Porträt | Bettina Jarasch - Wenn zwei sich streiten, freut sich die Dritte

Bettina Jarasch, designierte Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Abgeordnetenhauswahl © dpa/Christoph Soeder
Audio: Inforadio | 05.10.2020 | Ute Schuhmacher | Bild: dpa/Christoph Soeder

Nur wenige dürften Bettina Jarasch auf dem Radar für ein Spitzenamt bei den Berliner Grünen gehabt haben. Nun soll sie Spitzenkandidatin der Partei für die Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr werden. Wer Bettina Jarasch ist, erklärt Ute Schuhmacher.

 

Die Überraschung war perfekt als die Parteispitze der Berliner Grünen ihre Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl bekannt gab. Nicht Wirtschaftssenatorin Ramona Pop oder die Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, sollen es machen. Die Wahl fiel auf Bettina Jarasch. Der breiten Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner dürfte dieser Name wenig sagen, denn Jarasch ist aktuell einfache Abgeordnete im Abgeordnetenhaus. Parteiintern spielt und spielte sie allerdings schon eine Rolle.

Bettina Jarasch stammt ursprünglich aus Augsburg und kam zum Studieren nach Berlin: Philosophie und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Sie ging vergleichsweise spät in die Politik, arbeitete erst als Journalistin und Autorin.

Mit 32 Jahren wurde sie dann Referentin in der grünen Bundestagsfraktion, 2005 holte sich Renate Künast Jarasch als Vorstandsreferentin. Danach ging es innerparteilich ziemlich schnell bergauf mit ihr: 2009 wurde sie in den Berliner Landesvorstand der Grünen gewählt, nur zwei Jahre später war sie Parteivorsitzende. Jarasch übernahm gemeinsam mit Daniel Wesener: sie als Vertreterin des Realo-Flügels der Partei, er als Vertreter des linken Parteiflügels. Beide gesegnet mit dem Talent, zuzuhören und gleichzeitig Konflikte anzugehen.

Zuhörerin mit Konfliktlösungstalent

Mit diesem Talent steuerten beide die Partei auch durch eine sehr schwierige Phase, beispielsweise nach der Abgeordnetenhauswahl 2011. Damals fuhren die Grünen zwar ihr bis dahin bestes Wahlergebnis ein. Weil sie sich aber mit Renate Künast als Spitzenkandidatin mehr versprochen hatten, zerriss es die Abgeordnetenhausfraktion nach der Wahl fast. Jarasch arbeitete damals mit an dem Weg aus dieser schweren Krise der Berliner Grünen.

2016 wollte sie dann eigentlich langsam in Richtung Bundestag marschieren. Da machte ihr die Partei aber einen Strich durch die Rechnung: Wegen des innerparteilichen Machtgerangels drängte man sie, als Teil eines Viererspitzenteams erst zur Abgeordnetenhauswahl 2016 anzutreten. Danach könne sie immer noch für den Bundestag kandidieren, hieß es parteiintern. Diese Wahl sei ja erst ein Jahr später. Jarasch bekam Listenplatz drei für die Abgeordnetenhauswahl und zog somit ins Landesparlament ein.

Partei verhinderte Bundestagskarriere

Als sie nur wenige Monate nach dieser Wahl offiziell ankündigte, 2017 für den Bundestag kandidieren zu wollen und zwar ebenfalls als Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, sagte die Parteibasis nein: Auf der Mitgliederversammlung der Grünen verlor sie in einer Kampfabstimmung gegen Lisa Paus.

Weil sie ihr Parteiamt nach der Abgeordnetenhauswahl aufgegeben und sich in der Abgeordnetenhausfraktion um keine Leitungsposition beworben hatte, war sie fortan einfache Abgeordnete. Die bekennende Katholikin war nun lediglich zuständig für Integrations- und Religionspolitik. Das Regierungsgeschäft bekam sie nur aus der zweiten Reihe mit. Es wurde also vergleichsweise still um die Mutter zweier Kinder. Ihre Bundestagsambitionen hat sie danach erstmal ad acta gelegt.

Die lachende Dritte

Dass sie sich nach der nächsten Wahl nicht mehr mit der zweiten Reihe zufriedengeben würde, war klar. Als Spitzenkandidatin der Berliner Grünen hatte sie trotzdem eigentlich niemand auf dem Zettel, zumal sie über keinerlei Verwaltungserfahrung verfügt. Die Entscheidung für sie ist dann wohl auch dem geschuldet, dass die Entscheidung zwischen Ramona Pop und Antje Kapek der Partei letztlich nicht möglich war. Zu sehr polarisieren die beiden in der Partei. Und so bekam die 51-jährige Jarasch am Ende als lachende Dritte den Zuschlag.

Beitrag von Ute Schuhmacher

21 Kommentare

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  1. 21.

    Die Grünen in Berlin sind für mich ein rotes Tuch und nicht wählbar.

  2. 20.

    Danke Ute Schumacher für diesen Kurzabriss des Geschachers im Selbstbedienungsladen Politik am Beispiel der Berliner Grünen. Der Beitrag bestärkt meine Auffassung, dass Berufspolitiker zu allererst sich selbst meinen. Jede und Jeder, die etwas können, gehen nicht in die Politik.

  3. 19.

    "Aber dass sie dann nicht mal fertig brachte, auf die Frage zu einem Bündnis mit der Lummer- und Dregger-Partei CDU nein zu sagen, lässt mich kopfschüttelnd zweifelnd zurück."

    ich denke auch, dass das seinen Grund hat. Werden die Grünen zu stark, steht Grün-Schwarz wohl tatsächlich als Option offen. Zumal eine Katholikin da wohl auch keine Berührungsängste hätte.

    Bei allen Sympathien für diese Partei- ohne Abgrenzung zur dunklen Seite der Macht ist diese Partei für mich nicht wählbar.

  4. 18.

    Hallo Horst, danke für Ihre Antwort. Sie haben natürlich recht, dass eine einzelne Person nicht alle Probleme lösen oder die Polarisierung alleine überbrücken kann. Dennoch sehe ich das politische Führungspersonal hier sehr in der Pflicht, da es genau diese sind, die zumindest bestimmte Maßnahmen vorschlagen, ergreifen und einführen können, um solche Probleme anzugehen. Die politische Diskussion wird ja auch dadurch beeinflusst, wie in den Parlamenten, Interviews, Talk-Shows etc. miteinander diskutiert wird und welcher Duktus eingeschlagen wird. Auch spielt es natürlich eine Rolle, ob ich mich als Politiker in die Kamera stelle und gegen bestimmte Teile der Bevölkerung sinnlos wettere.
    Was ich sagen wollte ist, dass Berlin schlichtweg Brückenbauern mehr als alles andere braucht. Aber solange auch in der Politik an radikalen Idealen festgehalten und der politische Gegner als Feind erkannt wird, solange wird sich auch "auf der Straße und an den Stammtischen" nichts ändern.

  5. 17.

    Es geht nicht um den numerischen Großstadtbegriff, sondern um die überlieferte Bedeutung einer Stadt. Quedlinburg bspw. ist immer überschaubar geblieben, doch die überlieferte Bedeutung im Zeitablauf liegt bei Quedlinburg mehrfach über derjenigen des achtfach größeren Gelsenkirchen.

    Lesen Sie einfach mal unter Fugger und Thurn und Taxis, und dass ein Bertolt Brecht aus Augsburg kam, ist ja auch nicht unbedingt das Schlechteste gewesen, ohne, dass ihm das Augsburger-Sein ein Leben lang nachhing. Leider hat sich seine Stadt erst recht spät zu ihm bekannt, das muss zugegeben werden.

  6. 16.

    Eine Politiksoldatin für die zuküntige Heirat mit der sehr rechten berliner CDU. Typisch grün. Zwar gute Ideen, aber noch nie richtig gearbeitet und ohne Kontakt zum Volk.

  7. 15.

    Gut, dass ihr geschrieben habt, dass sie bekennende Katholikin ist. Damit ist für mich klar, dass ich die Grünen nicht wählen werde.

  8. 14.

    Abgesehen davon, dass ich nie auf die Idee kommen würde die Grünen zu wählen, bleibt uns so zumindest eine Regierende Bürgermeisterin Kapek erspart.

  9. 13.

    "Aktuell erstickt die Stadt ja geradezu im Problemen und Streitigkeiten"

    "Aktuell" ist hier wohl das falsche Wort. Die - gerade von Ihnen aufgezählten Probleme - sind doch von dauerhafter Natur.

    "sondern dass wir jemanden finden, der die Gesellschaft wieder eint, gegen diese unerträgliche Polarisierung"

    Hier haben Sie m.E. eine extrem hohe Erwartungshaltung an eine einzelne Person.

  10. 12.

    @rbb24: Der Werdegang ist ja schön und gut. Aber das eigentlich Spannende an einem Kandidaten oder einer Kandidatin sind doch die vertretenen politischen Standpunkte und Ideen, um mit den wichtigsten Problemen in der Stadt umzugehen: Unterfinanzierung diverser öffentlicher Stellen (Polizei, Feuerwehr, Gesundheitsamt, Schulen, Bürgerämter, Gerichte etc. pp.), zunehmende Polarisierung (zunehmender Linksextremismus, zunehmender Rechtsextremismus, Gheottoisierung, Autofahrer gegen Fahrradfahrer), (Klan-)Kriminalität und Verrohung der Gesellschaft, Wohnungsnot, Corona, Verkehrswende (abseits von dem polarisierenden "Autofahrer gegen Fahrradfahrer"-Schmu), Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen, Drogenprobleme, Umweltprobleme (bspw. Feinstaubbelastung) usw. usf. Aktuell erstickt die Stadt ja geradezu im Problemen und Streitigkeiten. Daher wäre mir nicht wichtig, wer die Person ist, sondern dass wir jemanden finden, der die Gesellschaft wieder eint, gegen diese unerträgliche Polarisierung

  11. 11.

    Die Vita auf Wikipedia und ihrer Webseite ist keine echte - es fehlen Daten, die zu einer wirklichen Vita gehören. Allein beim Wahl- und Wohnbezirk kommen mir Zweifel, dass es nicht doch eine Zugezogene ist, die Berliner Belange meint zu kennen - so wie es viele andere, die Berlin als Wahlheimat annahmen und es so toll hier finden, auch taten und versuchen, kleinstädtisches, provinzielles Denken hier zu etablieren.
    Mir schwant außerdem Klientelpolitik von einer Grünen, die es sich leisten kann, hier zu leben ohne Blick auf die wirklichen Sorgen und Nöte der wirklichen Berliner und der Berliner (ich lasse das Gendern mal aus Platzgründen weg!) die herkamen um zu bleiben und sich zu integrieren.
    Mich treibt es immer mehr aus Berlin raus - dank der Zugezogenen, die meine Interessen einfach negieren und mal übertrieben, hier ne Kehrwoche, oder was auch immer einbringen möchten.

  12. 10.

    Das war ja ein interessantes Interview in der gestrigen Abendschau: Als erstes habe ich von der Dame aus Augsburg vernommen, dass sie katholisch ist. Mutig mutig hier in der Diaspora. Dann hat sie noch von Radfahrerinnen und Autofahrerinnen geredet. Als schwuler Mann und männlicher Fussgänger bin ich irritiert. Aber dass sie dann nicht mal fertig brachte, auf die Frage zu einem Bündnis mit der Lummer- und Dregger-Partei CDU nein zu sagen, lässt mich kopfschüttelnd zweifelnd zurück. Das ist NICHT gut so ! Hoffentlich wehen demnächst nicht überall Bischoffs-Flaggen...

  13. 9.

    Icke stimme mit popelchen über ein! Namen sind Schall und Rauch! Ein vernünftiges Programm, egal von welcher Partei, muß her. Darüber könnte man dann diskutieren.

  14. 8.

    Grün ist für mich nicht wählbar.
    Es dürfte kein Autofahrer diese Partei wählen.
    Und der ganze schmuh in Friedrichshain/Kreuzberg stärkt mich noch.
    RRG abwählen.

  15. 7.

    Ob da jetzt Schneewitchen oder Rumpelstilzchen den Hut auf haben, hilft mir nicht weiter. Was mache ich bei der nächsten Wahl? Ganz Links und ganz Rechts sind ein NoGo. Die "Mitte" (also Hellrot und Grün) - oh, dat gibt 'n Shitstorm - hats gründlich vergeigt. Von den Luftpumpen der "Oppi" kommt nicht mal heisse Luft und Fast Drei Prozent sind auch keine Lösung. Anstelle mit Personalien rumzuschmeissen, gilt für alle Parteien, wäre ein Profil nicht schlecht - gerade jetzt im nahenden WInter. Eine Nase kann man an jeden Ar.... kleben.

  16. 6.

    "wird es wohl damit weitergehen, die Weltstadt Berlin auf Provinzniveau zurückzuentwickeln."

    Berlin war also bis 2016 Weltstadt. Warum?

  17. 5.

    Augsburg wurde 1909 zur Großstadt, da war Berlin schon lange Metropole. Aber zugegeben, Augsburger Puppenkiste ist ein Begriff, soll es nun auch eine Berliner Puppenkiste geben?

  18. 4.

    Baerbock. Ernst, Dassel, Scholz.... und jetzt Jarasch. In Berlin-Brandenburg erhält jeder einen Listenplatz, Ministerposten oder darf Spitzenpolitiker in einer "Pro-Quote" Partei werden - solange er einen westdeutschen Migrationshintergrund hat. Es wäre mir ja fast egal , aber wer sonst vehement Quoten vertritt, während diese Liste immer größer wird, den kann ich nicht mehr ernst nehmen. Als ob es keinen eigenen politischen Nachwuchs in Berlin-Brandenburg geben würde. Wann gibt es den ersten berliner Bürgermeister in Hamburg, München oder Stuttgart?

  19. 3.

    Nach dem rbb-Beitrag ist es so, dass sie zum Studieren nach Berlin kam. Das ist gewöhnlich mit 19 (oder 20) Jahren; inzwischen ist sie 51. Bitte nicht die mathematischen Grundsätze auf den Kopf stellen.

    ;-

    Im Übrigen war Augsburg schon Metropole, als Berlin noch eine recht kleine (Acker-)Bürgerstadt war.

  20. 2.

    Na es ist doch völlig schnuppe wer aus der Grünen muschpoke vorne steht. Bei der nächsten Wahl 2021 ändert sich nix. In den grünen Bezirken wird jeder grüngestrichene Besenstiel gewählt. Dann gibt es da noch den superbezirk der Grünen und alles ist wie vorher.

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