Blick auf den Alexanderplatz mit Berolina und Kaufhaus Tietz, im Hintergrund Bahnhof Alexanderplatz, um 1920; © dpa/akg-images
Audio: Inforadio | 01.10.2020 | Jan Menzel | Bild: dpa/akg-images

Jubiläum der Gründung von "Groß-Berlin" - Abgeordnete und Senat feiern 100 Jahre Berlin als Metropole

Doppelt so viele Einwohner, eine dreizehn Mal so große Fläche: An diesem Donnerstag vor 100 Jahren trat ein Gesetz in Kraft, das Berlin zu einer Metropole machte. Für den Regierenden Bürgermeister war das "ein Schlüsselmoment der Stadtgeschichte".

Der Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus haben am Donnerstag mit einer Feierstunde an das Inkrafttreten des Gesetzes erinnert, mit dem Berlin vor 100 Jahren zur Metropole wurde. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), erinnerte an die schwierigen Verhandlungen, die dem Gesetz in der Zeit kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs vorausgingen. Die eingemeindeten Städte seien nicht begeistert gewesen, in einem Groß-Berlin aufzugehen. Gegen die Idee gab es bis zuletzt erhebliche Widerstände.

Müller: "Berlin muss eine Stadt der Freiheit bleiben"

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte, es sei ein langer und steiniger Weg mit vielen Hürden und Grabenkämpfen gewesen, aber einer, der sich gelohnt habe. Er nannte das Gesetz einen Schlüsselmoment Berliner Stadtgeschichte und den Startschuss für die Metropolenbildung. Es sei eine Mammutaufgabe gewesen, im neuen Groß-Berlin Verwaltung, Soziales, Gas- und Wasserversorgung, Gesundheitswesen in Einklang zu bringen. Von den Weichenstellungen damals profitiere Berlin noch heute.

"Berlin hat sich damals entschieden, einen deutlichen Schritt voranzugehen", sagte Müller. Auch heute sei es wichtig, Herausforderungen als Chance zu begreifen. "Berlin muss eine Stadt der Freiheit bleiben", forderte er. Sie müsse wie damals auf Innovation und Fortschritt setzen und heute in globalen Netzwerken den Austausch mit den Metropolen der Welt suchen.

Historiker: "Heute haben wir ähnliche Probleme wie damals"

Zu dem Zusammenschluss habe man sich durchgerungen, um das kommunale Planungschaos im Großraum Berlin zu vereinfachen, sagte der Historiker Andreas Ludwig am Donnerstag dem rbb. "Man muss sich vorstellen, dass Berlin sich in den letzten Jahren vor der Eingemeindung vervierfacht hatte, und dann kommen noch zwei Millionen Einwohner in den Vororten dazu", sagt er im rbb-Inforadio. Das habe enorme Probleme in der Planung der kommunalen Infrastruktur verursacht.

"Wenn ein Feuerwehreinsatz am Nollendorfplatz war, wurde diskutiert, kommt die Berliner Feuerwehr, die Charlottenburger oder die Schöneberger", sagte Ludwig. Die Bildung der neuen Stadtgemeinde Berlin sei eine politische, wirtschaftliche und administrative Notwendigkeit gewesen.

Das aktuelle Wachstum Berlins erinnere an die damalige Zeit, so Ludwig weiter. "Damit haben wir ähnliche Probleme wie vor 100 Jahren." Damals habe man im Bevölkerungswachstum eine Chance gesehen, aus einem zersplitterten Raum eine moderne, zukunftsweisende Großstadt mit sozialem Ausgleich, guter Infrastruktur und starker Wirtschaftskraft zu entwickeln. "Heute wird eher von Wachstumsproblemen, sogar von Wachstumsschmerzen gesprochen, und das ist natürlich ein gravierender Unterschied", sagte Ludwig.

Fläche wuchs von 65 auf 880 Quadratkilometer

Großstadt war Berlin im Kaiserreich schon lange und hatte 1905 erstmals mehr als zwei Millionen Einwohner. Mit dem "Groß-Berlin-Gesetz", das bereits am 27. April 1920 mit knapper Mehrheit beschlossen wurde und am 1. Oktober 1920 in Kraft trat, wurden in die Stadt Berlin dann acht Stadtgemeinden, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke eingemeindet. Die Stadtfläche hatte sich von 65 auf etwa 880 Quadratkilometer nahezu verdreizehnfacht und umfasste nun auch die Gebiete von Städten wie Schöneberg, Köpenick, Neukölln, Wilmersdorf und Spandau.

Die Bevölkerungszahl stieg auf 3,8 Millionen, fast doppelt so viele wie zuvor. Nach London und New York war Berlin damals die drittgrößte Stadt der Welt. Mit Blick auf die Stadtfläche war Berlin nach Los Angeles sogar weltweit die Nummer zwei. An 100 Jahre (Groß-)Berlin erinnert ab dem 1. Oktober bis zum 3. Januar 2021 die Ausstellung "Unvollendete Metropole - 100 Jahre Städtebau für (Groß-)Berlin" [unvollendete-metropole.de] im Kronprinzenpalais Unter den Linden.

Sendung: Abendschau, 01.10.2020, 19:30 Uhr

6 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 6.

    Nachsatz: Aber es stimmt natürlich, über Vergangenheit in diesem Beitrag zu schreiben, legt natürlich die Vermutung nahe, es sei überwiegend oder gar ausschließlich die weiter zurückliegende Vergangenheit gemeint.

    Grundwissen, dass Berlin föderal strukturiert ist (im Vgl. zu Hamburg), sollte allerdings schon vorhanden sein. Das ist ja auch der Grund, weshalb Städtepartnerschaften in Berlin von den Bezirken praktiziert werden, in Hamburg hingegen nur von der Gesamtstadt. Daraus resultiert dann auch, schon aufgrund dieser Struktur anders mit Bezirken umzugehen, als sie bloß als Verlängerung des Zentrums von Berlin zu betrachten.

    Was jetzt kein Vorwurf sein soll, nur eine persönliche Empfindung.

  2. 5.

    Es kommt sehr darauf an, was mensch unter "vergangen" versteht. Selber meinte ich damit alles, was nicht gegenwärtig ist. Vor allem aber meine ich dasjenige, was ein bis zwei Legislaturperioden zurückliegt. Da muss dann nicht unbedingt ein Historiker ran.

  3. 4.

    Senat und Abgeordnete feiern die Metropole ! -
    Die Berliner würden gerne 100 Jahre Groß-Berlin feiern. Leider haben die feiernden Politiker es zerschlagen wo immer sie konnten. Und somit freuen sich die Berliner auf die 150-Jahrfeier. Vielleicht sind bis dahin noch ein paar übrig.

  4. 3.

    Helmut Krüger:
    "Zu einer Demokratie gehört es für mich unabdingbar dazu, vergangene Wege auf Stichhaltigkeit zu überprüfen und sichi auch ständig zu vergewissern über ggf. alternative Wege, die bestanden hätte oder die bestehen."

    Das ist keine Frage, die sich der heutigen Politik stellt, und auch keine Frage der Demokratie, sondern eine Frage für die Wissenschaft, eine Frage für die Historiker, deren Fachgebiet es ist, in der Geschichte zurückzuschauen historische Tatsachen zu erforschen und zu bewerten.

    Aufgabe der Politiker ist es dagegen, in die Zukunft vorauszuschauen und diesbezüglich Entscheidungen zu treffen. Dabei greift sie natürlich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zurück, auch auf die der Historiker. Aber die Politiker machen keine eigene historische Forschung. Das ist nicht ihre Aufgabe und dazu fehlt den allermeisten Politikern die Expertise, denn wieviel Politiker sind Historiker, haben Geschichte studiert oder sind sogar historisch forschend tätig.

  5. 2.

    "Abgeordnete und Senat feiern 100 Jahre Berlin als Metropole". Feiern die Berlnerinnen und Berliner ncht mit? Hat die Öffentlichkeit das überhaupt wahr genommen? Mir war das Ereignis nicht bekannt.

  6. 1.

    Zu einer Demokratie gehört es für mich unabdingbar dazu, vergangene Wege auf Stichhaltigkeit zu überprüfen und sichi auch ständig zu vergewissern über ggf. alternative Wege, die bestanden hätte oder die bestehen.

    Keine Frage: Wohl niemand wird heute das Groß-Berlin-Gesetz und seine Ausführung als falsch bezeichnen. Auch ist die Vereinigung Berlins unter föderalen Gesichtspunkten mit benannten Bezirksbürgermeistern wohltuender als die zentralistische Einschmelzung entlang des Groß-Hamburg-Gesetzes von 1937 mit benannten Bezirksamtsleitern mit weit weniger Kompetenz.

    Und dennoch: Der Umgang des jetzt größeren Berlin mit seinen noch weit geschichtsträchtigeren eingemeindeten Teilen ließ seitdem sehr zu wünschen übrig. Wer als Tourist Berlin besucht, wird verwiesen auf das Zentrum. Spandau und Köpenick fallen da bis heute vglw. hinten runter, allenfalls noch das eh. benachbarte Charlottenburg findet hervorragende Erwähnung.

Das könnte Sie auch interessieren

Rotes Rathaus in Berlin-Mitte (Quelle: imago images/Sattler)
www.imago-images.de/Sattler

Teil-Lockdown in Berlin - Kontroverse Diskussion bei Senats-Sondersitzung erwartet

Der Berliner Senat kommt am Donnerstag zu einer Sondersitzung zusammen, um den von Bund und Ländern beschlossenen Teil-Lockdown zu diskutieren. Die Linke hat bereits Bedenken angemeldet. Am Sonntag folgt eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses.

rbb|24 streamt die Pressekonferenz des Senats am Donnerstagabend live.