Lastwagen stehen auf der Autobahn M20 vor dem Eurotunnel im Stau. (Quelle: dpa/Gareth Fuller)
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Interview | Brexit und deutsche Industrie - "Die EU könnte leichter ohne Großbritannien als umgekehrt"

Sechs Wochen bleiben für ein Abkommen zwischen Großbritannien und der EU. Sonst droht am Anfang des Jahres ein No-Deal-Brexit. Ein Papierproduzent in Brandenburg sieht das gelassen, hofft aber insgeheim auf einen Weg für die Briten zurück in den Staatenverbund.

Die Uhr tickt, doch von einem Durchbruch in den Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU scheint man noch weit entfernt. Mal ist es die "harte Grenze" auf der Insel Irland, mal der Fischfang im Ärmelkanal, nun sogar Corona [tagesschau.de]. Wegen eines Corona-Falls im EU-Team sind die Brexit-Gespräche mit Großbritannien auf Chef-Ebene unterbrochen worden. Dabei bleiben nur sechs Wochen für ein Abkommen, sonst droht Großbritannien ein ungeregelter Austritt mit unvorhersehbaren Folgen für die Wirtschaft der Insel aber auch des Binnenmarktes.

Ein Brandenburger Unternehmen, das Papier ins Vereinigte Königreich exportiert, sieht das gelassen. Und das obwohl mehr als 30.000 Tonnen Papier jährlich von der Firma Leipa in Schwedt an den britischen Markt geliefert werden. rbb|24 hat mit dem Vertriebsgeschäftsführer Fabian Gaus und dem Marketingdirektor Nenad Nemarnik über den UK-Vertrieb des Papierherstellers aus der Uckemark gesprochen.

rbb|24: Herr Gaus, in nur sechs Wochen droht ein ungeregelter Austritt Großbritaninniens aus der EU. Was für Auswirkungen würde das für Ihr Unternehmen haben? Welche Schritte müssen Sie einleiten?

Fabian Gaus: Das sehen wir so entspannt, wie man so etwas sehen kann. Erstens gibt es einen Spruch: "Let's cross the bridge when we get there" ("Lass uns die Brücke überqueren, wenn wir dort ankommen"). Wenn wir alle Eventualitäten und Szenarien durchplanen würden, würden wir nichts anderes tun als den Brexit. Dafür ist das Thema für Leipa nicht groß genug.

Wir haben Glück, dass wir in Großbritannien nur vertreiben, nicht produzieren. Dann wäre es schwieriger, weil dann müssten wir Material, das wir weiterverarbeiten, nach Großbritannien schaffen oder selber einführen. Das machen wir nicht. Wir verkaufen nur dorthin. Unsere britische Firma wickelt den Transfer ab, aber sie treten nicht als eigene Verkaufseinheit auf. Das heißt, wir müssen uns nicht mit der lokalen Rechtssituation in Großbritannien auseinandersetzen, sondern wir verkaufen als Deutsche an den Briten und behandeln ihn jetzt so, als wäre er nicht mehr Teil der EU. Und wenn sich das noch einmal ändert, sind wir da relativ entspannt, auch wenn es Geld und Anwaltskosten natürlich mit sich bringen könnte. Aber so ist das eben einfach.

Lass uns die Brücke überqueren, wenn wir dort ankommen

Wie wichtig sind Ihre Handelsbeziehungen zu Großbritannien?

Gaus: Großbritannien ist für uns ein wichtiger Markt und wird es auch in Zukunft bleiben. Wir planen für das kommende Jahr 2021 in Schwedt, mehr als eine Millionen Tonnen graphische Papiere und Verpackungspapiere zu produzieren. Mehr als 30.000 Tonnen haben wir davon für den britischen Markt vorgesehen. Umgerechent schicken wir sechs Lkw-Ladungen Papier am Tag nach Großbritannien.

Die Briten haben noch viel eher als wir mit dem Onlinehandel angefangen, das heißt sie brauchen viele Verpackungen. Da liefern wir auch viel hin. Wenn wir sagen würden, wir hätten Großbritannien nicht mehr, wäre das für uns genauso schlecht wie für alle anderen.

Die Deutsche Industrie und Handelskammer (IHK) schätzt, dass an den Handelsbeziehungen zu Großbritannien etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen. Sind auch bei Ihnen Arbeitsplätze gefährdet?

Gaus: Das können wir so sicherlich für uns selber nicht bestätigen. Wir würden unser Bestes tun, die 30.000 Tonnen in andere Länder zu verkaufen und sind noch optimistisch, dass das ginge.

Nemarnik: Dass das UK-Geschäft, egal wie die Verhandlungen ausgehen, komplett auf Null heruntergefahren wird, ist ein sehr theoretischer Aspekt. Es wird sich schon eine Lösung finden lassen. Wenn es Extrakosten gibt, ob in der Logistik, Zollabwicklung oder wie auch immer, trifft es ja alle gleich.

Es ist ja nicht so, als ob die britische Regierung sagen würde, wir verzichten komplett auf Papier und Verpackungen. Das sehe ich einfach nicht. Der Punkt ist nicht, dass wir jetzt gar nichts mehr hinliefern, oder das Ganze zerbricht. Es wird für alles Lösungen geben. Das wird einfach teurer, eventuell für beide Seiten, aber es wird weiterhin funktionieren.

Nun wartet man aber vergeblich seit Jahren auf eine Lösung, die nicht eintritt. Haben Sie immer noch Hoffnung, dass es jetzt dazu kommen könnte?

Gaus: Die Hoffnung geben wir natürlich nicht auf. Wir denken, dass wir auf beiden Seiten des Ärmelkanals professionelle Menschen haben, die beide ein riesiges Interesse daran haben, dass das gelingt. Wir haben sicherlich die Wahlen in den USA beobachtet und gingen davon aus, dass im Falle eines Wahlsieges der Republikanischen Partei und des Amtsinhabers Donald Trump, sich Boris Johnson und die Regierungspartei in Großbritannien stärker über den Teich orientiert hätte und härtere Kante gezeigt hätte.

Man hat aber gesehen, dass Boris Johnson noch vor Frau Merkel und anderen Joe Biden gratulierte. Wir haben gehofft und gedacht, dass das jetzt noch mal ein Beschleuniger sein könnte. Obwohl wir gerade erfahren haben, dass gestern nicht viel geschehen ist. Aber nicht, weil eine Seite gesagt hat, wir wollen nicht reden, sondern auch, weil Corona das jetzt beeinflusst hat. Aber deswegen denken wir, dass da schon noch was passieren könnte. Sei es auch nur eine Last-Minute-Lösung.

Nemarnik: Beide brauchen eine professionelle Lösung, egal was Herr Johnson da erzählt. Es geht ja immerhin um Interessenen seines Landes und seiner Wähler. Salopp formuliert glaube ich, die EU könnte leichter ohne Großbritannien als umgekehrt. Isolation im Jahr 2021 wird Großbritannien nicht weiterbringen.

Uns wäre es ganz lieb und den Briten womöglich auch, wenn sich das alles auf das Sachliche beschränken würde und wenn man zurückkäme an den Tisch und sich mal überlegt, was ist eigentlich die beste Lösung in einem gemeinsamen Konsens. Und nicht, was jeder einzelne herausbekommen möchte aus den Gesprächen. Das einzige, was jetzt Druck macht auf den Kessel, ist das Datum, der 1.1.2021. Und wenn man unter Zeitdruck arbeitet, kommt selten das beste Ergebnis dabei raus.

Welchen Ausgang würden Sie sich wünschen?

Gaus: Wir würden uns sehr gute Handelsbeziehungen zu Großbritannien wünschen, die einfacher sind als zu den klassischen Drittländern wie den USA. Wir bleiben dabei: Die Briten sind Europäer, die Briten sind nah dran. Die Briten sind eine hoch industrialisierte Nation und machen aus unserem Papier ganz tolle Produkte. Und deswegen möchten wir eigentlich eher in Großbritannien wachsen, mit allem, was wir herstellen. Das wäre unser Wunsch. Wir möchten gerne mehr in Großbritannien verkaufen.

Nemarnik: Ich finde, eigentlich müssten alle reinwollen in dieses Europa. Dieses Klein-Klein macht mir Angst. Das kann man persönlich oder soziologisch sehen. Spätestens wenn wir aber über das wirtschaftliche sprechen und wir ein Europa neben die USA und China stellen möchten, wird das nicht funktionieren, indem wir die EU wieder in Kleinstaaten aufteilen.

Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn es doch noch einen Weg zurück geben würde. Und wenn es nicht zurück zu dem alten Status gehen kann, dann wenigstens in einer maximalen Partnerschaft von beiden Seiten aus.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Efthymis Angeloudis, rbb|24.

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3 Kommentare

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  1. 3.

    Der Transport auf die Insel wird dann wieder unbegleitet sein, wie früher in den 80ziger Jahren.
    Trailer stellen Grossspeditionen ,der Tranporteur die Zugmasch,die Lichtleiste mit langem Kabel,das dritte Nummernschild und, wichtig, Vati und Mutti. Der Trailer wird im Terminal abgestellt, von Schiff oder Bahn zur Insel gebracht und dort von einem Britischen Spediteur zum Zielort gefahren. Funktioniert auch andersrum. So braucht kein Fahrer Stunden oder Tagelang auf seine Abfertigung an der Grenze zu warten.

  2. 2.

    1.1.2021 ist das entscheidende Datum. 1.1.2020 hatten wir schon.

  3. 1.

    Großbritannien hat für den Austritt gestimmt. Die Folgen, die daraus entstehen haben alle gewusst. Und die EU verhandelt und verhandelt. Es wird zugesehen, wie GB im Nachhinein Gesetze ändert. Das Gezerre geht nun schon ein paar Jahre und keine Resultate. Und schon kommt die IHK und droht wieder einmal mit dem Verlust von Arbeitsplätzen, aber die Zahl ist auch nur sehr hoch geschätzt. Austritt ist Austritt und Basta. Und wenn die IHK sich um die Abschaffung der Sanktionen gegen RUS einsetzen würde, wie viel Arbeitsplätze wären dann gesichert? Aber das ist politisch nicht gewollt.