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Audio: Inforadio | 15.09.2020 | Interview mit Josef Schuster | Bild: dpa/Björn Kietzmann

Interview | 70 Jahre Zentralrat der Juden - "Es geht generell um die Frage der Akzeptanz von Minderheiten"

Über 100 jüdische Gemeinden vertritt der Zentralrat der Juden in Deutschland, auch in Berlin und Brandenburg. Doch nicht für alle in Deutschland ist jüdisches Leben selbstverständlich. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats, über Erfahrungen von Antisemitismus und Solidarität.

 

rbb: Herr Schuster, der Zentralrats der Juden in Deutschland feiert sein 70. Bestehen als Dachorganisation der jüdischen Gemeinden und Landesverbände in Deutschland. Wie hat sich der Verband über die Zeit verändert?

Josef Schuster: Was sich in dieser Zeit besonders verändert hat, ist, dass der Zentralrat - die Dachorganisation aller jüdischen Gemeinden - völlig unabhängig von ihren Denominationen [Religionsgemeinschaften, Anm.d.Red.] ist. Man hatte vor 70 Jahren zunächst nur traditionelle jüdische Gemeinden. Wir haben heute auch wieder ein liberales Judentum in Deutschland. Alle diese Gemeinden sind unter dem Dach des Zentralrats.

Vor allem sind die jüdischen Gemeinden sehr viel größer geworden. Ist auch das ein Grund zum Feiern?

Das wäre jetzt nicht unbedingt zwingend ein Grund zum Feiern. Aber es ist ein absolut positiver Effekt. Nach der Shoah [nationalsozialistischer Völkermord an den Juden Europas, Anm.d.Red.] waren zunächst zwar Juden in Deutschland hängengeblieben. Ein ganz erheblicher Anteil ist jedoch weitergezogen, sei es nach Israel, in die USA, nach Südafrika. Auch international war es nicht en vogue, als Jude in Deutschland nach der Shoah zu leben. Das hat sich deutlich geändert. Für jüdische Menschen außerhalb Deutschlands ist es heute selbstverständlich, dass es wieder eine jüdische Gemeinschaft in Deutschland gibt.

Und in Deutschland selbst?

In Deutschland habe ich das Gefühl, dass es leider noch nicht quer durch die Bevölkerung als selbstverständlich angesehen wird, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt. Dabei gibt es in Deutschland seit 1700 Jahren jüdische Gemeinden. Also sollte es eigentlich etwas Selbstverständliches sein.

Was vermittelt ihnen den Eindruck, dass dem nicht so ist?

Wenn ich anti-jüdische Mails bekomme, wenn ich antisemitische Zuschriften bekomme, wenn ich so manche Äußerungen auch am Stammtisch mitbekomme - dann muss man sagen, dass es sehr viele Ressentiments gegen Juden gibt. Auch aktuell bei den Verschwörungsmythen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gibt es wieder die Thesen, dass Juden dafür verantwortlich seien, aus allerlei Gründen. Das Ganze erinnert mich ans Mittelalter, als es um die Brunnenvergiftungen und die Pest ging.

Sie sagen, jüdisches Leben in Deutschland ist zumindest selbstverständlicher geworden. Welche Rolle für dieses Gefühl spielt der Anschlag auf die Synagoge in Halle?

Das ist ein massiver Rückschlag. Aber wir wissen seit Jahrzehnten, dass etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung Vorurteile gegen Juden haben. Auf der anderen Seite haben 80 Prozent offensichtlich keine Vorurteile gegen Juden. In den letzten Jahren wird allerdings wieder deutlich offener gehetzt, auch mit Thesen wie einer notwendigen Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad, Begriffen wie "Mahnmal der Schande". Es gibt ja eine Partei im Deutschen Bundestag, deren führenden Repräsentanten sich nicht vor solchen Äußerungen scheuen. Und aus Worten folgen Taten. Das haben wir nicht nur in Halle, sondern genauso in Hanau, aber auch bei der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke leider erleben müssen.

Gleichzeitig gab es sehr viele Solidaritätsbekundungen in der Politik, aber auch in der breiten Bevölkerung. Die Bundesregierung hat mittlerweile einen Antisemitismusbeauftragten. So erschreckend dieser Anschlag war - wie wichtig ist umgekehrt die Rückversicherung vieler, die sagen: Ihr gehört dazu, und wir stehen auf eurer Seite?

Das ist ganz wichtig. Ich kann sagen, dass im Oktober des vergangenen Jahres - nach dem Anschlag von Halle - eine Welle der Solidarität zu bemerken war, die nach der Shoah ihresgleichen suchen kann. Darum habe ich auch ausdrücklich gesagt, dass ich von 80 Prozent ausgehe. Und das ist ja immer noch die weitaus größte Mehrheit der Bevölkerung.

Seit knapp sechs Jahren sind Sie jetzt Zentralratsvorsitzender. Mahnen und den Finger in die Wunde legen, das ist ein Teil Ihrer Jobbeschreibung. Sie haben gerade selbst gesagt: An den Zahlen zum Antisemitismus ändert sich wenig, schon gar nicht in diesen wenigen Jahren. Was motiviert Sie, immer wieder Ihre Stimme zu erheben?

Als ich angetreten bin, habe ich gesagt, ich hoffe, dass ich eigentlich viel mehr auf die positiven Seiten hinweisen kann: auf jüdische Tradition, auf jüdisches Leben, auf die jüdischen Feiertage. Dass das eine Utopie ist, muss ich ehrlich sagen, hab ich mir vor sechs Jahren auch gedacht. Dazu kenne ich die Tätigkeiten meiner Amtsvorgänger zu gut. Und trotzdem halte ich es für wichtig. Es geht ja nicht nur hier um Judentum und jüdisches Leben. Es geht generell um die Frage der Akzeptanz von Minderheiten und auch darum, entsprechende klare Position zu beziehen gegen Rassismus jeder Art.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Josef Schuster sprach Dörthe Nath für Inforadio. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Artikels nachhören.

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16 Kommentare

  1. 16.

    Ich hoffe das dies beim zweiten Versuch veröffentlicht wird, sonst hat eine Diskussion hier keinen Sinn.
    Also:
    Die letzten Worte von Adolf Eichmann vor seiner Hinrichtung waren: "In einem kurzen Weilchen, meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder. Das ist das Los aller Menschen. Gottgläubig war ich im Leben. Gottgläubig sterbe ich."
    Ähnliches ist von anderen Größen des Nationalsozialismus überliefert. Der Atheismus im dritten Reich war von oben verordnet. Was sagen jetzt Sie ?

  2. 14.

    Ich weiß nicht, wie Sie aus meiner Antwort konstruieren wollen, Recht zu haben. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Kritisieren Sie denjenigen als Mensch, selbst wenn er Jude ist, hat das mit Antisemitismus nichts zu tun, genau so wenig wie Kritik an der Politik Israels. Kritisieren Sie die Religion an sich, ohne Ihnen das unterstellen zu wollen, dann wäre es das. Nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt. An der Religion sehe ich keinen einzigen Grund für Kritik. Sie schrieben jedoch ausdrücklich "wenn man Juden auch nur ansatzweise kritisiert.". Niemand ist Antisemit, wenn er Menschen, Israel oder Organisationen kritisiert, ohne auf die Religion abzuzielen. Wer etwas anderes behauptet, missbraucht den Vorwurf und konstruiert einen nicht existenten Tatbestand. Oft sehe ich aber, dass Israel als gesamtes angegriffen wird und als alleiniger Aggressor hingestellt und das dann als Israelkritik verharmlost wird. Ich hoffe doch, Sie gehören nicht dazu.

  3. 13.

    Die letzten Worte von Adolf Eichmann vor seiner Hinrichtung waren: "In einem kurzen Weilchen, meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder. Das ist das Los aller Menschen. Gottgläubig war ich im Leben. Gottgläubig sterbe ich."
    Ähnliches ist von anderen Grössen des Nationalsozialismus überliefert. Der Atheismus im dritten Reich war von oben verordnet. Was sage Sie nun ?

  4. 12.

    "Schaut in die Welt und die Geschichte wer da meistens gegeneinander unterwegs ist." Nun, die größten Kriegstreiber waren wohl die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und Nazis sind Atheisten. Was sagen Sie nun?

  5. 11.

    "Schaut in die Welt und die Geschichte wer da meistens gegeneinander unterwegs ist. Atheisten sind da eher wenig dabei."

    Das halte ich für eine recht steile These.

    Der Grund dafür sind Kriege im Sinne von Markteroberung, die ja nun nicht gerade religiöse Züge trägt, das andere sind Konflikte im Namen eines behauptet einzig möglichen Fortschritts, entlang spezifischer Lesart. Dann gibt es in etwa gleichauf Konflikte im Sinne religiöser Fundamentalismen.

    Ich will mich mal anders vorwagen: Immer schon haben sich menschliche (und gemeinschaftlich politische) Naturelle geteilt und auseinandergelebt, Religionen oder Parteien waren und sind dazu allenfalls eine "Hintergrundfolie", die zum Ausleben solcher Naturelle benutzt wird. Dann gibt es Strukturen, die solche einschlägigen Naturelle befördern, andere, die sie eher ausbremsen. Auch das liegt quer zu Religionen oder zu atheistischen Vorstellungen.

  6. 10.

    Tja, die Antwort zeigt deutlich das ich recht habe. Schon das Wort "Kritik", obwohl ich gar keine geäussert habe, macht mich zum Antisemiten. Sind ja auch alles gute Menschen wie der Mensch ansich....schon klar. Vor allem sind das in Israel andere Juden als hier, das muss man schon trennen für die Argumentation.
    Und an die Anderen: Schaut in die Welt und die Geschichte wer da meistens gegeneinander unterwegs ist. Atheisten sind da eher wenig dabei. Ob ich Religionen ablehnen darf oder nicht hat mir übrigens niemand zu sagen und schon gar keiner der Kreuz, Halbmond oder Stern in der Hand hält.....

  7. 9.

    Ich denke manchmal in der Tat, das beschriebene Missverständnis liegt auf beiden Seiten. Aus dem vorherigen Bundesgebiet wurde desöfteren Kritik am jeweiligen israelischen Regierungshandeln mit Antisemitismus gleichgesetzt. Das habe ich immer für zu kurz gegriffen gehalten. Als eine Gruppe von Bischöfen die Mauer zwischen israelischem Siedlungsgebiet und palästinensischem Siedlungsgebiet vor Ort mit der Berliner Mauer verglichen, wurde ihnen von der Regierungsseite in Israel Antisemitismus unterstellt.

    Dabei ist mittlerweile wohl unbestritten, dass sich israelische Stellen u. a. auch beim Dokumentationszentrum Berliner Mauer vor mehr als einem Jz. eingehend über die Gesamtlogistik der Berliner Mauer informiert haben.

    Welten liegen m. E. zwischen einer oft berechtigten Kritik am israel. Regierungshandeln und demjenigen, was Menschen jüd. Glaubens und jüd. Abstammung seit jeher recht pauschal unterstellt wird, als dass das wirklich gleichgesetzt werden könnte.

  8. 8.

    Das ist schön. Leider halten es sehr viele Menschen gänzlich anders und stufen herab - mal die, mal die anderen.

  9. 7.

    Dann diskriminieren Sie. Sie unterstellen recht pauschal einen spezifischen Umgang mit religiösen Praktiken und setzen faktisch Unmündigkeit voraus.

    Genau so, wie es fundamentale Strömungen und offene Strömungen innerhalb von Religionen gibt, gibt es diese Strömungen im Religionsabgewandten, nur eben in analoger Form.

    Eine wirklich spannende Frage, gleich ob Religion oder nicht: Halten sich Menschen an Büchern fest oder wachsen
    sie darüber hinaus?

  10. 6.

    Was gibt es denn an Juden zu kritisieren? Natürlich ist das dann Antisemitismus! Was denn sonst? Diese Glaubensgemeinschaft ist doch schon seit Jahrhunderten so integriert, dass man sie gar nicht wahrnimmt, wenn sie sich nicht selbst zu erkennen gibt. Sie missioniert nicht, sie unterdrückt nicht, sie achtet Gleichberechtigung und Menschenwürde. Was wollen Sie also kritisieren?
    Sie reden sicherlich von Israel-Kritik! Die ist aber erlaubt, und deswegen werden Sie ganz sicher nicht zum Antisemiten erklärt. Das ist nur eine faule Ausrede derjenigen, die das Judentum und das Handeln des israelischen Staates nicht auseinander halten können oder wollen.

  11. 5.

    Jeder Mensch verdient Akzeptanz !

  12. 3.

    Seit 70 Jahren ist man in diesem Land ein Antisemit wenn man Juden auch nur ansatzweise kritisiert. Vielleicht sollte man darüber mal nachdenken. Ich persönlich lehne jegliche Religion ab. Für mich sind diese DAS Problem dieser Welt.

  13. 2.

    Viel zu oft wird immer noch zumindest gedanklich unterschieden zwischen "den Deutschen" und "den Juden in Deutschland", so, als gehörten sie im Eigenlichsten nicht dazu.

    Die Shoa, begangen von NS-Deutschland, war so betrachtet eine Herabminderung der deutschen Kultur um ihren jüdischen Anteil. Das betrifft in Abschwächung auch alle anderen rechnerisch gefassten Minderheiten, denen es analog ging. Das heißt, nie geht es nur um behauptet abgeschlossene Gruppen, sondern immer geht es auch um ihre schöpferischen Einträge in das gesamte Gemeinwesen. Genau dies zu achten und zu erkennen, ist m. E. der beste Schutz gegenüber denjenige, die "Anderssein" schon immer als ungehörige Störung begriffen haben.

    Ich empfinde, das ist in dieser Tragweite so garnicht begriffen.

  14. 1.

    Mich würde mal interessieren wie der Zentralrat der Juden zu den Flüchtlingen beispielsweise in Griechenland steht. Aus den eigenen Erfahrungen heraus dürfte doch eine klare Stellungnahme möglich sein wenn Seehofer meint, als Deutscher ein trauriges Bild für Menschen in Not abzugeben. In den Medien hört man leider nichts davon. Hier würde ich mir gerne ein eindeutiges Zeichen der Unterstützung des Zentalrates für die Flüchtlinge in der Presse wünschen.

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