Feuer brennt im Flüchtlingslager Moria auf der nordöstlichen Ägäisinsel Lesbos. Tausende Migranten flohen aus einem Lager, das wegen Covid-19 unter Quarantäne stand, nachdem mehrere Brände einen Großteil des Geländes auf der griechischen Insel verwüstet hatten. (Quelle: dpa/P. Balaskas)
Audio: Fritz | 09.09.2020 | Elisabeth Mattner | Bild: dpa/P. Balaskas

Bestürzung in Berlin und Brandenburg - Brände verwüsten Flüchtlingslager Moria

Im griechischen Flüchtlingslager Moria sind in der Nacht zu Mittwoch mehrere Feuer ausgebrochen, Tausende Bewohner sind jetzt obdachlos. Hilfsorganisationen in Berlin und Brandenburg mahnen die deutsche Politik, Menschen aufzunehmen.

Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist durch einen Großbrand in der Nacht zum Mittwoch nahezu vollständig zerstört worden. Verletzt wurde nach vorläufigen Angaben niemand. Die griechische Regierung geht von Brandstiftung aus.

Wer die Brände gelegt hat, ist bislang unklar

Moria ist das größte Flüchtlingslager Griechenlands und Europas. Es ist heillos überfüllt, zuletzt leben dort nach Angaben des griechischen Migrationsministeriums rund 12.600 Flüchtlinge und Migranten - bei einer Kapazität von gerade mal 2.800 Plätzen.

Den Feuern vorangegangen waren Unruhen unter den Migranten, weil das Lager seit voriger Woche nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war. Am Dienstag wurde dann bekannt, dass die Zahl der Infizierten bei 35 liege. Manche Migranten hätten daraufhin das Lager verlassen wollen, um sich nicht mit dem Virus anzustecken, berichtete die halbstaatliche griechische Nachrichtenagentur ANA-MPA. Einige Infizierte und ihre Kontaktpersonen, die isoliert werden sollten, hätten sich hingegen geweigert, das Lager zu verlassen und in Isolation gebracht zu werden.

Nach Ausbruch des Feuers hätten Lagerbewohner die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht haben, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Sondereinheiten der Bereitschaftspolizei waren im Einsatz.

Spannungen habe es in Moria immer gegeben, wegen der Corona-Problematik sei die Situation nun regelrecht explodiert, sagte der Bürgermeister der Gemeinde Mytilinis, Stratos Kytelis, dem griechischen Staatssender ERT. Man wisse nicht, wo die Menschen nun untergebracht werden sollten, Tausende seien obdachlos. Auch für die Einheimischen sei die Situation eine enorme Belastung.

"Holt die Menschen endlich da raus!"

In Berlin und Brandenburg löste der Brand große Bestürzung aus. Die in Berlin ansässige Hilfsorganisation Seawatch übte auf Twitter scharfe Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik: "Moria brennt. 13.000 Menschen, denen ein sicherer Ort verweigert wurde, befinden sich in akuter Gefahr und flüchten vor den Feuern. Europa hat versagt. Holt die Menschen endlich da raus!", heißt es in der Kurznachricht.

Auch die internationale Hilfsorganisation Seebrücke, die in Berlin ihren Sitz hat und auch in Brandenburg zwei Lokalbüros betreibt, erhöht nach dem schweren Brand im Flüchtlingslager den Druck auf die Politik. Sie schreibt auf Twitter: "Wir sagen es seit Wochen, Monaten und Jahren: Evakuiert die Lager, #LeaveNoOneBehind! Die Politik muss endlich handeln!"

An die Bundesregierung gerichtet teilte Seebrücke zudem auf Twitter mit: "Jeder und jede, die in der GroKo noch ein Gewissen hat, muss sich jetzt ohne Kompromiss für die Evakuierung einsetzen. Jede Landesregierung, die aufnehmen will, muss jetzt Druck machen. Es sterben Menschen, weil Seehofer es so will. Das dürft ihr nicht zulassen!"

Die ehemalige Brandenburger Grünen-Chefin und aktuelle Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock schrieb am frühen Mittwochmorgen ebenfalls auf Twitter: "Furchtbare Nachrichten aus Moria Im abgeriegelten Lager brennt es. 13.000 Menschen brauchen Schutz. Wir haben Platz."

Auch der Berliner Grünen-Politiker Erik Marquardt, Abgeordneter im Europäischen Parlament, übt scharfe Kritik an der EU und der Bundesregierung. "Egal wer das Feuer gelegt hat: In Moria verbrennt auch die Europäische Idee", schrieb er auf Twitter.

Brandenburger Linke fordert politische Konsequenzen

Die Vorsitzenden der Brandenburger Linken, Anja Mayer und Katharina Slanina, sprachen am Mittwoch von einer "Schande für die Europäische Union", weil sie derartige Zustände an ihren Grenzen über Jahre zulasse. "Viele Kommunen in Brandenburg, aber auch deutschland- und europaweit haben sich bereits bereiterklärt, zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen und damit einen Beitrag zu leisten. Und sie werden vom Bundesinnenminister daran gehindert. Das ist nicht länger hinnehmbar!", empört sich Mayer.

Die Bundesregierung müsse es ermöglichen, mindestens 2.500 Menschen sofort aufzunehmen, sagte Slanina. Die Brandenburger Landesregierung müsse sich stark dafür machen, forderte sie.

Berlin und Brandenburg wollen insgesamt 500 Menschen aufnehmen

Das Land Berlin hat bereits angeboten, 300 Menschen aus dem Flüchtlingslager Moria aufzunehmen, ist damit aber bislang am Widerstand des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU) gescheitert. Seehofer fordert zunächst ein bundeseinheitliches Vorgehen.

Brandenburg will 200 Geflüchtete aufnehmen. Erste Kinder und Jugendliche aus griechischen Flüchtlingslagern sind bereits in Berlin und Brandenburg eingetroffen und untergebracht worden.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) forderte deshalb bereits Anfang August ein Bund-Länder-Konferenz zur Aufnahme der Geflüchteten aus den griechischen Lagern.
"Wir können ein Nein von Horst Seehofer zu unserer Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen, nicht einfach schulterzuckend akzeptieren", sagte er.

13.000 Stühle vor dem Reichstagsgebäude

Der Brand im Flüchtlingslager wütet nur zwei Tage nach einer Aktion, die mehrere Hilfsorganisationen, darunter Seawatch und Seebrücke, vor dem Reichstagsgebäude in Berlin durchgeführt hatten. Am Montag hatten die Aktivisten dort Tausende Stühle aufgestellt, um die Aufnahme weiterer Flüchtlinge insbesondere aus griechischen Lagern zu fordern. Die Politik sei aufgerufen, "die humanitäre Katastrophe an den europäischen Außengrenzen endlich zu beenden und die Lager zu evakuieren", erklärten die Gruppen Seebrücke, Sea-Watch, #LeaveNoOneBehind und Campact.

Die 13.000 Stühle symbolisierten die Menschen, die momentan im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos lebten, erklärten die Organisationen. Zugleich sollten sie "den Platz und die Aufnahmebereitschaft der Städte, Länder und Zivilgesellschaft" verdeutlichen.

Kommentarfunktion am 09.09.2020, 11:10 Uhr geschlossen

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Sendung: Inforadio, 9.9.2020, 8:20 Uhr

22 Kommentare

  1. 22.

    Schickt Kreuzfahrtschiffe als Notunterkünfte.

  2. 21.

    Selbst wenn die Flüchtlinge das Feuer selbst gelegt haben sollten, muss man sich nochmal den Hintergrund vor Augen führen. Seit Monaten sind die Menschen ohne ärztliche Versorgung und unter katastrophalen Bedingungen in dem Lager eingepfercht. Das Lager ist für ca. 3000 Menschen ausgelegt und momentan leben dort 13000. Durch den Corona- Abruch, den alle vorhergesagt haben, stehen die Bewohner zudem unter Quarantäne, sprich sie dürfen das Camp nicht mehr verlassen. Also alles was jetzt passiert war abzusehen.

  3. 20.

    Die Realität zeigt, dass es keinen Pull-Effekt gibt. Dieser Begriff ist eine Erfindung rechter Ideologen, die damit jede Hilfe für Menschen in Not verhindern wollen. Auch zeigt die Realität, dass es in Griechenland und gerade auf den Inseln nicht möglich ist, zehntausende Geflüchtete menschenwürdig unterzubringen. Auch ist Realität, dass rund 180 Städte und Kommunen Plätze für Menschen aus Moria angeboten haben. Es gibt in Deutschland genug freie Plätze in Unterkünften und die Bereitschaft, die 13.000 Menschen aufzunehmen und das Elendslager Moria ein für allemal zu schließen!!

  4. 19.

    Wer aus welchen Gründen auch Immer den Brand gelegt hat, Moria muss so schnell wie möglich ersetzt werden: durch 4-5 neue menschengerechte Lager, vollständig finanziert durch die EU. Vielleicht können die NGOs zum Aufbau der „Ersatzlager“ beitragen.

  5. 18.

    Menschenleben und deren Würde sind nicht mehr/weniger wert, wenn die Hintergründe "es erlauben". Bestürzung ist in jedem Fall angebracht.

  6. 17.

    Genügt ihnen das als Quelle? (welt.de)
    ...
    "Der Präsident der Feuerwehrgewerkschaft sagte am Morgen, das Camp sei „zu 99 Prozent abgebrannt“. Die griechische Nachrichtenagentur ANA meldete, die Brände seien nach einer Revolte in dem Lager gelegt worden.

    Nach Ausbruch des Feuers hätten Lagerbewohner die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Sondereinheiten der Bereitschaftspolizei waren im Einsatz. Videos in sozialen Netzwerken zeigten herumirrende, verängstigte Menschen und auch solche, die „Bye bye, Moria!“ sangen.

  7. 16.

    Wenn es denn "nur" die 13000 wären für die ganze EU, da hätten Sie Recht. Die ganze EU macht seit zehn Jahren da nicht mehr mit. Leider reden wir nicht von Peanuts. Der Initiator der "Seebrücke" mit dem Stühlen vorm Reichstagsgebäude ist ein syrischer Schutzsuchender. Er ist der Ansicht, alle, die nach Deutschland kommen wollen, sollen über "sichere Zugänge" mit dem Flugzeug oder Bus oder Bahn einfach herkommen dürfen. In Arabien und Afrika warten Millionen auf eine solche Überfahrt.


  8. 15.

    Es ist überhaupt nicht verständlich, warum sich nur Deutschland um die Aufnahme von Flüchtlingen bemühen soll. Die anderen EU-Staaten lehnen sich zurück, denn Deutschland wird das schon machen. Hier gibt es Fürsprecher und Organisationen, die so tun, als seien wir Schuld daran, dass die Flüchtlinge über das Mittelmeer fliehen und in anderen Ländern so schlecht untergebracht sind. Wer kümmert sich um die Menschen, wenn sie hier sind? Es braucht mir keiner von den eifrigen Flüchtlingsbefürwortern erzählen, dass die Integration ganz einfach ist. Ich weiß von etlichen Fällen, wie schwer und aufwändig das ist, wie viele Schwierigkeiten entstehen. Dann sollen die Menschenrechtler auch das Personal, die Wohnungen und die finanziellen Mittel stellen, die dafür gebraucht werden. Solche Angebote werden von denen nicht gemacht, immer nur fordern und keine Ahnung haben.

  9. 14.

    Frau Baerbock und das berühmte „Wir“... „ Wir haben Platz“. Wer ist denn „wir“? Die EU, D, die Grünen? Natürlich hat die EU Platz. Aber wenn wir uns nicht einig werden, wo dieser Platz ist, dann nützt die Aussage nichts. Wie wollen EU, gerade die Grünen. Also muss das auch europäisch gelöst werden. Wir müssen Griechenland unterstützen.

  10. 13.

    Ihre Peanuts sind Menschen. Und Menschen lassen sich nicht verteilen wie Erdnüsse. Die Unterbringung vor Ort muss verbessert werden. Das ist das eigentliche Manko. Verteilung heißt nur, wir verlagern die Probleme. Da wo die Menschen sind muss geholfen werden. Nicht die Menschen verlagern. Sondern die Hilfe dort leisten wo sie sind,

  11. 12.

    Die armen Leute mussten ihre Heimat verlassen und haben keine Hoffnung auf Besserung und das alles durch die fehlerhafte und unfähige Außenpolitik der westlichen Staaten plus USA .sie wollten eine geänderte politische Führung nun regiert das Gegenteil was man Wollte.

  12. 11.

    Die Verlogenheit der Neuen Rechten muss und sollte konsequent hinterfragt werden.
    Es ist unerträglich, wie die Neuen Rechten Ihren Senf communitykonform zwichen den Zeilen verbreiten.
    Das Wegschauen der (sozialen) Medien ist ebenfalls unerträglich.
    Wie sollte denn Ihre angebliche Hilfe konkret aussehen? Die gibt es gar nicht.

  13. 10.

    Wäre schön, wenn Berlin mehr Flüchtlinge aus Moria aufnimmt. Leider gab es im Sommer Abschiebungen in Risikogebiete: "„Wenn der Berliner Senat sich zu Recht darüber echauffiert, besonders schutzbedürftige Flüchtlinge (Kranke, Behinderte, Alte, Familien mit Kindern usw.) aus Griechenland nicht aufnehmen zu dürfen, aber zeitgleich hunderte besonders schutzbedürftige Angehörige der Roma-Minderheit ins Corona-Risikogebiet Moldawien abschiebt, dann scheint die Empörung über die Ablehnung des Landesaufnahmeprograms nur Heuchelei auf dem Rücken der Geflüchteten,“so Georg Classen, Sprecher des Flüchtlingsrates Berlin.
    Der Schutz von Kindern, Kranken, Behinderten und weiteren besonders schutzbedürftigen Geflüchteten darf nicht nur für eine Gruppe gelten, die gerade in der öffentliche Debatte ist..."
    https://fluechtlingsrat-berlin.de/presseerklaerung/31-07-2020-zweierlei-mass-empoerung-ueber-nichtaufnahme-aus-griechenland-aber-massenabschiebungen-von-roma-fluechtlingen-nach-moldawien/

  14. 9.

    Danke! Das wäre absolut machbar. Und an alle „besorgten Bürger“ hier: Niemand wird gezwungen, irgendjemanden in seiner eigenen Wohnung aufzunehmen und das steht auch gar nicht zur Debatte, denn #wirhabenplatz. Über Menschenleben kann es keine zwei Meinungen geben.

  15. 8.

    Dass die EU bis dato diese Zustände zulässt, ist skandalös. Frau v. d. Leyen könnte das ganz oben auf die Agenda setzen, macht sie aber nicht. Griechenland und Italien werden komplett im Stich gelassen, die anbahnende Katastrophe billigend in Kauf genommen. Pfui Deibel, da wird mir nur noch schlecht.

  16. 7.

    Fakt ist eins,die Wirtschaft brummt momentan auch nicht so in Deutschland.Zuerst Mal die eigenen Probleme im Land lösen z.B Wohnungsnot in den Städten.

  17. 6.

    Leider vergessen Sie den Pulleffekt. Die Lezte müssen gut und sicher untergebracht werden. Das geht mit EU-Unterstützung in Griechenland, bis über die Asylanträge entschieden ist. Dann kann es für die Anerkannten weitergehen. Ansonsten füllen sich die Lager wieder, es wird wieder Elend geben, wieder brennen und die nächsten 20000 Migranten sind zu verteilen.

  18. 5.

    Mit der allgemeinen Bestürzung sollte man sich zumindest so lange zurückhalten, ehe die genauen Hintergründe - warum das Flüchtlingslager brennt - geklärt sind.

  19. 4.

    Woher wissen Sie, dass die Flüchtlinge das Feuer selbst gelegt haben?

    Bitte Quelle angeben!!!!!

  20. 3.

    Helfen ist wichtig!
    Wie viele würden Sie persönlich in ihrer eigenen Wohnung dauerhaft aufnehmen?

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