Eine VBB Fahrkarte wird aus einem Fahrkartenautomaten entnommen (Quelle: DPA/Britta Pedersen)
Audio: 88.8 | 30.09.2020 | Thorsten Gabriel | Bild: DPA/Britta Pedersen

VBB-Aufsichtsrat berät über Fahrpreise - Der Einzelfahrschein könnte auf drei Euro steigen

Fahrscheine für Busse und Bahnen könnten im kommenden Jahr in der Region teurer werden. Am Mittwoch berät der VBB dazu. Fahrgäste in Brandenburg wären offenbar stärker betroffen, die Stammkunden könnten verschont bleiben. Von Thorsten Gabriel

Die Diskussionen über das Für und Wider von Fahrpreiserhöhungen bei Bussen und Bahnen sind ein alljährlich wiederkehrendes Ritual. Immer im Spätsommer oder Herbst, wenn der Verkehrsverbund turnusmäßig darüber berät, ob zum jeweils nächsten Jahr die Fahrpreise "angepasst" werden sollen, wie es offiziell heißt, werden routiniert die allseits bekannten Argumente hervorgekramt. In diesem Jahr kommt noch eine Corona-Komponente hinzu. Doch auch das ändert nichts daran, dass es längst eine Debatte ohne Leidenschaft geworden ist.

Das Tagesticket könnte länger gültig bleiben

Zunächst aber die Fakten – oder zumindest das, was bislang bekannt ist: Auf dem Tisch liegt nach rbb-Informationen ein Vorschlag, der Erhöhungen für die Berliner Ticketpreise um im Schnitt rund 1,9 Prozent vorsieht. Der Einzelfahrschein Berlin AB könnte von derzeit 2,90 Euro auf drei Euro klettern. Die Tageskarte würde sich um 20 Cent auf 8,80 Euro verteuern. Neu wäre hier allerdings, dass dieses Ticket dann 24 Stunden Gültigkeit hätte. Bislang ist es, ganz gleich, wann es gelöst wurde, jeweils bis drei Uhr nachts gültig.

Für die Monatskarte Berlin AB sieht der Vorschlag eine Steigerung von 84 auf 87 Euro vor. Das ist der Preis für den Einzelverkauf. Weitgehend außen vor bleiben sollen dagegen auch bei dieser Tariferhöhungsrunde die Abonnentinnen und Abonnenten. Dies zumindest schafft bei den Verkehrspolitikern im Abgeordnetenhaus so etwas wie eine Minimalakzeptanz für die geplante Anhebung. "Es ist natürlich ein Trost, wenn die Stammkunden verschont blieben", sagt der grüne Verkehrsexperte Harald Moritz, der ansonsten gegen diese Erhöhung ist. "Ich halte das insgesamt für nicht zielführend. Wir müssen uns unbedingt darüber unterhalten, wie ein Verfahren von Tarifanpassung künftig laufen soll.“

Parteien im Abgeordnetenhaus sehen Tariferhöhungen überwiegend kritisch

Auch Moritz‘ Fachkollege von der SPD, Tino Schopf, sagt, seine Fraktion sehe Fahrpreiserhöhungen zum jetzigen Zeitpunkt sehr kritisch. "Sollte es sich aber dennoch nicht vermeiden lassen, weil der VBB sagt, wir brauchen die Einnahmen gerade auch für die Verkehrsunternehmen in Brandenburg, dann favorisieren wir aber eine Tariferhöhung bei den Tageskarten beziehungsweise bei den Einzelfahrtausweisen." Für die Linke hatte deren Verkehrsexperte Kristian Ronneburg bereits vor anderthalb Wochen erklärt, dass er sich für eine Nullrunde bei den Tarifen einsetze. Defizite sollten möglichst über den Landeshaushalt ausgeglichen werden.

Auf der Oppositionsseite zeigt sich die CDU-Fraktion noch zurückhaltend und will sich erst zu Tariferhöhungen äußern, wenn ein konkreter Beschluss vorliegt. FDP-Verkehrsexperte Henner Schmidt hält eine "mäßige Erhöhung" für möglich, vor allem bei "Vielfahrern". Dass man mit der Verteuerung von Einzelfahrscheinen Gelegenheitsnutzerinnen und -nutzer davon abhält, Busse und Bahnen öfter zu nutzen, hält Schmidt für nicht wahrscheinlich. "Ich glaube, der Preis der Fahrkarte ist nicht der wesentliche Punkt, um Leute in den ÖPNV zu locken." Wichtiger sei es, das Angebot zu verbessern. "Das liegt an Themen wie Sicherheit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit." Dann seien Leute auch bereit einen entsprechenden Preis zu zahlen.

AfD-Nahverkehrsexperte Gunnar Lindemann lehnt Fahrpreiserhöhungen zum jetzigen Zeitpunkt kategorisch ab. Die Qualität des ÖPNV lasse in Berlin stark zu wünschen übrig, außerdem sei es nicht richtig Menschen in der Corona-Krise auch noch bei den Fahrpreisen "abzukassieren". Und anders als Schmidt sieht Lindemann durchaus, dass höhere Preise Leute vom Umsteigen auf Busse und Bahnen abhalten.

Berlin und Brandenburg gehen getrennte Wege

Deutlich kräftiger als in Berlin wird wahrscheinlich in Brandenburg an der Preisschraube gedreht werden. Hier haben die Verkehrsunternehmen besonders stark Druck gemacht unter Verweis auf ihre gestiegenen Kosten. Ein Anstieg der Preise um im Schnitt 2,4 Prozent ist hier im Gespräch. Das ist nicht nur deshalb besonders bemerkenswert, weil die Erhöhungen dadurch im gesamten Tarifgebiet höchst unterschiedlich ausfallen, sondern auch, weil dieser Anstieg weit über dem vom VBB jährlich errechneten Index liegt, der Maßstab für mögliche Erhöhungen sein soll.

Er liegt dem Vernehmen nach für dieses Jahr bei 1,87 Prozent. In diesem Rahmen bewegen sich auch die geplanten Erhöhungen in Berlin. Besonders die Personalkosten machen vielen Verkehrsunternehmen zu schaffen. Sie werden von dem Index nicht erfasst. Er berücksichtigt nur die Entwicklung der allgemeinen Lebenshaltungskosten sowie der Strom- und Kraftstoffpreise. Deshalb sähe man auf Brandenburger Seite auch gern die Personalkosten in den Index mit eingepreist.

ÖPNV-Finanzierungskonzept kommt nicht voran

Das jedoch wird auf Berliner Seite skeptisch gesehen – wie überhaupt der Sinn des gesamten Index. Hier hat die rot-rot-grüne Koalition stattdessen in den vergangenen Jahren Überlegungen angestellt, wie neben Fahrgeldeinnahmen und staatlichen Zuschüssen eine dritte Einnahmequelle für die Verkehrsunternehmen aussehen könnte. Eine vom Senat in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie hatte hier zuletzt für Schlagzeilen gesorgt. Unter anderem enthielt sie den Vorschlag einer verpflichtenden ÖPNV-Abgabe oder auch einer City-Maut. Beide Vorschläge waren jedoch von der SPD-Fraktion sofort nach Bekanntwerden quasi wieder einkassiert worden.

In der Koalition glaubt deshalb auch niemand mehr so recht, dass vor der Wahl im nächsten Jahr noch ein grundlegend neues Finanzierungskonzept beschlossen werden könnte. Ungeachtet dessen findet es der grüne Verkehrspolitiker Harald Moritz auch gar nicht schlimm, dass Berlin und Brandenburg – trotz Verkehrsverbunds – bei den Fahrpreisen getrennte Wege gehen. "Wir sind selbstverständlich dafür, dass man mit einer Fahrkarte von Berlin in die Uckermark kommt und zurück. Aber die Verkehrspolitik hat im Flächenland Brandenburg andere Schwerpunkte als in Berlin." Deswegen sei es sogar notwendig, bei Tarifanpassungen unterschiedliche Wege zu gehen. "Dann können die Bedürfnisse des Landes Brandenburg, der Landkreise und der Stadt Berlin besser abgebildet werden."

Sendung: Inforadio, 30.09.2020, 10 Uhr

Beitrag von Thorsten Gabriel

48 Kommentare

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  1. 48.

    Ich gebe ihnen völlig recht, denn ewig pendelverkehr und schienenersatzverkehr für diese fahrpreise ist eine zumutung und frechheit

  2. 47.

    Das erleichtert die Entscheidung sehr, also bleiben wir beim Auto. Vielen dank für die freundliche Unterstützung.

  3. 46.

    Die Tarife müssen gerechter werden. Mit heutigen Mitteln (Smartphone) kann man stations- und kilometergenaue Fahrten ermitteln und abrechnen. Wenn ich für eine 2-Stunden-Karte 3,60 € im Bereich ABC bezahlen muss, wäre es vielleicht gerecht, pro Station nur 10 Cent zu fordern.

  4. 45.

    Zuerst haben die Beschäftigten von den VBB gestreikt wegen Gehaltserhöhung. Das ist ja auch o.k. Aber jetzt zahlt wieder mal der Fahrgast. Die Preise können steigen ins endlose. Der Service lässt zu wünschen übrig. Kein Sicherheitspersonal usw. Wo bleibt da das Ziel, mehr Bürger für die öffentl.Verkehrsmittel zu gewinnen ?

  5. 44.

    Sehe ich genauso wie Sie, fahre ein E Golf und bin damit ganz zufrieden.
    Man hat einfach seine Ruhe, das braucht man wenn man gestresst von Der Arbeit nachhause will.

  6. 43.

    Sehe ich genauso wie Sie, fahre ein E Golf und bin damit ganz zufrieden.
    Man hat einfach seine Ruhe, das braucht man wenn man gestresst von Der Arbeit nachhause will.

  7. 42.

    "Und, wie oft wurden die Grünen wegen ihrer Scheinheiligkeit entlarvt?"
    Das stimmt, man denke nur an das Thema Vielfliegerpartei:
    https://www.berlinertageszeitung.de/politik/45743-die-sehr-verlogene-doppelmoral-der-gr%C3%BCnen-vielflieger.html

  8. 41.

    Jedoch habe ich beim eigenen Blechhaufen keine Verspätungen, Ausfälle durch Personalmangel, "
    Dafür gibts dann den ein oder anderen Stau, die unverhofften Reparaturen und die nicht immer besonders angenehmen unfreiwilligen Kontakte zu anderen Verkehrsteilnehmern.
    Es bleibt halt, jenseits der romantischen Gefühle, nicht wirklich viel an Vorteil übrig.

  9. 40.

    Nun, das Grüne Klientel wird eine Erhöhung der Fahrpreise nicht so interessieren. Gehören die Wähler doch der gehobenen Mittelschicht an, die sich und ihr Gewissen dadurch beruhigen, dass sie die Grünen wählen.
    Oder glauben Sie, dass ein Mindestlöhner oder Geringverdiener diese Partei wählt?
    Und, wie oft wurden die Grünen wegen ihrer Scheinheiligkeit entlarvt?

  10. 39.

    "Hallo, es geht hier beim Einzelfahrschein um 10 Cent. Ist das die ganze Diskussion hier wert?"
    Hi, ich denke mal es geht den Menschen nicht um die 10 Cent. Viele ärgern sich darüber das sich weder Sauberkeit, Pünktlichkeit noch Sicherheit in den letzten 4 Jahren unter RRG im ÖPNV verbessert hat. Viele würden die Erhöhung bezahlen wenn man dafür Erfolge serviert bekommt. Und gerade jetzt vor dem Winter und mit Corona werden viele auf den ÖPNV verzichten und lieber wieder ihr Auto nehmen. Kommt jetzt noch ein langer, kalter Winter hinzu mit steigenden Infektionszahlen, werden noch mehr Bürger auf andere Möglichkeiten ausweichen.

  11. 38.

    Drei Euro für vier Stationen mit der U-Bahn, das ist schon sehr heftig.

  12. 37.

    Es wird beraten und den Erhöhungsantrag haben die Verkehrsbetriebe gestellt. Keine Partei, gleich auch welche.

  13. 36.

    Mir ist das egal, ob die Preise steigen.
    Von meinem Plan aufs Fahrrad umzusteigen, habe ich mich längst verabschiedet. Man muss ja auch nicht jeden Trend mitmachen. Und Bahn fahre ich schon seit Jahren nicht. Da fahre ich lieber mit dem Auto. Da bin ich alleine, brauche die "Maskengesichter" nicht sehen, kann hören, was ich will und: in meinem Auto ist kein Gedrängel, denn ich fahre alleine.

  14. 35.

    Solange die Öffentlichkeit so viel Verspätung haben und so dreckig und voll sind, weigere ich mich damit zu fahren.,
    und erst recht zu Coraona Zeiten.

  15. 34.

    Zitat aus dem Programm der Grünen:

    "Guter ÖPNV braucht eine gute finanzielle Basis
    Wir Grüne im Bundestag wollen den ÖPNV in Deutschland fit machen für eine Verkehrswende. Für eine solche ÖPNV-Offensive braucht es deutlich höhere finanzielle Aufwendungen, getragen von Bund, Ländern und Kommunen"

    So sieht es aus wenn die Grünen in Berlin die Attraktivität steigern wollen.

  16. 33.

    Ja klar, weil es eine Frage des Prinzips ist, nicht des Geldwertes der Erhöhung. So ein Signal hat Symbolwert in der ganzen Verkehrswende-Diskussion. Der Senat wird sich im Wahljahr für seine unsägliche Verkehrspolitik vor dem Wähler zu verantworten haben.

  17. 32.

    für 6 Euro hin/rück kann ich ne Taxe (Droschke) oder nen Share-Car nehmen!

  18. 31.

    Hallo, es geht hier beim Einzelfahrschein um 10 Cent. Ist das die ganze Diskussion hier wert?

  19. 30.

    In Zeiten wo viele ihr Einkommen oder Arbeitsplatz verlieren erhöht man die Preise des ÖVPN. Klingt logisch..

  20. 29.

    In Zürich ist es sogar der Bankdirektor, der mit dem Tram fährt (Anm: das Tram auf Schweizerisch), in Strasbourg kommt die Zukunft angerollt, wenn die hochmoderne Straßenbahn im Straßenraum auftaucht, währenddessen alle anderen Verkehrsmittel dagegen eher alt aussehen.

    Es ist nicht allein der Preis, der Menschen zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel bewegt.

    Berlin hat viel vernachlässigt. Das liegt an der Politik, dass der ÖPNV als Sparschwein betrachtet wurde, gleich ob Annette Fugmann-Hesing oder Thilo Sarrazin. Und es liegt an den Nutzenden, die Bahnsteige und Rolltreppen als Mülleimer ansehen, weshalb Erstere wüst aussehen und Zweite ausfallen.

    Je mehr gebuddelt wird, umso mehr muss auch an Anlagen erhalten werden. Das will überlegt sein. Die Tram scheint mir die saubersten Anlagen und die saubersten Fahrzeuge zu bieten, die mittlerw. gut auf Vordermann gebracht wurden, während Bahnhöfe auf der U 7 Süd seit etlichen Jahren teilw. mit nackten Betonwänden aufwarten.

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