Bezirk Neukölln beschließt Umbenennung - Wissmannstraße heißt bald Lucy-Lameck-Straße

Wissmannstraße in Berlin-Neukölln (Bild: imago images/Klaus Martin Hoefer)
Bild: imago images/Klaus Martin Hoefer

Hermann von Wissmann war Gouverneur von Deutsch-Ostafrika - und maßgeblich an der gewaltsamen Kolonialisierung beteiligt. Der Bezirk Neukölln will diesen Namen von Straßenschildern tilgen. Das könnte schneller geschehen als in der Vergangenheit.

Die Wissmannstraße in Berlin-Neukölln wird in Lucy-Lameck-Straße umbenannt. Das hat die Bezirksverordnetenversammlung bereits in der vergangenen Woche beschlossen, wie das Bezirksamt Neukölln am Dienstag mitteilte.

Die Wissmannstraße ist benannt nach Hermann von Wissmann (1853-1905), Reichskommissar und Gouverneur von damals Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda). Er trug mit militärischen Expeditionen maßgeblich zur gewaltsamen Kolonialisierung bei. Mit einem Militärfeldzug massakrierte die deutsche Armee dabei die afrikanische Bevölkerung, um deren Widerstand zu brechen. Wissmanns Kriegsführung wurde dabei selbst von anderen Kolonialoffizieren als äußerst barbarisch beschrieben.

Künftig soll die Straße in Neukölln die erste Frau in einem tansanischen Regierungskabinett würdigen: Ministerin Lucy Lameck (1934-1993). "Sie brachte Frauenrechte in Tansania voran und war eine wichtige Unterstützerin der panafrikanischen Idee", teilte das Bezirksamt mit.

Umbenennung schon im kommenden Frühjahr

Neukölln setze ein Zeichen, und das gleich doppelt, hieß es vom Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). "Mit der Namensumbenennung wandert ein Teil der deutschen Kolonialgeschichte dorthin, wo sie auch hingehört: ins Museum." Die Verbrechen des Kolonialismus und deren Protagonisten müssten historisch aufgearbeitet werden, sollten aber nicht mehr positiv gewürdigt werden, indem sie Namensgeber für Straßen sind, so Hikel weiter.

Dem neuen Straßennamen sei eine umfassenden Anwohnerbeteiligung mit Hunderten Vorschlägen vorangegangen, fügte er hinzu. Das Bezirksamt werde nun den verwaltungsrechtlichen Umbenennungsprozess einleiten. So sollen beispielsweise Verwandte der 1993 verstorbenen Lucy Lameck zu dem Vorhaben befragt werden. Die Umbenennung soll im Frühsommer 2021 abgeschlossen sein.

Senat vereinfacht Straßenumbenennungen

Dass die Umbenennung in Neukölln so schnell über die Bühne gehen kann, liegt an einer Neuerung im Berliner Straßengesetz. Die von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) im August vorgelegte Änderung der Ausführungsvorschriften des Straßengesetzes sei verabschiedet worden, teilte der Senat am Dienstag mit.

Mit dem reformierten Gesetz werden die Gründe für Umbenennungen erweitert. "Zukünftig wird ausdrücklich auf die Möglichkeit verwiesen, Straßen umzubenennen, wenn deren Namen koloniales Unrecht heroisieren oder verharmlosen und damit Menschen herabwürdigen", so der Senat. In der Vergangenheit vergingen bei Straßenumbenennungen oft mehrere Jahre. Dies soll nun spürbar verkürzt werden.

Auch die Mohrenstraße wird umbenannt

In den vergangenen Monaten hatte die Diskussion um Straßennamen in Berlin an Fahrt genommen. Im August entschied die Bezirksverordnetenversammlung Mitte, den als rassistisch empfundenen Namen Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen und damit den ersten Gelehrten afrikanischer Herkunft in Preußen zu ehren. Wann genau dies umgesetzt wird, ist noch unklar.

Seit Jahren fordern die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg, dortige Straßen umzubenennen, die Namen von preußischen Generälen und von Schlachten tragen. Gefordert wird dies zum Beispiel für die Yorckstraße (Generalfeldmarschall Ludwig Graf Yorck von Wartenburg), für die Blücherstraße und den Blücherplatz (General Leberecht von Blücher) und die Möckernstraße (benannt nach einem Ort nahe Magdeburg, wo 1813 preußische Truppen die französischen Verbände schlugen).

Sendung: Abendschau, 01.12.2020, 19:30 Uhr

53 Kommentare

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  1. 53.

    "Ich glaube verstanden zu haben, dass Sie wahlweise lieber weiterhin unter napoleonischer oder osmanischer Besatzung leben würden. Das reicht mir, mehr brauche ich gar nicht zu wissen."

    Sie haben nicht nur eine eindeutige gesinnung, sie haben eine blühende Fantasie! Außerdem wäre mr neu, dass wir hier in Berlin eine osmanische Besatzung haben. Obwohl, bei ihrer eindeutigen Gesinnung werden sie mir gleich das Gegenteil beweisen wollen.

    "Das reicht mir, mehr brauche ich gar nicht zu wissen." Allerdings, für mehr reicht ihr beschränktes Wissen einfach nicht.

  2. 52.

    "Was genau haben sie an "Kadavergehorsam, Spießrutenlaufen etc." nicht verstanden?"

    Ich glaube verstanden zu haben, dass Sie wahlweise lieber weiterhin unter napoleonischer oder osmanischer Besatzung leben würden. Das reicht mir, mehr brauche ich gar nicht zu wissen.

  3. 51.

    Was genau haben sie an "Kadavergehorsam, Spießrutenlaufen etc." nicht verstanden?

    "Der lateinische Ausdruck et cetera (Abkürzung etc.) wird zur Abkürzung einer Aufzählung verwendet und bedeutet wörtlich „und die übrigen [Dinge]“

    "Diese äußerst harte Strafe wurde in Preußen 1806, [...] abgeschafft."

    Der Grund der Abschaffung war nicht etwa aus humanitären Gründen, sondern man wollte das Kanonenfutter ja weiter verwenden können.

    "Diese Reform der Disziplinarstrafen war notwendig, damit das Konzept des Volksheeres aufgehen konnte. Das Bild des in den Dienst gepressten Soldaten, der mit Desertion drohte und den man mit Gewalt in der Armee halten musste, sollte abgelöst werden. Stattdessen sollte der Soldat ein angesehener ehrenhafter Berufsstand werden, der seine Pflichten freiwillig erfüllt. Der Erfolg dieser Reformpolitik ermöglichte Preußen wenige Jahre später, an den Befreiungskriegen erfolgreich teilnehmen zu können".

  4. 50.

    Ihrer profunden historischen Bildung ist im Eifer des Gefechts entgangen, dass das Spießrutenlaufen in Preußen schon vor den Befreiungskriegen abgeschafft wurde. Im Zuge der Heeresreformen der (nicht geburtsadeligen) Herren Scharnhorst und Gneisenau. Aber die Erinnerung an jene wollen Sie vermutlich auch tilgen.

  5. 49.

    Nein, da kennt diese Dame niemand. Also gibt es auch keine Straße.

  6. 48.

    Wenn ich ein "Antipatriot" bin (was soll das eigentlich sein?) sind sie ein Rechtsextremist reinsten Wassers. Oder zumindest ein Rassist, der sich nach einem Feldherrn benannt hat, der gegen die Osmanen vor Wien kämpfte. Äußerst beliebt in ihren Kreisen, vergl. Prinz von Eugen.

    Sie meinen also als "Patriot" (klingt nicht von ungefähr ähnlich wie Idiot) müßte man von Yorck und Blücher schwärmen, nur weil sie in den "Befreiungskriegen" involviert waren? Nun, wenn man direkt von Adelshäusern oder der damaligen Oberschicht abstammt evt. Ansonsten waren den Herren ihre Soldaten und erst recht der Pöbel ziemlich egal.

    Offensichtlich sind ihnen die damaligen Verhältnisse (nicht nur) in der preußischen Armee unbekannt (Kadavergehorsam, Spießrutenlaufen etc.) und faseln dummes Zeug. Yorck kämpfte außerdem 1783/84 auf französischer Seite.

    Blücher war da nicht anders, man kämpfte für den, der zahlte. Sehr patriotisch. Ich sage doch, Geschichte aus der Bildzeitung.

  7. 47.

    So eine Meldung und dann noch aus Neukölln. Dort gibt es ja auch keine anderen Probleme als die Umbenennung einer Straße. Der Herr Bezirksbürgermeister Martin Hikel ist offenbar über die Zustände in seinem Bezirk nicht informiert, sonst würde er sich zuerst einmal um Wichtigeres kümmern. Aber das macht Arbeit, verstehe.

  8. 45.

    Und bei Yorck und Blücher sehen Sie das ebenfalls so wie die Grünen? Immerhin haben die sich erdreistet, Heere gegen die fortschrittliche französische Besatzungsmacht zu befehligen, das müssten Sie als Antipatriot doch auch missbilligen...

  9. 44.

    Sie haben also nichts gegen einen Adolf-Hitler-Platz und eine Göringstraße? Man hat die Namen der Straßen und Plätze gewählt um zu ehren und diese Leute hatten keinen Funken Ehre in sich.

  10. 43.

    Erklären Sie das nicht mir, sondern den Dumpfbacken die meinen man würde sie "ihrer" Geschichte berauben. Meistens reichen deren Geschichtskenntnisse nicht über das hinaus was sie in der Bild lesen oder aus Kreuzworträtseln kennen.

  11. 42.

    Sehr gut. Endlich.

  12. 41.

    Wer kennt schon W., also mir fällt da der Mathias BM a.D. ein. Allerdings wäre eine Übertragung auf seine Person ein Problem.

  13. 40.

    Als meine Mutter vor 20 jahren sagte: "Dit is nich mehr meene Stadt" habe ich das nicht verstanden. Heute, 20 Jahre später, stimme ich ihr voll zu. Ich weis nicht ob es an meinem - inzwischen fortgeschrittenem - Alter liegt? Keine Ahnung.
    Die Grünen sind für mich momentan nicht wählbar.
    PS. Rassismus bekämpft man doch am besten wenn man allen Menschen offen und ehrlich begegnet.
    Arschl... und Idioten gibt es überall, auf dem ganzen Erdball, gerecht verteilt.

  14. 39.

    Mensch Leute Das ist deutsche Geschichte! Ob es nun passt oder nicht. Es gehört alles dazu. Man kann darüber reden, kann sich streiten. Das sollte im vernünftigen Rahmen geschehen. Lasst also die Kirche im Dorf und die Namen wie sie sind. So kann man seinen Kindern und Enkeln erklären, wer und was diese Leute mal waren oder sind.

  15. 38.

    Endlich werden die wirklich dringlichen Probleme dieser Stadt angegangen.

    Ironie off

  16. 37.

    Leute was soll der Quatsch mit den Namen und Straßenänderungen ? Mit Sicherheit haben wir derzeit echt ganz andere Probleme

  17. 36.

    Geschichte ist keine Sache die man besitzt, sondern eine Wissenschaft. Man kann sie nicht “wegnehmen“, aber man kann sie von den Irrtümern und Vorurteilen vergangener Jahrhunderte befreien.

  18. 35.

    Ganz genau. Nur der Nachname hätte doch auch ausgereicht. Diese 23 Bindestriche in jedem neuen Straßennamen sind ja unfassbar umständlich. Wozu gibts denn die kleinen Schilder obendrüber wo erklärt wird, wer das eigentlich war...

  19. 34.

    Diese Umbennenungen sind Kosmetik und verdecken unseren alltäglichen Rassismus.
    Solange wir Handys und Batterien mit seltenen Erden nutzen, die in Afrika von Kindern aus dem Boden gekratzt werden, solange Menschen aus Afrika im Mittelmeer ertrinken, solange wir Waffen nach Afrike exportieren- solange nutzen und fördern wir den aktuellen Rassismus. Woher kommt unser Wohlstand und auf welcher Basis entsteht dieser?
    Umbenennungen mögen Einige beruhigen und rufen Schulterklopfen hervor, ändern tun sie nichts.

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