Mohrenstrasse, 14.09.2020 (Quelle: dpa/Uwe Koch/Eibner-Pressefoto)
Audio: Inforadio | 17.09.2020 | Birgit Raddatz | Bild: dpa/Uwe Koch/Eibner-Pressefoto

Konferenz von "Decolonize Berlin" - "Umbenennung von Straßen ist ein erster, symbolischer Schritt"

Berlin will seine koloniale Vergangenheit aufarbeiten - mit einem Konzept für die ganze Stadt. Über die Gestaltung haben rund 150 Teilnehmer auf einer Zukunftskonferenz des Bündnisses "Decolonize Berlin" diskutiert. Fest steht: Einfach wird es nicht. Von Birgit Raddatz

Es ist ein weiterer, wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einem Gesamtkonzept: Vor gut eineinhalb Jahren hatte die rot-rot-grüne Koalition im Abgeordnetenhaus einen Antrag eingebracht [parlament-berlin.de], um die Aufarbeitung von Kolonialismus und den dadurch entstandenen Strukturen voranzutreiben. Die Koordinierungsstelle unter der Führung des Bündnisses "Decolonize Berlin" wurde geschaffen.

Nach der Auftaktveranstaltung im Januar und einzelnen Diskussionsrunden trafen sich nun zwei Tage lang gut 150 Menschen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft im Betahaus in Berlin Neukölln - und wegen Corona auch digital. Die Liste der Vorschläge, insbesondere für die Politik, ist lang: Ein obligatorisches Antirassismus-Training für Verwaltungsmitarbeitende wird da gefordert, Maßnahmen gegen Racial Profiling oder ein Zentrum für die Aufarbeitung des Kolonialismus mit einem Archiv für Kunstobjekte. Tahir Della von "Decolonize Berlin" freut, dass mitunter sehr konkrete Fragen gestellt werden. Etwa, wie sich das Abgeordnetenhaus Berlin dekolonisieren kann.

Schulbücher müssen überarbeitet werden

Das ruft bei den anwesenden Abgeordneten ein betretenes Schmunzeln hervor. Der Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener erinnert sich an ähnliche Debatten, die schon vor Jahren zu diesen Themen geführt wurden. Er glaubt, dass die Bemühungen der Zivilgesellschaft nun endlich Früchte tragen. "Wir brauchen den Druck, der da seit vielen Jahren gemacht wird und der auch weiter benötigt wird, wenn wir die ganz dicken Bretter in dieser Gesellschaft bohren wollen." Für die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Maja Lasić, ist klar: Ein dickes Brett sind zum Beispiel Lehrpläne an Berliner Schulen. Die Bildungsverwaltung antwortete ihr kürzlich auf eine Anfrage, dass sich 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler durch das Lehrmaterial diskriminiert fühlen. "Da müssen wir ran", so Lasić.

Die Frage nach der Haltung

Auch die Aufarbeitung im städtischen Raum spielte eine Rolle bei der Zukunftskonferenz. Die Umbenennung von Straßen, etwa im Afrikanischen Viertel oder in Berlin-Mitte, sei ein erster, symbolischer Schritt, so Abdou Rahime Diallo, politischer Berater für die Themen Migration und Entwicklung unter anderem für das Land Brandenburg. "Wir müssen aber noch tiefer gehen. Dekolonisierung heißt, eine Haltung zu dem Thema zu etablieren. Für mich war ganz entscheidend zu sehen, wie wenig persönliche Auseinandersetzung da noch herrscht."

Mehr Selbstreflexion fordert eine Konferenzteilnehmerin, auch die Rückgabe von Dinosaurierknochen oder eine Leihgebühr für Kunstobjekte aus der Kolonialzeit werden intensiv diskutiert. Ein Teilnehmer berichtet von einer Konferenz in Tansania. "Dort steht es überhaupt nicht mehr zur Debatte, dass es sich um Raubgut handelt."

Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Die Verwaltungen seien heute schon mehr bereit, sich mit den Themen Kolonialismus und Rassismus zu beschäftigen, befindet Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Berlin müsse sich dem Erbe der Kolonialzeit aber auf allen Ebenen stellen. "Die Fälle von rassistischer Polizeigewalt zeigen, wie weit das Thema reicht."

Lederer bemerkt auch: Es gibt kein Handbuch der Dekolonisierung, wie die Umsetzung konkret aussieht, wird das Projekt in den nächsten Jahren zeigen müssen. Die Forderungen der Konferenz werden sich aber sicherlich in vielen Punkten widerspiegeln.

Sendung: Inforadio, 17.09.2020, 8 Uhr

Beitrag von Birgit Raddatz

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39 Kommentare

  1. 39.

    Auch ich kann mich nur den Kommentaren 36 und 37 anschliessen. Die Art von Bilderstürmerei ist ein Ausstieg aus der Vergangenheit dieser Landes. Aus heutiger Sicht beurteilt man vieles anders. Aber man muss die Vergangenheit auch im Zusammenhang mit der damaligen Zeit sehen. Und dann war die Zeit des Kaiserreichs im Vergleich zu anderen Staaten doch recht human.

  2. 38.

    Ich kann mich nur den Kommentaren 36 und 37 anschließen. Danke

  3. 37.

    Umbenennungen sind für die Leute da, die sich nicht erinnern wollen keine Geschichte haben. Leute mit Moral können auch zu den Fehlern stehen.

  4. 36.

    Die Moralische Selbstgeisselung muss endlich aufhören . Geschichte muss man akzeptieren und dafür sorgen das sowas nicht nochmal vorkommt .Aber verbieten geht gar nicht
    Oder geht nur anderen Leuten zu bevormunden ? Das hat noch nie funktioniert

  5. 35.

    Mein Eindruck ist jetzt, dass sie eine Pauschalität nur umdrehen. Anstatt irgendwo gegenzuhalten, geht es m. E. einen klugen Gedanken von einem verhärmten zu scheiden.

    Das Humboldt-Forum in äußerlicher Gestalt des früheren Berliner Schlosses ist keineswegs eine bloße Attrappe, sondern ein Bau mit neuem Inhalt. Die äußere Gestalt bezieht sich auf die Formensprache der "Linden" und gibt ihr den Anfang, wo das Brandenburger Tor der Straße das Ende setzt.

  6. 34.

    Gut, die Formulierung "die Kirchen" war nur als Antwort oder Replik gedacht. Selbstverständlich gibt es "die" Kirchen so nicht. Vielmehr unterschiedliche Tendenzen innerhalb von Kirchen auf den verschiedensten Gebieten. Dennoch gibt es wahrnehmbare Tendenzen innerhalb der beiden großen Kirchen und das ist meinerseits gemeint gewesen. Dabei ist die tendenziell konservativere katholische Kirche keineswegs durchgängig unaufgeschlossener in allen Bereichen.

  7. 33.

    Ja, ich glaube auch, dass die Kirchen da ein ganz anderes Bewusstsein haben. Als Beispiel die Unterstützung der Gegner der Apartheit in Südafrika. Wenn wir für den Moment darüber hinweg sehen, dass es "die Kirchen" nicht gibt. Selbst die Katholische Kirche ist kein Monolith, von den Protestantischen gar nicht zu sprechen.

  8. 32.

    Wenn die Dekolonialisierung ein Prozess ist, und anders wäre sie sinnlos, wird der Jahre brauchen. Das spricht nicht dagegen, aber darüber sollte man sich im Klaren sein. Aber der Ball ist ja auch schon länger im Feld. Das ist gut so. Und ein Teil des Feldes ist das Haus der Kulturen der Welt. Wer das bisher nicht auf dem Schirm hatte, hat definitiv Viel verpasst.

  9. 31.

    Aber genau das ist doch das Ansinnen dieser Bilderstürmerei.
    Mir fällt dazu nur ein: chinesische Kulturrevolution. Oder Berliner Geschichte: Das neue deutsche Volk braucht einen Platz zum Demonstrieren. 70 Jahre später haben wir eine Schlossattrappe.

  10. 29.

    Durch das Löschen diverser Straßennamen löschen wir auch einen Teil unserer Geschichte, machen übrigens andere Länder auch sehr gerne, denn wir sind ja die Guten. Das passt nicht ins unser heiles Weltbild.
    Also schnell weg, damit keiner daran erinnert wird.
    Aber das alles ist nun einmal unsere Geschichte, auch wenn furchtbare Dinge geschehen sind.
    Man muss sich damit auseinandersetzten und keinen Bildersturm anzetteln

  11. 28.

    Ich fordere die sofortige Umbenennung von „EDEKA“ was die Abkürzung für nichts anderes ist als „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“ Kinder, Kinder... wenn wir jetzt allen ernstes damit anfangen zu versuchen Berlin zu dekolonialisieren, können wir sowieso auswandern. Am besten in unsere alten Kolonien...

  12. 27.

    Es geht nicht um "aufarbeiten", sondern um abschaffen und austilgen!!
    Was legitimiert die "Aktivist*Innen" von "Decolonize Berlin", die -soweit ich gehört habe- mit öffentlichen Geldern alimentiert werden, die Meinungsshoheit über den öffentlichen - und inzwischen sogar bildungspolitischen Raum zu beanspruchen???? Etwa ihre Hautfarbe?? Ihre pädagogischen Ausbildung in Bezug auf die Qualität von Schulbüchern?! Soll dort demnächst mit- und umgeschrieben werden??Wird demnächst eine Denunzierungsstelle beim Senat für nicht p.c. -gender,- u. diskrimminierungsfreie sprachliche Äußerungen eingerichtet?? Welche Strafen erwarten mich??? Es soll ja "eine Haltung etabliert" werden!!
    Das geht langsam schon in Richtung von George Orwells "Neusprech"...die ich schon in der DDR kennenlernen durfte! Ich lass' mir aus dieser Erfahrung heraus nicht vorschreiben, - was und wie ich zu denken und zu sprechen habe! In einer freien Gesellschaft gilt die Freiheit des gesprochenen Wortes - die Grenzen werden durch das GG und das StGB vorgegeben..nicht, das, was sog. Aktivisten so vorschwebt!!
    Hier soll eine Umerziehung stattfinden, die von "Aktivisten"(die anscheinend nur hyperventilierend und emotional argumentieren können) imitiert und von RRG alimentiert wird.

  13. 26.

    Das ist zweifellos zutreffend. Und ich denke, den Kirchen ist das noch eher bewusst als den Wirtschaftskapitänen mit ihrem allumfassenden gleichen Rechnungswesen oder den politischen Entscheidern, die sich außer einem penibel abgegrenzten Land samt Hauptstadt und nahezu den gleichen Institutionen wie hier nichts anderes abseits davon vorzustellen vermögen.

    Diesen konflikteverschärfenden "Urgrund", der bis heute anhält, haben zweifellos die Europäer gelegt.

    Bleibt die offene Frage nach einer Lösung. Etwas mehr oder minder künstlich Zusammengebundes wieder auflösen, wäre eine Möglichkeit, konfliktfrei wäre aber das gewiss auch nicht. Es gilt, Politik und Wirtschaft aus ihrer getriebenen Geschäftsgängigkeit zu lösen. Dann wäre ggf. ein Zuhören gegenüber den Überresten indigener Völker vorhanden.

  14. 25.

    Wenn die Europäer nicht nach Afrika und Amerika gegangen werden, wären das immer noch indigene Völker. Das sollte man nicht dabei vergessen und das die Kirche dabei einen sehr großen Anteil hatte, auch nicht!

  15. 24.

    "Bei dieser Gelegenheit sollte man auch nicht vergessen alle Hinweise und Namen aus der unrühmlichen kommunistischen Vergangenheit zu eliminieren."

    Da geht mit ihnen wieder einmal der Hass auf alles was links von ihrer AfD/NPD ist mit ihnen durch. Welche "Namen aus der unrühmlichen kommunistischen Vergangenheit" wollen sie denn "eliminieren"?

  16. 23.

    Fangen wir doch erstmal mit den Entdeckungen an ... da wurde doch als erstes fremdes Land in Besitz genommen...

  17. 22.

    "Wo sollen monatelange Diskussionen oder gar Gerichtsprozesse hinführen?"

    Hoffentlich zu mehr Aufschluss und von daher zu einem Erkenntnisgewinn. Vorausgesetzt aber, es gibt kein vorgegebenes Ergebnis, das gefälligst zu erreichen wäre. Das nämlich würde den Diskussionsprozess schmälern.

  18. 21.

    "Zuallererst muss mal das Ischtar-Tor zurückgegeben werden"
    Genau, aber bitte so wie es heute noch wäre: Eingegraben und als Ruine. Und wenn wir schon mal bei sind, können wir auch wieder ordentlich Sand um Pyramiden und Sphinx anhäufen. Abu Simbel sollte man wieder an den alten Standort verfrachten - in den Assuan-Staudamm....damit alles wieder so ist wie früher.

  19. 20.

    Hier geht es nicht um Aufarbeiten sondern um rein moralisch getriebenes Verwischen, um sich zwanghaft von der eigenen nationalen Geschichte abzugrenzen. Das ist nichts anderes als eine Kulturrevolution, die am Ende mehr Schaden hinterlässt als Nutzen bringt.

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