Kältehilfe für Wohnungslose startet. (Quelle: rbb/Birgit Raddatz)
Audio: Radioeins | 01.10.2020 | Birgit Raddatz | Bild: rbb/Birgit Raddatz

Kältehilfe für Wohnungslose in Berlin - Senatorin: 1.000 Schlafplätze in Notunterkünften gesichert

Noch vergangene Woche war unklar, ob die Berliner Kältehilfe über genügend Geld verfügt, um den Winter zu überstehen. Laut der Sozialsenatorin sind nun 1.000 Plätze sicher. Zu Unsicherheit führt aber die Corona-Pandemie. Von Birgit Raddatz

Marek blickt auf einen großen Koffer, der vor ihm steht. Er hat ihn gerade von der Kleiderkammer der Berliner Stadtmission bekommen. Ein Interview gibt er gern, streckt bereitwillig die Hand aus. Corona hin oder her – es ist klar, dass man einschlägt. Die letzte Nacht, so erzählt der 54-Jährige, war schon ziemlich kalt. "Wir haben gute Schlafsäcke, aber für die Leute, die die nicht haben, ist es schlimm." Nur, Schlafsäcke gibt es derzeit nicht in der Kleiderkammer, sagt Sprecherin Barbara Breuer. "Wir sind total ausgebombt." Auch warme Jacken, Pullis und Schuhe für Herren fehlen [externer Link zur Berliner Stadtmission]. Und Unterhosen. Die letzte Kiste bringt ein Mitarbeiter gerade nach draußen.

Senatorin forciert Neubau von Wohnungen für Obdachlose

In der Lehrter Straße öffnet die Notunterkunft zwar erst ab dem 1. November. 500 Plätze gibt es aber schon jetzt – trotz Corona. Wegen der Hygieneregeln werden sie auf mehr Räume verteilt. Die Finanzierung sei nun auch geklärt, verspricht Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) auf der vierten Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe. Das sei aber nur ein niedrigschwelliges Angebot, das die Stadt Berlin zu bieten habe, so Breitenbach. "Wir müssen gucken, dass wir verstärkt Menschen in Wohnungen unterbringen und sie ein selbstständiges Leben führen können."

Breitenbach wünscht sich einen Masterplan, damit das gelingt. Konkret sind bislang 100 Grundstücke für den Neubau solcher Wohnungen vorgesehen. Doch bis dort Menschen einziehen, ist die Kältehilfe in den Wintermonaten eine wichtige Anlaufstelle für viele.

Offene Fragen bei den Betreibern von Notunterkünften

Die Pandemie macht die Situation in diesem Jahr besonders schwierig, weiß Jens Aldag von der Koordinierungsstelle der Kältehilfe. "Beratungen, Essensausgaben, das hat alles draußen bisher stattgefunden, da wird es im Winter zu Engpässen kommen." Unsicherheit herrscht bei den Betreiberinnen und Betreibern von Notunterkünften auch weiterhin darüber, was passiert, wenn nachts Menschen vor der Tür stehen, die Corona-positiv sein könnten.

In der Lehrter Straße gibt es eine Quarantäne-Station mit 16 Betten, aktuell sind hier drei Menschen untergebracht, sagt Barbara Breuer von der Berliner Stadtmission. "Bisher hat sich die Angst, wir könnten viele positive Obdachlose haben, nicht bestätigt." Ob das bei der Unterbringung in den Notunterkünften so bleibt, ist fraglich.

Kältehilfe für Wohnungslose startet. (Quelle: rbb/Birgit Raddatz)
Bild: rbb/Birgit Raddatz

Ein Bett, eine warme Mahlzeit, aber keine Privatsphäre

Die detaillierte Auswertung der "Nacht der Solidarität", in der obdachlose Menschen in Berlin gezählt wurden, ergab: Über die Hälfte der befragten Männer lebten bereits drei Jahre oder länger auf der Straße, bei den Frauen war der Anteil deutlich geringer. Aber: Zur Kältehilfe kommen insbesondere Menschen, die oft weniger als ein Jahr auf der Straße leben. Unter ihnen sind der Zählung nach etwa 20 Prozent Frauen. 15 Notunterkünfte für die Nacht listet die App der Berliner Kältehilfe auf [Externer Link zur App], sechs davon sind rein für Frauen.

Steffi* ist erst seit diesem Sommer wohnungslos. Weil das Sozialamt ihr kein Geld mehr zahlte, sagt die jung aussehende Frau mit dem grauen Pullover und den ordentlich zurückgekämmten Haaren. Man könnte sie für eine Mitarbeiterin der Stadtmission halten. Bisher musste sie nicht auf der Straße schlafen – und hat sich vorsorglich auf die Warteliste in der durch Corona neu eingerichteten 24/7-Unterbringung in der Lehrter Straße setzen lassen.

"Ehrlich gesagt, möchte ich hier nicht so gerne hin. Es sind Dreibettzimmer und ich möchte gerne meine Privatsphäre." Noch weniger will sie aber auf der Straße oder in einer Notunterkunft schlafen. Und auch Marek hofft, dass er das in diesem Jahr nicht muss. "Ich will raus, ich kann mir nicht vorstellen, mein Leben so weiterzuführen." Bisher ist er zuversichtlich, dass es klappt.

*Name von der Redaktion geändert

Beitrag von Birgit Raddatz

4 Kommentare

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  1. 4.

    1000 Schläfplätze ?
    Wieviele Obdachlose hat die Große-R2G-Freiwilligen-Zählung im letzten Winter gezählt ? 3500 ?
    - Wir haben Platz,
    wir nehmen jeden Flüchtling ! ! !
    - Wie war die Definition von RASSISMUS ?

  2. 3.

    Die Sozialgesetzbücher sind üppig gefüllt mit gesetzlichen Möglichkeiten und Rechtsansprüchen. Dennoch lassen sie Lücken zu, sodass Menschen aus unterschiedlichsten persönlichen Notlagen ganz nach unten durchrutschen und in der Wohnungslosigkeit landen. Ausbleibende Amtsermittlung sowie Ermessensunterschreitung sind gar nicht so selten, wie man glaubt. Und was macht dann eine wohnungslos gewordene Frau, 1., im Rollstuhl, 2., mit psychischen Problemen, 3.? Dann kommen vom Gesetzgeber bewusste Ausgrenzungen hinzu. Selbst der Senat gibt zu, dass die restriktive Gesetzgebung (Nationalität) dazu führt, dass mehr Menschen in Wohnungslosigkeit landen, mehr noch, die Wohnungspolitik mit dereguliertem Wohnungsmarkt befördert, weltweit nachweislich, die Anzahl der Wohnungslosen.

    Ein wichtiges Signal ist es also, dass das Projekt "Housing First" überzeugt und für erste, langfristig geplante Umsetzungen gesorgt zu haben scheint. Corona verschärft die Lage jedoch.

  3. 2.

    Ich finde es traurig so was lesen zu müssen in so einem reichen Staat daß wir es nicht schaffen die Obdachlosen ordentlich zu versorgen und eine ordentliche Unterkunft zu bieten. Politiker wacht doch endlich mal auf und unterstützt nicht nicht nur die Daxunternehmen sondern besser wäre es die Armut in diesem Land zu bekämpfen und dieses für immer.
    Hochachtungsvoll Stoll Karl-Heinz

  4. 1.

    "Weil das Sozialamt ihr kein Geld mehr zahlte," <- das ist strafbar. Niemand darf durch Ämter obdachlos werden. Ich würde den RBB bitten da weiter zu hinterfragen, auch bei dem Amt!

    Wenn dies so passiert ist gehört da jemand vor ein Gericht.

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