Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli unterhalten sich. (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
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SPD wählt Bundestagskandidaten für City West - Die große Chebli-Show

Die parteiinterne Kandidatenauslese läuft normalerweise still und leise. Nicht so bei der SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf. Dort liefern sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller und seine Staatssekretärin Sawsan Chebli einen echten Vorwahlkampf. Von Jan Menzel

Sawsan Chebli ist in diesen entscheidenden Tagen auf allen Kanälen präsent. Pünktlich zum Start der SPD-Mitgliederbefragung in Charlottenburg-Wilmersdorf an diesem Wochenende erscheint ein ganzseitiges Interview mit ihr in der "Berliner Zeitung". Es geht darin um Gleichstellung, Rassismus und eine andere Politik, die "offener, jünger, klarer, ansprechender" sein soll, wie Chebli formuliert. Dazu kommen ein Auftritt in der rbb-Show "Chez Krömer" und ein groß aufgemachter Bericht im Magazin "Focus". Darin keilt die42-Jährige heftig gegen ihren Mitbewerber, den Regierenden Bürgermeister. Nicht sie kandidiere gegen Müller: "Sondern er gegen mich".

Die Staatssekretärin im Roten Rathaus begründet den Vorwurf gegen ihren Chef damit, dass schon lange in der SPD bekannt gewesen sei, dass sie in der City West für den Bundestag kandidieren wolle. Tatsächlich hatte Michael Müller am 10. August als erster seine Bewerbung an die Mitglieder geschickt. Chebli zog dann nach. Langjährige Parteimitglieder zeigen sich nicht nur deswegen irritiert. Verärgert zeigen sich viele Sozialdemokraten auch darüber, dass Chebli versuche, einen namhaften Politikprofi wie den Regierenden Bürgermeister als Hinterzimmer-Kungel-Kandidaten zu diskreditieren.

Chebli hat prominente Fürsprecher - Müller aber auch

Unstrittig ist dagegen, dass die Parteimitglieder im Bezirk zwischen zwei Bewerbern wählen können, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Chebli, die gerade erst Mutter eines Sohnes geworden ist, aus der Elternzeit heraus mit vollem Einsatz Wahlkampf macht, ist Müller im Regierungs-Dauereinsatz. Bis in den späten Abend berät der Regierende Bürgermeister mit den Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin über die Verschärfung der Corona-Auflagen. Am nächsten Morgen geht es weiter mit einer außerplanmäßigen Senats-Telefonschalte. Beschlossen werden Soforthilfen für Gastwirte, die durch die Sperrstunde Umsatzverluste erlitten haben.

Chebli präsentiert auf ihrer Website eine lange Liste von Unterstützern, darunter den Musiker Marius Müller-Westernhagen und den Schauspieler Clemens Schick. Für Müller sprechen sich führende Köpfe der Berliner Wissenschaft aus. In einem offenen Brief loben unter anderem die Präsidenten der Technischen Universität, der Humboldt-Universität und der Universität der Künste die Erfolge des Regierenden Bürgermeisters in der Wissenschaftspolitik und machen deutlich, dass sie sich Müllers Sachkenntnis und Engagement im Bundestag wünschen.

Moabit und Tempelhof: zwei typische SPD-Lebensläufe

Müller hatte schon in seinem Bewerbungsschreiben im August beschrieben, wo er seine Schwerpunkte als Bundestagsabgeordneter sehen würde: Bezahlbare Wohnungen, gut bezahlte Arbeitsplätze, eine Stärkung von Handwerk, Betrieben und Wissenschaftseinrichtungen. Chebli, die vor einigen Jahren Sprecherin im Auswärtigen Amt war, will sich auf die Außenpolitik konzentrieren. Auf ihrer Website und in Interviews hebt sie den Kampf gegen Rechtsextremismus und die Gleichstellungspolitik als ihre wichtigsten Anliegen hervor.

Auffälligster Unterschied ist, wie die Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement immer wieder ihre Biographie zum Wahlkampfthema macht. Chebli ist in Moabit aufgewachsen, in einer kleinen Wohnung zusammen mit elf Geschwistern und hat trotz dieser schwierigen Startbedingungen Karriere gemacht. Allerdings hat Müller als gelernter Drucker ebenfalls einen für Sozialdemokraten nicht untypischen Lebenslauf.

Selbst die Frauen in der SPD sind uneins

Auch deshalb finden in der Bezirks-SPD viele, dass es in diesem Duell nicht zuallererst auf die Biographie ankommen sollte. "Ich möchte die Inhalte entscheiden lassen", betont Nico Kaufmann. Er ist Vorsitzender der Jusos in Charlottenburg-Wilmersdorf. Michael Müller habe sich für einen bundesweiten Mietendeckel und für ein Umwandlungsverbot von Mietwohnungen stark gemacht, sagt Kaufmann. Beides sei für den Bezirk extrem wichtig und deshalb sei er für Müller.

Der Parteinachwuchs, sagt Kaufmann, sei nicht klar für den einen oder die andere. Das Bild sei differenzierter. Ähnlich ist es auch bei den Frauen in der SPD, die nicht automatisch auf Seiten der weiblichen Kandidatin stehen. Die Kreisvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, Dunja Schimmel, wirbt zwar für Sawsan Chebli als charismatische und mutige Kandidatin. Die Arbeitsgemeinschaft hat aber keine Empfehlung ausgesprochen, weil es im Führungskreis ein Patt gab.

Wie immer entscheidet die Basis

Nachhaltigen Eindruck hat auf jeden Fall der Auftritt von Sawsan Chebli in der rbb-Sendung "Chez Krömer" auf Marie Krzykalla gemacht. Dort hatte Chebli der alten SPD-Forderung, eine Bürgerversicherung einzuführen, eine Absage erteilt. Für die stellvertretende Juso-Landesvorsitzende und Krankenpflegerin Krzykalla ist das ein "Bekenntnis zur Zwei-Klassen-Medizin", das sie sich von einer SPD-Kandidatin nicht wünsche. Müller, so Krzykalla, stehe dagegen für starke kommunale Krankenhäuser, was sie auch als Mitarbeiterin wichtig finde.

Die Entscheidung liegt nun bei den 2.500 Parteimitgliedern im Bezirk. Wie bei vorangegangenen Bundestagwahlen auch, entscheidet in Charlottenburg-Wilmersdorf die Basis über den Kandidaten der SPD für den Bundestag. Die Abstimmung läuft online und per Brief noch bis zum 27. Oktober.

Beitrag von Jan Menzel

50 Kommentare

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  1. 50.

    Wenn Sie damit meinen, dass sich die SPD damit noch schneller zerlegt, bin ich ganz bei Ihnen.

  2. 49.

    Wir sollten viel mehr Moslems an die Schaltstellen bringen. Denn irgendwie muss sich ja der Moslem-Anteil in der Bevölkerung auch in der Politik abbilden.

  3. 45.

    Und Sie glauben, darum kümmert sich Frau Chebli? Ich glaube die hat mit tausenderlei gerichtlichen Streitereien und innerparteilichen Sticheleien soviel zu tun, dass für andere Nebensächlichkeiten kaum Zeit bleiben wird, wie bisher.

  4. 44.

    Nana, Sie scheinen die heutigen Politiker nicht zu verstehen. Ihr Schicksal und Auskommen interessieren die nicht. Nur Ihre Wählerstimme, ihre Privilegien, ihr Machterhalt und die Diäten.

  5. 43.

    Ich hoffe, es wird keiner von beiden Postenhaschern, die ihre Posten im Berliner Senat verdientermaßen wegschwimmen sehen und ihr Vollversorgungsheil nun im überdimensionierten Bundestag suchen. Beide haben nur eines im Sinn: Ihre Alimentierung durch den arbeitenden, steuerzahlenden deutschen Michel. Wohlan, liebe Berliner-Wählt 2021, aber mit bedacht.

  6. 42.

    Zusammengefasst kann man feststellen, dass eine Wahl von Frau Chebli zur Spitzenkandidatin der SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf für uns bedeutet, dass wir als Stammwähler der SPD diese nicht mehr wählen werden!

  7. 41.

    Eine Pflicht zum impfen nach so kurzer Forschungszeit? Das wäre fatal, denn es gibt ja noch gar keine Studien zu Nebenwirkungen...

  8. 40.

    Ich verstehe Ihre Absicht, jedoch nicht Ihre Inkonsequenz. Im Sinne der Gleichberechtigung sollte dann jedoch auch auf den Zusatz HERR geachtet werden. Sonst werden wieder unabsichtlich Rollen zugeteilt bzw. erstellt, welche Zuschreibungen und sonstige Attribute mit sich bringen. Achten wir also plötzlich nur bei Frauen auf die höfliche Anrede, haben wir diese auch zugleich wieder in eine Schublade gesteckt. Abgesehen davon habe ich jedoch auch Verständnis für das Internetjargon und zeige mich dort nicht so schnell pikiert. Schließlich weiß ich ja, in welchem Milieu ich mich aufhalte und welche spezifischen Eigenarten vorherrschen.

    Abgesehen davon halte ich von keinen der beiden Politiker besonders viel. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir nur ihre Zeit als Sprecherin des AA. Dort habe ich jeden Respekt vor ihr verloren und stelle sie auf die gleiche Stufe wie Seibert. Chebli hat dort durchgehend nur hohle Phrasen geschlagen, sich geweigert, sich blockiert. Der Karriereweg zeugt nur von Machtgier und Ehrgeiz. Die Frau hat keine politische Substanz für eine Wählerschaft. Die SPD braucht vielmehr mal jemanden mit Klartext, Weitsicht, Pragmatismus und Offenheit. Die typischen politischen Trend-Slogans sind mir zu kurzfristig / aktuell, zählen nur in diesem Augenblick und lassen mittel- bis langfristige Ziele / Charakteristika missen.

  9. 39.

    Ich war 29 Jahre aktives SPD-Mitglied und dann bin ich ausgetreten, weil ich die Nase gestrichen voll hatte und zwar aufgrund der Politik von Schröder mit den GRÜNEN.

  10. 38.

    Deutscher Bundestag ? Da hält ma/fra sich an Öffentliches Recht !
    Frauen, Diverse und Behinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt. - Den Einwand der Altersdiskreminierung könnte man noch anbringen. - Aber mal logisch, wer zuerst kommt, macht den Karrieristen Platz. Frau Chebli kann doch noch in 15 oder 20 Jahren kandidieren. Bis dahin sind die Probleme Unseres Landes eh noch nicht gelöst und die SPD eine 3%-Splizterpartei.

  11. 37.

    Beide sind in der Politik Witzfiguren, man kann nur hoffen das sie endgültig von der Bildfläche verschwinden !!!

  12. 36.

    Eine bessere Wahl als Frau Chebli kann es für die Berliner SPD gar nicht geben.

  13. 35.

    Das ist die sPD 2020: ein Mann mit dem Charisma einer Eisenstange und zwei Frauen, wo sich die Eine ihre Doktorarbeit durch kopieren erleichterte und die Andere, die ihre Bedeutungslosigkeit durch peinliche werdende Selbstdarstellungen wett macht will.
    Man kann nur hoffen, dass sich die Charlottenburg-Wilmersdorfen und Neuköllner besinnen.

  14. 34.

    Weil sie die sPD garantiert auch schon mal gewählt haben...

    Und in Nürnberg wählen sie Chebli?

  15. 33.

    Es muss ja gar keinen Impfzwang geben. Aber wenn andere Länder sie ohne Impfung nicht mehr einreisen lassen werden viele, die gerne verreisen, den Piekser in Kauf nehmen. Man kann nur hoffen dass die Forschung einen Impfschutz findet und dieses ganze Theater damit beendet da Solidarität und Disziplin in Dtschl. leider nicht mehr existiert. So findet das Virus immer neue Opfer.

  16. 32.

    Naja, vom "Ende der Demokratie" war auch nicht die Rede. Aber alles, was unsere Grundrechte weiter einschränkt gehört auf den Prüfstand. Demokratieabbau ist ein Prozess, kein Ereignis.
    Ansonsten: Stimmt, mit ja oder nein antworten zu müssen, ist natürlich mit einer zwangsläufigen Verkürzung der Antwort verbunden. Aber sie konnte sich ja am Schluss für eine Frage entscheiden, die sie gern ausführlicher beantwortet haben könnte. Weiß nicht mehr, welche es dann wurde, die Impfpflicht-Frage war es nicht. Dabei war die - aus meiner Sicht - am heikelsten.

  17. 31.

    Für die Mitglieder der SPD sicher keine einfache Entscheidung:
    Einen Resignierenden Bürgermeister wählen, den der Kevin aus Tempelhof vertrieben hat? Oder eine Staatssekretärin für Irgendwas, die sich in Selbstinszenierung badet?
    Übrigens scheinen noch nicht alle mitgekriegt zu haben, daß die SPD schon seit geraumer Zeit keine Partei der Arbeiter mehr ist.

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