Bundeskanzlerin Angela Merkel (M, CDU) informiert sich am 22.04.2015 im Bundeskanzleramt in Berlin bei der Auftaktveranstaltung zum Girls' Day bei zwei junger Frauen über das Programmieren vom Computern. (Quelle: dpa/Rainer Jensen)
dpa/Rainer Jensen
Audio: Inforadio | 22.11.2020 | Angela Ulrich | Bild: dpa/Rainer Jensen

15 Jahre Angela Merkel - Von "Kohls Mädchen" zum Vorbild für Frauen

Premiere für Deutschland: Am 22. November vor 15 Jahren wurde Angela Merkel als Bundeskanzlerin vereidigt. Damit stand zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Regierung. Wie ist die Kanzlerin mit ihrem Frau-Sein umgegangen? Von Angela Ulrich

Erst ist sie "Kohls Mädchen", später wird Angela Merkel zur "Mutti" der Nation - und zur mächtigsten Frau der Welt. Bewundert, aber auch beschimpft. Wie aber sieht die Kanzlerin sich selbst? "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", sagt Merkel darüber, dass sie als erste Frau das mächtigste Regierungsamt in Deutschland übernommen hat. Und ihr ist auch klar: "Aus der Tatsache, dass es mich gibt, darf kein Alibi werden."

Kein Alibi, aber es ist doch ein Paukenschlag: Merkels Vereidigung als Bundeskanzlerin im November 2005. Mit dunklem Blazer steht die CDU-Frau vor dem damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, spricht die Eidesformel, und endet mit "so wahr mir Gott helfe".

"Ein starkes Signal für Frauen - und für manche Männer sicherlich auch"

Geholfen hatte ihr zuvor ausgerechnet der machohafte Gerhard Schröder. In der Elefantenrunde bei ARD und ZDF nach der Bundestagswahl war für den Bis-Dahin-Kanzler die Übergabe der Macht an eine Frau quasi undenkbar: "Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel einginge, in dem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden?", tönt ein überheblicher Schröder, immer noch machttrunken. "Ich meine, wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen…"

Damals, in der Fernsehrunde, reagiert Merkel stoisch. Sie schaut leicht irritiert, rollt unmerklich mit den Augen - und holt anschließend einfach die SPD ins Boot. "Sie sind damit die erste demokratisch gewählte Regierungschefin in Deutschland," würdigt Bundestagspräsident Lammert Merkel nach der Vereidigung im Bundestag. "Das ist ein starkes Signal für viele Frauen, und für manche Männer sicherlich auch."

Angela Merkel am 22. November 2005. (Quelle: dpa/Markus Schreiber)
Angela Merkel im November 2005 | Bild: dpa/Markus Schreiber

Merkel sieht sich als "Tür-Öffnerin"

Aber was hat Merkel für Frauen erreicht? Wie sehr war das ihr Fokus? Eine Feministin - so nennt sich die Kanzlerin jedenfalls nie. Als sie bei einem G20-Frauengipfel mit der niederländischen Königin Maxima und Trump-Tochter Ivanka danach gefragt wird, will sich Merkel kein Etikett anheften lassen: "Die Geschichte des Feminismus ist eine, da gibt es Gemeinsamkeiten mit mir und auch Unterschiede. Und ich möchte mich auch nicht mit einem Titel schmücken, den ich gar nicht habe", macht sie klar.

Als eine Art "Tür-Öffnerin" für Frauen sieht Merkel sich allerdings schon, allein weil sie als Vorbild fungiert. "Ihr könnt es schaffen!" - das ist das Bild, die Botschaft, die sie vor allem jungen Frauen und Mädchen vermitteln will. "Die Tür ging nicht mehr zu. Aber irgendwie steckt der Fuss manchmal noch ganz schön fest drin im Spalt", so zieht Merkel im Jahr 2018 eine gemischte Bilanz, bei einer Veranstaltung zu "100 Jahren Frauenwahlrecht". Dass wirkliche Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen jetzt nochmal 100 Jahre brauche, das dürfe aber nicht sein, macht die Kanzlerin klar.

Ambivalentes Verhältnis zur Gleichberechtigung

Zur Frauenpolitik hat Merkel jedoch von Beginn an ein ambivalentes Verhältnis. Sie ist erst gegen eine Quote. Gegen Teilzeitregelungen, die Frauen die Rückkehr in den Beruf erleichtert hätten. Gleichzeitig unterstützt sie ein Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kleinkinder zuhause erziehen. Kein Modell für Gleichberechtigung, weil es fast immer Frauen sind, die daheimbleiben. Merkel wirft ihr politisches Gewicht auch nicht dagegen in die Waagschale, dass Frauen weiterhin deutlich weniger als Männer verdienen, bei gleicher Qualifikation.

Aber: Die Kanzlerin stellt auch Frauen nach vorn. Sie ebnet Ursula von der Leyen erst den Weg ins Verteidigungsministerium, dann auf den EU-Chefsessel. Sie macht Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Generalsekretärin, und ihre Partei für Frauen attraktiver. Reuters-Korrespondent Andreas Rinke beobachtet Merkel, seit sie im Amt ist – und bescheinigt ihr ein großes Engagement für Gleichberechtigung. "Sie hat auf Auslandsreisen immer wieder versucht, Schwerpunkte zu setzen, die frauenbezogen waren", sagt Rinke. In Saudi-Arabien zum Beispiel hat Merkel die erste Frauenuniversität besucht, in Niger ein Frauenhaus. Oder sie hat junge südkoreanische Studentinnen aufgefordert, in die Politik zu gehen. Merkel sei überzeugt, dass Gesellschaften besser funktionieren, in denen Frauen etwas zu sagen haben – dieses Credo verfolgt sie im In- und Ausland.

"Der Unterschied - sie macht keinen"

Dazu hilft Merkel ihr pragmatischer Politikstil, umzusteuern, wenn sie Irrtümer erkennt. Freiwillige Selbstverpflichtungen von Firmen, für mehr Frauen in Führungspositionen? Das reichte der Kanzlerin zu Beginn ihrer Amtszeit - später nicht mehr: "Nun gibt es immer wieder Unternehmen, die sich die Zielgröße Null setzen", moniert Merkel. Dafür habe sie "null Verständnis".

Merkels engster Führungskreis im Kanzleramt sind Frauen: ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Planungschefin Eva Christiansen. Aber: Ihr Sprecher, Steffen Seibert, ist ein Mann, genau wie ihre Abteilungsleiter meist männlich sind. "Vielleicht ist auch das der große Unterschied zu ihren Vorgängern", sagt Andreas Rinke von Reuters, "weil sie eben keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht."

Am Ende ihrer Amtszeit agiert Merkel freier. Bei allem – in der Corona-Politik – oder eben auch bei der Gleichberechtigung. Parität in allen Bereichen nennt sie "logisch". Als ihr eine alte Dame bei einem Bürgerdialog beschreibt, wie sie sich umgeben fühle von starken Frauen, in ihrem Pflegeheim, in der Politik, da ist das ganz nach Merkels Geschmack: "Es muss nicht schlecht sein, wenn Frauen was zu sagen haben", antwortet die Kanzlerin sichtlich erfreut. Dass das heute in Deutschland so ist, hat auch mit Angela Merkel zutun.

Beitrag von Angela Ulrich

49 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 49.

    Na und? Die zahlen auch die meisten Steuern, selbst nach Steueroptimierung. Sonst ist ganz schnell Schluss mit Sozialstaat.

  2. 48.

    Vorbild für Frauen? Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

  3. 47.

    Welche Ursache und welche Wirkung? Dass die AfD immer verfassungsfeindlicher wird? Sich immer weiter radikalisiert, mit Faschisten und Rechtsextremisten an der Spitze?

    Oder dass der faschistische und völkisch-nationale "Flügel"längst das Ruder übernommen hat? Selbst "gemäßigte" Rechtsextreme wie Pazderski werden kaltgestellt.

    Oder meinen sie die menschenverachtende Hetze gegen alles Fremde und nichtdeutsche, was immer das sein soll? Die faschistische und völkisch-nationale AfD hat inzwischen so viele rote Linien übertreten, eine linksextreme Partei wäre schon längst weg vom Fenster.

    Aber die Rechtsextremen witterten mal wieder Morgenluft. Diesmal ist man weit gekommen, nachdem die Reps, DVU und die NPD immer wieder an sich selbst gescheitert sind obwohl die Behörden ihre schützende Hand über alle hielten. Rechtsextreme haben es bis in höchste Ämter geschafft, sogar bis zum GBA!

    Rechtsextremisten bedrohen die BRD seit ihrer Gründung aber noch nie sind sie so weit gekommen.

  4. 46.

    Deswegen haben wir ja auch die meisten Milliardäre in D. In Europa, weltweit Platz drei.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Anzahl_an_Milliard%C3%A4ren

    Und die reichsten zehn Prozent besitzen mehr als die Hälfte des Vermögens. Etwas mehr Mühe beim lügen könnten sie sich schon machen.

    https://www.welt.de/wirtschaft/article201272882/Deutschland-Die-reichsten-10-Prozent-besitzen-56-Prozent-des-Vermoegens.html

  5. 45.

    Bitte nicht weitersgen. Entgegen dem Duktus desBeitrags der RBB Angestellten Angela Ulrich mache ich drei Kreuze, wenn Merkel aus der Politk verschwunden ist.

  6. 44.

    Der Fehler, den Sie begehen ist, rein auf Steuern zu schauen. Hinzu kommen nämlich die Sozialabgaben, die es in vielen Ländern in dieser Form überhaupt nicht gibt, weil diese Leistungen dort aus Steuern erbracht werden. Wir haben lange mit Belgien um Platz 1 gerungen und haben ihn seit letztem Jahr erobert. Da ist also nichts gefühlt, die Belastungen sind real.

  7. 43.

    Ist das ein Satire-Artikel? Anders kann ich mir die Zeilen nicht erklären.

  8. 42.

    Fazit nach 16 Jahren: Die BW kann den Aufgaben nicht mehr nachkommen. Spaltung des Landes und sogar der EU, da sie allen ihre Flüchtlingspolitik aufzwingen will. Falsche Außenpolitik vor allem gegen RUS. Verfehlte Steuerpolitik insbesonders gegenüber den Arbeitnehmern. Falsche undurchdachte Energiepolitik mit Milliarden Subventionen. Dafür haben wir die höchsten Strompreise in Europa. CO2 Steuer ohne Alternativen aufzuzeigen, dafür keine Kerosin Steuer. Permanente Entlastung milliardenschwerer Konzerne. Die Liste könnte ich noch unendlich verlängern. Nur noch ein Punkt: Begrenzung der Kanzlerschaft auf 2 Perioden, maximal 8 Jahre.

  9. 40.

    Ich verstehe bei fast allen Kommentaren nicht, was diese mit dem Thema des Artikels (Frau Merkel als erste Frau Kanzlerin, Frauen in Führungspositionen, Frauenförderung, Vorbild für Mädchen etc.) zu tun haben.

  10. 39.

    Genau das meinte ich mit vordergründig. Schaut man genauer hin, sieht es nicht mehr so rosig aus. Deutschland funktioniert selten wegen sondern oft trotz seiner aktuellen Regierung. Die letzte echte Gestaltung war unter dem Kanzler Schröder. Leider wurde Hartz IV danach aber nicht punktuell wo nötig verbessert sondern unter Merkel nur noch mal verschärft, um zu sparen.

  11. 38.

    Gefühlt und geglaubt mag ihre Behauptung bzgl. der Steuern stimmen. Nur - Fühlen und Glauben sollte man nur in der Kirche.
    Real sieht es irgendwie anders aus:
    https://de.statista.com/statistik/suche/?q=deutschland+steuern&Suche=&qKat=search

    Glaubt man Wikipedia liegt Deutschland bei Steuern als Anteil des Bruttonationaleinkommens auf Platz 18 (Stand 2016)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Steuerquote

  12. 37.

    Hat doch auch einen Einsparungseffekt mit einer Kanzlerin. Weil Frauen in diesem Land bei gleicher Tätigkeit wie Männer noch immer einen geringeren Verdienst haben, so wird doch hoffentlich das Kanzlerinnensalär auch geringer ausfallen. Oder?

  13. 35.

    Soviel PK hat man beim beliebten Kanzler Helmut Schmidt nicht gemacht. Da hätte er auch eher böse reagiert. Helmut Schmidt war klopffest und auch im Osten sehr beliebt. Frau Merkel ist eher farblos; gar langweilig. Ich kann auch das Duett- statt Duell- mit Martin Schulz nicht vergessen.

  14. 34.

    Nein er hat nicht Recht. Warum?
    Marode Schulen
    Marode Infrastruktur, fehlende Netze
    Vermüllung der Städte
    Mietenexplosion
    Armutsrenten
    Obdachlose
    Und das in einem Land, dass so viele tolle Unternehmen hat.
    Es sind die arbeitenden Menschen, die den Laden am Laufen halten.

  15. 33.

    Bitte keinen Personenkult. So genial ist die Jugendfreundin Merkel nun doch nicht.

  16. 32.

    Vordergründig haben Sie Recht, weil unser Land bislang in der Lage war, alle Probleme mit Steuergeldern zu übertünschen. Das hat uns die inzwischen höchste Steuerquote und die fast höchste Staats- und Sozialquote weltweit eingebracht, ein Konstrukt, welches in den nächsten Jahren zum Scheitern verurteilt ist. Wir leben schon lange von der Substanz und investieren seit Jahren kaum noch in unsere Zukunft. Und das alles unter einer angeblichen "Wirtschaftspartei"!

  17. 31.

    Wenn es die AfD nicht gäbe, Sie müssten sie erfinden, um ihr alles Negative in die Schuhe schieben zu können. Sie müssen nun wahrlich nicht mit der politischen Richtung der AfD übereinstimmen, aber immer wieder dieselben falschen Argumente zu bringen, ist auch peinlich. Man sollte ein Parteiprogramm schon kennen, bevor man es großtönig ablehnt. Wenigstens ein klein wenig Informationen erhellt, worüber oder wogegen man argumentiert.

  18. 30.

    Das stimmt. Wer die Verfasserin Angela Ulrich schon jahrelang kennt-es fing wohl bei inforadio an-der erwartet mehr Inhalt im Text. Frau Ulrich ist doch wohl heute Leiterin des ARD-Studios in Berlin und wir kennen sie auch vom Sommer-Interview.

Das könnte Sie auch interessieren