Archivbild: Die Kolonie Morgengrauen - abgebildet am 08.02.2020 - soll einer neuen Schule weichen und bis Ende 2020 das Areal geräumt werden. (Quelle: imago images/Andreas Friedrichs)
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Audio: Inforadio | 21.11.2020 | Raphael Knob | Bild: imago images/Andreas Friedrichs

Kleingartensterben in Berlin - "Jetzt habe ich nur noch meinen Balkonkasten"

In Tempelhof-Schöneberg fallen Teile der Kolonie "Morgengrauen" in der Eisenacher Straße einem Schulbau zum Opfer. Mit einem Trauermarsch wollen die Pächter am Totensonntag ihre Parzellen symbolisch zu Grabe tragen. Von Raphael Knop

Wenn Angelika Klemp an Totensonntag denkt, ringt sie mit den Tränen. "Wir hatten Kartoffeln, Stangenbohnen, Zwiebeln und viele Blumen im Garten. Das ist jetzt alles vorbei." Auch ihr Mann Michael kann nicht glauben, dass nach 38 Jahren Schluss ist. "In diesem Garten sind drei Generationen aufgewachsen. Meine Tochter war damals zwei Jahre alt, als wir den Garten gekauft haben. Mit unseren Enkeln haben wir dort gespielt."

Ihr Garten muss einer Schule weichen. Deshalb wollen sie mit einem Trauermarsch, einem selbstgebauten Holzkreuz aus alten Bohnenstangen und ihrer ehemaligen Hausnummer "39", gemeinsam mit ihrer Familie und den anderen betroffenen Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern Abschied nehmen und die Jahre Revue passieren lassen.

1982 haben die Klemps den Garten für 15.000 DM gekauft. Noch mehr Geld und vor allem Zeit ist in den darauffolgenden drei Jahrzehnten in den Kleingarten geflossen. In den Urlaub sind sie so gut wie nicht gefahren. Der Garten musste ja in Schuss gehalten werden. "Jetzt habe ich nur noch meinen Balkonkasten", sagt Angelika Klemp schweren Herzens. Ein paar Blumen und ihre Heide aus dem Garten hat sie dort bereits eingepflanzt. Vom Bezirk gab es rund 7.000 Euro an Entschädigung. "Das Geld ist schon bei den anderen Ersparnissen", stellt Michael klar.

Eine Kündigung steht noch aus

Durch die Medien haben die Klemps und die anderen Pächterinnen und Pächter von dem Bauvorhaben erfahren. Dabei war schon in den 80er Jahren klar, dass die Fläche irgendwann einmal einer Schule weichen muss. Dennoch sind die Klemps über das Vorgehen des Bezirksamtes immer noch fassungslos. "Wir haben bis heute keine Kündigung erhalten. Im Februar gab es eine Informationsveranstaltung, unsere Fragen wurden nicht beantwortet. Ich wurde da wie so ein kleiner dummer Junge hingestellt", ärgert sich Michael.

Auf rbb-Nachfrage schreibt der SPD-Bezirksstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, Oliver Schworck: "Zu diesem Zeitpunkt handelte es sich noch um eine Potenzialfläche mit entsprechendem Planungsrecht und kurzfristiger Möglichkeit der Inanspruchnahme für die Errichtung dringend benötigter sozialer Infrastruktur [...]." Aus diesem Grund hätte der Bezirk nur noch auf Nachfragen reagieren und nicht mehr proaktiv informieren können.

Abrissarbeiten für 2021 geplant

Die Abrissarbeiten in der Kolonie sind in der 2. Jahreshälfte 2021 geplant. Danach folgt die Erschließung des Baugrundstückes. Die 600 Schülerinnen und Schüler sollen dann im Schuljahr 2026/27 einziehen. So sieht es der Rahmenterminplan für die Schulbauoffensive in Tempelhof-Schöneberg vor.

Weitere Schul- und Kitabauprojekte sind in der Planung. Der Bezirk muss damit auf die wachsende Nachfrage reagieren. Künftig müssten jährlich im Schnitt 300 Schülerinnen und Schüler mehr untergebracht werden. Weitere Kleingartenkolonien stehen daher schon jetzt vor dem Aus. Konkrete Planungen gibt es für die Kolonien "Borussia", "Kaisergärten" und der Restfläche der Kolonie "Morgengrauen". Geprüft wird ebenfalls die Fläche der Kolonie "Eschenallee", ebenfalls für einen Schulneubau.

Bezirk will 58.000 Kleingärten retten

Damit nicht alle Kleingartenanlagen dem Städtebau zum Opfer fallen, sollen 82 Prozent der Anlagen dauerhaft gesichert werden. So steht es im Kleingartenentwicklungsplan [berlin.de].

Insgesamt gibt es in Berlin mehr als 870 Kleingärten und 71.000 Parzellen. Bis 2030 werden mehr als 3.500 Parzellen - Kitas, Schulen, Krankenhäusern, S-Bahn- und Straßen-Trassen sowie Wohnungen und Häusern weichen müssen. Weitere 5.000 sind derzeit in Privatbesitz, rund die Hälfte gehört der Deutschen Bahn. Für die rund 7.000 Parzellen, die bis 2030 geschützt sind, gibt es noch keine Sicherheiten. Sie könnten dann in die Kategorie "Bauliche Entwicklung von Kleingärten" fallen und dürften nach dem Ablauf der Frist mit sozialer Infrastruktur bebaut werden.

 

Beitrag von Raphael Knop

63 Kommentare

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  1. 63.

    "Zu DDR-Zeiten gab es einen Zuzugsstopp und das war richtig."

    Ja, da wünscht sich so einer die DDR zurück! Ich auch! Hätte sich das mit den 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlingen 1989 auch erledigt gehabt. Das vergessen nämlich die undankbaren Ossis immer!

    Das war eine Flut da war 2015 Peanuts gegen. Die gleichen Ossis, die sich ihr Begrüßungsgeld 3 x abgeholt haben schreien jetzt "Ausländer raus", nachdem sie dafür gesorgt haben das die Preise explodierten und die Löhne real sanken.

    Kein Wunder, jeder im Osten der einen Trecker von einem Trabbi unterscheiden konnte war ja Agrarökonom.

  2. 62.

    Weshalb wollen Menschen plötzlich in Berlin wohnen ? Ich glaube feststellen zu können, dass viele von weiter her sind. Oft EU-Bürger, die in ihrer Heimat ebenso gescheitert sind wie sie in Berlin es werden ? Man kann doch eine Stadt nicht vollpumpen in der fast jeden Tag ein anderes Massenverkehrsmittel versagt. Die höheren Mieten müßten doch abschrecken. Die mit mehr Einkommen wollen doch nicht ins Zentrum; ja, als Zweitwohnung weil man sich die leisten kann. Zu DDR-Zeiten gab es einen Zuzugsstopp und das war richtig.

  3. 60.

    Wenn Berlin verhindert,dass hier alles zubetoniert wird und so auch eine Stadt mit viel Grün für seine Bewohner bleibt,sollte sich der Zuzug von selbst regulieren.
    Im Klartext : Nicht um jeden Preis bauen und z.B. auch Wohnungen auf Supermärkten bauen- gibts ja schon Ansatzweise.

  4. 59.

    Das bedeutet dann also, dass meine Aussage im Beitrag #25
    "Wo kommen denn eigentlich urplötzlich diese 600 bis 700 Kinder her? Ich denke die Geburtenzahlen gehn zurück?" doch richtig war und ihre Antwort #26 etwas voreilig? Nach ihrer Darstellung ist dieser erkennbare Mehrbedarf also anders begründet.
    @Karsten Nilson vielen Dank für das aufmerksame Lesen. Ist mir ehrlich gar nicht aufgefallen.

  5. 58.

    In keiner Stadt hierzulande gibt es so viele Schrebergärten wie in Berlin , und gleichzeitig ein größerer Zuwachs an Bewohnern, und gleichzeitig ein so großer Mangel an Wohnungen un damit verbundenen Unmut.
    Die Stimmung kann mann inzwischen als aufgeladen bezeichnen.
    Nun ist die Frage für uns Berliner, die übrigens auch ohne Schrebergärten in der grünsten Großstadt Deutschlands leben, was wollen wir eigentlich? Eins ist klar, es müssen prioritäten gesetzt weden.
    Verständlich ausgedrückt: "Man baut oder baut nicht".

  6. 57.

    Ja,es gibt nach 2016 niedrigere Geburtszahlen
    2019 39.503
    2018 40.203
    2017 40.160
    2016 41.086
    aber trotzdem bleibt doch eine stadtliche Anzahl von Kids,(auch von nicht hier geborenen aber hier lebenden) in den letzten Jahren,die im Laufe der Zeit alle mit Kita- und Schulplätzen versorgt werden müssen.

  7. 56.

    Sehr geehrte Frau Paula W.,
    vielen Dank erst einmal für die Auflistung. Eventuell ist Ihnen aber nicht aufgefallen, daß 2017 ca 900 Kinder gegenüber dem Vorjahr weniger und 2019 gegenüber 2018 ca. 700 Kinder weniger zur Welt kamen? Dann sprechen Sie von steigenden Geburtenzahlen?
    Mit freundl Grüßen

  8. 55.

    Ja, das muss er. Darf er. Ich habe mehr aus seinen Sätzen entnommen als sie und ich gönne dem Einsender der Zeilen den alten Skoda. Wenn man erwerbsunfähig ist mit all den Folgen ist ein altes Auto auch ein Retter. Einkauf erledigen oder zum Arzt fahren z.B. würde er bestimmt ganz gern mit einem neuen-ja auch BEV. Es fehlt das Geld und der alte Skoda stammt bestimmt noch aus besseren Jahren. Haben sie überhaupt eine Vorstellung worauf Menschen alles verzichten müssen ? Wenn er den alten Skoda verkaufen würde wäre der bald in Afrika und "ja nee" wäre noch schlechter gestellt.

  9. 54.

    Tja, heute ist alles anders. Da geht es vorrangig nur um Stimmen und Quoten.
    Die Grünen und Klimaaktivisten sollten sich lieber mal mit den Ursachen der Klimaveränderungen befassen. Dort muss der Hebel angesetzt werden - wie ich geschrieben hatte z.B. Erhalt und Wiederaufbau des Amazonasregenwaldes, da er unser Klima beeinflusst und nicht 15 neue Bäume in Wilmersdorf.
    Ist das gleiche wie mit der steigenden Migration. Man bekämpft Flucht nur, wenn man an die Fluchtursachen rangehe. Dann braucht man vermutlich auch nicht soviel neue Schulen und die kleinen grünen Oasen können bleiben.

  10. 53.

    Nöööö, bringt wirklich nichts außer einem ruhigen Gewissen aufgrund einer Scheinillusion.

    "Sie können mit ein paar Bäumen mehr in Berlin nicht die weltweiten Klimaschäden kompensieren, die alleine durch das systematische Abholzen des Amazonasregenwaldes entstehen, genauso wenig wie durch die Verhinderung der Abholzung des Hambacher Forstes. Der Amazonasregenwald hatte eine wesentliche Steuerfunktion mit Auswirkungen auf den Golfstrom, der das Klima in Europa beeinflusst."

    Haben sie überhaupt eine Vorstellung um welche Größenordnungen es bei den jährlichen Verlusten im Amazonasgebiet geht? Da können sie Berlin drin verschwinden lassen.

    Man sollte sich lieber darum kümmern, dass die Subventionierung des Diesel an der Tanke aufhört, damit wir endlich weniger NOx in den Großstädten haben, aber dafür haben die Grünen ja kein offenes Ohr. Wie denn auch. Fahren ja selber dicke fette Diesel.

  11. 52.

    Sinnbildlich für die allgemeine Stadtentwicklung hier. Die letzten lebenswerten Orte verschwinden, weil immer mehr Menschen herkommen und sich ausbreiten müssen. Dass dadurch erst die meisten Probleme entstehen, übersieht man dabei leider...

  12. 51.

    Man kann eine Stadt durch Nachverdichtung so schaden, dass viele Bewohner flüchten. Ins Umland. Wer wohnt denn heute alles in z.B. Klein-Machnow ? Grüne Inseln mit Kleingärten sind Teil unserer Kultur und einer gesunden Stadt. Viele verbringen ihre Urlaube dort und fliegen nich klimafeindlich regelmäßig sonst wo hin. Leben und leben lassen ist Teil unserer Freiheit. Ein Kleingärtner braucht keine Säuferkneipe; der ist zumindest im Sommer im Freizeitgarten. Wer da noch lernen muss auch Gemüse anzubauen sollte unterstützt werden. Ihre Ideologie führt zur Entfremdung bis zu den heute bekannten Extremen wo dann die Polizei Großeinsätze durchführen muss. Ob Berlin noch mal CLAN-frei wird ? So eine richtig liebenswerte Stadt ? Nicht wenn es so weiter geht.

  13. 50.

    In der DDR war man gewöhnlich im VKSK organisiert. Ordnung muss ja irgendwie sein. Es gab klare Aussagen wieviel Gartenfläche für eigene Erträge genutzt werden mußte und es funktionierte. Die Bungalows und Lauben- z. B. GL 17 waren doch eher bescheiden. Wer einmal lernte wie man BIO produziert, der macht es heute noch. Nichts wurde gespritzt. Man baute Zwiebeln und Möhren auf einem Beet an, kompostierte und sähte Gründüngung aus. Man verschenkte BIO-Kräuter an Bekannte. Kohlrabi und Buschbohnen waren 1 A-Qualität. So etwas erhält man und unterstützt diese gesunde Freizeitgestaltung. Wer in Betonsilos oder gar im Hinterhofhaus wohnt, der brauchte auch diesen Ausgleich. Heute hat man die Lauben erheblich nachgebessert aber eines ist geblieben: Kameradschaft und Nachbarschaftshilfe. Man bedenke wie Reiche leben und dann noch Golfplätze beanspruchen. Der Herr Neumann weiß wieder mal alles besser. Die Stadtgartenkultur ist richtiger als ein neuer Flughafen etc.

  14. 49.

    Weniger Autos bedingen kürzere Wege und eine gute ÖPNV-Anbindung. Sie müssen sich deshalb konsequent für eine Nachverdichtung in der Innenstadt einsetzen, so dass weniger Menschen an den Stadtrand oder gar in das Umland ausweichen müssen.

  15. 48.

    Oh, Sie besitzen keinen Kleingarten und zahlen nur eine geringe Miete, haben aber keinen Anspruch auf den Berlinpass und müssen mit dem Auto fahren?

  16. 47.

    Irgendeinen Grund findet man immer, um die Partukulärinteressen zu verteidigen. Das erinnert mich an das Tempelhofer Feld, das ja auch nicht randbebaut werden darf, obwohl es über einen gute ÖPNV-Anbindung verfügt.

    Liefen Sie bitte eine konkrete Alternative für den hier thematisierten Schulstandort. Oder haben Sie es sich einfach gemacht, indem Sie blind zu versuchen, auf andere zu zeigen.

  17. 46.

    Oh, die Bäume bringen nichts für das Weltklima? Dann gilt das ja erst Recht für die Grassteppen.

    Wenn man sich allerdings das Stadtklima anschaut, mit dem von den Laupenpiepern gerne argumentiert wird, können Laubbäume durchaus einen Effekt bringen. In denen ist es im Sommer tagsüber wesentlich kühler als z.B. auf dem Alex oder erst Recht auf Steppen wie dem Tempelhofer Feld, dem Eiskeller oder eben den Baulandreserven in Zwischennutzung.

  18. 45.

    Von mir aus können die Dinger alle weg. Und an Schulen könnte man ja Schulgärten einplanen. Viele Laubenpieper nutzen ihre Gärten eh nicht im Sinne des Erfinders, abgesehen davon, dass einige richtig feste Häuser gebaut haben. Dann lieber große Parkanlagen.

  19. 44.

    In der ehemaligen DDR wurde überall propagiert: "Das Individuum hat sich den Interessen der Allgemeinheit unterzuordnen".

    WELCOME BACK

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