt Reichtum drin. Biologische Vielfalt würden wir es heute nennen. Da muss man die Chance nutzen. Wann, wenn nicht jetzt?

Das alles musste ja in Gesetzestexte gegossen werden. Haben Sie sich da zum Beispiel die bayerische Park-Verfassung angeschaut?

Gar nicht. Es musste erst mal auf eine Landkarte - und dafür musste man die Landschaft kennen. Niemand hatte Zeit neun Monate herumzufahren. Man musste wissen: Dieses Gebiet ist es wert. Das Verrückte ist: Heute brauchen wir ja zwischen vier und zwölf Jahren, um ein Schutzgebiet auszuweisen. Nationalparks dauern in Deutschland immer länger als ein Jahrzehnt. Wir hatten nur ein paar Wochen, mussten also mit einem Blick erkennen: Dort ist Vielfalt drin, dort ist eine wertvolle alte Landschaft drin. Den Blick hatte man - und das ist das Faszinierende. Ich weiß, wie schwer es ist, das heute den Studenten nahezubringen.

Wichtig ist auch: Wir alle hatten mal was untersucht, entweder Pflanzen oder Tiere, und wussten, was diese für Ansprüche haben. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Leute, die so etwas machen, dies nicht aus der Theorie heraus machen. Sie sollten ein Gefühl haben dafür haben, was der Reichtum einer Landschaft ist. Das ist es übrigens auch, was wir heute den Studenten beibringen und auch der Gesellschaft vermitteln müssen: Was sind denn wichtige, wertvolle Landschaften? Was lohnt es zu schützen? Das ist heute noch genauso aktuell wie damals. Damals ploppte das so hoch und musste super fix abgearbeitet werden. Heute hat man dafür mehr Zeit und Geld.

"Wildnis tut nicht weh" sei ihr Motto, habe ich gelesen. Blicken Sie zufrieden zurück oder sagen Sie: Wir haben uns das doch ganz anders vorgestellt?

Beides natürlich. Viele Dinge haben sich super gut entwickelt. Besser könnte es gar nicht sein - so große Landschaften unter Schutz zu stellen, dafür gäbe es heute keine Chance. Zufrieden bin ich auch, wenn ich im östlichen Ausland bin, wo das Programm quasi übernommen wurde: in der Mongolei, im Kaukasus, in Aserbaidschan und Georgien und ein paar anderen Ländern. Manche Sachen hätte ich mir natürlich anders vorgestellt: Die Betreuung hätte ausführlicher sein können. Natürlich gibt es, wenn etwas sehr erfolgreich ist, auch immer Neider und Menschen, die sagen: "Jetzt haben wir genug gemacht für Naturschutz, machen wir mal was anderes."

Gibt es heute auch Bedrohungen für diese großen Gebiete?

Natürlich gibt es die, die gab es immer. Aber das hilft ja nicht nur Pflanzen und Tieren und der Natur, sondern das Ganze ist ja auch Regionalentwicklung. Was gerade an den Biosphärenreservaten und Naturparks für Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsplätze dranhängen, ist ja exorbitant! Wir haben das vor ein paar Jahren mal untersucht: Der jüngste Naturpark, den es hier bei uns in der Niederlausitz gibt, hat nach zweieinhalb Jahren seines Bestehens schon 220 Arbeitsplätze generiert, meistens indirekt, über den Tourismus. Das funktioniert nur, weil es dort irgendwelche schönen Tiere und Landschaften gibt, die die Leute sehen wollen. Auerhühner, selbst Wölfe bringen da richtig Besucherströme rein. Das wiederum bringt Übernachtungsplätze, Arbeitsplätze und, wenn es eine Weile gut geht, auch Zufriedenheit und Akzeptanz der Leute. Vor 30 Jahren wusste ich noch nicht so wie heute, dass das einer der Schlüssel dafür ist, um Naturschutz und Liebe zu Landschaft, Tieren und Pflanzen in die Köpfe rein zu bringen: Die Leute müssen etwas davon haben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich sage erst mal womit ich sehr zufrieden bin: Die Menschen denken heute bewusster als vor 30 Jahren über Naturschutz nach und was er auch für den Menschen bedeutet, welchen Nutzen er bringt. Wenn dieses Bewusstsein so bleibt, wäre das toll. Und wenn wir auf den Klimawandel eingestellt sind und der Natur Raum geben, damit sie sich selbst anpassen kann, sollte einem nicht allzu bange sein vor den nächsten Jahrzehnten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Thomas Prinzler, Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie sich anhören, wenn Sie im obersten Bild auf den Abspielknopf drücken.

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5 Kommentare

  1. 5.

    Ja, letztlich sind es immer Einzelne, letztlich sind es immer Überzeugte von etwas, die wirklich etwas bewegen. Und das, ohne wie ein Kaninchen nach der Schlange zu starren, sondern etwas "einfach" zu tun. So einfach war es natürlich nicht. Doch es hat sich gelohnt.

    Von Herzen Danke für die unermesslich viele Arbeit! Andere können sich daran ein Beispiel nehmen, auch und gerade in Zeiten, in denen der bekannte Amtsschimmel wiehert wie längst nicht mehr und jeder Pflock, der irgendwo auf wildem Grunde eingeschlagen wird, eine ausführlich begründete und rechtssichere behördliche Genehmigung bedarf.

  2. 4.

    Eine tolle Leistung für den Naturschutz und ein Geschenk für zukünftige Generationen!!

  3. 3.

    Und mit Einigungsvertrag kam es dazu, dass Bundesverkehrswegeplan Vorrang vor Nationalparkverordnung bekam, wozu es in dem Wegeplan für ganzen Bund Punktebemessung bzg. "Umweltbetroffenheit" gibt (z.B. "Erhebliche Beinträchtigung von Natura 2000-Gebieten max. -5 Punkte, und Durchfahrung von Wasserschutzgebieten max. -3 Punkte" und in Summe -8 Punkte bedeutet "Geringe Umweltbetroffenheit"). Dabei kann man toll finden, dass man im Bundesverkehrsministerium schon mal gehört hat, dass es eine Umwelt gibt. Aber Punkt hier ist, dass in dem Konzept wenn Regierung z.B. in der Vorpommerschen Boddenlandschaft einen Jachthafen haben möchte, und in Schorfheide-Chorin Flughafen, dann hat sich Boddenlandschaft und Reservat anscheinend flott erledigt. Und sowas finde ich nicht toll. Ich selber würde es besser finden wenn solche Gebiete z.B. Eigentum des Staates, welcher mit sozusagen Gegenprüfung mal schaut wenn eine Regierung in dem Gebiet was möchte (eben ohne über alles absolut verfügen zu können)

  4. 2.

    Allen Beteiligten aus jener Zeit von ganzem Herzen DANKE! Sie bewiesen Weitsicht, Integrität und Mut als Andere nur D-Mark wollten...

  5. 1.

    Und vielen Dank nochmal an Herrn Freude der bis 2018 als Präsident des Landesumweltamt dafür verantwortlich war Massentierhaltungsanlagen in Naturparke EU Vogelschutzgebiete und Trinkwasserschutzzonen zu genehmigen , gegen die u.a der BUND der NABU und diverse andere Verbände hunderttausende an Spendengeldern generieren um gegen diese bis dato zu klagen um die Bedrohung dieser Gebiete abzuwenden.

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