Ein Boot fährt über den Ostsee (Quelle: rbb)
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Video: rbb Fernsehen | 22.09.2020 | Constantin Stüve und Nico Schmolke | Bild: rbb

Interview | rbb-Film "Auf dem Trockenen" - Umweltminister Vogel: "Wir stehen in einer vorrevolutionären Situation"

Umweltminister Axel Vogel (Grüne) zeigt sich im Interview alarmiert über die Trockenheit in Brandenburg. Der Ostsee bei Cottbus könne vielleicht nie ganz gefüllt werden, die Trinkwasserversorgung aber sei "bis auf Weiteres" sicher.

rbb|24: Herr Vogel, wir haben das dritte Trockenjahr in Folge. Was ergeben sich daraus für Herausforderungen beim Thema Wasser?

Axel Vogel: Die Dürre wirkt sich immer katastrophaler im Waldbereich aus. In 1,80 Meter Tiefe, wo die meisten Bäume wurzeln, ist der Boden inzwischen knochentrocken. Wir haben nicht nur abgängige Einzelbäume, sondern ganze abgängige Waldstücke. Das heißt, die sterben ab. Und wir kämpfen darum, die am Leben zu halten.

Aber ein Minister ist kein Regenmacher. Wir brauchen mehrere Monate, wenn nicht sogar ein oder zwei Jahre richtig starke Niederschläge, um das Defizit allein der letzten drei Jahre auszugleichen. Und die stehen momentan in den Sternen.

Umweltminister Axel Vogel (Quelle: rbb)
Der Brandenburger Umweltminister Axel Vogel (Grüne) | Bild: rbb

Die Spree und andere Oberflächengewässer haben extremes Niedrigwasser. Warum wird erst jetzt ein richtiges Niedrigwasserkonzept im Land ausgearbeitet?

Für die Spree gibt es schon länger ein Steuerungssystem. Außerdem ist ein Programm für den Landschaftswasserhaushalt in Brandenburg aufgelegt worden. Wir haben Stauwerke saniert und versuchen, das Wasser in der Landschaft zu halten. Aber man muss es zugeben: So schlimm wie die letzten drei Jahre in Folge war es noch nie. Und wir merken, dass wir uns nicht nur kleinräumig bewegen können, sondern wir müssen das gesamte Land betrachten. Deswegen also ein Niedrigwasserkonzept. Wir können da nicht noch weitere Jahre ins Land gehen lassen. Ich glaube, es haben inzwischen alle begriffen, dass sich etwas ändern muss. Wir stehen in einer vorrevolutionären Situation.

In Gemeinden wie Wandlitz gibt es aufgrund von viel Zuzug und eines hohen Verbrauchs im Sommer Probleme, die gesamte Bevölkerung mit Wasser zu versorgen. Wie helfen Sie den Kommunen, damit umzugehen?

Die Planung ist originäre Aufgabe der Kommunen und der von ihnen beauftragten Wasserversorger. Das Beispiel Wandlitz zeigt, dass wir bei unserem Wachstum zunehmend auf Wasser als begrenzenden Faktor stoßen. Das wurde in der Vergangenheit relativ wenig betrachtet. Solche Beispiele zeigen aber auch die gestiegenen Wassermengen im Sommer für die Bewässerung von Gärten und das Füllen von Swimmingpools. Wassersparendes Verhalten, das vielleicht noch vor zehn oder 15 Jahren selbstverständlich war, wird nicht mehr in dem Ausmaß als selbstverständlich angesehen.

Wir haben auch eine verbesserte Einkommenssituation in Brandenburg. Da spielt es dann eben auch keine große Rolle und es wird gutes Trinkwasser genommen, um es tagsüber zur Gartenbewässerung zu nehmen, statt dass beispielsweise nur in den Abendstunden bewässert wird. Dem begegnen viele Kommunen dadurch, dass sie in sommerlichen Zeiten Verbote aussprechen.

Kommt da bald von Landesebene ein stärkeres Signal, dass das im ganzen Land Brandenburg viel restriktiver gehandhabt wird?

Bestandteil des Niedrigwasserkonzeptes wird es sein, Grundlagen und Daten für allgemeine Regeln zu liefern. Momentan ist es tatsächlich allein in der Zuständigkeit des Landkreises, hier Entscheidungen zu treffen.

Was sagen Sie Brandenburgerinnen und Brandenburgern - sollen jetzt alle anfangen, Wasser zu sparen?

Natürlich sollen sie Wasser sparen, aber nicht beim Zähneputzen. Der normale Gebrauch von Wasser stellt nicht das große Problem dar, sondern der exzessive Gebrauch in den Sommermonaten. Da kann jeder mal für sich selber gucken. Man muss es nur machen. Dafür benötigen wir ein Bewusstsein bei den Brandenburgerinnen und Brandenburgern. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dieses Bewusstsein gewachsen ist.

Ist denn die Trinkwasserversorgung in Brandenburg und Berlin sicher?

Die Trinkwasserversorgung in Berlin und in Brandenburg ist bis auf Weiteres sicher. Bis auf Weiteres heißt: Wir können keine Prognose für die nächsten 100 Jahre geben. Aber für die nächsten Jahrzehnte werden wir das alles gut bewältigt kriegen.

Trotz flächendeckend sinkender Grundwasserstände?

Wir hatten in der DDR wesentlich höhere Verbrauchsmengen, als es aktuell der Fall ist. Da hat gewirkt, dass nach 1990 Wassergebühren eingeführt wurden und Wasser nicht mehr unbegrenzt frei für jedermann verfügbar ist. Natürlich kann man über Wassergebühren, über Preise, steuernd einwirken. Man kann aber eben auch steuernd einwirken, indem man verschiedene Nutzungen regelt. Das heißt zum Beispiel, dass nachts noch begegnet werden kann, aber tagsüber nicht.

Aber insgesamt gesehen kann ich Ihnen versichern, dass die Grundwasservorräte in Brandenburg auch unter den derzeitigen Bedingungen ausreichend gefüllt sind, um die Trinkwasserversorgung zu sichern.

Welche Prioritäten werden im Niedrigwasserkonzept gesetzt, wenn es um Konkurrenzsituationen bei der Wasserentnahme geht?

Die Prioritätensetzung ist auch ohne landesweite Vorgabe schon klar. Als erstes ist die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung sicherzustellen und die Versorgung des Gewerbes und der Industrie und der Landwirtschaft. Und dann reden wir über alles Weitere.

Kartoffelernte auf einem Feld in Brandenburg (Quelle: rbb)
Mit Anbaukultur oder Agroforst-Systemen will das Umweltministerium Landwirte unterstützen | Bild: rbb

Ein Blick in die Landwirtschaft: Was wird dort konkret unternommen, um landwirtschaftlichen Betrieben zu helfen, sich auf die Klimafolgen einzustellen?

Da erfolgt schon seit einigen Jahren vieles, zum Beispiel, dass Tröpfchenbewässerung gefördert wird und nicht die Begegnung mit großen Anlagen. Wir raten, tagsüber nicht zu bewässern. Wenn Felder rund um die Uhr bewässert werden, ist das grenzwertig.

Auch alles, was wir im Bereich Landschaftswasserhaushalt machen, kommt der Landwirtschaft zugute. Wir setzen Staue, damit das Wasser nicht so schnell wie möglich aus der Landschaft abfließt, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Das war ja die Grundorientierung der Wasserwirtschaft. Aber wir müssen von einer "Wasser weg"-Bewirtschaftung zu einer Wasserhaltungsbewirtschaftung kommen.

Wir müssen auch eine Identifikation der Landwirte mit dieser Problematik erreichen. Nicht, dass durch Zwang von außen Vorgaben gesetzt werden, sondern dass praktisch verinnerlicht wird, dass die Landwirtschaft ein Wasserproblem hat und daraus Folgen erwachsen müssen. Eine andere Anbaukultur oder Agroforst-Systeme sind Dinge, die wir gerne unterstützen.

Wie sieht es mit dem Wassertourismus aus? Die Flutung des Ostsees bei Cottbus ist ein großes Projekt für die Tourismuswirtschaft, am Spreewald hängen viele Arbeitsplätze. Hat das noch Zukunft, angesichts des Niedrigwassers?

Ich glaube, das muss man sehr differenziert je nach Region betrachten. Der Spreewald beispielsweise ist ein gesteuertes System. Wir können gezielt einzelne Fließe mit Wasser beschicken und manche Fließe von der Wasserversorgung abklemmen. So können wir den Tourismus in Form von Kahnfahrten auch weiterhin absichern, wenn auch etwas konzentrierter als es in der Vergangenheit vielleicht der Fall war.

Bezogen auf den Cottbuser Ostsee haben wir das Problem, dass wir nur dann Wasser zuführen können, wenn wir auch Wasser verfügbar haben. Wir haben momentan aber leere Speicherbecken und Niedrigwasser. Das kann monatelang so weitergehen. Es wird auf jeden Fall Verzögerungen bei der Befüllung des Ostsees geben. Und möglicherweise wird der Ostsee niemals die Wasserhöhe erreichen, die als Ziel angesetzt wurde.

Reichen die von Ihnen genannten Maßnahmen, angesichts der Ausmaße der Klimakrise?

Ich habe ja deutlich gemacht, wie alarmiert wir selbst sind, insbesondere was den Wald betrifft. Aber auch der Waldumbau, weg von den Kiefernwäldern hin zu einem artenreichen Mischwald, funktioniert ja nicht von jetzt auf gleich. Wir benötigen mehrere Jahre und Jahrzehnte, aber wir müssen das viel schneller machen, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Wir haben hier auch nicht die eine Patentlösung und dann haben wir die Probleme gelöst, sondern es müssen viele zusammenwirken. Es ist nicht nur ein Wasserminister dieses Landes, der die Probleme alleine lösen kann. Die Aufgabe ist wirklich eine solche Herkulesaufgabe, dass sie nicht von einem Herkules alleine gelöst werden kann. Wir brauchen viele Heras und Herkulesse. Wir brauchen alle.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Umweltminister Axel Vogel sprach Nico Schmolke.

Das Interview ist eine Auskopplung aus dem rbb-Film "Auf dem Trockenen" im rbb Fernsehen (22.09.20, 21:00 Uhr). Die Reportage können Sie oben im Video-Player anschauen oder in der ARD-Mediathek abrufen.

Sendung: rbb Fernsehen, 22.09.2020, 21:00 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Hat der Herr Minister nicht im Interview gesagt man müsse davon wegkommen das Wasser möglichst schnell aus der Landschaft rauszukriegen? Großflächig Grundwasser in Oberflächengewässer pumpen ist da eher kontraproduktiv.

  2. 8.
    Antwort auf [SB] vom 22.09.2020 um 17:42

    Bin auch ihrer Meinung.

  3. 7.

    Immer wenn hier ein paar Tropfen fiehlen habe ich mich für die Niederschlagsmengen im Südwesten ( BY, SW etc. ) interessiert. Oft über 20L / m² und es gab dort Überschwemmungen, die großen Schaden anrichteten. Früher sind so viele Verbindungskanäle gebaut worden. Da kommt man doch auf den Gedanken irgendwie das viele Wasser nach Brandenburg etc. zu leiten. Herr Minister Vogel; ob man das mal abklärt ?

  4. 6.

    Erst mal sehen, wie es wird, wenn Elbe und Oder Tiefseehafen gerecht ausgebaut sind. Haha!

  5. 5.

    "Wir stehen in einer vorrevolutionären Situation." Warum redet es nur solchen Unsinn? Seine Partei hat so 2 Prozent in der Bevölkerung. Würde der Herr einmal den Rosa Klotz verlassen und mit seinem fetten Dienstwagen vor die Stadt fahren, würde er sehen welche Folgen die Grüne Untätigkeit am Seddiner See dem brandenburgischen Aralsee hat. Der See und das ganze Umland vertrocknet weil ein paar Reiche meist aus Berlin Golf im Golf- und Country Club Seddiner See spielen in der Brandenburger Wüste und die Grünen machen wiedereinmal nichts.

  6. 4.
    Antwort auf [SB] vom 22.09.2020 um 17:42

    Ja mein lieber Freund, dann schauen sie sich mal die Bilder der US-Westküste an. Die Städte sind dauerhaft vernebelt vor Rauch. Einen kleinen Vorgeschmack gab es letztes Jahr in Potsdam, als weiter südlich Waldbrände loderten. Aber ist ja nicht so schlimm solange sie persönlich nicht betroffen sind

  7. 3.

    "Wir stehen in einer vorrevolutionären Situation." Das Wort begraben wir ganz schnell mal wieder und überlegen uns lieber praktische Lösungen.

  8. 2.

    Laut LEAG fließt die Spree derzeit mit bis zu 60% Grubenwasser. Hat der Herr Umweltminister dieses Problem nicht erkannt, oder redet er nur nicht darüber, weil ja die Tagebaue bald aufhören zu existieren.

  9. 1.

    Sehr geehrter Herr Umweltminister, Ihre Partei war es, die sich für die Einleitung von gereinigten Abwasser in Flüsse und Kanäle ausgesprochen hat. Zum Ausgleich der Grundwasserspiegel gehört auch die Verrieselung von gereinigten Abwasser. Wir können nicht weiterhin nur Grundwasser fördern. Aber es ist sehr einfach den Kommunen die Verantwortung zu geben. Aber diese Forderungen werden nicht gehört. NOCH NICHT!!!

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