Das Archivbild vom 03.10.1990 zeigt jubelnde Menschenmassen vor dem Berliner Reichstag, die mit Feuerwerk, Deutschlandfahnen und Volksfesttrubel die wiedergewonnene Einheit Deutschlands feiern. (Quelle: dpa/Jörg Schmitt)
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Video: Brandenburg aktuell | 16.09.2020 | Mona Ruzicka | Bild: dpa/Jörg Schmitt

Jahresbericht zum Stand der Einheit - Der Osten hat kräftig aufgeholt, hinkt aber immer noch hinterher

Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 30. Mal. Es gebe mehr Gemeinsames als Trennendes, bilanziert der aktuelle Bericht zum Stand der Einheit. Trotzdem sei noch viel zu tun, gerade mit Blick auf die Wirtschaftskraft und die Einkommen.

Die Bundesregierung sieht 30 Jahre nach der Einheit bei der Angleichung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland große Fortschritte. Zugleich gebe es aber weiter wirtschaftliche Unterschiede: "Es gibt immer noch zu tun", sagte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), am Mittwoch in Berlin.

Aus dem Jahresbericht zum Stand der Einheit [beauftragter-neue-laender.de] geht hervor, dass sich die Wirtschaftskraft der neuen Länder seit der Wiedervereinigung vervierfacht hat. Ihre durchschnittliche Wirtschaftskraft inklusive Berlin liegt demnach aktuell bei 79,1 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts. Damit sei die Wirtschaftskraft mit der in vielen französischen Regionen vergleichbar, sagte Wanderwitz.

Es fehlt an ökonomischen Hochburgen

Allerdings fehlten nach wie vor wirtschaftsstarke Regionen mit einer hohen Dichte an Arbeitsplätzen, die vor allem von größeren, forschungsstarken und international orientierten Unternehmen angeboten werden. Noch habe auch aus diesem Grund kein östliches Flächenland das Niveau des westdeutschen Landes mit der niedrigsten Wirtschaftskraft erreicht.

Bei den verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte nähert sich die Schere zwischen Ost und West derweil weiter an. Brandenburg und Sachsen haben mittlerweile zum Niveau des Saarlandes aufgeschlossen. Insgesamt lagen die verfügbaren Haushaltseinkommen im Osten 2018 aber weiterhin nur bei 88,3 Prozent des Bundesdurchschnitts. Zugleich ist die Arbeitslosen- und Armutsrisikoquote in einigen Ost-Ländern und Berlin mittlerweile unter dem Niveau von einzelnen westdeutschen Ländern.

Wanderwitz beklagt Demokratie-Defizite

Wanderwitz zog eine überwiegend positive Bilanz zum 30. Jubiläum der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Es gebe mehr Gemeinsames als Trennendes. Gleichwohl sieht Wanderwitz auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bei vielen Ostdeutschen große Demokratie-Defizite. Ein Fehler im Wiedervereinigungsprozess sei die Vernachlässigung der politischen Bildung gewesen. Die Menschen im Osten hätten sich praktisch "autodidaktisch" beibringen müssen, was Demokratie sei und wie sie funktioniere.

Die Unkenntnis über demokratische und politische Prozesse, die ihm immer wieder begegne, sei teilweise gravierend, sagte der aus dem Erzgebirge stammende Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. "Diktatur-sozialisiert" verlangten viele Ostdeutsche immer noch einen "starken Staat". "Das ist kein Zustand, wenn das so bleibt", sagte Wanderwitz: "Das ist eine Baustelle, an der wir dranbleiben müssen."

DIW: Ost und West haben sich aneinander angepasst

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) kommt in seiner Bilanz zu 30 Jahren Wiedervereinigung zum Ergebnis, dass sich Ost und West deutlich angeglichen hätten und gegenseitig voneinander profitierten. So seien heute im Westen deutlich mehr Mütter mit kleinen Kindern erwerbstätig - vor allem dort, wo viele Menschen aus dem Osten zugezogen seien. Soziale und kulturelle Normen in westdeutschen Regionen hätten sich durch den Zuzug offenbar verändert, teilte das Institut mit.

"Die Erwartung war lange Zeit: Der Osten muss sich dem Westen anpassen", sagte Institutsleiter Marcel Fratzscher. "Die Untersuchungen zeigen, dass beide sich aneinander angepasst haben."

Große Unterschiede bei den Renten

Nach wie vor aber gibt es demnach große Unterschiede beim Alterseinkommen. Ältere Menschen im Osten erreichen beim Haushaltsnettoeinkommen seit Jahrzehnten nur 80 Prozent des Westniveaus. Daran wird sich aus Sicht des DIW auch nicht so schnell etwas ändern.

Zwar bekämen viele Ostdeutsche mehr Geld aus der staatlichen Rentenkasse, denn sie wiesen mehr Beitragsjahre auf, vor allem die Frauen. Rentner im Westen könnten aber stärker von Vermögen zehren, etwa durch Immobilienbesitz, Mieteinnahmen und private Renten, wie DIW-Ökonom Johannes Geyer erläuterte.

Sendung: Abendschau und Brandenburg aktuell, 16.09.2020, 19:30 Uhr

Kommentar

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27 Kommentare

  1. 26.

    Es ist schön erschreckend wie wenig der gemeine Wessi über den Osten weis. So hat einer letztens echt behauptet in Potsdam gab es vor dem Anschluss nur 0,1 Prozent Ausländer.

  2. 25.

    Ich denke, dass es gilt, Mauerfall und die so bezeichnete deutsche Einheit nicht nur analytisch, sondern auch alltagspraktisch auseinanderzuhalten. Beides ist nicht identisch. Der Mauerfall war die Voraussetzung für die beschriebene Einheit, deren Zustandekommen auf diese Art und Weise war aber nicht die einzig denkbare Möglichkeit.

    Alles andere empfinde ich als unselige Vermischung.

    Über die Aufhebung der absurden Trennung einer hist. vielfach verwobenen Stadt kann ich nur jubeln. Über die Art und Weise des Beitrittsprozesses keineswegs. Schon allein, dass die Legislative, die Bundestagsabgeordneten, 48 Stunden Zeit hatten, um 800 Seiten Vertragswerk durchzuarbeiten, lässt einen faden Nachgeschmack übrig. Da ist, das gilt es nicht zu verschweigen, der Bundestag faktisch zum Nachbeschlussorgan der Regierung geworden.

  3. 24.

    es tut gut auch mal positives zu lesen, und Richtig: wir haben schon gute Voraussetzungen als andere Länder. Dankbarkeit ist ein Wort welches vielleicht auch mal öfter benutzt werden sollte, hinzu kommt auch Demut. Klasse wie Sie u.a. Ihre Eltern loben (mein Kind ist Bj 1988) und handelt ähnlich wie Sie. Lassen Sie sich nicht irritieren und gehen den Weg weiter.
    ............ an alle die das nicht verstehen, meckert einfach weiter!!!!!!!!!!

  4. 23.

    Sehe ich genauso. Wer geglaubt hat, dass mit der Wiedervereinigung ohne Fleiß und Mühe das Schlaraffenland entsteht war schon sehr naiv.
    Was Kapitalismus ist haben wir in der Schule gelernt. Trotzdem weine ich der DDR keine Träne nach, obwohl es mir auch dort 30 Jahre nicht schlecht ging. Heute aber zu stöhnen und neidisch in den Westen zu schauen ist unfair. Natürlich ist es nicht in Ordnung, dass wir heute in vielen Bereichen schlechter gestellt sind. Das ist aber die Schuld der SED Bonzen die damals die Verträge ausgehandelt haben und der Bürger, die an den Wunderheiler Kohl geglaubt haben.

  5. 22.

    So lange es allein in Berlin noch 2 Tarifgebiete gibt wird es nie funktionieren. Es ziehen tarifgebundene unternehmen extra aus dem ehemaligen WEST Berlin nach Ost Berlin . Dort gilt die 40 Stundenwoche bei schlechterer Bezahlung. Das geht gar nicht




  6. 21.

    Kapitalismus und Sozialismus nicht das Gelbe vom Ei...! Seh' ich auch so. Nur hat man sich auf eins von den beiden geeinigt, nicht auf eine eventuelle, dritte Möglichkeit. Damit war der Frust vorprogrammiert. Und das ist der Grund (Kommentar weiter unten), warum es da auch bei mir aber sowas von überhaupt nüscht zu feiern gibt...

  7. 20.

    Als Berliner, der jahrzehntelang bei jeder Fahrt über die Transitstrecken der Willkür, Schikane und reinen Boshaftigkeit der "Organe" ausgesetzt war, kann man sich heute nur wundern. Die sind alle verschwunden. Übrig ist ein "Volk" das sich notorisch benachteiligt fühlt und dies gerne auch mal durch eskapistisches Wahlverhalten zum Ausdruck bringt.

  8. 19.

    Herr Wanderwitz war 14 Jahre alt als die DDR unterging. Demokratiedefizite? Was meint er? Rückgabe vor Entschädigung? Die Treuhand? Das Nichtangleichen der Renten? Die Speicherung von Telefondaten? Andersdenkende permanent in die rechte Ecke zu stellen? Oder das Beschimpfen als "Pack" von SPD Gabriel? Es ist schon bezeichnend, dass nur die Ostdeutschen die Demokratie nicht verstanden haben. 2 Drittel eines Arbeitslebens ( 30 Jahre) und wir reden immer noch über Ost und Westtarif, Ost und Westrenten, über alte und neue Bundesländer.

  9. 18.

    Bravo!
    Ich bin zwar in den späten 1960er Jahren "Ost"geboren, aber hatte vor der Wiedervereinigung nach unseren Möglichkeiten die Chancen genutzt und habe die neuen möglichen Chancen auch nach 1990 auch genutzt. Ich sehe unser Land zwar mit einigen Widersprüchen auch kritisch, aber ohne meckern, sondern machen!

  10. 16.

    Da gab und gibt es andere Beispiele. Als das AEG-Werk von Berlin-Spandau aufgelöst und mit nach Hennigsdorf umzog, standen Kolleginnen und Kollegen direkt nebeneinander, die einen mit dem abgesicherten und übernommenen West-Lohn, die anderen mit dem beibehaltenen niedrigen Ost-Lohn.

  11. 15.

    Ich bin Jahrgang 1989 und im ehem. Osten geboren. Ich konnte in den USA, England und Frankreich studieren. Habe in Georgien, Armenien, Russland und Südamerika gearbeitet. Ich lebe in einer offenen Stadt Berlin und habe tolle Voraussetzungen für mein Leben bekommen. Meine Eltern, der deutsche Staat und meine eigene Arbeit haben es mir ermöglicht mich zu entfalten.

    Ich möchte danke sagen, dass ich in der heutigen Zeit und einem
    Deutschen Vaterland aufwachsen durfte! Die Generation meiner Eltern und Großeltern hat Großartiges geleistet! Den Rest packen wir auch noch....

  12. 14.

    Wer wie Herr Wanderwitz Demokratie-Defizite verortet sollte doch ehrlich zugeben, dass der Osten mit falschen Versprechen (Blühende Landschaften) über den Tisch gezogen wurde. Viele haben eben erkannt dass sie mit dem Anschluss an die BRD viel verloren haben und das Bild welches über die DDR gemalt wird völlig daneben ist.

  13. 13.

    Warum nicht?
    Was ist Ihnen persönlich denn seit 1990 dermaßen Negatives widerfahren, was Sie konkret auf die Wiedervereinigung zurückführen können?
    Ja gut.. Feier im Sinne von Pauken, Trompeten und Sektdusche muss es nun nicht sein. Aber gut ist schon, wenn sich ein Volk mit einer Sprache und einer historischen Heimat wieder vereinigt. Dass Kapitalismus und Sozialismus beide nicht das Gelbe vom Ei sind, wissen wohl viele auch ohne Vereinigungsneurosen.

  14. 12.

    Auch im " Westen " gibt es Lohngefälle, beispielsweise sind in Rhein - Main Gebiet die Löhne im Durchschnitt wesentlich höher als in der Oberpfalz usw. Was die Renten angeht, hat keiner der derzeitigen Rentner mindestens 40 - 45 Jahre in die Deutsche Rentenversicherung eingezahlt.

  15. 11.

    Albern ist die Unterteilung in Ost und Westrenten. Als mein Unternehmen von Ostberlin nach Westberlin umgezogen bin war ich plötzlich West-Beitragszahler. Oder unterschiedliche Branchenlöhne in Ost und West. Der Staat hat scheinbar andere Prioritäten.

  16. 10.

    Willkommen in der Realität.

    Sollte tatsächlich jemand blühenden Landschaften versprochen haben, dann doch auch mit der Mühe die davor steht. Also, schon fertig mit pflügen? Anscheinend nicht!

    "Preise wie im Westen"? Verzeihung, wann waren Sie das letzte mal im Westen?

    Wenn ich derweil durch Achsen-Anhalt fahre, meine ich auf neuen Straßen fast zu schweben, während in Duisburg die Buden zerfallen wie unmittelbar nach dem Krieg. O.K. genug mit dem Du da und ich hier...

    Da wir mit dem pflügen noch nicht ganz fertig sind, sollten wir es einfach anpacken.

    Opfer spielen und herumheulen wie schlecht doch alles ist - dass machen die ewiggestrigen Rechten und möchtegern Alternativen.

    Leichtgläubigkeit und etwas Bildungsferne verhelfen gerade denen zu Stimmen. Da gibt es bestimmt noch viel zu tun.

  17. 9.

    Dass Einkommen pauschal irgendetwas mit Anstrengung zu tun hat, war in gewisser Weise schon immer eine Mär. In der Tat sind die Quellen für Einkommen recht vielfältig und dass eine Putzfrau, die das Börsenparkett blitzblank putzt, sich weniger anstrengt als derjenige, der mit drei Telefonen bewaffnet, abstrakte Zahlen von sich gibt, möchte ich mal glatt bezweifeln.

    Mithin: Alles ist das Ergebnis einer eher gesellschaftlichen Sichtweise. Und die sieht mal so aus und mal so. Daran kann überdies auch gearbeitet, wenngleich auch nicht indoktriniert werden.

    Nur so viel, was das besagte Ostdeutschland angeht: Wenn sich über ein weites Land hinweg die Motive in etwa gleichverteilen, besteht in Bezug auf die Außensicht Ostdeutschlands immer noch ein Defizit. Die gläserne Fabrik in Dresden und das Opel-Werk in Eisenach sind jedenfalls selbst nach rechnerischen Maßstäben keinesfalls unproduktiver als BMW in München und Opel in Rüsselsheim.

  18. 8.

    Ist Ihre Aussage ernst gemeint?
    Ganz sicher liegt es daran, dass Arbeitnehmer im Osten immer noch nicht gelernt haben wie man richtig arbeitet...dabei haben ihnen doch so viele Westdeutsche versucht zu erklären wie das geht.

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