Ein Kind steht vor einem Plattenbau (Quelle: dpa/Thomas Eisenhuth)
Bild: dpa/Thomas Eisenhuth

Interview | Erziehungswissenschaftlerin - "Mehrsprachigkeit ist ein wertvolles Gut"

Jedes fünfte Kita-Kind in Deutschland spricht zu Hause eine andere Sprache als Deutsch. Doch anders als Vorurteile über fehlende Sprachkompetenzen weismachen wollen, hat Mehrsprachigkeit Vorteile für Kinder, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Anja Leist-Villis.

Zweisprachigkeit wurde lange Zeit als mögliches Hemmnis für die sprachliche Entwicklung von Kindern angesehen. Zu Hause sollte Deutsch gesprochen werden. Nur dann sei die Integration zugezogener Familien möglich.

Aktuelle Zahlen des Bundesfamilienministeriums über den sprachlichen Alltag von Kita-Kindern (Details siehe Info-Box unter dem Artikel), haben nun eine neue Debatte über Zwei- und Mehrsprachigkeit entfacht.

Für viele bildungsbewusste Eltern ist zweisprachiges Aufwachsen mittlerweile ein erstrebenswertes Ziel für ihre Kinder. Am Besten sollten sie gleich eine zweisprachige Kita und später ein Gymnasium mit mehreren Sprachen besuchen. Nicht umsonst sind Schulplätze bei internationalen und mehrsprachigen Schulen und Kitas sehr gefragt.

rbb|24 sprach mit der Erziehungswissenschaftlerin Anja Leist-Villis über Vor- und Nachteile der bilingualen Erziehung - und warum manche Sprachen "Prestige" haben und andere als Hindernis wahrgenommen werden.

rbb|24: Frau Leist-Villis, laut eines Berichts des Bundesfamilienministeriums sprechen 21,4 Prozent der Kita-Kinder in Deutschland zu Hause eine andere Sprache als Deutsch. Wie finden Sie das?

Anja Leist-Villis: Ich finde, das ist eine gute Nachricht. Es zeigt, dass anderssprachige Eltern in Deutschland selbstbewusst mit ihren Sprachen umgehen - und das kommt allen zugute: ihnen selbst, die sie mit ihren Kindern in derjenigen Sprache sprechen, die sie am besten beherrschen, den Kindern, die von klein auf mehrere Sprachen erwerben - denn in der Kita spätestens kommt das Deutsche ja hinzu - und auch der Gesellschaft, denn Mehrsprachigkeit ist ein wertvolles Gut.

Lange galt in Deutschland der Grundsatz, dass Eltern mit Migrationshintergrund mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollten, damit diese die Sprache richtig zu lernen. Stimmt das?

Dahinter steckt die Idee: je mehr Deutsch, desto besser für den Erwerb der deutschen Sprache. Und tatsächlich ist es gut, wenn Kinder so früh wie möglich Kontakt zu Sprachen bekommen, die für sie in ihrem Leben wichtig sind. Aber: Wächst ein Kind mit einer anderen Sprache auf, ist diese nicht etwa hinderlich beim Erwerb der deutschen Sprache. Im Gegenteil: Ein Kind hört seine erste Sprache - beziehungsweise, wenn es von Geburt an mehrsprachig aufwächst: seine ersten Sprachen - schon im Mutterleib. In ihr macht es erste Erfahrungen mit Kommunikation, lernt, erste Gegenstände zu benennen, geht erste Beziehungen ein.

Die gesamte Entwicklung eines Kindes in den ersten Lebensjahren ist unmittelbar mit der Sprache verbunden, die es in der Zeit erwirbt – daher ist diese Sprache Basis für seine weitere – auch sprachliche – Entwicklung. Die deutsche Sprache kann also nicht auf Kosten, sondern nur in Kombination mit der Erstsprache des Kindes gut erworben werden - eine Erkenntnis, die wissenschaftlich bei Weitem nicht neu ist, sich im deutschen Bildungssystem aber kaum durchsetzt.

Gibt es Vorteile für Kinder, die zweisprachig aufwachsen? Fördert das die Intelligenz des Kindes?

Intelligenz ist ein komplexes Merkmal - welchen Einfluss Ein- oder Mehrsprachigkeit auf sie hat, ist, auch forschungstechnisch, nicht zu sagen. Mehrsprachig aufwachsende Kinder haben aber oft ein ausgeprägtes Bewusstsein für Sprachen und eine gute interkulturelle Kommunikationskompetenz, da sie von klein auf vielfältige Erfahrungen mit Sprachen machen.

Je nach Sprache erleben sie in ihrem Alltag jedoch oft Nachteile, nämlich dann, wenn ihre Sprachen in der deutschen Gesellschaft ein eher geringes Prestige haben: Sie werden oft direkt ("Kannst Du auch richtig Deutsch?") oder indirekt ("Das Kind ist sicher überfordert.") mit Vorurteilen konfrontiert. Auch bei Eintritt in die deutsche Kita machen sie leider immer noch häufig die Erfahrung, dass ihre nicht-deutsche Sprache dort keine Rolle spielt oder sogar unerwünscht ist.

Für mehrsprachig aufwachsende Kinder stellt sich die Frage nach Vor- oder Nachteilen aber eigentlich gar nicht: Es ist einfach normal für sie, sich in mehr als einer Sprachwelt zu bewegen.

Nun entdecken auch immer mehr Eltern die bilinguale Erziehung, selbst diejenigen, die nur Deutsch als Muttersprache sprechen. Warum diskutiert Deutschland trotzdem darüber, ob Kinder zu Hause mit ihren Eltern Türkisch, Arabisch oder Farsi sprechen?

Das ist genau der Punkt: weil Sprachen mit hohem Prestige als förderungswürdige Fähigkeit angesehen werden, andere aber als Hindernis für den Erwerb der deutschen Sprache. Damit wird im Bildungssystem die Chance vertan, die bereits vorhandene Mehrsprachigkeit vieler Kinder weiter auszubauen.

Auf was müssen Eltern bei der bilingualen Erziehung ihrer Kinder achten?

Grundsätzlich gilt: von Geburt an viel mit den Kindern sprechen, sich Zeit für Gespräche nehmen, den Kindern Spaß an Sprache vermitteln. Und das in derjenigen Sprache, die die Eltern selbst am besten beherrschen, in der sie sich – auch emotional – zu Hause fühlen. Eigentlich ganz selbstverständlich. Welche Mutter möchte schon mit ihrem Kind eine Sprache sprechen, in der sie selbst an ihre Grenzen stößt? Oder, für die deutschen Skeptiker formuliert: Würden Sie als deutschsprachiger Vater, der seit drei Jahren in Frankreich lebt, mit ihrem Kind Französisch sprechen? Wohl kaum.

Mehrsprachig erziehende Eltern sollten ihr eigenes Sprachverhalten immer wieder reflektieren: So kann es sein, dass eine griechischsprachige Mutter mit ihrem Kind, seitdem dieses in die Kita geht, zunehmend Deutsch spricht - eben weil das Kind nun diese Sprache als dominant erlebt und seinerseits mit der Mutter Deutsch spricht. Diese Mutter sollte sich fragen: Ist das okay für mich? Ich bin ja selbst zweisprachig und möchte auch beide Sprachen mit meinem Kind sprechen. Oder ist das eigentlich nicht das, was ich möchte? Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bewusst ausschließlich Griechisch mit meinem Kind zu sprechen, damit diese Sprache in seinem und meinem Leben in Deutschland nicht zunehmend in den Hintergrund tritt. Eltern sollten also ihre Spracherziehung und auch ihre Erwartung daran von Zeit zu Zeit bewusst hinterfragen.

Vor allem aber sollten sie eines: gelassen bleiben, weder sich, noch ihre Kinder unter Druck setzen und nicht an zu starren Regeln festhalten. Mehrsprachigkeit ist etwas Dynamisches, Lebendiges und als solches sollten Eltern sie annehmen.

Besteht die Gefahr, dass einige Kinder, die zweisprachig aufwachsen, weder die eine noch die andere Sprache vollständig beherrschen?

Mehrsprachige beherrschen selten ihre Sprachen gleich gut. Meistens ist eine stärker ausgebildet als die andere, und das kann je nach Einsatzbereich variieren: So ist eventuell für schulische Themen die deutsche Sprache stärker, für private die griechische. Hat das Kind mehr Kontakte zu Deutschsprachigen, wird diese Sprache stärker, ist es längere Zeit in Griechenland, steht die griechische Sprache im Vordergrund – das Ganze ist also dynamisch und ändert sich im Laufe des Lebens vielfach.

Und welcher einsprachige Mensch kann von sich behaupten, seine Sprache "vollständig zu beherrschen"? Tatsächlich können aber Familie und Bildungssystem viel dazu beitragen, dass das Kind seine Mehrsprachigkeit in zufriedenstellender Weise entfaltet: indem all seine Sprachen in seinem Leben ausreichend Platz finden, verwendet und gefördert werden.

Viele Eltern mit Migrationshintergrund sprechen jeweils auch eine unterschiedliche Muttersprache zu ihren Partnern. Kann ein Kind auch problemlos dreisprachig aufwachsen?

Grundsätzlich sind Kinder auch mit drei Sprachen nicht überfordert. Damit ein Kind eine Sprache gut erwirbt, muss es sie als bedeutsam wahrnehmen: Was kann ich mit dieser Sprache machen? Mit wem kann ich sie sprechen? Ist sie vielleicht entbehrlich? In welchem Maße ist die Sprache präsent – qualitativ oder quantitativ?

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Efthymis Angeloudis.

Zweisprachigkeit unter Kita-Kindern

Jedes fünfte Kita-Kind spricht zu Hause eine andere Sprache als Deutsch. Das geht aus einer Antwort des Bundesfamilienministeriums auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervor, die dem rbb vorliegt. Demnach gab es unter den 3,2 Millionen Kita-Kindern zuletzt etwa 675.000, in deren Familien Deutsch nicht vorrangig gesprochen wird. Das entspricht einem Anteil von 21,4 Prozent. In Berlin beträgt der Anteil der Kita-Kinder, die zu Hause eine weitere Sprache sprechen, 31,4 Prozent, in Brandenburg 6,1 Prozent.

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8 Kommentare

  1. 8.

    Es steht ganz außer Frage, dass Kinder (und ihre Eltern!), die längerfristig in Deutschland leben, die deutsche Sprache gut beherrschen müssen, denn sonst wären sie ja hier nicht handlungs- und partizipationsfähig. Hier geht es aber um die Frage, WIE sie gute Deutschkenntnisse erwerben: Eben NICHT, indem ihre Muttersprachen negiert werden, sondern im Gegenteil, indem diese unterstütztund gefördert werden. Gute Muttersprachenbeherrschung geht einher mit einem guten Erwerb der deutschen Sprache.

    Eltern sollten für ihre Kinder den Kontakt zu deutschen Sprache so füh wie möglich herstellen, aber ! selbst diejenige Sprache mit ihnen sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. Das ist das Natürlichste der Welt, oder würden Sie (ich wiederhole mich), wenn Sie in Frankreich leben würden, mit ihren Kindern Französisch sprechen?

  2. 7.

    Als jemand, wer seit Jugendjahren 3 Sprachen ziemlich fließend spricht (und sich mit Mutter im Ausland Deutsch unterhielt), würde ich davon abraten sich mit Kind in einer Sprache zu unterhalten in welcher man nicht ganz so gut. Das Hauptproblem dabei ist wenn dadurch falsche Aussprache und falsche Grammatik angelernt.

    Und des weiteren ist es nicht toll wenn man eigene Muttersprache kaum kann, weil auch wenn man nicht jederzeit von Abschiebung bedroht, um z.B. Verständnis mit Türkei über Rechte zu haben, dazu bedarf es viel mehr als dass Politiker großspurig was von sich gibt. Und was es bedarf sind eben Personen, welche nicht nur in beiden Sprachen kommunizieren können, aber im gewissen Sinne auch Jura zweifach studiert haben um dementsprechend Fachbegriffe ordentlich übersetzen zu können bzw. erklären zu können - und da ist es nicht hilfreich wenn akademische Laufbahn allen verwehrt, welche nicht "superdeutsch alles von Goethe auswendig kennen obwohl sowas oft kaum Relevanz hat".

  3. 6.

    Wenn man nicht mal deutsch versteht und schreiben kann, braucht auch nicht mehrsprachig aufwachsen. Was soll das. Es gibt jetzt schon viele Restaurants und Kneipen, wo nur noch englisch gesprochen wird.

  4. 5.

    Es gibt Untersuchungen in Sachen Sprachen und Gehirnfunktion (mal ganz banal ausgedrückt), die besagen, dass jemand, der seine Muttersprache = die Sprache seiner Mutter, seiner Familie, in der der erste Ausdruck von Gefühlen und Beziehungen stattfindet, nicht wirklich lernt, d.h. auch zu schreiben und deren Strukturen, also dass derjenige auch Zweit- oder Drittsprachen gar nicht richtig lernen kann. Die sind im Gehirn an anderer Stelle "angesiedelt". Ich kannte mal jemand, Akademiker, flüssig mehrsprachig, der nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte. Er erlangte zuerst schrittweise die Fremdsprachen wieder, die Muttersprache zurückzugewinnen dauerte viel länger - abhängig davon, welche Gehirnregion wie stark betroffen war.
    Mit der Forderung, Deutsch auf Kosten der Muttersprache zu lernen, "amputieren" wir Potenzen bei Kindern. Beide Sprachen sind gleich wichtig. Und Werturteile sind kontraproduktiv.

  5. 4.

    Eine mehrsprachige Erziehung ist sicher super. Aber die Betonung liegt eben auf MEHRsprachig und nicht nur die Heimatsprache fördern und mit der Landessprache beginnt man erst in der Kita oder gar Schule als notwendiges Übel. Ich erlebe das bei einer Freundin. Die Kinder kriegen das super hin, das ist beeindruckend. Es sind die Eltern, die eben beides fördern müssen.

  6. 3.

    Die "Mehrsprachigkeit" ist nicht unbedingt ein hohes Gut, Nämlich dann nicht, wenn keine Sprache des "Mehrsprachigen" beherrscht wird.

  7. 2.

    Wichtig ist doch erstmal das deutsch in Wort und Schrift und lesen fehlerfrei beherrscht wird. Dann kann daneben jede andere Sprache gelernt werden.

  8. 1.

    MEHRSprachigkeit ist bestimmt etwas wertvolles,
    aber sollte man nicht wenigstens die Alltagssprache DES Kulturraumes beherrschen, in dem man zu leben plant?

    Wenn Kinder und Heranwachsende in Deutschland NEBEN der deutschen auch andere Sprachen erlernen, ist dass begrüßenswert und förderungswürdig.

    Wenn diese aber nicht in der Lage sind, sich in der hier geläufigen Amts- und Umgangssprache Deutsch zu verständigen, dann führt das mittelfristig zur Spaltung der Gesellschaft, und dagegen muss in KiTas, Schulen und Elternhäusern entgegengewirkt werden!

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