Fässer mit radioaktivem Abfall stehen neben einem Weg im Zwischenlager der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (Quelle: DPA/Wolfram Kastl)
Video: Brandenburg Aktuell | 28.09.2020 | Ismahan Alboga | Bild: DPA/Wolfram Kastl

Suche nach Lagerort für Atommüll - "Niemand will ein Endlager, aber trotzdem brauchen wir es"

Die Suche nach einem Endlager in Deutschland für hochradioaktiven Atommüll hat begonnen. Nach ersten Erkenntnissen wären auch weite Teile Brandenburgs geeignet - zumindest geologisch. Obwohl noch lange nichts entschieden ist, werden bereits Befürchtungen laut.

Mehr als die Hälfte Deutschlands, 54 Prozent der Gesamtfläche, bieten laut der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) möglicherweise geologische Eigenschaften, um ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll einzurichten. Dies geht aus einem Zwischenbericht hervor, der am Montag vorgestellt wurde. Demnach wären auch weite Gebiete in Brandenburg sowie Teile Berlins dafür geeignet.

Abgesehen von geologischen Daten hat die Behörde bislang noch keine weiteren Gesichtspunkte untersucht, etwa die Nutzung der entsprechenden Oberflächen. Erst im Jahr 2031 soll eine endgültige Entscheidung getroffen werden. Eine Diskussion über den möglichen Standort eines Endlagers ist aber bereits entbrannt.

Julia Schmidt, Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen teilte am Montag mit, dass Sorgen vor einem Endlager Brandenburg absolut nachvollziehbar seien, dennoch müssten die Sicherheit aller Bundesbürger sowie der Umweltschutz die wichtigsten Kriterien bei der Standortwahl sein. "Das sicherste Endlager wäre aber auch das sicherste Endlager, falls am Ende des langen Prozesses die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf ein Gebiet in Brandenburg hindeuten sollten." Sollte eine "engstirnige" Auswahl getroffen werden, würden die Risiken nicht an der Landesgrenze haltmachen, so Schmidt.

Thomas Domres, umweltpolitischer Sprecher der Brandenburger Linken, teilte mit, er sei zu allererst froh darüber, dass der nun vorgestellt Zwischenbericht klar mache, dass Gorleben nicht als Endlager geeignet sei. "Diese Entscheidung freut mich besonders auch für die Prignitz, denn der Gorlebener Salzstock reicht ja bis in die Lenzener Region hinein." Das Bergwerk Gorleben in dem bereits Atommüll gelagert wird, befindet sich etwa zehn Kilometer von Lenzen (Prignitz) entfernt auf der niedersächsischen Elbseite.

Er appellierte daran, dass die Suche nach einem Endlager weiterhin transparent, objektiv und nach fachlichen Kritierien verlaufe. "Niemand will ein Endlager, aber trotzdem brauchen wir es", so Domres. "Deshalb hilft es nicht weiter, wenn jetzt aus allen Regionen gerufen wird: Nicht bei mir."

Bei der Fraktion von BVB/Freie Wähler im Brandenburger Landtag hat der Zwischenbericht der BGE bereits Sorgen um die Zukunft von touristischen Regionen im Land ausgelöst. Insbesondere Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin) sieht die Partei aufgrund seiner drei alten Salzstöcke als gefährdet an. "Bei der Standortwahl für Atommüllendlager müssen neben Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte auch stark touristisch geprägte Regionen ausgelassen werden", so die Fraktion.

CDU-Fraktionschef Jan Redmann sagte, der Standort müsse ohne politischen Einfluss gefunden werden. Er verlangte aber auch, dass andere Standorte in anderen Ländern stärker in den Blick genommen werden müssten. Brandenburg trage mit Braunkohle und Windkraft überproportional die Lasten der Energieversorgung.

Ralf Reinhardt (SPD), Landrat in Ostprignitz-Ruppin, wies auf die weitreichenden Risiken hin, die ein Endlager im Landkreis hätte. "Grundsätzlich ist aus meiner Sicht vorrangig dort nach Lösungen zu suchen, wo mit der Erzeugung von Atomstrom über viele Jahre reichlich Geld verdient und von der Wertschöpfung massiv profitiert wurde", teilte Reinhardt mit. "Die Menschen hier im Landkreis werden alles tun, um zu verhindern, dass ihnen nach 1990 erneut Existenzgrundlage und Zukunftsperspektive entzogen werden."

Diverse Landkreise in Brandenburg könnten für Endlager geeignet sein

Von Brandenburger AfD-Landespolitikern gab es am Montag kein Statement bezüglich der Endlager-Debatte. Der Sprecher der Landesgruppe Brandenburg im Bundestag, Steffen Kotré, äußerte sich nicht zu möglichen Orten. Stattdessen sagte er, ein geologisches Endlager sei nicht mehr nötig. Mit moderner Kerntechnologie könne "der atomare Reststoff entschärft werden."

Die BGE hält 90 Gebiete in Deutschland aufgrund ihrer Geologie für geeignet, um strahlenden Müll aus Atomkraftwerken endgültig zu lagern. In dem Zwischenbericht sind die Landkreise Dahme-Spreewald Elbe-Elster, Havelland, Märkisch-Oderland, Oberhavel, Oberspreewald-Lausitz, Oder-Spree und der Kreis Ostprignitz-Ruppin aufgelistet, die für eine Endlagerung hochradioaktiver Abfälle grundsätzlich geeignet sind. Auch die kreisfreien Städte Potsdam, Cottbus und Brandenburg an der Havel sind aufgeführt.

Neben Brandenburg halten die Experten auch Gebiete in anderen ostdeutschen Bundesländern für geeignet, darunter Sachsen und Sachsen-Anhalt, Berlin und Thüringen. Auch Bayern und Baden-Württemberg und der Nordwesten Deutschlands sind aufgeführt. Alle Bundesländer akzeptieren die Ergebnisse, für die sie der BGE Daten bereitgestellt haben. Nur Bayern lehnt den Zwischenbericht ab.

Sendung: Brandenburg aktuell, 28.09.2020, 19.30 Uhr

24 Kommentare

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  1. 24.

    Und wie gehen Sie ganz pragmatisch mit den Unfällen auf Three Mile Island, in Windscale (heute Sellafield), in Tschernobyl und Fukushima um. Und wie stehen Sie zur legalen und illegalen Entsorgung von radioaktiven Abfällen in Meergewässern? Übrigens auch heute noch, jeden Tag.

  2. 23.

    Weltraum-These: Dazu müssten TÄGLICH 6 Raketen starten. Das nur mal so zur Vorstellung der weltweiten erzeugten Menge. HINZU kommt noch die Menge die bisher angefallen ist (ca. 300.000 Tonnen). Und was passiert bei einem Fehlstart, der bei der Menge an Raketenstarts sehr wahrscheinlich ist? Netter Gedanke, aber Science-Fiction.
    Medizin-Anteil: Ganz klar falsch was Sie schreiben. Der Anteil endzulagernden Abfälle aus dem Medzin-Sektor liegt bei weniger als 1%, da sie "nur" schwach- und mittelradioaktiv sind. Das Problem sind die hochradioaktiven Abfälle - überwiegend aus der Kernenergie.
    Man muss unterscheiden können zwischen Abfallvolumen und Anteil der Radioaktivität. Der hochradioaktive Abfall hat einen relativ geringen Mengenanteil (in Deutschland ca. 10 %), enthält aber den ganz überwiegenden Teil (ca. 99,9 %) der gesamten Radioaktivität.

  3. 22.

    Warum soll im Osten 40 Jahre angesammelter, westdeutscher Atommüll gelagert werden? Batterieforschungszentrum geht also nach Westen und Atommüll-Endlager nach Osten - was für Satire lol. Wenn das passiert existiert Preußen bald wieder.

  4. 21.

    Ich stimme Ihnen insoweit zu, als dass viele Kernkraftwerke tatsächlich heute ein nicht akzeptables Risiko bergen, teils auch im nahen Ausland. Ob so ein Teil in Benelux, Frankreich, Tschechien oder hierzulande hochgeht, ist dann auch egal, von den Folgen wären wir gleichermaßen betroffen. Für neuere Anlagen halte ich das Risiko jedoch für beherrschbar, die alten Meiler hätten längst durch modernere ersetzt werden müssen. Für die Energieversorgung halte ich die zumindest solange für essentiell, als das riesige Massenspeichermedien für Erneuerbare Energien noch fehlen. Das, was wir heute noch als Atommüll ansehen, wird mit Sicherheit irgendwann Rohstoff für neue Energiegewinnung sein, denn Strahlung ist Energie, die wir heute nur noch nicht umwandeln können. Zumindest theoretisch ist dies aber möglich. Daher ist auch die Frage der Rückholbarkeit wichtig, nicht nur aus Umweltschutzgründen. Ich sehe das Thema pragmatisch, ohne Panik vor dieser Technologie.

  5. 20.

    Der Denkfehler ist schon das "Endlager". Vielleicht kann man das Spaltmaterial noch später verwenden, oder anders entsorgen und man kommt auf Grund eines Endlagers nicht mehr ran. Schießt doch den Scheiß zur Sonne. 98% sind Abfälle aus der Medizin. Also nicht wieder gegen Atomenergie pöbeln.

  6. 19.

    Ja, Danke für den radioaktiven Müll ;) @rbb Bloß, warum nur ein sicheren Standort für 1 Million Jahre? Zehlendorf kann doch mit gutem Beispiel voran gehen und 21 Castoren freiwillig übernehmen. Das Risiko solidarisch teilen an allen 90 Standorten :) Ist dann bei "Standort-Problemen" nicht auch die Rückholung besser machbar. Wie weit ist denn z.B. die "Sanierung" des abgesoffenen "Asse Standorts". Was bleibt dort an "Altlasten" zurück? Oder mussten die dort lebenden Menschen schon "die Bude zumachen"?!
    Falls niemand den strahlenden Müll will, wäre ab 2050 sicher auch der BER als ein "Zwischenlager" geeignet. Wurde ja bereits wiederholt als Parkplatz genutzt.

  7. 18.

    Ach Steffen. Weit gedacht. Doch was ist mit all den maroden Kernkraftwerken, wie die in Belgien nahe der Deutschen Grenze? Über solch ein Katastrophenfall mag ich gar nicht nachdenken. Und hier wird munter drauflosdiskutiert wohin mit den Atommüll. Da bin ich eindeutig froh, schon die 70 bald erreicht zu haben. Bitte nach mir der Atommüll und eventuelle Katastrophen. Ironie off.

  8. 17.

    Zum Glück werden in D. bis Ende 2022 die letzten 5 abgeschaltet.

  9. 16.

    Windräder und Endlager für Atommüll, finden immer Diejenigen toll, die einen Wald vor der Haustür haben, der unantastbar ist, oder mitten in der City leben- ohne Windräder ohne Atommüll. Das gute ist aber, es gibt gar keine sichere Atomenergie und deshalb auch keine sichere Endlagerung, also ist folglich, Jede oder Jeder in der Hauptstadtregion betroffen.

  10. 15.

    Was soll immer der Unfug mit Berlin oder Bayern ??? Man nennt erst große Städte und starke Bundesländer und nachher werden es sowieso die Kleinen und Schwachen - Ganz Alter Trick !!! Die großen sind dann zufrieden, das der Kelch an Ihnen vorbei gegangen ist und sind ruhig und die kleinen Landkreise oder Kommunen, können sich sowieso nicht wehren. Der Gewinner eines schicken neuen Giftmüllagers ist sowieso die Region Ostpignitz-Ruppin. Seit Jahrzehnten keine ordentlichen Strukturhilfen und über dem Endlager sowieso nur Windparks. ,,Gott sei Dank,, der Wind in Brandenburg ist unberechenbar und kommt sehr schnell nach Berlin. Das passiert, wenn Brandenburg nur den BER und Milliarden für die Lausitz im Fokus hat.

  11. 14.

    Gerade in den ersten beiden Sätzen will ich Ihnen vorbehaltlos zustimmen. Das auch halte ich für den springenden Punkt.

  12. 13.

    Und bei der Kohle haben Sie vergessen zu erwähnen.......
    Und vor allem das hier der Schaden langsam aber dafür heftig sein wird.

  13. 12.

    Heute wurde bestätigt, dass man an 90 Orten sicher Atommüll für die Ewigkeit lagern kann.
    Jetzt braucht es nur noch Politikerinnen, die dazu stehen und dies umsetzen.
    Warum nicht in Berlin?
    Dies wäre doch mal ein Akt Danke zu sagen.

  14. 11.

    Die Ursache für die Lagerung durch den Staat liegt in der Vergangenheit. Der Staat (Ost wie West) wollte diese Technologie massiv vorantreiben, anderenfalls hätten die Betreiber diese Kraftwerke wegen der unabsehbar hohen Folgekosten niemals gebaut. Also hat der Staat damals die Frage nach der Endlagerung übernommen und das Risiko, gesellschaftlich wie finanziell, an sich gezogen. Sozusagen eine versteckte Subvention in unbekannter Höhe. Jetzt ist die Situation nun mal so, wie sie ist, jetzt müssen wir das Beste daraus machen. Das heißt, den wirklich besten Standort suchen, ohne politische Einflüsse. Und falls es diesen hierzulande gar nicht geben sollte, muss man auch mit fremden Staaten verhandeln. Die Schweden wären wahrscheinlich nicht mal abgeneigt, aber sie würden sich das sehr gut vergolden lassen. Eine Lagerung hierzulande ist daher vorzuziehen.

  15. 10.

    Und?

    In der übergroßen Mehrzahl von Ländern herrscht keine Demokratie, ohne dass wir deren Weg folgen müssten.
    In einer recht großen Zahl von Ländern herrscht Folter, ohne dass wir hierzulande Gleiches tun.
    In einer recht großen Zahl von Ländern herrschen Potentaten und werden Menschenrechte mit Füßen getreten, ohne dass wir damit gleichziehen müssten.

    Gilt eine bloß hohe Zahl als unabwendbar für uns?

  16. 9.

    Na ja,zwischen Atommüll und Windrädern dürfte aber noch ein "kleiner" Unterschied bestehen.

  17. 8.

    Es gibt eine Halbwertszeit, die Zeit also, in der die Radioaktivität auf die Hälfte gesunken ist, die jegliche menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Hätten unsere Vorfahren vor Zehntausenden von Jahren schon eine solche Möglichkeit gehabt, wir könnten noch nicht mal deren Schrift lesen.

    Nun ist also dieses Land in zwei Etappen, 1999 und 2011, endlich aus der ethisch unverantwortbaren Atomenergie ausgestiegen. Allein der Betrieb bis dato macht die Lagerung der Hinterlassenschaft unabdingbar. Deshalb auch ist die Überschrift recht treffend gewählt. Finde ich.

  18. 7.

    Eine außerordentlich interessante Theorie - ehrlich. Vielleicht kann uns das die Politik mal erklären?

  19. 6.

    Mal kurz zum Mitmeißeln: Es gibt keine ENDlager. Es gibt nur Lagerstätten, die länger nutzbar sind als andere.

  20. 5.

    Warum ist das eigentlich nicht Sache der Betreiber? RWE, Vattenfall und Co. Die können das doch auf ihrem Firmengelände lagern, oder Vattenfall in Schweden, wo auch die Gewinne hingehen. Warum soll der Staat sich darum kümmern und dafür aufkommen? Bezahlen die Firmen uns das? Ist der Strom im Gegenzug kostenlos?

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